Jerome Evans: „Wenn ausschließlich das Thema der Nachhaltigkeit betrachtet wird, ist der Bau eines neuen Rechenzentrums vermutlich nie die strategisch und unternehmerisch richtige Wahl.“
ITD: Herr Evans, welchen Einfluss haben die Krisen der vergangenen Monate auf die Rechenzentren (RZ) in Deutschland und deren Betrieb ausgeübt?
Jeroma Evans: Neben den Auswirkungen auf die Endverbraucher, nimmt die Energiekrise zunehmend negativen Einfluss auf deutsche Rechenzentren. Die nun deutlich höheren Strompreise sind zwar nicht nur in Deutschland ein Problem, sondern betreffen auch viele andere europäische Länder, dennoch sind gerade in Nordeuropa erneuerbare Energiequellen wie Wasserkraftwerke so gut etabliert, dass der gesamte Energiebedarf damit zu größeren Teilen abgedeckt werden kann als in Deutschland.
Das Resultat sind mehr oder weniger konstante Energiekosten und damit einhergehend bessere Planungssicherheit, die für viele Unternehmen unabdingbar ist. Daher werden Unternehmen, die den Standort Deutschland nicht zwingend benötigen, stattdessen kurz- oder mittelfristig ins EU-Ausland abwandern. Die Folge ist ein Umsatzverlust für deutsche Rechenzentrumsbetreiber. In Verbindung mit den bereits jetzt höheren Gesamtbetriebskosten ergibt sich eine zunehmend schlechte Wirtschaftslage, die die Existenz deutscher Rechenzentren und damit einhergehend der deutschen Digitallandschaft gefährdet.
Auch waren die vergangenen Monate weiterhin von Lieferengpässen am Hardwaremarkt geprägt. Die Nachfrage für Microchips steigt kontinuierlich und die Produzenten können in puncto Angebot nur mäßig mithalten. Das Resultat, das viele Rechenzentrumsbetreiber in Kauf nehmen müssen, sind deutlich längere Lieferzeiten, weniger Flexibilität bei der Wahl der Komponenten und höhere Preise. Um sicherzustellen, dass Ausfälle einzelner Komponenten nicht ganze Infrastrukturen über mehrere Wochen stilllegen, kaufen Betreiber von Rechenzentren bestimmte Komponenten mehrfach und lagern diese für den Notfall ein. Dadurch steigt die Nachfrage weiter und die Situation verschlimmert sich noch mehr.
ITD: Wie sind Data Center in Deutschland derzeit mit Bezug auf die Nachhaltigkeit aufgestellt und inwieweit ist eine Modernisierung vonnöten?
Evans: Wir merken, dass das Thema Nachhaltigkeit nun schon seit geraumer Zeit nicht nur für die Betreiber von Rechenzentren, sondern auch für die Nutzer ins Rampenlicht rückt. Gerade weil Serverhardware für neue Technologien wie Blockchain, Machine Learning und Artificial Intelligence immer leistungsstärker werden muss, steht dieser höhere Energieverbrauch in einem starken Kontrast zu dem energieeffizienten Betrieb von Rechenzentren. Viele deutsche RZ agieren bereits weitestgehend nachhaltig und beziehen Strom primär aus erneuerbaren Energien.
Neben Ökostrom ist aber auch wichtig, wie effektiv die zugeführte Energie in einem Rechenzentrum verbraucht wird. In der Branche nennt man dieses Mengenverhältnis zwischen Energieverbrauch und -aufnahme den Wert der „Power Usage Effectiveness“ oder kurz PUE. Hierbei gilt je kleiner der PUE-Wert, desto besser ist die Energiebilanz. Gerade in diesem Bereich haben einige Rechenzentrumsbetreiber noch Optimierungspotenzial. Großen Einfluss hat in diesem Zuge der Energieverbrauch von Klimageräten. Beispielsweise lässt sich durch intelligente Messgeräte und spezielle Sensoren eine deutlich effizientere Kühlung auf der Rechenzentrumsfläche realisieren, was sich wiederum positiv auf die Effizienz des gesamten Rechenzentrums auswirkt.
Zuletzt gibt es zusätzlich immer Bestrebungen auch die Wärme, welche Hardwarekomponenten innerhalb der Rechenzentren produzieren, in einer Form wiederzuverwenden. Beliebte Konzepte sehen vor, diese Wärme in den eigenen Energiekreislauf zu integrieren oder damit Fernwärmenetzwerke zu füttern. Bedauerlicherweise ist eine Implementierung einer solchen Lösung nachträglich sehr schwierig oder gar unmöglich und viele Rechenzentren sind nicht von Anfang an für ein solches Konzept geplant worden. Wir sehen dennoch, dass gerade bei neuen Projekten mehr Fokus auf Nachhaltigkeit gelegt wird und Bestrebungen wie die Nutzung von Abwärme ein Kernbestandteil in der Planung wird.
ITD: Wann ist es besser, ein RZ komplett neu zu bauen statt es zu modernisieren?
Evans: In der Regel spielen für diese Entscheidung die Gesamtkosten der jeweiligen Optionen und die Verfügbarkeit von Flächen in attraktiven Lagen eine sehr wichtige Rolle. Die Auslastung bestehender Rechenzentren, oder eine Expansion in weitere nationale oder internationale Standorte und damit Nähe zu der jeweiligen Klientel oder wichtigen Internetknotenpunkten sind also starke Treiber für einen Neubau.
Wenn ausschließlich das Thema der Nachhaltigkeit betrachtet wird, ist der Bau eines neuen Rechenzentrums vermutlich nie die strategisch und unternehmerisch richtige Wahl. Gerade in bestehenden Rechenzentren gibt es oft ein hohes Optimierungspotenzial im Bereich Energieeffizienz, was allein durch die Modernisierung von Klimageräten zu einem großen Teil ausgeschöpft werden kann. Im Vergleich zu einem Neubau sind die Investitionskosten und administrativen Hürden einer Modernisierung deutlich geringer. Etwaige Energie- und damit einhergehende Kosteneinsparungen, die sich durch die neuen Technologien erzielen lassen, amortisieren die umbauten kurz- oder mittelfristig.
Das Bild verzerrt sich erst dann, wenn umfangreichere Konzepte wie die Wiederverwendung von Abwärme gefordert oder Klimatisierungskonzepte ganzheitlich überdacht werden müssen. Oftmals sind solche Konzepte in bestehenden Flächen gar nicht oder nur mit deutlich höheren Investitionen überhaupt umsetzbar. In diesen Fällen liegt der Schritt zu einem Neubau deutlich näher, dennoch muss auch dieser gut geplant sein.
Gerade wenn neue Lösungen schnell notwendig sind, gibt es in Deutschland sehr viele administrative Hürden, die die Gesamtbauzeit deutlich in die Länge ziehen können. Auch nimmt der Faktor Greenfield vs. Brownfield – also ob ein gänzlich neues RZ gebaut oder ein bestehendes Gebäude wie eine Fabrik zum RZ umfunktioniert wird – starken Einfluss auf die Möglichkeiten und damit auf Bauzeit und Kosten.
ITD: Was sollten Betreiber bei einer entsprechenden Planung beachten?
Evans: Neben den Kernfaktoren Standort und Investition sind auch Risikoanalysen, Energieeffizienzanalysen, und Kundenforschung wichtige Bestandteile, die Einfluss auf die Planung nehmen sollten. Aufgrund der höheren Investitionskosten eines Neubaus ist das Risiko einer ausbleibenden oder zu späten Kapitalrendite natürlich deutlich höher als bei Erweiterungen oder Modernisierungen bestehender Flächen.
Auch ist entscheidend welche Art von Energie bezogen werden kann und wie effizient die Anlagen innerhalb der Rechenzentren damit umgehen. Tendenziell wird der Betrieb leistungsfähiger RZ mit der Zeit immer teurer. Gerade bei Neubauten ergeben sich oftmals deutlich bessere Möglichkeiten für modernste Klimageräte, was wiederum positiven Einfluss auf die Energieeffizienz und damit einhergehend die Gesamtbetriebskosten nimmt. Auch spielt die Nähe zu Internetknotenpunkten bei der Wahl des Standorts eine große Rolle, da sie einen maßgeblichen Einfluss auf die Anbindung des Rechenzentrums nehmen. Sofern der Standort bereits in einer guten Lage ist, sind Optionen wie Modernisierungen und Erweiterungen natürlich deutlich attraktiver. Falls es einen Grund gibt den Standort aufgrund von Änderungen am Markt zu verlagern, ist dies kaum abbildbar oder gar unmöglich. Daher sollten auch der potenzielle Kundenstamm und Mitbewerber bei der Planung nicht vernachlässigt werden.
Zudem spielt die Sicherheitstechnik eine tragende Rolle bei der Planung. Gerade in Bezug auf den Arbeitsschutz der Mitarbeiter, müssen etwaige Anlagen genauestens auf bestehende Vorgaben geprüft werden. Weiterhin muss auch der Betrieb des RZ in Notfällen aufrechterhalten werden. Dabei sind Netzersatzanlagen, unterbrechungsfreie Stromversorgung und Notstromaggregate die wichtigsten Komponenten. Diese Anlagen müssen ebenfalls erprobt sein und die technischen Gegebenheiten nehmen maßgeblichen Einfluss auf die Planung der gesamten Rechenzentrumsfläche.
ITD: Omnipräsent in Medien und Unternehmen ist auch das Thema „Security“ – welche Risiken stehen derzeit für Rechenzentren im Vordergrund?
Evans: Wie schon immer ist die physische Sicherheit ein Kernbestandteil für den Betrieb eines jeden Rechenzentrums. Eines der größten Risiken der physischen Sicherheit sind Brände, die durch die innerhalb der Rechenzentrumsfläche betriebene Hardware verursacht werden. Je nach geografischer Lage der RZ stellen aber auch Naturkatastrophen wie Überschwemmungen oder Erdbeben Gefahren für den fortlaufenden Betrieb dar. Zudem müssen die Flächen natürlich auch vor Übergriffen wie Diebstahl und Vandalismus geschützt werden. Dies geschieht in der Regel durch mehrstufige und oft biometrische Zugangskontrollen der Flächen.
Gerade in Zeiten der DSGVO steht neben der physischen Sicherheit aber vor allem der Schutz von Unternehmensdaten im Vordergrund. Cyberangriffe sind eines der größten Risiken für beinahe alle Unternehmen, so auch für Rechenzentren. Diese Angriffe zielen heutzutage beinahe immer darauf ab, Daten zu stehlen oder bis auf Weiteres unbrauchbar zu machen. Somit haben beispielsweise sogenannte Ransomware-Angriffe das Ziel, Unternehmensdaten oder Kundendaten zu verschlüsseln und diese nur nach Erhalt eines Lösegelds wieder freizugeben.
Unternehmen, die sich ständig mit dem Schutz und der Verarbeitung von Kundendaten konfrontiert sehen, erarbeiten in diesem Zuge in der Regel ein sogenanntes Informationssicherheitsmanagementsystem (ISMS), was den Kern eines jeden IT-Sicherheitskonzeptes darstellt. Um die Hochsicherheit auch Kunden gegenüber verifizieren zu können, gibt es diverse internationale Normen wie die Reihe der ISO/IEC-27000, die für Rechenzentren mittlerweile unerlässlich sind.
ITD: Was können Betreiber entsprechend unternehmen, damit RZ samt oft kritischen Daten vor Cyberangriffen besser gewappnet sind?
Evans: Natürlich ist es wichtig, die Rechenzentrumsinfrastruktur auf Software- und Hardware-Ebene bestmöglich zu schützen. Dafür empfiehlt es sich, ein dediziertes Team zur Verfügung zu stellen, das gezielt Ressourcen aufbringt, um den Schutz aufrechtzuerhalten. Dies wird auf Softwareebene in der Regel durch das regelmäßige Einspielen von Sicherheitspatches und Updates gewährleistet.
Ein sehr wichtiger und nicht zu unterschätzender Punkt ist jedoch die Angriffsfläche „Mensch“. Heutzutage zielen die allermeisten Cyberangriffe darauf ab, durch geschickte Täuschungen oder sogenanntes Social-Engineering Mitarbeiter dazu zu bewegen, wertvolle Informationen preiszugeben. Gängige Beispiele sind sogenannte Phishing E-Mails, bei denen Personen in der angegriffenen Organisation dazu gebracht werden, auf Hyperlinks innerhalb der E-Mail zu klicken. Der Angreifer hat den jeweiligen Hyperlink so präpariert, dass durch den Klick ein Eindringen in die Digitallandschaft der Organisation möglich ist. Einmal eingedrungen können von dort Daten gestohlen oder weitere Angriffe vorbereitet werden. Es ist deshalb unerlässlich die Mitarbeiter über solche Fälle zu schulen und etwaige Konsequenzen zu beleuchten. Allen muss klar sein, dass jeder gleichermaßen für die Sicherheit von Kunden- und Unternehmensdaten verantwortlich sind.
ITD: Den seit einiger Zeit vorherrschenden Fachkräftemangel bekommen viele Unternehmen immer härter zu spüren. Inwiefern betrifft das auch RZ?
Evans: Aufgrund des kontinuierlichen Wachstums der IT-Branche gibt es mehr und mehr Digitalunternehmen in Deutschland und damit einhergehend eine Vielzahl an nicht besetzbaren Arbeitsplätzen. Davon sind natürlich auch Datacenter betroffen. Über 60 Prozent der Rechenzentrumsflächen befinden sich im Rhein-Main-Gebiet. Dort spüren Anbieter von RZ-Dienstleistungen den Fachkräftemangel am stärksten.
Gerade jetzt ist es wichtiger denn je, das Employer Branding zu optimieren und den Fokus als RZ-Anbieter stärker auf HR-Exzellenz und damit das Wohl der Mitarbeiter zu legen. Die allermeisten Stellen lassen sich nur besetzen, wenn IT-Unternehmen als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen werden und ein hohes Maß an Zeit und Energie in die Suche und Ansprache von potenziellen Kandidaten stecken. In der IT ist die Lücke zwischen offenen Stellen und qualifizierten Arbeitssuchenden bereits am größten. Da außerdem zunehmend weniger Fachkräfte für die ausgeschriebenen Stellen nachrücken, wird sich die Lage in den nächsten Jahren noch verschlimmern.
ITD: Wie sieht die Zukunft der Data Center aus? Wagen Sie einen Ausblick.
Evans: Aufgrund von steigenden Preisen am Energiemarkt, behördlichem Druck zur Nachhaltigkeit und immer schnellerer technologischer Entwicklungen werden wir in den nächsten Jahren vermutlich eine noch stärkere Konsolidierung am Rechenzentrumsmarkt sehen. Kleine und firmeneigene Datacenter werden aufgrund der steigenden Betriebskosten und strengeren Auflagen immer unattraktiver gegenüber einer Einmietung in einem externen Standort. Hinzu kommt, dass neue Hardwarekomponenten bewusst für zunehmend größere Anwendungsfälle ausgelegt werden. Zu solchen Anwendungen zählen unter anderem Cloud-Infrastrukturen. Um diese überhaupt effizient und sinnvoll betreiben zu können, sind eine hohe Anzahl von Serversystemen und viel Fläche notwendig. Dies ist gerade für einzelne Unternehmen und kleine Betreiber nicht zielführend oder gar unmöglich. Der Schritt zu einem externen Anbieter wird damit deutlich attraktiver.
Technologien entwickeln sich heutzutage noch schneller weiter und damit Schritt zu halten bedarf mittlerweile stets eines dedizierten Teams. Auch hier ist eine Auslagerung dieser Verantwortung zu Managed-Service-Anbietern oder Cloud-Anbietern für viele kleine und mittelständische Unternehmen ein wirtschaftlich sinnvoller Weg.
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Zuletzt sind gerade in Deutschland steigende Energiekosten ein großes Thema. Da Energieeffizienz bei großen Rechenzentren und sogenannten Hyperscalern einen hohen Stellenwert hat, ist auch in diesem Fall die Auslagerung der IT-Infrastruktur oftmals wirtschaftlicher als der Betrieb in den eigenen Flächen. Kleine RZ-Betreiber und die IT-Infrastruktur in den eigenen Büroflächen werden zukünftig einen immer kleineren Anteil an dem gesamten Rechenzentrumsmarkt haben und stattdessen bei großflächigen Datacentern und Hyperscalern konsolidiert.
Bildquelle: Diva-e Digital Value Excellence