„Klare Definitionen und entsprechende Regelungen sind wichtig, damit beispielsweise Konsumenten von Cloud-Diensten ihren Cloud-Dienstleister wechseln können“, betont Prof. Dr. Stefan Tai, Direktor des FZI.
IT-DIRECTOR: Herr Prof. Dr. Tai, welche Entwicklung ist anno 2012 im Bereich „Cloud Computing“ erkennbar?
Prof. Dr. S. Tai: Die enorme Bedeutung von Cloud Computing für die Wirtschaft ist erkannt und mittlerweile unumstritten. Inzwischen wird Cloud Computing differenziert(er) diskutiert: Cloud Computing ist nicht gleich Cloud Computing, es gibt verschiedene Geschäftsmodelle und Service-Architekturen; die Bandbreite der Anwendungen und Möglichkeiten bleibt sehr groß. Die angebotenen „Ressourcen“ im Cloud Computing variieren; der Markt bleibt sehr dynamisch.
IT-DIRECTOR: Was sind die Ziele und Möglichkeiten dieser Technologie?
S. Tai: Das sind unverändert die Skaleneffekte auf (Dienst-)Anbieter- und auf Nutzerseite. Sie werden genutzt, um Vorteile auf beiden Seiten zu erzielen: bessere und flexiblere Ressourcennutzung bzw. -auslastung, Kosteneffizienz und die Verbesserung von Innovationsprozessen.
IT-DIRECTOR: Wie gestaltet sich das derzeitige Normungs- und Standardisierungsumfeld im Bereich „Cloud Computing“?
S. Tai: Dazu hat das BMWi eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die Booz & Company zusammen mit dem FZI Forschungszentrum Informatik durchgeführt hat. Das Normungs- und Standardisierungsumfeld wurde vor allem aus deutscher und europäischer Sicht – unter Einbeziehung des BMWi-Technologieprogramms „Trusted Cloud“ – durchgeführt. Das Ergebnis ist eine umfangreiche Studie, die als eine erste Momentaufnahme dieses sehr dynamische Umfeld strukturiert, darstellt und analysiert.
IT-DIRECTOR: Die Entwicklung von Standards und Normen scheint hier nur schleppend voranzuschreiten. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe?
S. Tai: Zum einen sind die Herausforderungen vielfältig, von technischen Aspekten hinsichtlich Interoperabilität über Fragen der Rechtssicherheit (etwa in Bezug auf Datenschutz) bis hin zu Governance. Und das auf internationaler, europäischer und auf deutscher Ebene. Zum anderen besitzen heute vor allem US-amerikanische Anbieter durch die Marktmacht ihrer proprietären Cloud-Lösungen den größten Einfluss auf die Standardisierung im Cloud Computing. Daneben gibt es eine Vielzahl von Konsortien und Standardisierungsgremien; in unserer Studie haben wir allein 19 Organisationen identifiziert, die aktuell ein Engagement in der Cloud-Standardisierung zeigen.
IT-DIRECTOR: Warum erachten Sie Standardisierungen für Cloud-Technologien als wichtig? Welche Möglichkeiten können dadurch erreicht werden?
S. Tai: Klare Definitionen und entsprechende Regelungen sind wichtig, damit beispielsweise Konsumenten von Cloud-Diensten ihren Cloud-Dienstleister wechseln können, oder auch Angebote verschiedener Anbieter komponieren können, damit die versprochenen Qualitätseigenschaften von Diensten überprüft und sichergestellt werden können, oder auch damit IT-Sicherheit und Datenschutzvorgaben einheitlich gewährleistet werden. Standards zu Metriken, Messverfahren etc. sind zudem wichtig, um Vergleichbarkeit von Angeboten zu ermöglichen.
IT-DIRECTOR: Wer legt grundsätzlich Standards in diesem Bereich fest?
S. Tai: Unternehmen propagieren proprietäre Lösungen, die sich aber ggf. auch als De-facto-Standards im Markt etablieren können. Gremien propagieren dagegen offene Standards, oft auch als Kompromisslösung der beteiligten Akteure. Aber auch die Politik ist gefragt: Ordnungspolitisches Handeln ist wichtig, um beispielsweise die Rechtslage zu klären und so die vielfältigen Wachstumschancen der Wirtschaft durch das Cloud Computing zu wahren.
IT-DIRECTOR: Inwiefern kann/wird die Standardisierung durch die Anbieter und ggf. auch Anwender beeinflusst (werden)?
S. Tai: Wichtig ist, dass es die Möglichkeit der Partizipation für Anbieter und Anwender gibt. Dann ist auch nicht ausgeschlossen, dass Anbieter/Anwender eine aktive Rolle einnehmen können.
IT-DIRECTOR: Wie wird sich das Standardisierungsumfeld im Bereich Cloud Computing Ihrer Meinung nach in den nächsten zwei bis drei Jahren entwickeln?
S. Tai: Das Gebiet bleibt sehr dynamisch; eine Vorhersage ist deshalb sehr schwierig. Cloud Computing wird sowohl auf Anbieter- wie auch auf Nutzerseite einen enormen Zuwachs erfahren. Technische Standards besitzen die größte Reife und werden sich am schnellsten etablieren.