Der DLG Translator dolmetscht in 11 Sprachen
Marcus Vagt, DLG Service GmbH
Wenn vor internationalem Publikum gesprochen wird, ist das Überwinden der Sprachbarrieren immer eine Herausforderung. Dank einer von Telekom MMS entwickelten KI-Lösung meistert die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) diese Herausforderung mittlerweile digital. Marcus Vagt erklärt, wie das funktioniert.
Herr Vagt, die DLG bedient sich seit Kurzem eines KI-basierten Tools, das Bühnenvorträge visualisieren und übersetzen kann. Wie kamen Sie auf die Idee, KI-Technik als Übersetzungshilfe einzusetzen?
Marcus Vagt: Wir heißen zwar „Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft“, sind aber weltweit aktiv. Unsere Leitmessen und Fachtagungen sind internationale Veranstaltungen; entsprechend wichtig ist für uns das Thema Übersetzung. Da wir in den letzten Jahren bereits gute Erfahrung mit einem Transkriptionsservice von Microsoft gemacht hatten, lag die Überlegung nahe, das automatische Transkribieren – also das Verschriftlichen von gesprochener Sprache – mit maschineller Übersetzung zu kombinieren. Die dazu nötige KI-Lösung hat die Telekom MMS gemeinsam mit uns entwickelt.
Wie ist der Kontakt zustande gekommen?
Marcus Vagt: Die DLG wird ja schon seit Jahren von der Telekom betreut, auch in IT-Belangen. Deshalb haben wir uns auch mit diesem Anliegen an die Telekom gewandt. Die Telekom MMS setzte dann in Zusammenarbeit mit uns eine Lösung auf Basis der neuesten KI-Sprachmodelle von Microsoft Azure auf. Für diese Lösung sind wir jetzt der Referenzkunde.
Wie hat sich der Entwicklungsprozess gestaltet? Oder anders gefragt: Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der Telekom MMS?
Marcus Vagt: Die Zusammenarbeit war wirklich gut – und sie ist es noch immer. Das Tool, das wir übrigens „DLG Translator“ nennen, wird ja noch weiterentwickelt. Es wurde nach unseren Wünschen und Anforderungen konzipiert, und die Erfahrungen, die wir jetzt damit machen, fließen in das Feintuning mit ein. Wir sind also direkt in den Entwicklungsprozess eingebunden.
Und was genau kann der DLG Translator?
Marcus Vagt: Im Wesentlichen zwei Dinge: Zum einen kann er gesprochene Sprache in geschriebenen Text umwandeln und diesen als Live-Stream anzeigen, zum anderen kann er den geschriebenen Text automatisch übersetzen. In der Praxis sieht das dann so aus, dass bei einem Bühnenvortrag die Worte der vortragenden Person in Schriftform auf einem großen Bildschirm erscheinen, und zwar in einer ausgewählten Sprache. In der Regel ist das Englisch. Doch der Translator kann noch mehr: Zuhörerinnen und Zuhörer, die weder die Sprache des vortragenden Menschen noch Englisch verstehen, können mit ihrem Smartphone einen QR-Code scannen und sich den Text auf ihrem Mobilgerät in einer von ihnen gewünschten Sprache anzeigen lassen. Bisher stehen elf Sprachen zur Verfügung, darunter Französisch, Spanisch, Dänisch und sogar Hindi und Chinesisch.
Lässt sich der übersetzte Text auch hörbar machen?
Marcus Vagt: Ja, per Text-to-Speech-Funktion. Damit können die Zuhörerinnen und Zuhörer den Text, der auf ihrem Smartphone erscheint, über Kopfhörer hören. Sie haben dann nur einen gewissen Zeitversatz, wie er auch bei der Übersetzung durch einen Simultanübersetzer auftritt.
Wie verlief denn der erste Einsatz – und wie hat sich das Tool seither etabliert?
Marcus Vagt: Schon der erste Einsatz war ein Erfolg. Er fand 2023 auf der Agritechnica statt, der Weltleitmesse für Landtechnik der DLG. Wir haben das Tool bei 90 Veranstaltungen – Vorträgen, Pitches und Panels – eingesetzt und konnten damit insgesamt über 1.000 Zuhörerinnen und Zuhörern erreichen. Wie jede neue Software erwies sich natürlich auch der Translator am Anfang noch als optimierfähig. Er konnte zum Beispiel in der Beta-Version die Sprache der vortragenden Person nicht selbständig erkennen. Man musste die Quellsprache manuell bestimmen, was bei Podiumsdiskussionen mit verschiedensprachigen Sprecherinnen und Sprechern umständlich war. Inzwischen ist das behoben. Ein Learning war außerdem, dass die Tontechniker immer einen Splitter parat haben müssen. Nur mit diesem Gerät lässt sich das Tonsignal des Mikrofons überhaupt erst in den Translator einspeisen. Aber das wissen wir jetzt.
Wie kommt der DLG Translator insgesamt an, welche Rückmeldungen haben Sie bislang erhalten?
Marcus Vagt: Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Bemerkenswert ist, dass die meisten Besucherinnen und Besucher unserer Veranstaltungen das automatisierte Übersetzen gar nicht als technischen Meilenstein wahrnehmen, sondern eher als zeitgemäßes Service-Feature. Wir interpretieren das so, dass die DLG ein Image als sehr fortschrittliches Unternehmen hat, von dem man derartige Innovationen einfach erwartet.
Dass der Einsatz des Translators organisatorische Vorteile hat, liegt auf der Hand. Aber wie steht es mit der Qualität der Übersetzungen?
Marcus Vagt: Die Qualität ist erstaunlich gut. Ich selbst spreche Englisch und Spanisch, und ich würde der KI-Lösung eine Übersetzungsqualität auf dem Level von professionellen Humanübersetzungen bescheinigen. Lediglich bei sehr speziellen Fachbegriffen müssen ein paar Zugeständnisse gemacht werden, aber die KI lernt ja fortwährend. Früher haben wir umfangreiche Kladden mit den Übersetzungen für Fachtermini geführt – das sparen wir uns heute. Und die organisatorischen Vorteile sind geradezu überwältigend; wir können unsere Vortragsreihen jetzt viel einfacher planen. Die KI ist ja immer verfügbar, und sie muss nie eine Pause machen. Dazu kommt noch der wirtschaftliche Aspekt: Speziell bei großen Veranstaltungen mit mehreren Vortragsbühnen sparen wir eine Menge Geld. Hinzu kommt, dass auch Besucherinnen und Besucher mit eingeschränktem Hörvermögen allen Vorträgen problemlos folgen können.
Wie sieht Ihre Einsatzplanung für den Translator in der nahen Zukunft aus?
Marcus Vagt: Für die nahe Zukunft planen wir den vollständigen Rollout, also den Einsatz auf allen unseren Messen und Tagungen. Dazu gehören dann auch die Veranstaltungen, die von unseren Tochtergesellschaften – davon haben wir weltweit etliche – durchgeführt werden. Vielleicht stellen wir den Translator auch einzelnen Mitgliedern unseres Netzwerks zur Verfügung. Ich denke im Übrigen, dass der Translator noch ausbaufähig ist. Zum Beispiel in Bezug auf das Hörbarmachen der Übersetzungen: Man kann mit Stimmanalysen sicher dafür sorgen, dass die Zuhörinnen und Zuhörer, wenn sie die übersetzten Texte auf ihrem Smartphone mit Text-to-Speech für sich hörbar machen, dabei die Originalstimme der vortragenden Person hören.
Und was denken Sie generell über den Einsatz von KI? Wird künstliche Intelligenz in der DLG bald auch noch in anderen Bereichen eingesetzt werden?
Marcus Vagt: Davon gehe ich aus. KI ist eine ungeheuer vielfältig einsetzbare Technologie, und wir beginnen gerade erst, sie effektiv in unsere Prozesse einzubinden. Ich kann mir für die Zukunft zum Beispiel einen KI-basierten Chatbot vorstellen, der im Vorfeld unserer Veranstaltungen Fragen zur Ticketausstellung und zu anderen Themen beantwortet. Auch bei der Messestandflächenplanung könnte KI hilfreich sein. Das Erstellen eines Hallenbelegungsplanes für eine Messe ist eine hochkomplexe Aufgabe, bei der viele Faktoren berücksichtigt werden müssen – mit KI lässt sich diese Aufgabe vielleicht einfacher lösen. Und damit bewegen wir uns ja erst mal nur im Bereich der Veranstaltungsplanung. In einer breit aufgestellten Organisation wie der DLG kann KI ganz sicher auch in anderen Bereich eine Hilfe sein, etwa in den Bereichen Texterstellung und webbasierte Suche. In der Landwirtschaft selbst sind KI-gestützte Lösungen schon lange im Einsatz – zum Beispiel in der Tierhaltung im Herdenmanagement. Ich will aber betonen: KI ist ein Werkzeug, kein Menschenersatz. Sie kann Expertinnen und Experten dabei helfen, ihre Arbeit noch effizienter zu erledigen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Bild: Florian Pircher / Pixabay