Dass sie der Weg früher oder später in die Cloud führt, steht für die Mehrheit der Unternehmen mittlerweile außer Frage.
Cloud Computing steht auch in der deutschen Wirtschaft vor einem rasanten Wachstum. Schon heute nutzen laut einer repräsentativen Befragung von 554 Unternehmen aus allen Wirtschaftsbereichen im Auftrag des Digitalverbands Bitkom bereits neun von zehn Unternehmen Cloud-Anwendungen. In fünf Jahren wollen 56 Prozent aller Unternehmen mehr als die Hälfte ihrer IT-Anwendungen aus der Cloud betreiben. Aber mit dem Zuwachs an verschiedensten Verbindungen, Ressourcen, Diensten und Accounts steigt auch die Komplexität in den IT-Umgebungen. Dadurch wächst das Risiko eines kaum kontrollierbaren Cloud-Wildwuchses, von Fachleuten auch als „Cloud Sprawl“ bezeichnet. „Viele Unternehmen können sich nicht vorstellen, wie schnell ein ,Cloud Sprawl‘ entstehen kann, doch er stellt ein echtes Problem dar“, weiß Henrik Hasenkamp, CEO und Co-Founder von Gridscale. Bei den riesigen Mengen an Daten, die heute täglich in Unternehmen prozessiert werden, gerate man schnell in so eine Situation.
„Wir gehen davon aus, dass die meisten Organisationen in den nächsten Jahren in einer Multi-Cloud-Realität ankommen werden. ,Cloud First‘ allein ist heute nicht mehr ausreichend – es bedarf einer Vorbereitung auf den Einsatz mehrerer Clouds“, meint Björn Brundert, Principal Technologist im Office des CTO, Global Field bei VMware. Wenn ein Unternehmen seine Cloud-Computing-Ressourcen aber nicht ausreichend transparent oder kontrolliert einsetzt, könne es zum unkontrollierten Wachstum kommen, mahnt Lukas Klingholz, Leiter Cloud und Künstliche Intelligenz beim Digitalverband Bitkom. Um dies zu verhindern, seien zwei Maßnahmen sinnvoll: „Zum einen die Einrichtung eines ,Cloud Center of Excellence (CCoE)‘.“ Das sei eine spezielle Gruppe im Unternehmen, die sich darauf konzentriert, die Aktivitäten in der Cloud zu steuern und zu kontrollieren. „Zum anderen braucht das Unternehmen eine finanzielle Betriebsoptimierung (FinOps). Dabei geht es um eine kulturelle Praxis, die sich auf die Kostenkontrolle und -optimierung konzentriert“, erklärt Klingholz. So könne ein Unternehmen sicherstellen, dass es das Beste aus seiner Investition in verschiedene Cloud-Dienste herausholt.
„Zu hohe Kosten entstehen meist durch Ineffizienzen und falsche Architekturansätze“, erläutert Maximilian Hille, Head of Digital Advisory bei Cloudflight. Bestes Beispiel: Redundanzen. Wenn sich jedes Team eine eigene Infrastruktur mit komplett autarken Subscriptions baut, kann das zum Effizienzverlust und zu hohen Kosten führen. Aber auch Lift-and-Shift-Ansätze, je nach Kostenkalkulation, sind meist nicht günstiger und schon gar nicht im Return on Investment (ROI) erfolgreicher. Hier brauche es Zusammenarbeit und eine gemeinsame Zielsetzung, betont Hille: „Cloud-Projekte im Allgemeinen bedeuten heute nicht mehr nur Infrastruktur aus der Wolke, sondern eine zusammenhängende digitale Landschaft, die alle Anwendungen, Daten, Nutzer und gegebenenfalls sogar Prozesse verbindet und technisch optimal bereitstellt.“
Mehr Transparenz wünschen sich Unternehmen auch beim Thema „Nachhaltigkeit“, wie die Bitkom-Umfrage ergab. Zwar sind 57 Prozent der Unternehmen davon überzeugt, dass sich durch die Cloud-Nutzung Energie und Ressourcen sparen lassen, und 59 Prozent meinen, durch Cloud Computing werde die Erstellung von Nachhaltigkeits-Reportings vereinfacht. Auf der anderen Seite beklagen 48 Prozent aber auch, dass der Energie- und Ressourcenverbrauch zu intransparent ist, und drei Viertel (76 Prozent) sagen, dass Cloud Computing durch die einfache Skalierbarkeit dazu führe, dass Software immer ressourcenhungriger programmiert wird. Aber inwieweit ist Nachhaltigkeit in der Cloud messbar? „Die reine Infrastruktur in CO₂- und Stromverbrauch umzurechnen, ist noch vergleichsweise einfach“, so Hille. „Komplexe, hybride Landschaften mit zahlreichen Services, die an anderer Stelle Compute-Ressourcen verbrauchen, sind da schon deutlich schwerer zu erfassen.“ Für Henrik Hasenkamp ist die Frage der Nachhaltigkeit eines der wichtigsten Zukunftsthemen im Cloud-Geschäft. Bis 2024 müssten große Unternehmen Nachhaltigkeitsberichte vorweisen. „Die Cloud macht so einen entscheidenden Teil der IT-Infrastruktur aus, dass man ihren Einfluss einfach nicht ignorieren darf“, meint Hasenkamp. Ein Weg, um die große Verunsicherung bei diesem Thema abzubauen und für mehr Klarheit zu sorgen, ist aus Sicht von Lukas Klingholz das Konzept der GreenOps. Dabei gehe es um die Steuerung der Nachhaltigkeit von Cloud-Aktivitäten. Man könne GreenOps wie eine Art interne „Umweltaufsicht“ für die Cloud verstehen. Es gehe darum, die Cloud-Nutzung so umweltfreundlich wie möglich zu gestalten, indem der Energie- und Ressourcenverbrauch minimiert werde. „Eine Herausforderung dabei ist, dass verschiedene Cloud-Anbieter unterschiedliche Metriken zur Messung der Nachhaltigkeit verwenden und direkte Vergleiche dadurch schwerfallen“, meint der Experte. Es sei jedoch zu erwarten, dass sich in diesem Bereich noch einiges entwickeln werde. „Wie in vielen anderen Technologiebereichen auch werden sich Standards durchsetzen, die eine klarere und einheitlichere Messung der Nachhaltigkeit ermöglichen“, so Klingholz.
Dass sie der Weg früher oder später in die Cloud führt, steht für die Mehrheit der Unternehmen mittlerweile außer Frage. Nur 35 Prozent gaben in der Bitkom-Umfrage an, dass ihnen der wirtschaftliche Nutzen unklar sei. „Der Anteil der Unternehmen, die in Cloud Computing aktuell noch ein neues Lizenzmodell sehen, was für ihr Office ,aufgezwungen‘ wurde, wird zunehmend kleiner. Im Umfeld der Großunternehmen und Konzerne sollte es diese gar nicht mehr geben, daher ist der Wert der Cloud schon eher erkannt“, sagt Hille. „Das Problem ist aktuell in Unternehmen aber oft, dass sich der erwartete Effekt durch die Cloud-Nutzung nicht schnell genug einstellt. Wollen die Unternehmen ihre Cloud-Landschaft ordentlich aufsetzen, braucht dies Zeit, Geld und externe Hilfe. Dort gleichzeitig die Mehrwerte in Form neuer Anwendungsszenarien zu realisieren und an den Markt zu bringen, ist schwierig.“ Daher würden insbesondere externe Investitionen noch kritischer hinterfragt, die Daumenschrauben für den ROI noch enger gezogen und die Ungeduld der Entscheidungsebenen wird noch offensichtlicher. „Es ist einerseits sehr gut, dass die Zeit der wahllosen Investitionen in ,Cloud First‘ und Innovation um jeden Preis endet, vielleicht schießen manche Unternehmen hier aber über ihr Ziel hinaus und beschneiden sich zu früh in ihrer digitalen (Cloud-)Transformation“, gibt Maximilian Hille zu bedenken.
Seit dem großen Hype um ChatGPT haben zahlreiche Unternehmen das Thema „Künstliche Intelligenz (KI)“ in den Fokus genommen. „Die wenigsten Unternehmen verfügen über die notwendige leistungsfähige Hardware, um KI-Anwendungen selbst On Premises laufen zu lassen“, weiß Klingholz. Dank der Cloud gebe es einen technisch und organisatorisch niedrigschwelligen Zugang zu aktuellsten KI-Lösungen. „Viele Cloud-Anbieter bieten spezielle Dienste an, die es auch Unternehmen ohne Know-how in diesem Bereich ermöglichen, von den Vorteilen der KI zu profitieren. Sie können etwa vortrainierte Modelle für Aufgaben wie Bilderkennung, Spracherkennung oder Vorhersageanalysen nutzen.“ Davon profitieren insbesondere kleine und mittlere Unternehmen, die ansonsten von dieser Technologie weitgehend abgeschnitten wären.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 6/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Weiterhin werden Cloud-basierte Anwendungen und Dienste zunehmend selbst Gebrauch von KI-Technologien machen und laut Björn Brundert „nicht nur den Kunden und Anwendern eine bessere Erfahrung liefern, sondern auch im IT-Betrieb stärker unterstützen – sei es bei der Absicherung der diversen Umgebungen, der Automatisierung von Abläufen oder anderen Aufgaben“.
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