Zeichen stehen auf Wachstum

„Cloud ist zentraler Baustein“

„Ich denke nicht, dass es sich bei SaaS und Cloud nur um einen kurzweiligen Trend handelt“, so Patrick Christ, Business Value Advisor bei Flexera. „Die Zeichen standen schon vor der Krise auf Wachstum und die Cloud ist und bleibt ein zentraler Baustein der Digitalen Transformation.“

Patrick Christ, Flexera

„Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass die Cloud alles einfacher macht“, betont Patrick Christ von Flexera.

ITD: Herr Christ, welchen Einfluss hat die Corona-Krise bislang generell auf die Cloud-Nutzung in Deutschland ausgeübt?
Patrick Christ:
Ich denke, hier kann man in zwei Phasen unterscheiden. Zu Beginn der Covid-19-Pandemie galt es, möglichst schnell und einfach auf den Digital Workspace umzustellen und Services in die Cloud zu migrieren. Das Geschäft musste am Laufen bleiben und Mitarbeiter im Homeoffice mussten mit der nötigen IT-Infrastruktur versorgt werden. Viele Unternehmen haben hier einen echten digitalen Sprint hingelegt. In einer Umfrage von Flexera erwarteten damals nicht ohne Grund ganze 67 Prozent der europäischen Unternehmen einen deutlichen Anstieg bei der Cloud-Nutzung. Diese Einschätzung hat sich erfüllt und die Unternehmen sind digital deutlich besser aufgestellt als noch zu Jahresanfang. Damit beginnt aber schon die nächste Herausforderung. Denn jetzt heißt es, die SaaS-Anwendungen und Cloud-Instanzen auch langfristig zu managen.

ITD: Inwieweit mussten Großunternehmen im Rahmen der Krise, die z.B. viele Mitarbeiter ins Homeoffice „getrieben“ hat, ihre Cloud-Strategie ändern/anpassen?
Christ:
Die Cloud-Strategie ist mit Corona noch stärker zu einer Kostenstrategie geworden. Es gab in den letzten Monaten wohl keinen CEO, CFO oder CIO, der sich nicht mit der Frage beschäftigt hat, welche SaaS-Anwendungen tatsächlich geschäftskritisch sind und wo es Einsparungspotentiale gibt. Das spiegelt sich auch in unserem aktuellen ITAM-Report wider. Vier der Top-Fünf-Initiativen für 2021 zielen auf die Einsparung von IT-Ausgaben – darunter die Verbesserungen beim SaaS-Managements (46 Prozent) und das Tracking von Cloud-Ausgaben (43 Prozent). Dieser kostensensible Kurs wird sich noch länger fortsetzen. Wenn wir speziell über das Homeoffice sprechen, dann rücken neben den Kosten auch Sicherheitsfragen in den Mittelpunkt der Cloud-Strategie. Die Schatten-IT hat momentan Hochkonjunktur, da viele Mitarbeiter auf eigene Faust Cloud-Anwendungen abonnieren. Das ist ein enormes Sicherheitsrisiko, nicht nur wegen möglicher Sicherheitslücken, sondern auch in Sachen „Datenschutz“ und „Compliance“.

ITD: Welche Art der Cloud-Nutzung herrscht in Großunternehmen vor: Private Cloud, Public Cloud, Multi-Cloud...?
Christ:
Generell sehen wir, dass sich der Trend zur Multi-Cloud weiter fortsetzt. Nach unserem State of the Cloud Report 2020 verfolgen weltweit insgesamt 93 Prozent der befragten Unternehmen eine Multi-Cloud-Strategie und nutzen damit mehr als einen Anbieter – ein Anstieg von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch der Anteil von Hybrid Cloud (Kombination von Public und Private Clouds) hat mit 78 Prozent deutlich zugenommen (2019: 58 Prozent). Im Durchschnitt kommen pro Unternehmen rund zwei Public Clouds sowie zwei Private Clouds zum Einsatz, wobei der Großteil der Workloads (53 Prozent) in der Public Cloud durchgeführt wird. Überhaupt befindet sich die Public Cloud weiter auf dem Vormarsch. Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud sind hier die führenden Lösungen. Azure schafft es dabei, seinen Abstand zu AWS sowohl bei der Cloud-Adoption als auch bei der Anzahl der virtuellen Maschinen (VMs) weiter zu verringern. Den größten Sprung als Cloud-Anbieter gelang Google mit 35 Prozent im Vergleich zu 19 Prozent im Vorjahr.

ITD: Was lagern die Unternehmen aktuell vornehmlich in die Cloud aus und warum?
Christ:
Software as a Service (SaaS) hat hier immer noch die Nase vorn. Schlüsselfertige Office-Anwendungen, Mail-Programme, ERP- und CRM-Software sowie Collaboration-Tools gehören zu den am häufigsten genutzten Lösungen in der Cloud. Die Gründe dafür sind hinreichend bekannt: mehr Agilität, niedrigere Kosten, hohe Verfügbarkeit und Skalierbarkeit, kaum Wartungsaufwand und mehr Sicherheit. Die nutzungsbasierte Abrechnung bedeutet: Wird eine Anwendung nicht genutzt, wird sie auch nicht gezahlt. Das macht SaaS nicht erst seit Covid-19 hochinteressant.  Infrastructure as a Service (IaaS), also die Nutzung von Netzwerken, Servern, Virtualisierung und Storage in der Cloud, folgt mit Abstand, wächst aber kontinuierlich. Auch Plattform as a Service (PaaS) legt weiter zu. Viele Unternehmen zögerten anfangs, Hardware und Software komplett über die Infrastruktur eines Anbieters zu beziehen und sich damit abhängig zu machen. Mittlerweile überwiegen jedoch für viele die Vorteile, darunter die deutlich schnellere Entwicklung von eigenen Apps (57 Prozent) und die Senkung der Kosten (57 Prozent). Insbesondere Datenbankservices sind beliebt. Die drei am häufigsten genutzten PaaS sind laut dem State of the Cloud Report 2020 relationale Database as a Service (DBaaS), DBaaS (NoSQL) und Data Warehouse, gefolgt von Serverless Computing.

ITD: Wie verhält es sich mit der Komplexität der Verwaltung der Cloud-Infrastrukturen?
Christ:
Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass die Cloud alles einfacher macht. Dafür ist sie viel zu dynamisch. Cloud-Instanzen und SaaS-Anwendungen werden unablässig hinzugefügt, entfernt und angepasst. Jeder Cloud-Anbieter hat sein eigenes, teilweise sehr komplexes Preis- und Abrechnungsmodell. Die Kosten unterscheiden sich je nach Region und Betriebsstunden. Und nur weil die Software lizenziert ist, heißt das noch lange nicht, dass Unternehmen sie auch in der Cloud nutzen dürfen. Die Cloud zu managen, ist wie ein Puzzle zusammen zu setzen, bei dem sich die Teile kontinuierlich ändern. Wer nicht die Kontrolle verlieren will, braucht vor allem eines: Transparenz. Welche Anwendungen und Services gibt es im Unternehmen? Wie werden diese genutzt? Welche Kosten fallen dabei an? Rechnet sich das Kosten-Nutzen-Verhältnis? Welche Risiken für Sicherheit und Compliance sind damit verbunden? Nur wer diese Fragen für jedes IT-Asset im Unternehmen klar beantworten kann, ist auch in der Lage, fundierte Entscheidungen zu treffen. Egal ob es sich um das Ausgabenmanagement, die Optimierung von Workloads, die Umverteilung von Lizenzen oder das Beseitigen von Schatten-IT, Rogue SaaS oder Cloud-Sprawl handelt.

ITD: Mit welchen Tools und IT-Lösungen lassen sich Cloud-Infrastrukturen übersichtlich und sicher managen?
Christ:
Ein gutes Cloud-Management-Tool sollte zwei wesentliche Eigenschaften mitbringen: einen hohen Automatisierungsgrad und die Steuerung über eine zentrale Plattform für die komplette Multi-Cloud-Umgebung. Nur so wird eine genaue und unabhängig Evaluierung der verschiedenen Cloud-Anbieter erst möglich. Vorkonfigurierte, benutzerdefinierte Richtlinien sorgen dafür, dass Prozesse zur Optimierung der Cloud-Infrastruktur automatisch ablaufen. Das schließt die Compliance und die Sicherheit genauso mit ein wie Maßnahmen zur Kostenreduzierung. Über eine leistungsstarke Orchestrierungs-Engine werden die Aktionen dann über alle Cloud-Server und -Services hinweg durchgeführt. Und schließlich sollte es nicht an Integrationsmöglichkeiten zu anderen Systemen fehlen. Unsere Cloud-Management-Plattform z.B. verknüpft das SaaS-Management mit dem Finanz-Controlling. Der Blick in die Ausgaben-Management-, Buchhaltungs- und Abrechnungssysteme verrät, wer wo abseits offizieller Kanäle Anwendungen kauft und bezahlt. Einzelne Transaktionsdatensätze lassen sich bis ins Detail überprüfen und zurückverfolgen – z.B. über typische Abrechnungscodes der Software-Anbieter. Die Analyse der Cloud-Nutzung wiederum zeigt, welche Anwendungen ungenutzt bleiben und wo sich eine Umverteilung der Lizenzen lohnt.

ITD: Welche Stolpersteine und Herausforderungen tauchen dennoch manchmal auf?
Christ:
Automatisierte Tools sind nur so gut, wie die Daten, mit denen sie arbeiten. Grundvoraussetzung sind saubere IT-Asset-Daten und eine konsistente Kennzeichnung von Cloud-Ressourcen. Die saubere und lückenlose Zuordnung von Ressourcen schafft die Grundlage, um Prozesse weiter zu automatisieren und den Erfolg von Governance-Initiativen kontrollieren und bewerten zu können. Unterm Strich gelingt es Unternehmen noch immer nicht, das Einsparungspotenzial der Cloud im vollem Umfang auszuschöpfen. Automatisierte Richtlinien kommen zwar häufiger zum Einsatz, konzentrieren sich jedoch auf einzelne Bereiche. So werden beispielsweise Workloads nach Feierabend heruntergefahren (46 Prozent) und Cloud-Instanzen bedarfsgerecht lizenziert (36 Prozent). Auch Sonderaktionen und Paketpreise von Cloud-Anbietern werden noch zu wenig berücksichtigt.

ITD: Worauf sollten Unternehmen achten, wenn Sie sich kurzfristig dazu entscheiden, noch in diesem Jahr in die Cloud zu gehen, und ihr IT-Budget nicht sprengen wollen?
Christ:
Ehe Unternehmen neue Investitionen tätigen, sollten sie zunächst einen genauen Blick auf bestehende IT-Ausgaben werfen. Das lohnt sich – und zwar nicht nur in der Cloud. Unserer Erfahrung nach finden sich fast immer Anwendungen, die keinen echten Mehrwert darstellen, kaum oder nicht genutzt werden. Rund 30 Prozent aller getätigten Technologieausgaben sind solche Kostenfresser. Das ist viel Geld, das an anderer Stelle sinnvoller angelegt ist – z.B. in der Cloud. Der genaue Einblick in die eigenen IT-Assets liefert Unternehmen zudem gute Argumente für Vertragsverhandlungen. SaaS boomt. Das IT-Budget von Unternehmen ist jedoch knapp bemessen und Anbieter müssen mehr denn je den Mehrwert ihrer Anwendung unter Beweis stellen. Eine gründliche Vorbereitung macht 80 Prozent der Verhandlungen aus. Erkundigen Sie sich am Markt und finden Sie heraus, wie viel Unternehmen für ähnliche SaaS-Produkte zahlen! In der Regel dauert es vier Verhandlungsrunden, bevor das Preis-Leistungsverhältnis stimmt und das Leistungspaket den Anforderungen eines Unternehmens entspricht.

ITD: Was gehört nach wie vor besser nicht in die Cloud und warum?
Christ:
Was in die Cloud gehört oder nicht, ist pauschal nicht so leicht zu sagen. Die Entscheidung gegen die Cloud kann zwei Gründe haben: Kosten und Sicherheit. Manchmal bringt die Cloud schlichtweg nicht den erhofften Kostenvorteil. Bei Produktionsabläufen, bei denen Maschinen rund um die Uhr laufen, ist es z.B. fraglich, ob tatsächlich Kosten eingespart werden. Hier sollten Unternehmen die Angebote für Reserved Instances prüfen, bevor sie sich in die Cloud aufmachen. Schwieriger ist die Frage nach der Sicherheit. Die Einhaltung von Datenschutzrichtlinien bei der Verarbeitung und Speicherung personenbezogener Daten, eine transparente Sicherheitsarchitektur und die Möglichkeit, Cloud-Daten zu verschlüsseln, sind vor allem in Deutschland und der EU wichtige Grundvoraussetzungen für die Nutzung der Cloud. Besonders hoch sind die Hürden für Betreiber von „Kritischen Infrastrukturen“ (Kritis). Dazu gehören Behörden und öffentliche Einrichtungen, aber auch Krankenhäuser oder Energieversorger. Zwar gibt es mittlerweile auch hier sogenannte „betreibersichere Infrastrukturen“ und spezielle Cloud-Dienste, die Daten und Anwendungen aktiv abschirmen und vor Cyberangriffen schützen. Die Vorteile, Risiken und gesetzliche Vorschriften müssen aber im Einzelfall immer abgewogen werden.

ITD: Wie geht es nach der Krise mit der Cloud weiter, wenn vielleicht nicht mehr so viel Homeoffice angesagt ist?
Christ:
Ich denke nicht, dass es sich bei SaaS und Cloud nur um einen kurzweiligen Trend handelt. Die Zeichen standen schon vor der Krise auf Wachstum und die Cloud ist und bleibt ein zentraler Baustein der Digitalen Transformation. Das belegen auch Umfragen in der Zeit kurz vor Corona: Nach dem State of the Cloud Report 2020 gaben 18 Prozent der befragten Unternehmen in Europa mehr als 12 Mio. US-Dollar pro Jahr für die Public Cloud aus. Für die nächsten zwölf Monate wurde mit einem Anstieg der Cloud-Kosten um 56 Prozent gerechnet. Im Grunde ist es für die Unternehmen auch nicht kriegsentscheidend, in welchem Umfang die Cloud zukünftig im Homeoffice oder von Kunden und Partnern genutzt wird. Das ist ja das Schöne an der Cloud: Sind die richtigen Tools zum Management erst einmal implementiert, können IT-Services und die Kosten flexibel, schnell und einfach an die Anforderungen von Unternehmen angepasst werden.

Bildquelle: Flexera

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