Dr. Andrea Huber, Geschäftsführerin von Anga Der Breitbandverband e.V., sieht zahlreiche Herausforderungen für den zukünftigen Breitbandausbau.
ITD: Frau Dr. Huber, wie beurteilten Sie den Stand der Digitalisierung in Deutschland mit Blick auf Breitbandausbau, Netzabdeckung, Unternehmensinvestitionen?
Andrea Huber: Die Krise der letzten 12 Monate zeigt, dass unser Alltag, Berufsleben, Bildung und vieles mehr sich immer stärker auf die digitale Infrastruktur stützen. Da ist Deutschland in den letzten Jahren ein gutes Stück vorangekommen. Auch in Zeiten außergewöhnlich hoher Belastungen und einer deutlichen Zunahme des Datenverkehrs im Zuge der Corona-Pandemie haben die Netze gehalten. Heute sind für über 28 Millionen Haushalte Gigabit-Anschlüsse über die Netze der ANGA-Mitglieder verfügbar; in den nächsten Jahren werden es 75 Prozent der Haushalte sein. Dies stimmt mich erstmal optimistisch.
Zugleich stehen wir vor beträchtlichen Herausforderungen: Wie gestalten wir die künftige Breitbandförderung, ohne den eigenwirtschaftlichen Ausbau zu beeinträchtigen? Welche bürokratischen Hürden müssen abgebaut werden, um den Netzausbau zu beschleunigen? Welche Instrumente können wir einsetzen, um den Ausbau in den Gebäuden bestmöglich zu unterstützen? Dafür ist vor allem der regulatorische Rahmen entscheidend. Deshalb müssen wir auf all diese Fragen schnell gemeinsam mit der Politik Antworten finden.
ITD: In welchen Segmenten sind Ihrer Meinung nach besonders hohe Investitionen notwendig, um Deutschland zum digitalen Vorreiter zu machen?
Huber: Die Basis für die Digitalisierung ist die digitale Infrastruktur. Ohne schnelle Netze sind die Arbeit von Zuhause, die Optimierung von Produktionsprozessen in Betrieben oder die Einführung von intelligenten Verkehrsleitsystemen nicht möglich. Aufgrund der Bevölkerungsverteilung in Deutschland ist die flächendeckende Verfügbarkeit von Gigabit-Anschlüssen essenziell. Zwischen dem städtischen und ländlichen Raum herrschen nach wie vor große Unterschiede bei der Breitbandverfügbarkeit, vor allem im Bereich der hohen Bandbreiten. Beispielsweise ist 1 GBit/s bereits für über 74 Prozent der Haushalte in den Städten verfügbar, auf dem Land sind es hingegen lediglich 16 Prozent. Allein die Schließung dieser Lücke wird in den nächsten Jahren viel Geld kosten.
ITD: 2019 lag die Abdeckung mit Glasfaserabdeckung in Deutschland bei 11 Prozent und damit erheblich hinter den meisten europäischen Nachbarländern. Wie sehen Sie die Entwicklung der Glasfaser-Abdeckung bis in Gebäude?
Huber: Die Bundesregierung hat richtigerweise die Marschroute vorgegeben, bis 2025 flächendeckend Gigabit-Infrastrukturen aufzubauen. Neben hybriden Glasfaser-Koax (HFC) und 5G-Mobilfunknetzen sind Netze mit Glasfaser bis ins Haus oder die Wohnung (FTTB/B) ein wesentlicher Baustein zum Erreichen dieses Ziels. Aus unserer Sicht sollte der Ausbau daher in den Gebäuden auch bei der Politik auf großes Interesse und Unterstützung stoßen. Leider gehen die Bestrebungen der Bundesregierung zurzeit in eine andere Richtung: Die anstehende Novelle des Telekommunikationsgesetzes sieht unter anderem vor, die mietrechtliche Umlagefähigkeit der Betriebskosten für Inhaus-Netze ersatzlos zu streichen. Damit würde es künftig deutlich schwieriger für Wohnungswirtschaft und Netzbetreiber, Gebäude und Wohnungen mit Gigabit-Netzen auszustatten. Wir fordern daher einen angemessenen Schutz existierender Verträge und den Erhalt der Umlagefähigkeit für neue hochleistungsfähige Netze in den Häusern.
Bildquelle: Anga