KI-Einsatz in Unternehmen

Unklarheit ist ein Fluch

Im Interview bespricht Prof. Dr. Volker Gruhn, Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender von Adesso, die Perspektiven zukünftiger KI-Einsätze und plädiert für die Schaffung klarer Rahmenbedingungen.

Prof. Dr. Volker Gruhn, Gründer und Aufsichtsvorsitzender von Adesso

Prof. Dr. Volker Gruhn, Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender von Adesso

ITD: Herr Professor Gruhn, viele Unternehmen lassen sich von den vermeintlichen KI-Funktionalitäten neuer Tools und Anwendungen „blenden“ – ist aber wirklich alles „intelligent“ wo „KI“ draufsteht?
Prof. Dr. Volker
Gruhn: Aktuell sorgt die Aufschrift „KI“ für Aufmerksamkeit bei Kunden und Investoren. Entsprechend groß ist das Getöse auf dem Markt. Da bekommt so manche Lösung das KI-Siegel verliehen, bei der im Hintergrund einfache Regelwerke ihre Dienste tun. Natürlich trifft das nicht auf alle Angebote zu. Es gibt eine Vielzahl überzeugender Anwendungsfälle für KI-Lösungen. Die Voraussetzungen müssen stimmen, damit diese Technologien überhaupt infrage kommen. Dazu gehört eine Datenbasis, auf die die Expertinnen und Experten beim Entwickeln aufsetzen.

ITD: Können Unternehmen heute schon hinreichend unterscheiden, ob eine Lösung KI als „Buzzword“ einsetzt oder ob es sich um einen sinnhaften Einsatz echter KI-Technologie handelt?
Gruh
n: Zu Beginn eines Projektes sollte nicht die Frage „KI ja oder nein?“ im Raum stehen. Ich rate Verantwortlichen dazu, die Ziele im Blick zu haben. Was soll unsere Lösung leisten? Welche Prozesse wollen wir verbessern? Wer setzt die Anwendung ein? Erst wenn bei diesen Punkten Klarheit herrscht, geht es an die Auswahl möglicher Werkzeuge. Das kann KI sein, aber sie ist keine Allzweckwaffe. Beispielsweise sind die Grundlagen für Künstliche Intelligenz – Stichwort Daten – nicht immer gegeben. Oder rechtliche Anforderungen sprechen gegen den Einsatz.

ITD: Denken Sie, dass KI-Projekte hierzulande von einem Großteil der Unternehmen bereits strukturiert genug  angegangen werden?
Gruh
n: Wie Unternehmen mit KI umgehen, variiert stark von Branche zu Branche. Da stehen auf der einen Seite die von Natur aus digitalen Unternehmen. Dazu gehören beispielsweise E-Commerce-Anbieter oder Plattformbetreiber, aber auch alteingesessene Branchen wie Banken oder Versicherungen. Hier herrscht ein anderes Verständnis für die Bedeutung von Daten vor. Rund um das Sammeln, Aufbereiten und Nutzen von Daten existieren etablierte Prozesse. Diese Unternehmen haben beim Thema KI einen Vorsprung. Andere Bereiche der Wirtschaft, beispielsweise das produzierende Gewerbe, müssen vielfach noch Grundlagen schaffen.

Für alle gilt: Noch sind KI-Anwendungen, die in der tagtäglichen Praxis ihre Dienste leisten, eher die Ausnahme als die Regel. Entsprechend sind Erfahrungen im Umgang mit KI-Technologien und ihren Möglichkeiten rar. Während Unternehmen in der klassischen Softwareentwicklung auf das Fachwissen von Jahrzehnten zurückgreifen können, stehen sie bei KI-Themen noch am Anfang. Es mangelt an Blaupausen, aber Konzepte wie das Vorgehensmodell „Building AI-based Systems“ weisen in die richtige Richtung.

ITD: Ihre aktuelle Adesso-Studie zeigt auf, dass mehr als die Hälfte der Befragten wenig Zutrauen zur KI-Kompetenz des eigenen Unternehmens hat. Ist dies eine pessimistische Einschätzung oder haben Unternehmen hierzulande tatsächlich noch großen Nachholbedarf?
Gruh
n: Da kommt eine ganze Reihe von Faktoren zusammen, die am Ende für diese durchwachsene Selbsteinschätzung sorgte. In unserer Umfrage klopften wir die Hindernisse rund um den KI-Einsatz ab. Dabei gaben 38 Prozent an, dass es in ihren Unternehmen Widerstände gegen KI-Lösungen gibt. Ein vergleichbarer Anteil der Befragten glaubt, dass Anwendungen auf KI-Basis Arbeitsplätze in ihrem Umfeld überflüssig machen. Gut jeder dritte Mitarbeitende hat bei dem Thema also Bedenken. Nicht die besten Voraussetzungen, um KI beherzt anzugehen. Hinzu kommt der Mangel an Fachleuten mit KI-Know-how. Für fast 40 Prozent der Befragten steht dieses Thema ganz oben auf der Agenda. Der Arbeitsmarkt ist und bleibt ein Hindernis.

Die Verantwortlichen müssen auf diese Bedenken in ihren Unternehmen mit offener Kommunikation und transparenten Maßnahmen reagieren. KI-Technologien werden Arbeitsplätze quer durch alle Aufgabenbereiche verändern. Ich bin davon überzeugt, dass es dabei weniger um „KI statt Mensch“, sondern eher um „KI und Mensch“ gehen wird. Das Einbinden der Beteiligten in das Gestalten dieses Prozesses ist entscheidend für die Akzeptanz von KI in einem Unternehmen.

ITD: Ein Hemmschuh ist mit Sicherheit auch die bisher mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz von KI und dahinterliegende Bedenken. Wie können Unternehmen diese Ressentiments abbauen?
Gruh
n: Neben den Verantwortlichen in Unternehmen befragten wir auch Verbraucher über ihre Einstellung zu KI. Unsere Umfrage zeigt, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von KI höher ist als manche Schlagzeile der letzten Zeit vermuten lässt. So versprechen sich über 60 Prozent der Befragten persönliche Vorteile von KI. Fast 80 Prozent können sich das Nutzen eines Chatbots vorstellen. Ich sehe da weniger Berührungsängste, sondern eher Neugier und Offenheit. Natürlich gibt es auch Bedenken und Unsicherheiten. Das fängt beim Datenschutz an und reicht bis zur Angst vor intelligenten Maschinen, die uns auslöschen wollen.

Transparenz und Realismus sind die beiden Ansätze, um möglichen Ängsten zu begegnen. Einerseits müssen Kundinnen und Kunden zu 100 Prozent wissen, wer was warum mit welchen ihrer Daten macht. Das gilt für IT-Anwendungen generell, das Thema bekommt aber im KI-Umfeld eine noch größere Bedeutung. Wenn irgendwann eine KI-Lösung meine Kreditwürdigkeit bewertet, möchte ich schon wissen, warum mir einige Konditionen gewährt werden, andere aber nicht. Andererseits gilt es, den teils überzogenen Vorstellungen von KI-Potenzialen und -Gefahren entgegenzuwirken. Wir reden über die sogenannte schwache KI. Also Anwendungen, die exakt eine Aufgabe erledigen können. Dass Staubsaugerroboter irgendwann Weltherrschaftspläne schmieden, halte ich für ausgeschlossen.

ITD: In der EU und insbesondere in Deutschland unterliegt der KI-Einsatz einem relativ strikten gesetzlichen Rahmen – im Vergleich etwa zu China oder den USA. Ist dies aus Ihrer Sicht Fluch oder Segen?
Gruh
n: Fluch oder Segen ist eine Frage der Perspektive. Was aber zweifellos ein Fluch ist, ist die Ungewissheit beim Einsatz einer neuen Technologie wie KI. Bei unklaren Rahmenbedingungen zögern Verantwortliche mit Investitionsentscheidungen. Sind die Grenzen klar definiert, erhöht das die Planungssicherheit.

Entscheidend ist der einzelne Anwendungsfall: Plant ein Unternehmen eine Anwendung zur Prognose von Maschinenausfallzeiten, spielen Themen wie Transparenz oder Vertrauenswürdigkeit keine Rolle. Anders sieht es im medizinischen Umfeld aus. Schlägt eine KI-Anwendung nach einer Operation einen Reha-Plan vor, berührt dies persönliche Lebensbereiche eines Menschen. Hier müssen andere Maßstäbe für den Einsatz von KI gelten. Mit der Unterteilung in die Kategorien unannehmbares, hohes, geringes oder minimales Risiko folgt die Europäische Kommission diesem Ansatz. Die Mehrheit der KI-Anwendungen fällt in die Kategorie mit minimalem Risiko – und wird entsprechend wenig reguliert.

Rechtliche Grenzen sollten nicht so eng sein, dass sie jede Innovationsfreude im Keim ersticken. Aber in einer Welt, in der Einsatz von KI-Anwendungen keinerlei Regeln folgt, möchte ich nicht leben.

ITD: Viele KI-Projekte befinden sich noch in der Testphase – manche scheitern sogar. Wie wichtig ist es für künftige KI-Strategien, auch Rückschläge zu internalisieren?
Gruh
n: Die Möglichkeit zu scheitern gehört beim Entwickeln von KI-Anwendungen zum Handwerk dazu. Im Vergleich zur klassischen Softwareentwicklung müssen alle Beteiligten lernen, mit einer größeren Ungewissheit umgehen zu können. Mit wachsender Erfahrung entwickeln die Verantwortlichen ein besseres Gefühl für das Machbare und die möglichen Tücken der Technologie.

Entscheidend ist die Frühphase eines Projektes. Zu Beginn haben die Beteiligten noch keine genaue Vorstellung von Umfang und Qualität der vorhandenen Daten. Das Prüfen und Bewerten der Datenbasis ist entscheidend für den Projekterfolg. Aus diesem Grund widmen Vorgehensmodelle wie „Building AI-based Systems“ gerade den ersten Schritten so viel Aufmerksamkeit. In ein KI-Projekt, das die Verantwortlichen frühzeitig abbrechen, sind noch nicht viele Ressourcen geflossen.

Bildquelle: Adesso

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