Tobias Geber-Jauch, CTO Managed Services Factory und Director Proposition Management bei Computacenter
IT-DIRECTOR: Herr Geber-Jauch, wie ist der Status quo im Outsourcing in der deutschen IT-Landschaft?
T. Geber-Jauch: Es werden nach wie vor viele Dienste ausgelagert, das „wie“ hat sich jedoch verändert. Betrachtet man alle nach außen gegebenen Serviceleistungen, steigt das gesamte Outsourcing-Volumen kontinuierlich. Aber die Art und Weise, wie Kunden diese Services vergeben, wird immer selektiver. Somit ist eine deutliche Veränderung vom Komplett-Outsourcing zum gezielten Outtasking zu erkennen.
IT-DIRECTOR: Welche Branchen und Unternehmen haben grundsätzlich ein hohes Outsourcing-Level und welche eher nicht?
T. Geber-Jauch: Die fertigende Industrie, vor allem Maschinenbau und Automobilbereich, besitzt ein hohes Outsourcing-Level. Sie legt traditionell auf Effizienz und Flexibilität Wert und arbeitet mit vielen Zulieferern zusammen. Im Gegensatz dazu ist beispielsweise die Gesundheitsbranche noch sehr zögerlich. Dies liegt hauptsächlich an den sensiblen, personenbezogenen Daten. Diese dürfen häufig schon aus Landes- oder Bundesrecht nicht in fremde Hände gegeben werden.
Bezüglich der Unternehmensgröße lagern vor allem der gehobene Mittelstand und große Organisationen aus. Gerade bei Unternehmen mit 1.000 bis 10.000 Mitarbeitern ist der Grad sehr hoch, wodurch es hier noch viel mehr Full-Outsourcing gibt. Auch Konzerne mit mehr als 10.000 Anwendern lagern aus. Da es sich hier meist um einzelne Bereiche handelt, erfolgt dies gemessen am eigenen IT-Budget zu einem niedrigeren Prozentsatz.
IT-DIRECTOR: Welche Prozesse werden heutzutage aus welchen Gründen ausgelagert?
T. Geber-Jauch: Die große Masse an Outsourcing- und Outtasking-Projekten befindet sich nach wie vor im Umfeld von Rechenzentrum und Infrastruktur, also Netzwerk, Desktops und User Helpdesk. Es werden aber auch immer mehr Anwendungen ausgelagert, vor allem Standardanwendungen wie ERP- oder Web-Applikationen. Spezielle Legacy-Anwendungen, gerade im Automobilbereich oder Bankenumfeld, bleiben dagegen meist weiterhin beim eigenen Kern-IT-Team.
Die Hauptgründe dafür sind in erster Linie Kosten und an zweiter Stelle Qualität. Mit der Auslagerung sollen bei gleichbleibender oder steigender Qualität in erster Linie die Aufwendungen für den IT-Betrieb gesenkt werden. Ein weiterer wichtiger Grund ist die Steigerung der Effizienz, um eine höhere Geschwindigkeit und Flexibilität der Businessprozesse zu erreichen.
IT-DIRECTOR: Welche Tendenzen sind derzeit zu beobachten?
T. Geber-Jauch: Unternehmen überlegen sich immer häufiger, inwieweit aktuelle Public- oder Private-Cloud-Angebote eine Alternative zum klassischen Outsourcing sein können. Vom Umsatzvolumen und Anteil der Services her spielt dieser Bereich bei Enterprise-Kunden aber derzeit kaum eine Rolle. Aber sie evaluieren zunehmend diese Lösungen und erproben, inwieweit unkritische Dienste wie bestimmte Infrastrukturservices über unternehmensfähige Cloud-Lösungen in Zukunft geliefert werden können.
IT-DIRECTOR: Woran liegt die fehlende Akzeptanz von Cloud-Lösungen?
T. Geber-Jauch: Im Moment sind die Erwartungen von Anbietern und Endkunden noch zu unterschiedlich. Cloud-Provider haben häufig bereits viel in ihre Angebote investiert und diese weitgehend standardisiert, um sie effizient bereitstellen zu können. Den Enterprise-Kunden sind diese Cloud-Lösungen aber oftmals zu unflexibel und ihre Anforderungen sind deutlich individueller. So stellt sich die Frage, wie Anbieter beispielsweise ihre Angebote für Rechenzentrumsinfrastruktur so zuschneiden können, dass sie unterschiedlichen Branchen gerecht werden und nicht im Leistungsportfolio zu starr sind. Nicht nur im Leistungskatalog, sondern auch in den Vertragsstrukturen wünschen sich Kunden mehr Spielraum. Dies betrifft vor allem die geforderten Abnahmevolumina und die Möglichkeit, Vertragslaufzeiten zu verkürzen. Außerdem gibt es Diskussionen zwischen Anbietern und Anwendern bezüglich Sicherheit und Preisgestaltung.
IT-DIRECTOR: Welche Fehler werden beim Outsourcing häufig gemacht?
T. Geber-Jauch: Immer wieder ist eine schlechte Vorbereitung von Outsourcing-Projekten zu erkennen. So werden häufig die genauen Erwartungen und Ziele für den Dienstleister im Vorfeld nicht ausreichend festgelegt. Wie so oft steckt der Teufel im Detail: So sind die bereits erwähnten Bereiche Vertragslaufzeit, Abnahmevolumina, Kosten und Leistungsumfang inklusive SLAs eindeutig zu definieren. Konkretisierte Erwartungen können Ärger vermeiden.
IT-DIRECTOR: Heißt das, viele Unternehmen sind heute noch nicht bereit für Outsourcing?
T. Geber-Jauch: Ja und nein, sie beschäftigen sich zwar meist schon seit längerem mit dem Thema, zögern aber oft noch bei der Herausgabe von Daten oder der Abgabe von Verantwortung. Vor allem Cloud-Angebote haben hier zu einer erneuten Beschäftigung mit den grundlegenden Fragen geführt: Welche Dienste kann ich überhaupt auslagern? Welchen konkreten Nutzen bringen Outsourcing oder Outtasking für meine Geschäftsprozesse? Ist mein Unternehmen bereit für die Cloud? CIOs müssen häufig zwischen der eigenen Unternehmensführung und dem Anbieter vermitteln. Ihre Aufgabe ist es, herauszufinden, welche Modelle die Unternehmensziele optimal unterstützen. Gegenüber dieser strategischen Frage geraten die technischen Themen zunehmend in den Hintergrund.
IT-DIRECTOR: Aber müssen Unternehmen denn überhaupt auslagern?
T. Geber-Jauch: Das muss jedes Unternehmen selbst entscheiden. Doch eins ist klar: Der Druck wird größer, von außen durch steigenden Wettbewerb und neue Kundenanforderungen. Von innen durch die anhaltenden Forderung nach Kostenreduzierung, Effizienz und Unterstützung des Geschäfts. Ich bin der Überzeugung, dass der Anteil an standardisierten Infrastrukturleistungen aus Clouds in den nächsten drei bis fünf Jahren steigen wird.