Jens-Peter Feidner: „Wir sehen großes Potenzial, die Abhängigkeit von Erdgaslieferungen durch Abwärmenutzung zu reduzieren.“
ITD: Herr Feidner, welchen Einfluss haben die Krisen der vergangenen Monate auf die Rechenzentren (RZ) in Deutschland und deren Betrieb ausgeübt?
Jens-Peter Feidner: Wie für nahezu alle Industrien und Branchen in Deutschland und Europa stellen uns die gestiegenen Energiepreise ebenfalls vor große Herausforderungen. Rechenzentren als Fundament der Digitalisierung sind essenziell für den Betrieb verschiedener (system-) kritischer Einrichtungen und Anwendungen, wie etwa Krankenhäuser, Universitäten, Flughäfen oder Online-Banking-Anbieter. Steigende Energiepreise haben daher auch Auswirkungen auf viele weitere Einrichtungen und Unternehmen, die von Bürgern tagtäglich genutzt werden.
Die Abwärme, die Rechenzentren produzieren, könnten gezielter in die städtische Infrastruktur eingegliedert werden und so zur Abfederung der Energiekrise beitragen. Dafür muss jedoch vielerorts die Infrastruktur angepasst oder geschaffen werden. Laut einer Umfrage des Borderstep Instituts gaben bereits 40 Prozent der Rechenzentrumsbetreiber an, dass sie ihre Abwärme teilweise nutzen. Doch der unzureichende Ausbau des Fernwärmenetzes bleibt eine Herausforderung. Ein gemeinsames Agieren von politischen Akteuren und Vertretern unserer Branche ist somit gefordert, um schnellstmöglich effiziente Lösungen zu finden. Wir sehen großes Potenzial, die Abhängigkeit von Erdgaslieferungen durch Abwärmenutzung zu reduzieren.
ITD: Wie sind Data Center in Deutschland derzeit mit Bezug auf die Nachhaltigkeit aufgestellt und inwieweit ist eine Modernisierung vonnöten?
Feidner: Die Digitalisierung hat in nahezu alle Lebensbereiche Einzug gefunden und ist ein wichtiger Beschleuniger bei der Erreichung der Pariser Klimaziele. Eine aktuelle Studie von Eco, dem Verband der Internetwirtschaft, durchgeführte Studie zu Rechenzentren hebt hervor, dass Digitalisierung in Deutschland bis zu 34 Prozent zum deutschen Klimaziel 2030 beitragen kann. Als Rückgrat der Digitalisierung spielen Rechenzentren somit eine Schlüsselrolle.
Führende Betreiber setzen auf Innovationen in Kernbereichen, um kontinuierliche Fortschritte zu gewährleisten. Gleichzeitig helfen sie Unternehmen dabei, ihre digitale Infrastruktur nachhaltig zu gestalten. Wir sind bereits seit vielen Jahren bemüht, unseren Energieverbrauch fortgehend zu optimieren. Es wurde bereits viel erreicht und unsere Rechenzentren zählen zu den effizientesten der Branche. Durch die Science Based Target Initiative wurden Equinix Science Based Targets für die Klimaneutralität bis 2030 gesetzt. Einige unserer Nachhaltigkeitsbemühungen zeigen sich beispielsweise in der konsequenten Nutzung und Einhausung von Kaltgängen, in der Optimierung der Energieeffizienz mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) und dem Einkauf von Ökostrom über ein entsprechendes Grünstromzertifikat der Mainova.
Unsere Rechenzentren modernisieren wir fortlaufend, um so effizient wie möglich im Betrieb zu sein. Das ist bei den hohen Energiepreisen sowohl für uns als auch für unsere Kunden besonders wichtig. Wir sehen aber insbesondere bei kleineren, unternehmenseigenen Rechenzentren Modernisierungsbedarf. Oftmals sind diese noch mit veralteter Technik ausgestattet. Im Vergleich zu Colocation-Rechenzentren sind sie ohnehin weniger nachhaltig, weshalb es sich für viele Unternehmen lohnt, sich in neutralen Rechenzentren in den großen digitalen Ökosystemen mit Partnern zu vernetzen. Ich nenne immer gerne das Beispiel eines Busses, um es zu veranschaulichen. Wenn jeder im eigenen Auto zur Arbeit fährt, ist das weniger effizient, als wenn alle denselben Bus nehmen.
ITD: Wann ist es besser, ein RZ komplett neu zu bauen, statt es zu modernisieren?
Feidner: Innovationen und Modernisierungen bestimmen seit vielen Jahren unser Geschäftsbild, weshalb die Neubauten der vergangenen fünf bis sechs Jahre noch auf einem recht aktuellen Stand sind. Jedes neu gebaute Rechenzentrum wird innovativer und effizienter. Ältere Rechenzentren modernisieren wir bedarfsgerecht und lassen natürlich auch neue Entwicklungen, sei es bei Technik, Zertifikaten oder Umweltvorgaben einfließen. So investieren wir beispielsweise auch in das Design neuer Rechenzentren mit begrünten Fassaden und als offen gestaltete Office-Gebäude. Wir haben seit 2011 weltweit 129 Millionen US Dollar in Energieeffizienz-Upgrades in unseren Standorten investiert. Wenn wir bestehende Standorte erweitern, integrieren wir nach Möglichkeit immer auch neuere und effizientere Technologien und ersetzen die alten. Da es sich dabei jedoch um eine kritische Infrastruktur handelt und die Rechenzentren in Betrieb sind, gleichen solche Maßnahmen einer „OP am offenen Herzen“. Jeder Eingriff muss also sorgfältig abgewogen werden. Da der Bedarf an Rechenzentren im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung weiterwächst, sind Neubauten ohnehin für viele Betreiber unumgänglich. Das bietet den Vorteil, dass die neusten Nachhaltigkeitsmaßnahmen schon von Anfang an integriert sind. Doch bevor bestehende Rechenzentren stillgelegt werden, sollte immer auch bedacht werden, dass der Neubau Ressourcen benötigt, die sich ebenfalls auf die Nachhaltigkeitsbilanz auswirken können.
ITD: Was sollten Betreiber bei einer entsprechenden Planung beachten?
Feidner: Bei der Planung und beim Bau von Rechenzentren sollte unbedingt beachtet werden, schon von Anfang an nachhaltig zu agieren. Equinix setzt hier auf ein standardisiertes Design nach höchsten Effizienzstandards. Die Power Usage Effectiveness (PUE) sollte natürlich möglichst hoch sein, sodass das Rechenzentrum so energiesparend wie möglich betrieben werden kann. Das gilt auch für potenzielle Maßnahmen wie die Nutzung von Abwärme: Bei unseren Neubauten in Deutschland, wo der Anschluss an das Nahwärmenetz direkt möglich ist, setzen wir dies frühzeitig im Design bereits um. Ein Beispiel dafür ist das neue Rechenzentrum MU4, das Anfang 2022 in München eröffnet wurde. Auch innovative Technologien wie Künstliche Intelligenz können Prozesse optimieren und die Energieeffizienz steigern. Dies lässt sich bereits an bestehenden Rechenzentren testen, wie es Equinix mit dem Darmstädter Energie-Start-up Etalytics in Frankfurt getan hat. Hier wurden Einsparpotenziale von bis zu 48 Prozent des Teilsystems in der Kühlung identifiziert. Zusätzliche Maßnahmen wie begrünte Fassaden oder Photovoltaik sind ebenfalls sinnvoll, um die Effizienz zu steigern.
ITD: Omnipräsent in Medien und Unternehmen ist auch das Thema „Security“ – welche Risiken stehen derzeit für Rechenzentren im Vordergrund?
Feidner: Für die Betreiber von Rechenzentren ist klar: Stabilität und Betriebsfähigkeit haben oberste Priorität, damit digitale Dienste, die wir jeden Tag nutzen, nicht unterbrochen werden. Der Bedarf an digitalen Services und Datenaustausch, der im Zuge der Pandemie bereits enorm gestiegen ist, wird kontinuierlich weiter zunehmen. Deswegen ist es umso wichtiger, dass Rechenzentren in Betrieb bleiben. Unternehmen wie Equinix sind bestrebt, wachsenden Anforderungen nach technologischer Innovation nachzukommen. Daher entwerfen wir zukunftssichere Standorte und Dienstleistungen, die den sich verändernden Umgebungen gerecht werden. Im Rahmen unserer normalen Geschäftspraktiken bei Equinix verfügen wir über umfangreiche Notfallpläne zum Schutz unserer globalen Rechenzentrumsinfrastruktur, Netzwerke und Systeme. Diese verfügen über ein hohes Maß an Ausfallsicherheit und Redundanz, um potenzielle Störungen zu minimieren. Dazu gehören auch Backup-Energiesysteme, die im unerwarteten Fall eines Energieausfalls eingesetzt werden können.
Mit Blick auf aktuelle Berichterstattung wird zudem zunehmend klar, wie wichtig der Schutz kritischer Infrastruktur, insbesondere auch am Meeresboden, ist. Der Datenverkehr nimmt weltweit zu, und Schätzungen zufolge werden 99 Prozent des gesamten internationalen Kommunikationsverkehrs, einschließlich Daten, Videos und Online-Spiele, über Unterseekabel abgewickelt. Die gute Nachricht ist, dass die Branche umfassende Vorkehrungen für den Fall eines Ausfalls des Netzes getroffen hat, sodass Daten über andere Routen umgeleitet werden können. Wir nehmen das Risiko ernst. Gleichzeitig möchte ich jedoch auch betonen, dass ein physischer Angriff auf die Infrastruktur, wie er bei der Beschädigung von Unterseekabeln erfolgen müsste, viel Geschick, Zeit, Risiko und Vorbereitung erfordert und daher ohne Entdeckung und entsprechende Vorbeugung kaum erfolgreich durchführbar ist. Viele der Kabel sind zudem im Meeresboden eingegraben, was eine Sabotage nochmals erschwert. Dass politische Akteure nun jedoch auf potenzielle Risiken aufmerksam gemacht wurden und verstärkt auf den Schutz kritischer Infrastruktur achten, ist eine wichtige Entwicklung, die wir gutheißen.
ITD: Was können Betreiber entsprechend unternehmen, damit RZ samt oft kritischen Daten vor Cyberangriffen besser gewappnet sind?
Feidner: Die Branche ist sich bewusst, wie gefährlich Datenverletzungen für Unternehmen sind. Rechenzentren spielen eine entscheidende Rolle beim Schutz davor. Colocation ist in den meisten Fällen sicherer als firmeneigene Rechenzentren, da der physische Schutz der Kundendaten zu unseren Hauptaufgaben gehört. Wir investieren viel in Personal, Technologie und Prozesse, um hohe Sicherheit und Verfügbarkeit zu gewährleisten. Jedes Equinix-Rechenzentrum verfügt über mehrere Sicherheitsstufen. Dazu gehören in der Regel rund um die Uhr besetzte Sicherheitsstationen, eine Reihe von Karten- und biometrischen Lesegeräten, „Mantraps“, Hunderte von Sicherheitskameras und die Kontrolle durch eine verschlüsselte Datenbank. Unser ursprüngliches IBX-Sicherheitskonzept wurde von denselben Architekten entwickelt, die auch für das Sicherheitssystem der US-Notenbank verantwortlich sind. Für die Umsetzung einer erfolgreichen Sicherheitsstrategie, die sowohl physische als auch Cyber-Elemente umfasst, ist es unerlässlich, eine durchgängige Richtlinienkontrolle und -transparenz zu erreichen, und zwar von der Zentrale des Unternehmens bis hin zur „Digital Edge“. Die Vorbereitung auf mögliche Angriffe ist Schlüssel zur Gewährleistung der Netzwerkresilienz. Die schnelle Reaktion auf Angriffe ist aber ebenso wichtig. Eine verteilte Infrastruktur erhöht die Ausfallsicherheit und Flexibilität im Vergleich zu zentralisierten Speichermodellen in unternehmenseigenen Rechenzentren.
ITD: Den seit einiger Zeit vorherrschenden Fachkräftemangel bekommen viele Unternehmen immer härter zu spüren. Inwiefern betrifft das auch RZ?
Feidner: Laut unserer jährlichen Umfrage zu globalen Technologietrends 2022 (Global Tech Trends Survey) betrachten 54 Prozent der deutschen IT-Entscheider den Mangel an IT-Fachkräften als eine zentrale Gefahr für ihr Unternehmen. Die häufigsten Probleme in Deutschland, die jeweils von mehr als 40 Prozent der Befragten genannt wurden, waren Bewerbungen auf Stellen trotz falscher Qualifikationen (47 Prozent) sowie die Schwierigkeit, gutes Personal an das Unternehmen zu binden (43 Prozent). Unternehmen müssen Wege finden, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, um mit der Nachfrage und der rasanten Beschleunigung der Digitalisierung mithalten zu können.
Das Wohlbefinden und die mentale Gesundheit am Arbeitsplatz spielen insbesondere für die Bindung von Mitarbeitern eine entscheidende Rolle. Diese Entwicklung wird vor allem von der jungen Generation vorangetrieben, für die Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion nicht mehr nur ein „nice to have“ sind. Um den Fachkräftemangel zu bekämpfen, müssen Unternehmen einerseits Arbeitsmodelle gestalten, die den Erwartungen der jungen Arbeitskräfte entsprechen und so eine neue Führungskräftegeneration fördern. Andererseits müssen für die Personalgewinnung neue Wege erschlossen werden. Das kann, wie es auch Equinix tut, über eine Reihe von Programmen für die berufliche Umschulung aus anderen Branchen sein. In Deutschland arbeiten wir mit dem Deutscher Ingenieurinnenbund e.V. zusammen, um Frauen für die Tech-Branche zu begeistern und fördern mit unserem Ausbildungsprogramm junge Talente in der Rechenzentrumsbranche. In Deutschland entspricht die Anzahl unserer aktuell 35 Auszubildenden in verschiedenen IT-Rollen fast 10 Prozent der Gesamtbelegschaft.
ITD: Wie sieht die Zukunft der Data Center aus? Wagen Sie einen Ausblick.
Feidner: Rechenzentren werden auch weiterhin das Herzstück der digitalen Infrastruktur bilden. Schaut man sich den wachsenden Bedarf der Industrien an, wird deutlich, wie sich diese Rolle noch verstärken wird. Equinix‘ Global Interconnection Index 2022 (GXI) liefert wichtige Einblicke: Die Interconnection-Bandbreite wird bis 2025 in allen Regionen und Ballungsräumen voraussichtlich einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von über 35 Prozent wachsen. In der EMEA-Region ist ein Wachstum von 40 Prozent zu erwarten. Dabei bleiben deutsche Standorte ganz vorne mit dabei: Frankfurt ist der größte Standort für Telekommunikations- und Produktions-Interconnection in der EMEA-Region und die zweitgrößte Drehscheibe nach London für Banken und Versicherungen, Wertpapiermarkt und Handel, Groß- und Einzelhandel, Gesundheitswesen und Biowissenschaften, Verbraucherdienste sowie industrielle Dienstleistungen.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 12/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Die weiterhin zunehmende Bedeutung von Rechenzentren heißt aber auch, dass weitere Innovationen folgen müssen, um den Betrieb so effizient wie möglich zu gestalten. Hier gibt es spannende Forschungsprojekte, an denen auch Equinix maßgeblich mitwirkt. Die Zukunft wird digital, doch wir müssen daran arbeiten, dass die Zukunft lebenswert bleibt. Daher engagiert sich die Branche in Eigenregie für einen zeitnahen, klimaneutralen Betrieb. Dieser Gedanke wird bei der Zukunft der Rechenzentren eine entscheidende Rolle spielen. Dabei ist die Zusammenarbeit mit Industrie, Politik und Wissenschaft elementar, um nachhaltigere und zukunftssichere Systeme zu entwickeln, die sicherstellen, dass kritische digitale Infrastrukturen auch bei extremen Ereignissen funktionsfähig bleiben – sei es bei Hitzewellen, Pandemien oder Kriegen.
Bildquelle: Equinix