Christian Maasem ist Partner bei der Detecon International GmbH und Head of Hyperconnectivity.
ITD: Herr Maasem, welchen Stellenwert hat der Mobilfunkstandard 5G im Kontext der „Industrie 4.0“?
Maasem: Industrieunternehmen betrachten 5G als einen zentralen Baustein für die Digitalisierung. Besonders wichtig ist die hohe Zuverlässigkeit der Vernetzung, die mehr Transparenz und Automatisierung sowie eine höhere Ausfallsicherheit auf den Shopfloor bringt. Generell können Unternehmen 5G-Netze leicht und robust skalieren, sodass sie alle Digitalisierungsszenarien und Netzanwendungen damit abdecken, ohne dabei andere Netze zu stören, was eines der wichtigsten Kriterien ist. Darüber hinaus können 5G-Netze – besser als ihre Vorgänger – große Datenmengen mit geringeren Latenzen übertragen und mehr Geräte gleichzeitig handhaben.
Sie ermöglichen damit eine enge Vernetzung zwischen Maschinen und einen ultraschnellen, sicheren Datenaustausch in der Produktion sowie in den Werkshallen. Der so erhöhte Automatisierungsgrad kann die Betriebskosten senken und die Produktivität steigern, was gerade in Zeiten des allgegenwärtigen Fachkräftemangels von Vorteil ist.
ITD: Was sind die wichtigsten Schritte, damit Menschen, Maschinen und Materialien nahtlos miteinander interagieren und eine Fabrik der Zukunft realisieren können?
Maasem: Zunächst ist es wichtig, sich der Möglichkeiten bewusst zu werden und zu fragen: Welche Potenziale bietet die Technologie in meiner Branche? Welche Synergien kann das Unternehmen durch Datentransparenz und Automatisierung nutzen? Welche Anwendungsszenarien gibt es und wie können die von einem 5G-Netz profitieren? Auf diesen Erkenntnissen basierend ist der nächste Schritt die Erstellung einer Roadmap, die explizit auch frühzeitig realistische Pilotanwendungen vorsieht. Das kann direkt vor Ort stattfinden oder in einem bereits existierenden 5G-Testbett. So lässt sich einerseits herausfinden, ob meine Planung auch in der Praxis integrierbar ist, und andererseits, ob sich aus den Tests noch organische Möglichkeiten für zusätzliche Anwendungen ergeben. Da 5G meist im Verbund eines komplexen Ökosystems auftritt, lassen sich auch sinnvolle Synergien mit anderen Technologien wie Internet of Things (IoT), Edge oder KI nutzen, um reale Anwendungen zu realisieren.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 3/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITD: Was sollten Unternehmen beachten, um auf dem Weg ins Zeitalter der Hyperkonnektivität nicht auf der Strecke zu bleiben?
Maasem: Generell gilt: Heute ist der beste Zeitpunkt, um loszulegen. Selbst wenn das Pilotprojekt ein kleines ist. Aber wer jetzt nicht auf den Zug der Hyperkonnektivität aufspringt, der könnte ihn ganz verpassen. Nicht jedes Unternehmen muss sofort ein eigenes voll umfassendes 5G-Ökosystem etablieren, zunächst kann es auf bestehende Best Practices zurückgreifen, die sich meist auch temporär oder skalierend aufbauen lassen. Über kurz oder lang werden insbesondere Industriebetriebe aber nicht daran vorbeikommen, die entsprechenden Ökosysteme selbst aufzubauen und die Grundzüge der Hyperkonnektivität in alle Prozesse zu integrieren. Denn das wird sich mittelfristig als das Rückgrat von digital vernetzten Unternehmen erweisen. Und wenn es so weit ist, möchte man sich auf seine eigenen Strukturen verlassen können. Denn die ermöglichen viel Flexibilität – auch ökonomisch.
Bildquelle: Detecon