„Digitalisierung darf sich nie als Endgegner im Buzzword-Gewitter präsentieren“, betont Simone Wamsteker.
ITD: Frau Wamsteker, was verstehen Sie persönlich unter Führung im digitalen Zeitalter?
Simone Wamsteker: Führung im digitalen Zeitalter bedeutet für mich vor allem eins: Veränderung leben, mit den Mitarbeitern im Mittelpunkt. Die Digitalisierung hat Unternehmen mit erheblichen Umwälzungen konfrontiert und damit auch gezwungen, ihr Verständnis von Mitarbeitern grundlegend zu überdenken. In industriell geprägten Volkswirtschaften wie Deutschland waren Mitarbeiter lange Jahre lediglich ein „Humankapital“, das nur verwaltet werden musste. Fokus waren immer die Prozesse. Im digitalen Zeitalter wurde der Mensch zum Mittelpunkt der Wertschöpfung. Millenials wollen aber – berechtigterweise – nicht nur als „Produktionsmittel“ gesehen werden. Dieser Gemengelage muss Führung heutzutage Rechnung tragen. Digitalisierung bedeutet Veränderung – mit, durch und für Menschen. Führung im digitalen Zeitalter bedeutet für mich aber auch, die Mehrdimensionalität der Digitalisierung anzuerkennen. Viele Wege führen zum Ziel. Digitalisierung ermöglicht viel mehr Individualisierung, d.h. wir haben mehr Möglichkeiten auf individuelle Bedürfnisse einzugehen.
ITD: Was zeichnet einen guten „Digital Leader“ aus?
Wamsteker: Veränderungsbereitschaft: Wirkliche Leader sind solche, die eine innovative und flexible Personalarbeit vorantreiben. Davon bin ich überzeugt.
ITD: Welche Kompetenzen und Soft Skills sollten digitale Leader mitbringen, um die Digitale Transformation im Unternehmen zu stemmen?
Wamsteker: Ähnliche Kompetenzen und Soft Skills, die auch schon vor der Digitalisierung benötigt wurden. Ich glaube, es geht in erster Linie um aktives Zuhören, darum sich Fragen zu stellen, wie: Was brauchen meine Mitarbeiter, um erfolgreich zu sein? Wo oder wie kann ich sie unterstützen? Darüber hinaus bedarf es der Fähigkeit, kontinuierlich Lösungen gegen sich ändernde Umfeldbedingungen abzuwägen. Leader müssen sich offen zeigen für Anpassungsbedarfe. Sie müssen aber auch klar Richtung geben können, Deutlichkeit darüber schaffen, warum Veränderungen nötig sind und wie diese erreicht werden können. Last but not least: Erfolge feiern! Leader sollten nicht nur den Weg hin zur Digitalen Transformation mit Meilensteinen pflastern, sondern vor allem Etappenseige feiern und Erreichtes entsprechend würdigen.
ITD: Wie lassen sich die Mitarbeiter dazu motivieren, den Transformationsprozess im Unternehmen aktiv mitzugestalten?
Wamsteker: Indem man die Mitarbeiter daran teilhaben lässt und ihre Ideen aufgreift. Das heißt nicht automatisch, dass diese Ideen alle umgesetzt werden. Aber Transparenz über den Prozess und die Frage, warum Dinge aufgegriffen werden und warum nicht, macht den Transformationsprozess für Mitarbeiter greifbar und motiviert dazu, am Ball zu bleiben.
ITD: Wie lassen sich innovative Ansätze und agile Arbeitsformen nachhaltig im Unternehmen etablieren?
Wamsteker: Durch Ausprobieren, Anpassen, über Bord werfen dessen, was nicht funktioniert, und das Weiterentwickeln von dem, was passt. Man muss anerkennen, dass es Innovation und Agilität nicht als „one-size-fits-all” gibt und sich eine kritische Haltung bewahren – auch hinsichtlich erprobter agiler Ansätze. Nehmen Sie das Beispiel Netflix. Deren Modell galt vielen als der ultimativer Blueprint für erfolgreiche Veränderung. Mittlerweile ist jedoch klar, dass dieser Erfolg nicht einfach ohne Anpassungen übertragen werden kann. Andere Business Models bedürfen anderer Wege. Auch Netflix hat das erkannt, aus der Vergangenheit gelernt und sein Modell weiterentwickelt, um aktuellen Bedürfnissen gerecht zu werden. Bei innovativen Ansätzen und agilen Arbeitsformen sollte immer gelten: Progress over Perfection.
ITD: Wie lassen sich auch diejenigen Mitarbeiter, die nicht zu den „Digital Natives“ gehören und sich im Umgang mit neuen Tools besonders schwertun, in die modernen Arbeitsabläufe integrieren?
Wamsteker: Zunächst einmal: Ich glaube nicht wirklich an die Unterscheidung zwischen „Digital Natives“ und dem Rest. Dafür wartet die Digitalisierung zu schnell mit immer neuen Veränderungen auf. Wer heute in die digitale Welt „reingeboren“ wird, kann morgen schon ein Dinosaurier sein. Sich in der Digitalisierung zurecht zu finden, ist eine kontinuierliche Learning-Journey – für alle. Unabhängig davon ist es natürlich unstrittig, dass diese Reise nicht für alle Mitarbeitenden gleichsam leicht ist. Hier müssen passgenaue Learning-Angebote bereitgestellt werden, die differenziert auf die Bedürfnisse des betroffenen Personenkreises eingehen. Die Gießkannen-Methode ist hier eher kontraproduktiv. Der Kommunikation kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Denn es darf nie der Eindruck vermittelt werden, dass Digitalisierung bestehende Qualifikationen abwertet, dass sie etwas ist, wodurch Mitarbeiter „abgehängt“ werden könnten. Vielmehr muss das Potential digitaler Tools plausibel als Chance erklärt werden – in der Sprache der betroffenen Mitarbeiter, ohne unnötigen Fachjargon. Digitalisierung darf sich nie als Endgegner im Buzzword-Gewitter präsentieren.
ITD: Wie sollten Unternehmen mit Fehlern und Rückschlägen beim Transformationsprozess umgehen?
Wamsteker: Sie sollten offen dafür sein, dass Fehlern passieren und bereit sein, wirklich aus ihnen zu lernen. Ohne sich dadurch aus der Bahn werfen zu lassen, aber auch ohne zur Tagesordnung zurückzukehren. Unternehmen sollten eine Kultur schaffen, in der Fehler nicht unter den Teppich gekehrt werden, sondern versucht wird, sie früh zu erkennen und als Ansatzpunkt und Chance für bessere Prozesse zu nutzen.
ITD: Welche Branchen sind noch besonders von dem Thema „Digitalisierung“ betroffen und warum?
Wamsteker: Aus meiner Sicht sind alle Branchen von der Digitalisierung betroffen. Manche mögen nicht direkt von ihr tangiert sein, aber in den Ökosystemen der ihnen zugehörigen Unternehmen wird sie irgendwo eine Rolle spielen. Die Digitalisierung wird damit auch an unerwarteter Stelle eine relevante Einflussgröße, mit der man sich auseinandersetzen muss. Meine Zulieferer machen etwas anders? Mein Steuerberater digitalisiert? Alles hat Einfluss auf mich als Unternehmen. Nicht zuletzt leben meine Mitarbeiter mitten in der Digitalisierung. Wer hat heute kein Smartphone oder nutzt Online-Dienste? Jeder ist heute irgendwo Teil der Digitalisierung.
Bildquelle: Detecon International