Digitalpolitik

„Verwaltungen stehen vor größeren Hürden“

Im Interview spricht Jens Hungershausen, Vorstandsvorsitzender der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG), über die Chancen und Probleme der Digitalisierung in Deutschland.

Digitalpolitik

Vorsitzender des DSAG-Vorstands ist seit Oktober 2020 Jens Hungershausen. Hauptberuflich ist Jens Hungershausen als Bereichsleiter IT/CIO für die IT der MEGA eG verantwortlich.

ITD: Herr Hungershausen, wie bewerten Sie aktuell den Status quo der Digitalisierung in Deutschland?
Hungershausen: Die Corona-Krise hat gezeigt: Die Unternehmen sind in Sachen Digitalisierung aufgrund der vielerorts sehr starren Strukturen und eingefahrenen Geschäftsprozesse noch immer sehr unflexibel. Gleichzeitig hat die Krise aber auch die Digitalisierung in den Unternehmen und in der öffentlichen Verwaltung beschleunigt. Insgesamt sind wir jedoch noch lange nicht dort angekommen, wo wir sein könnten und müssten. Als Industrieverband sind wir uns sicher, dass die Unternehmen erkannt haben, wie wichtig das Thema ist. Allerdings bewegen sie sich bei ihren Bestrebungen auch in einem Spannungsfeld aus sinkenden Umsätzen und schrumpfenden IT-Budgets bei höheren Anforderungen, was Weitblick und strategisches Denken umso wichtiger macht. Nur so können neue Technologien gewinnbringend eingesetzt werden. Die IT muss zudem innovative und integrative Lösungen anbieten.

ITD: Was sind die zentralen Voraussetzungen für die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung?
Hungershausen: Verwaltungen stehen grundsätzlich vor größeren Hürden als die Privatwirtschaft, wenn sie etwas umstellen wollen. Das hat zum einen gesetzliche Gründe. Viele Gesetze sind schwer digitalisierbar, was sich gut am Online-Zugangsgesetz (OZG) beobachten lässt. Es musste dort erst einmal eine verfahrenstechnische Grundlage geschaffen werden, um Vorgänge elektronisch durchzuführen. Ein weiterer Punkt sind die komplexen Strukturen im öffentlichen Dienst, die spontane Änderungen nicht begünstigen. Es fehlen zudem Fachkräfte und die Zeit, um elektronische Verfahren einzuführen. Neue Technologien müssen auch ausgeschrieben werden, was Entscheidungen verlangsamt. In Deutschland kommt noch das föderale System hinzu. Die Kleinteiligkeit der Zuständigkeiten macht es schwierig, in Fragen der Digitalisierung einen übergeordneten Konsens zu finden. Selbst auf Bundesebene gibt es das Ressortprinzip, was einheitliche Entscheidungen verlangsamt, wenn nicht sogar verhindert. Digitalisierung ist nur dann effizient, wenn sie flächendeckend und standardisiert eingeführt wird. Man bräuchte also eine zentrale Strategie statt hunderter kleiner Projekte, von denen viele scheitern, weil sie sich aus Kosten- oder Kapazitätsgründen nicht umsetzen lassen.

ITD: Wo gibt es noch die größten Hürden, die ITK-Initiativen in Unternehmen oder in der öffentlichen Verwaltung ausbremsen?
Hungershausen: Eine große Hürde ist, dass die Notwendigkeit oftmals nicht erkannt wird. Gleichzeitig fallen Kosten an, um ITK-Initiativen umzusetzen und in der aktuellen Zeit werden die Prioritäten da schlichtweg anders gesetzt. In der öffentlichen Verwaltung spielt insbesondere das Interesse, den Besitzstand zu wahren, eine viel zu große Rolle und wie bereits erwähnt: Die Rahmenbedingungen sind hinsichtlich der Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern nicht förderlich.

ITD: Die umfassende Digitalisierung unserer Wirtschaft und Gesellschaft erfordert u.a. hochleistungsfähige Netze, doch die Fördertöpfe des Bundes für den Gigabitausbau für 2022 sind bereits leer. Wo liegen jetzt aus Ihrer Sicht die Prioritäten für 2023?
Hungershausen: Der Ausbau der Infrastruktur muss auch für das Jahr 2023 eine sehr hohe Priorität haben. Alle Digitalisierungsvorhaben basieren schlussendlich darauf. Die Unternehmen haben die Notwendigkeit von Digitalisierung teilweise erkannt und setzen unternehmensindividuelle Projekte um. Dabei wäre es umso notwendiger, dass durch umfangreiche Digitalisierungsprojekte der öffentlichen Hand die Notwendigkeit der Digitalisierung noch deutlicher gemacht wird. Beispiele aus dem Bereich E-Government, wie es uns das Baltikum oder Großbritannien vorgemacht haben, gibt es viele.

ITD: Laut Bitkom-Umfrage sehen 68 Prozent der Unternehmen den strengen Datenschutz in Deutschland als großes Hindernis für die Digitalisierung. Inwieweit ist die DSGVO tatsächlich ein Hemmschuh für den digitalen Fortschritt?
Hungershausen: Natürlich lassen sich die Herausforderungen, vor die die EU-DSGVO die Unternehmen gestellt hat, nicht leugnen. Das Recht wird kontinuierlich neu ausgelegt – z. B. weil es neue Gerichtsurteile oder Hinweise seitens der Aufsichtsbehörden gibt. Die Folge für die Unternehmen ist, dass sie permanent gezwungen sind, ihre Datenschutzkonformität zu prüfen und das gilt natürlich auch, wenn sie neue, digitale Geschäftsprozesse und Technologien einführen. Der Aufwand ist also für jeden Schritt in Richtung Digitalisierung zu berücksichtigen. Doch nichtsdestotrotz: Datenschutz ist notwendig, damit Digitalisierung grundrechtskonform erfolgt.

ITD: Welche Rolle spielt Weiterbildung bzw. Qualifizierung beim digitalen Wandel? Schließlich geht Digitalisierung nicht ohne Know-how.
Hungershausen: Durch die voranschreitende Digitalisierung wird qualifiziertes, spezialisiertes IT-Personal immer wichtiger – das gilt auch im SAP-Umfeld. In den nächsten Jahren wird die komplette Baby-Boomer-Generation in Rente gehen. Gleichzeitig kommen nur sehr wenige Menschen auf den Arbeitsmarkt nach und viele neue, sich schnell verändernde Jobprofile entstehen, für die Personal erst einmal ausgebildet werden muss. Studien sprechen von mehr als 250.000 freien Stellen im MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik)-Bereich, davon einem Großteil in der IT. Die Lücke zwischen Jobangeboten und passenden Experten bremst den technologischen Fortschritt und stellt Unternehmen vor große Herausforderungen. Aus Sicht der DSAG muss daher vor allem ein stärkerer Wissenstransfer zwischen Universitäten, Forschungseinrichtungen und Wirtschaft erfolgen, um junge Talente praxisnah auszubilden, was wir mit unserer Initiative DSAG-Academy anstreben. Parallel spielt die Entwicklung einer nachhaltigen Lernkultur und damit die kontinuierliche Aus- und Weiterbildung von bestehenden Mitarbeitenden eine wichtige Rolle.

ITD: Inwiefern können ITK-Initiativen von Unternehmen dabei helfen, auf aktuelle Herausforderungen wie Lieferkettenprobleme, die Energiekrise oder den Fachkräftemangel zu reagieren?
Hungershausen: Transparente Informationen über Lieferketten sind wesentlich, um Probleme zu lösen. Nicht minder wichtig ist das, was man unter dem Schlagwort „Green IT“ zusammenfassen kann. Hier gibt es in den Unternehmen großes Potenzial zum Energiesparen. Seitens Unternehmen und auch Verbänden wie der DSAG spielen Ausbildungsinitiativen eine wesentliche Rolle, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Durch einen Schulterschluss können hier Synergien geschaffen und neue Wege gegangen werden.

ITD: Welchen Beitrag kann die Digitalisierung womöglich auch zur Lösung des Klimawandels leisten?
Hungershausen: Wenn durch die Digitalisierung Prozesse effizienter gestaltet werden, kann das einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Insbesondere im Cloud-Computing und beim Thema Green-IT sind Effekte auf den Klimawandel denkbar. Ganz konkret kann die Vernetzung von Informationen einen Beitrag zur Lösung des Klimawandels leisten, indem das Datennetz zum Erkenntnisgewinn und zur internationalen Zusammenarbeit genutzt wird. Ein Beispiel wäre hier digitales Geo-Mapping, um das Wissen über den Zustand der Wälder zu erweitern, wodurch sich wiederum Potenziale für eine staatsübergreifende Zusammenarbeit identifizieren ließen.

ITD: In welchen Bereichen sollte die Politik in Sachen „Digitalisierung“ dringend nachbessern? Wo würden Sie sich ggf. mehr Förderung für Unternehmen wünschen, um den digitalen Wandel zu unterstützen?
Hungershausen: Die Investitionen in zukunftsweisende und nachhaltige Technologien sind aus Sicht der DSAG besonders wichtig. Dabei muss es die Digitalisierung ermöglichen, dass die Export-Nation Deutschland auch in Feldern wie Künstlicher Intelligenz und Elektromobilität tonangebend und der begehrte Stempel „made in Germany“ auch in diesen Bereichen zum Markenzeichen wird. Die Politik sollte dabei unterstützen, dass in der IT-Industrie gut und schnell entwickelt werden kann. Gleichzeitig ist schon viel erreicht, wenn sie Anwenderunternehmen dabei hilft, in die entsprechende Software-Unterstützung zur Digitalisierung zu investieren. Dabei sollte jedoch darauf geachtet werden, dass mögliche Gelder in integrierte Prozesse und nicht in die Forschung um der Forschung willen fließen. Denn die Ende-zu-Ende-Digitalisierung ist der nachhaltige Unternehmenszweck von heute. Dafür muss die IT entsprechende innovative und integrative Lösungen anbieten.

Bildquelle: DSAG 

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