Sorgenkind Digitalisierung

„Zum digitalen Aufbruch ist es leider noch ein weiter Weg“

Deutschland brauche eine Digitalpolitik mit Weitblick, fordern Alexander Rabe, Geschäftsführer beim Eco-Verband der Internetwirtschaft und Klaus Landefeld, Vorstand Netze, im Interview.

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    Alexander Rabe: „Die Digitalisierung wird auch in den kommenden Jahrzehnten unsere Gesellschaft sowie unsere Wirtschaft entscheidend prägen und vor allem verändern.“

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    Klaus Landefeld: „Perspektivisch brauchen wir nicht 1-Gigabit-Netze, sondern 10-Gigabit-Ready-Glasfasernetze.“

ITD: Herr Rabe, wie bewerten Sie aktuell den Status quo der Digitalisierung in Deutschland?
Rabe: Die Digitalisierung hat in Deutschland in den vergangenen Jahren einen deutlichen Schub gemacht. Das wurde ganz besonders während der Corona-Pandemie deutlich, als digitale Infrastrukturen praktisch unser gesamtes Arbeits- und Sozialleben am Laufen gehalten haben. Gleichzeitig kamen hier auch die größten digitalpolitischen Baustellen ans Licht. Zum digitalen Aufbruch, wie ihn die Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP aktuell in ihrem Koalitionsvertrag vorsieht, ist es leider noch ein weiter Weg. So ergab unsere jüngste Civey-Umfrage, dass 71 Prozent der Deutschen unzufrieden mit der aktuellen Digitalpolitik sind. Was wir brauchen, ist eine Digitalpolitik mit Weitblick, die sich nicht dem Ressortprinzip beugt und gleichzeitig rasch auf akute Krisen- und Herausforderungen, wie der Energie- und Klimakrise reagieren kann.

ITD: Herr Landefeld, die umfassende Digitalisierung unserer Wirtschaft und Gesellschaft erfordert u.a. hochleistungsfähige Netze, doch die Fördertöpfe des Bundes für den Gigabitausbau für 2022 sind bereits leer. Wo liegen jetzt aus Ihrer Sicht die Prioritäten für 2023?
Landefeld: Perspektivisch brauchen wir nicht 1-Gigabit-Netze, sondern 10-Gigabit-Ready-Glasfasernetze. Sie sollten zum eigentlichen Standard für alle zu bauenden TK-Netze gemacht werden, damit unsere Version der Gigabitgesellschaft dann auch wettbewerbsfähig ist. Insbesondere die so dringend notwendige Beschleunigung im Bauen und Planen kann nur dann in der Praxis erreicht werden, wenn baurechtliche Verfahren endlich digitalisiert, Genehmigungserfordernisse gestrichen und ähnliche bürokratische Erleichterungen getroffen werden. Zentrale Herausforderung im Glasfaserausbau bleibt es, die notwendigen Leerrohrtrassen zügig und zu wirtschaftlich tragbaren Konditionen in die Erde zu bekommen ohne in langwierigen Diskussionen mit den Kommunen zu stranden.

ITD: Welche Rolle spielt Weiterbildung bzw. Qualifizierung beim digitalen Wandel? Schließlich geht Digitalisierung nicht ohne Know-how.
Rabe: Digitale Kompetenzen sind essenzieller Erfolgsfaktor für Digitalstandort Deutschland. Die Digitalisierung wird auch in den kommenden Jahrzehnten unsere Gesellschaft sowie unsere Wirtschaft entscheidend prägen und vor allem verändern. Digitale Kompetenzen führen zu Innovationsstärke und sind daher essenzielle Erfolgsfaktoren sowohl für den beruflichen Erfolg jeder und jedes Einzelnen, als auch für die digitale Souveränität und die Wettbewerbsfähigkeit des Digital- und Wirtschaftsstandorts Deutschland. Der Zugang zu digitaler Bildung in allen Stufen des Bildungssystems und während aller Phasen des Bildungsweges ist daher eine grundlegende Voraussetzung für eine erfolgreiche Digitalisierung der Gesamtwirtschaft. Dem bereits jetzt herrschenden Fachkräftemangel, den viele unserer Mitgliedsunternehmen, aber auch Anwenderindustrien im ITK-Bereich beklagen, können wir nur entgegenwirken, indem wir Schüler möglichst frühzeitig in altersgerechter Weise für das Thema „Digitalisierung“ begeistern und Grundlagen vermitteln.

ITD: Welchen Beitrag kann die Digitalisierung womöglich auch zur Lösung des Klimawandels leisten?
Rabe: Digitale Dienste und Technologien bieten viele innovative Lösungen für eine nachhaltigere Zukunft. Nehmen wir die Abwärmenutzung von Rechenzentren als Beispiel: Rein rechnerisch könnten in Frankfurt am Main – Standort von mehr als 60 Data Centern und des weltweit größten Internetaustauschknotens – bis 2030 sämtliche Wohn- und Büroräume durch die Abwärmenutzung eine klimaneutrale Wärmezufuhr erhalten.

Auch in anderen Städten wird die Abwärmenutzung von Rechenzentren in den kommenden Jahren definitiv zu den Toplösungen zählen, wenn wir CO2 und noch dazu Energiekosten einsparen wollen. Doch auch hier müssen die politischen Rahmenbedingungen stimmen: Genehmigungsverfahren müssen deutlich verschlankt und die CO2 freie Abwärme stärker ins Nah- und Fernwärmenetz eingespeist werden als bisher.

Und es gibt noch sehr viel mehr Beispiele, Studien und Forschungsprojekte, die unterstreichen, dass die Digitalisierung Teil der Lösung ist, um die Klimaziele in Deutschland zu erreichen. Um diese Bandbreite abzubilden, haben wir dieses Jahr die Kampagne #JOINTHESOLUTION ins Leben gerufen.

Bildquelle: Eco - Verband der Internetwirtschaft

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