Dr. Rupert Stuffer ist Experte im Bereich „Projektmanagement“ und gründete 2014 das Unternehmen Collaboration Factory.
ITD: Herr Dr. Stuffer, was bedeutet das Konzept des „Citizen Development (CD)“ konkret für Sie?
Stuffer: Wir als Unternehmen bieten eine Plattform für Next-Generation Project and Portfolio Management an – in diesem Kontext ist der Ansatz für uns strategisch sehr bedeutsam. Wir sind davon überzeugt, dass modernes Projektmanagement heute von einer möglichst flexiblen Kombination klassischer, agiler und einfacher Methoden lebt und es für unterschiedliche Zielgruppen und Management-Stile jeweils angepasst und anders abgebildet werden muss – und dass die starren alten Enterprise-PPM-Systeme mit ihren komplexen Lösungen das nicht mehr schaffen.
Unser Produkt cplace ist eine Standardplattform mit fertigen Projektmanagement-Bausteinen, ergänzt durch einen Werkzeugkoffer zur flexiblen Lösungsentwicklung – also genau diese No-Code-/Low-Code-Themen, wo sowohl ein Profientwickler als auch die Fachleute ihre Dashboards, Reports, Workflows und ihre Erweiterungen des Datenmodells selbst abbilden können. Das hat eine ganz neue Qualität. Die Fachleute sind direkt mit in den Entwicklungsprozess eingebunden und daraus entstehen innovative Lösungen und Konzepte. So eine Plattform muss natürlich fertige Bausteine mitliefern, schließlich will man nicht jede Standardmethode immer neu entwickeln. Aber wie man diese Bausteine durch eigene Datenmodelle und Workflows ergänzt, dafür braucht es die entsprechenden technologischen Möglichkeiten über No-Code/Low-Code.
ITD: Welche Vorteile bietet der Citizen Development-Prozess für Unternehmen?
Stuffer: Wir sehen, dass durch das viel engere Einbeziehen der Fachleute – also der Anwender, die das ganze zum Schluss auch praktisch nutzen – in die Entwicklung neuer IT-Lösungen in kürzerer Zeit bessere Lösungen entstehen. Man spart sich den komplexen Übersetzungsprozess, beispielsweise in Pflichtenheften einen Bedarf niederzuschreiben, den die IT zunächst verstehen muss, den der Programmierer wieder umsetzen muss, usw. – also eine Art der Software-Entwicklung, die sehr schnell an ihre Grenzen kommt. Beim Citizen Development macht der Spezialist selbst mit und das ganze führt so zu einer viel schnelleren Lösung. Im nächsten Schritt führt das Verfahren auch zu einer besseren Akzeptanz, denn wenn man nicht nur Nutzer, sondern auch Mitgestalter ist, dann hat man eine ganz andere Identifikation mit der Software, auch was ihre Schwächen angeht. Man ist eher bereit, an deren Beseitigung mitzuarbeiten, statt nur über die IT zu schimpfen. So führt der CD-Ansatz zum Qualitäts- und Zeitgewinn.
Viele einfache Lösungen kann man heute durch das Citizen Development rasch umsetzen. Aber auch bei komplexeren Lösungen kann man CD-Methoden zum Rapid Prototyping nutzen. Dabei wird ein erster Entwurf für eine Lösung gebaut. Wenn man dabei merkt, dass das in der Summe eine sehr komplexe Softwarelösung oder Datenmodell wird, dann kommt man mit CD-Ansätzen vielleicht an Grenzen. Aber auch ein solcher Prototyp, der gemeinsam mit dem Fachbereich erstellt wurde, kann sehr viel zur Klärung der Aufgabe beitragen. Daher sind wir überzeugt, dass Citizen Development ein sehr wichtiger Baustein in einer Digitalisierungsstrategie sein muss. Wir bringen Fachleute und IT-Spezialisten näher zusammen. Beide Seiten lernen voneinander, mit welchen Methoden sich Digitale Transformation bewältigen lässt, und entwickeln gemeinsam eine bessere Software-Welt. Eine Herausforderung stellt jedoch die Orchestrierung dar. Der Ansatz darf nicht dazu führen, dass viele verschiedene Leute an beliebigen Stellen ohne Spielregeln irgendetwas bauen. Sonst entstehen Excel-Wust, Insellandschaften und Schatten-IT. Es ist also wichtig, sich auf gemeinsame Spielregeln zu einigen, sonst kommt der Prozess schnell an seine Grenzen. Deshalb sollten alle Beteiligten schrittweise den Prozess und die Tools erlernen.
ITD: Warum wird dieses Thema für Unternehmen immer wichtiger?
Stuffer: Die Bedeutung von Software wird im Unternehmensalltag immer größer, ohne dass sich die IT-Landschaft in vielen Unternehmen adäquat entwickelt hätte. Wir haben einen Mangel an IT-Spezialisten am Markt, wir haben Anwendungsstau aufgrund schwerfälliger Entwicklungsprozesse und auch die „responsiveness“, also die Fähigkeit der IT, schnell zu reagieren, ist oft nicht im erforderlichen Maß gegeben. Gleichzeitig gibt es eine neue Generation von Mitarbeitern, die als Digital Natives aufgewachsen sind und es längst gewohnt sind, sich ihre Anwendungen selbst zusammenzustellen und zu konfigurieren. Diese Menschen wollen einen Prototypen nicht mit einer Excel-Tabelle entwickeln. Wir sind davon überzeugt, dass Unternehmen, die solche Themen anpacken, im Kampf um die besten Talente mit einem modernen Arbeitsumfeld und einer attraktiven Arbeitskultur wichtige Pluspunkte sammeln. Hier kann Citizen Development aus unserer Sicht einen ganz wichtigen Beitrag leisten.
ITD: Welche Rolle nimmt CD bei der Digitalen Transformation ein?
Stuffer: Ich glaube, dass Citizen Development eine sehr wichtige Rolle bei der Digitalisierung spielt. Wir betreten auf vielen Gebieten absolutes Neuland. Umso wichtiger ist es, die Fach- und die IT-Seite von Beginn an in die Lösungsentwicklung einzubeziehen. Der Citizen Developer kann mit anpacken und kleine Lösungen entwickeln, ausbauen, lernen, selbst korrigieren und weiterentwickeln. In einem Prozess wie der Digitalen Transformation ist es wichtig, die Beteiligten eng mit einzubeziehen. Durch No-Code/Low-Code kommen viele Projekte schneller in die Umsetzung. Die Digitale Transformation ist äußerst komplex und anspruchsvoll, deshalb haben wir Zweifel, dass die damit verbundenen Anforderungen mit den IT-Methoden von vor zehn Jahren (Baupflichtenhefte, langwierige Einführung, Testung, Integration) zu bewältigen sind.
ITD: Welche Probleme können Unternehmen mit dem Ansatz noch lösen?
Stuffer: Es geht auch darum, den Investitionsstau aufzulösen, IT-Altlasten zu beseitigen, in der Software-Pflege von Bestandslösungen schneller und besser zu werden und nicht zuletzt am Kulturwandel zu arbeiten. Unternehmen propagieren heute mehr Mitgestaltung, Eigenverantwortung, kollektives Lernen – doch was sie fordern, müssen sie auch praktisch tun. Hier ist Citizen Development genau der richtige Schritt, um den geforderten Kulturwandel in der Praxis „zu leben“. IT ist unglaublich dynamisch und schnelllebig. Wer hier stehen bleibt, hat schon verloren.
ITD: Wie wirkt sich CD auf die Arbeit der internen IT-Abteilungen aus?
Stuffer: Selbstverständlich gibt es so manchen Hardcore-Entwickler, der den Ansatz kritisch sieht, weil das kein richtiges Programmieren ist oder weil der Profi das einfach besser wissen muss (oder einen Bedeutungsverlust befürchtet). Hier stellt sich aber die Frage: Warum? Schließlich herrscht ein eklatanter Fachkräftemangel am IT-Markt und die Spezialisten haben genügend zu tun. Es gibt auch weiterhin viele Themen, die man nicht mit Citizen Development abbilden kann – da wird der Profi auch in Zukunft gebraucht. Aber wenn es durch den CD-Ansatz gelingt, die IT-Abteilung zu entlasten, damit sie sich auf ihre Kernthemen sowie auf die Orchestrierung des Citizen Development konzentrieren kann, dann ist das ein enormer Gewinn für alle.
Wir halten den Ansatz auch für das Arbeitsklima bereichernd. Schließlich kommt es zwischen der IT und den Fachbereichen nicht selten zu Konflikten, Vorbehalten und Unzufriedenheit. Der Tenor: Die IT ist immer zu langsam, die Abläufe sind viel zu schwerfällig. Die IT entgegnet, was sie an Komplexität tagtäglich zu bewältigen hat. Hier bietet CD die Chance, Brücken zu bauen und einige Unverständnisse zu eliminieren. Natürlich wird ein Citizen Developer nicht zum Profi-Entwickler und das muss er auch gar nicht. Aber er rückt näher heran, lernt die Abläufe besser kennen, kann selbst aktiv werden, Probleme erkennen und lösen. Das kann die IT wiederum unterstützen und coachen, hat aber auch mehr Luft für die eigenen Kernthemen; und es kommen eine neue Dynamik der Zusammenarbeit und ein innovativer Spirit in die Lösungsgestaltung hinein.
ITD: Welche Beobachtungen machen Sie bei Ihren Kunden (z.B. aus der Automobil- oder Pharmabranche), wie diese mit dem Thema umgehen?
Stuffer: Wir sehen hier bei unseren Kunden, darunter große marktführende Unternehmen, eine Menge Potenzial. Sie packen den CD-Ansatz dabei ganz unterschiedlich an: Wenn ein Unternehmen sagt, sie haben eine No-Code/Low-Code-Strategie in der IT, dann liegt der Fokus klar auf der technischen Sichtweise. Wenn ein Unternehmen aber von Citizen Development spricht, können wir davon ausgehen, dass schon ein tiefgreifender Wandel damit einhergehen soll. Wichtig ist: Die Unternehmen befassen sich damit und wir haben heute bereits bedeutsame Lösungen im Markt, die auf Basis des CD-Ansatzes entstanden sind (z.B. eines Automobilherstellers, um die Elektrifizierung seiner Flotte zu bewältigen). Es gibt bereits „gelebte Beispiele“, bei denen es im klassischen Zusammenspiel zwischen Business und IT nicht möglich gewesen wäre, solche Anwendungen zu bauen. Das ist bei weitem noch nicht Standard. Aber wir sehen mehr als nur einzelne Zufallstreffer, sondern viele gute Beispiele, die zeigen, dass CD-Strategien tatsächlich helfen, schneller, effizienter und innovativer Lösungen zu entwickeln.
Bildquelle: Collaboration Factory AG