Florian Lüft verantwortet in seiner Position die strategische und operative Weiterentwicklung des Unternehmens durch das Erschließen neuer Geschäftsfelder.
ITD: Herr Lüft, welche Wettbewerbsvorteile können sich Unternehmen durch eine nachhaltige Fuhrparkstrategie verschaffen?
Lüft: Nachhaltigkeit im Fuhrpark ist eine der am schnellsten wirkenden Maßnahmen zur Senkung von Emissionen und damit zum Erreichen der Klimaziele eines Unternehmens. Damit ist das in meinen Augen alternativlos. Aber grundsätzlich ist es natürlich nicht nur gut für das Unternehmen selbst, sondern auch für die gesamte Gesellschaft. Aber der Reihe nach: Grundsätzlich sollte ein nachhaltiger Fuhrpark – vor allem im Pkw-Segment – auf Elektromobilität fußen. In der Logistik können auch noch andere Technologien wie grüner Wasserstoff in der Zukunft eine Alternative darstellen. Mit dem Umstieg vom Verbrenner auf Elektrofahrzeuge können Unternehmen sehr schnell eine Menge an klimaschädlichen CO₂-Emissionen einsparen. Und das wiederum zahlt auf die übergeordnete Nachhaltigkeitsstrategie ein. Spätestens mit Inkrafttreten der Corporate Social Responsibility Directive der EU (CSRD-Richtlinie) werden nachhaltige Fuhrparkstrategien ein entscheidender Faktor, um CO₂-Emissionen im Unternehmen zu reduzieren. Mit der CSRD ändern sich die Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen deutlich. Es ist davon auszugehen, dass rund 15.000 Unternehmen in Deutschland der erweiterten Berichtspflicht unterliegen. Das heißt, die Kür wird spätestens 2024 zur Pflicht – und wer 2024 Zahlen liefern muss, sollte rückwirkend am besten schon 2023 daran arbeiten, zielführende und realistische Maßnahmen umzusetzen, die CO₂-Emissionen reduzieren. Aber ein nachhaltiger Fuhrpark sollte nicht allein ein Mittel zum Zweck sein: Mit dem Umstieg auf E zeigen Unternehmen, dass sie den Klimaschutz und auch Innovation ernst nehmen und sich glaubhaft dafür einsetzen, ihre Rolle als verantwortungsvoller Wirtschaftsakteur wahrzunehmen. Das Medienunternehmen ProSiebenSat.1. ist ein gutes Beispiel: Seit Mai 2023 werden dort nur noch E-Fahrzeuge als Dienstwagen angeschafft. Wir unterstützen beim Aufbau der Ladeinfrastruktur und der gesamten begleitenden Prozesse, um das Laden von Elektrofahrzeugen an allen Ladeorten so einfach zu machen wie einen Anruf mit dem Handy.
ITD: Warum scheuen noch viele Fuhrparkverantwortliche den Umstieg auf Elektroflotten? Wo drückt der Schuh?
Lüft: Innovation ruft oftmals zunächst zögerliche Reaktionen hervor, die sich in Verbindung mit Vorbehalten dann zu Berührungsängsten entwickeln. Die lassen sich bei genauerer Betrachtung der Tatsachen jedoch häufig aus dem Weg räumen. Die Reichweitensorge ist heute weitestgehend gelöst, ebenso ist die Ladeinfrastruktur deutlich besser als noch vor Jahren. Es kommt darauf an, nicht einen Ansatz für alle zu verfolgen, sondern ein Konzept umzusetzen, dass auf individuelle Nutzergruppen zugeschnitten ist. Das fängt bei der Wahl des Fahrzeugs an und gilt auch für die angebotenen Lademöglichkeiten. Wenn ein Mitarbeiter partout keine Chance hat, zu Hause zu laden, dann muss ich mir als Unternehmen etwas anderes ausdenken und diese Alternativen mit Priorität für diesen Nutzer anbieten. Wichtig ist, dass die Unternehmen erkennen, dass die Transformation in Richtung „E“ nicht nebenbei geschieht, sondern sorgfältige Planung erfordert. Unternehmen sollten nicht lange zögern, sondern das Projekt „E“ zeitnah und mit langfristigerem Blick auf die Leasing-Zeiträume starten. Zu beachten ist, dass die Förderbedingungen der Bundesregierung für E-Pkw im September 2023 auslaufen und nur noch Privatpersonen Fördergelder beantragen können. Diese Entscheidung ist aus meiner Sicht völlig falsch, da sie das Ziel der Bundesregierung, bis 2035 15 Millionen E-Pkw auf die Straße zu bringen, konterkariert – und das in einem Land, in dem Dienstwagen nach wie vor rund Zweidrittel der Neuzulassungen ausmachen. Mein Appell an die Verantwortlichen ist daher klar: den Fördertopf für mindestens drei weitere Jahre Laufzeit wieder füllen und Unternehmen damit Investitionssicherheit geben. Gerade Unternehmen, die zu 100 Prozent auf E-Fahrzeuge umsteigen und dafür auch Ladeinfrastruktur errichten, sollten gefördert werden. Solange dies nicht der Fall ist, sollten Entscheider sich bewusst machen, dass sie mit dem Umstieg auf E so oder so eine langfristige Entscheidung treffen: für das Klima und den Geldbeutel. Denn ich bin davon überzeugt, dass sich die Preise für Ladestrom langfristig auf einem viel günstigeren Niveau einpendeln werden, sodass die Ladestromkosten insgesamt heruntergehen werden, wenn wir endlich einen sinnvollen, dezentralen Ausbau der erneuerbaren Energien anpacken und uns nicht in utopischen Diskussionen verstricken. Auch werden die Wartungskosten für die Fahrzeuge insgesamt niedriger. Diesen Faktor darf man als Fuhrparkleiter nicht unterschätzen, einzig bei den Reifen sollte man hier oder da darauf schauen, dass man die richtigen Pneus für E wählt. Es gibt aber auch weitere gute Nachrichten: Über die Treibhausgasquote können Unternehmen mit ihren E-Firmenwagen aktuell Geld machen, indem sie die eingesparten CO₂-Emissionen verkaufen.
ITD: Mit welchen Herausforderungen ist die Realisierung einer nachhaltigen Fuhrparkstrategie gerade für Großunternehmen verbunden?
Lüft: Ein solides Konzept ist das A und O. Wir erleben immer wieder, dass Projekte zu klein und nicht langfristig genug gedacht werden. Das führt häufig zu einem Wildwuchs an nicht aufeinander abgestimmten Lösungen, sodass es manchmal sinnvoller ist, wieder bei null anzufangen. Das vermeiden wir von Anfang an. Bevor wir ein Projekt starten, hören wir erst einmal zu, stellen viele Fragen, sehen uns bis hin zum Fahrprofil der Flotte viele Details an. Und wenn wir dann starten, schauen wir uns jedes Objekt, wo wir eine Ladeinfrastruktur errichten, vor Ort mit ausgebildeten, eigenen Elektrofachkräften an. Wir sind auch im Dialog mit den Netzbetreibern. Auch sollten von Anfang an die Mitarbeiter bedacht werden: Denn das Auto lädt am besten da, wo es die meiste Zeit steht: am Arbeitsplatz oder zu Hause. Mit auf die Bedürfnisse abgestimmten Ökostromtarifen lassen sich die Kosten optimal kalkulieren und dank digitaler Lösungen Abrechnungsprozesse einfach und automatisiert gestalten, egal ob ein eigener Ladestromtarif von uns oder der bestehende Hausstromtarif des Mitarbeiters genutzt wird.
ITD: Welche Aspekte müssen beim Umstieg auf Elektroflotten unbedingt beachtet werden?
Lüft: Grundsätzlich: Langfristig und mit Weitblick denken! Damit meine ich nicht nur, dass die Anzahl der E-Pkw mittel- und langfristig zunehmen wird, sondern dass die E-Mobilität an sich erst der Türöffner ist. Unternehmen, die heute mit Weitsicht agieren, reduzieren auch ihre Energiekosten. Mobilität und Energie lassen sich optimal miteinander verbinden. Wir setzen z.B. auf eine unternehmenseigene Software, die Künstliche Intelligenz (KI) und das Internet der Dinge verbindet. Dank „AIoT“ ist es möglich, Ladeprozesse nicht nur kosteneffizient zu optimieren, sondern eben das gesamte Energie-Management im Bürogebäude oder auch der Produktionsstätte zu steuern. Wir sind immer darauf ausgelegt, den Dreiklang der Energie direkt in das gesamte Konzept einzubeziehen, wenn dies gewünscht wird. Dazu gehören die effiziente Nutzung von Energie durch die laufende Analyse von Energieströmen, die Steigerung der eigenen Energieproduktion mithilfe von erneuerbaren Energien und die Vorhersage der entsprechenden Kapazitäten mittels unserer Software. Daraus leitet sich die Optimierung des Zukaufs des notwendigen Stroms zu günstigeren Preisen ab. Dieses dynamische Energie-Management wird in Zukunft eine immer prägendere Rolle spielen und bringt auch Vorteile, wenn Technologien wie das bidirektionale Laden serienreif sind.
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ITD: Wie lassen sich Flottenladelösungen problemlos in das smarte Energie-Management eines Unternehmens einbinden?
Lüft: Der Schlüssel sind intelligente Lösungen wie die „Charging by EnOSTM“-Software von Envision Digital. Über die Plattform werden alle Energiequellen sowie -bezieher digital miteinander verbunden. Anhand von Echtzeitdaten weiß die Plattform, welche Energie wann wo benötigt wird. Ladeprozesse können beispielsweise an Hand von Mustern optimiert werden, sodass beispielsweise das Laden erst dann geschieht, wenn der Strom günstig ist. Die Grundvoraussetzung ist, dass die Ladestationen den entsprechenden Standards entsprechen. Sie müssen das Open Charge Point Protocol (OCPP) unterstützen, um im Backend nutzbar zu sein und eichrechtskonform sein, um auch in Zukunft die Anforderungen der Politik zu erfüllen, die zweifellos kommen werden. Wer hier kurzfristig immer auf die günstigere Variante setzt, wird langfristig in die Röhre schauen und sonst eventuell manche Investitionen doppelt tätigen.
Bildquelle: Hagena