Severin Braun ist seit 2015 bei Plusserver, wo er vor seiner Ernennung zum CPO vier Jahre als CIO tätig war.
ITD: Herr Braun, wie entwickelt sich aktuell der Rechenzentrumsmarkt in Deutschland?
Braun: Der Rechenzentrumsmarkt in Deutschland entwickelt sich dynamisch. Der Haupttreiber für sein Wachstum ist die Digitalisierung von Unternehmen und Privatpersonen. Letztere nutzen zunehmend digitale Dienste wie Streaming, Videotelefonie und Online-Spiele. Unternehmen benötigen immer mehr Rechenleistung, um ihre IT-Systeme immer stärker cloudbasiert zu betreiben. Vor allem der KI-Boom facht den Bedarf nach externer Rechenleistung nochmal sehr stark an. Denn entsprechende Anwendungen benötigen punktuell hohe Kapazitäten, die in den allermeisten Unternehmen nur im Rechenzentrum wirtschaftlich betrieben werden können.
ITD: Welchen Stellenwert hat das Thema „Nachhaltigkeit“ beim Bau und Betrieb von modernen Rechenzentren?
Braun: Nachhaltigkeit ist ein zentrales Thema für die Zukunft des Rechenzentrumsmarktes. Der Stromverbrauch von Rechenzentren in Deutschland ist in den letzten Jahren stark gestiegen und liegt derzeit bei etwa 16 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr. Dies entspricht etwa 1,5 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland. Tendenz steigend. Daher ist es wichtig, dass Rechenzentren nachhaltiger betrieben werden. Erneuerbare Energien, wie Solar und Windenergie, müssen künftig den Löwenanteil beziehungsweise die komplette Stromversorgung von Rechenzentren beisteuern. Daneben müssen aber auch Hardware und Kühlsysteme effizienter werden und den Verbrauch reduzieren. Abschließend gilt es auch, die Betriebsabläufe in Rechenzentren zu optimieren, um Energie und CO₂ einzusparen. Diese Maßnahmen sind wichtig, um den ökologischen Fußabdruck von Rechenzentren zu verringern und gleichzeitig die Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit von Rechenzentren zu gewährleisten.
ITD: Welche Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz sind möglich? Was ist noch Zukunftsmusik?
Braun: Bereits heute fordern und fördern Rechenzentrumsbetreiber energieeffizientere Hardware. Der Trend geht klar in die richtige Richtung: Mehr Leistung bei ähnlich hohem oder sogar niedrigerem Energieverbrauch. Daneben spielen die Kühlsysteme eine wichtige Rolle. Hier gab es in der Vergangenheit einige spannende Versuchsprojekte, wie Rechenzentren unter Wasser. Doch schon heute gilt es, die Kühlsysteme modern zu halten und auf Energieeffizienz zu achten. Daneben wird auch heute schon in einigen Rechenzentren die Abwärme nutzbar gemacht, etwa für die Fernwärmeversorgung ganzer Gemeinden. Das ist eine vergleichsweise einfache Maßnahme, um die Energieeffizienz in seiner Gesamtheit zu verbessern. Doch wir haben auch noch einiges zu tun, unter anderem beim Ausbau der erneuerbaren Energien für die Versorgung der Rechenzentren. Zudem kann uns künftig Künstliche Intelligenz dabei helfen, Einsparpotentiale zu identifizieren. Das geschieht bereits in besonders energieintensiven Branchen, wie beispielsweise der produzierenden Industrie mit großem Erfolg. Warum also sollte KI nicht auch unsere Rechenzentren effizienter gestalten?
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ITD: Wie agil sind Rechenzentren generell im Umgang mit Krisen?
Braun: In der Regel können Rechenzentren auch bei Stromausfällen weiter betrieben werden – aktuell übrigens meist wenig nachhaltig mit Dieselgeneratoren. Hier müssen wir mittelfristig auch andere Lösungen finden, wie bspw. einen zuverlässigen Energiespeicher oder wasserstoffbasierte Energiegewinnung. Daneben werden IT-Systeme häufig auf mehrere Standorte verteilt, um das Risiko eines Totalausfalls zu vermindern. Eine wichtige Aufgabe ist und bleibt weiterhin auch eine gute Verteidigung gegen Cyberangriffe auf Rechenzentren. Kollege KI wird als intelligentes Überwachungssystem künftig eine gewichtige Rolle spielen beim Schutz gegen unbefugte Zugriffe auf die IT-Infrastruktur. Hier müssen Betreiber von Rechenzentren weiterhin schnell voranschreiten, um nicht von Cyberkriminellen überflügelt zu werden.
Bildquelle: Plusserver