S/4-Hana-Projekte

Die Agenda nicht überfrachten

Geht es um den Umstieg auf S/4 Hana sollten Unternehmen ihre Agenda nicht überfrachten. Denn die Software verlagert viele Funktionen in den digitalen Kern zurück und bringt darüber hinaus neue Funktionen und Engines mit sich, betont Florian Sackmann von der Itelligence AG.

Florian Sackmann, Itelligence AG

Florian Sackmann, Geschäftsleitung, Client Partner Management bei der Itelligence AG

IT-DIRECTOR: Herr Sackmann, inwieweit fragen deutsche Großunternehmen bei IT-Dienstleistern bzw. Systemhäusern aktuell S/4-Hana-Kapazitäten nach?
F. Sackmann:
Der Bedarf an qualifizierten Beratern mit S/4-Hana-Erfahrung ist hoch. Der aktuelle Fokus liegt u.a. auf dem Logistikbereich mit Schwerpunkt auf den Themen Produktionslogistik und Enterprise Warehouse Management. Da sich viele Bestandskunden bereits autark mit S/4 Hana beschäftigt haben, fragen sie nun vermehrt Support für das Erarbeiten und Umsetzen von Szenarien für die Migration von SAP ECC in die S/4-Hana-Welt nach.

IT-DIRECTOR: Welche S/4-Hana-Projekte sind bei größeren Firmen derzeit in der Planung und welche bereits in der Umsetzung?
F. Sackmann:
Viele Unternehmen starten die S/4-Hana-Migration mit einem Roadmap-Workshop, in dem sie zunächst die technische Umsetzung evaluieren. Zur Wahl stehen hier der Greenfield-Ansatz, bei dem das System komplett neu aufgesetzt wird, und der Brownfield-Ansatz, bei dem bewährte Abläufe weiter zum Einsatz kommen. Weiterhin evaluieren Unternehmen funktionale Erweiterungen ihres Systems. Hierzu gehören beispielsweise die Transformation vom einem klassischen SAP Warehouse Management hin zu einem Extended Warehouse Management oder auch die Integration von Feinplanungsszenarien in das Kernsystem S/4 Hana.

Nach Entscheidung für die Basisstrategie starten die Unternehmen die Migration mit einer engen Einbindung der Fachbereiche. Die Häufigkeit von Greenfield- und Brownfield-Projekten oder dem von Itelligence entwickelten Mittelweg sagt alleine wenig aus. Unternehmen müssen nämlich bei der Migration viele individuelle Konstellationen und Entscheidungen aus der Vergangenheit beachten.

Unternehmen, die ihre Reise in Richtung S/4 Hana vorbereiten, starten beispielsweise mit der Harmonisierung ihrer Stammdaten oder sie lösen die Debitoren und Kreditoren durch den Business-Partner ab.

IT-DIRECTOR: Worauf sollten Anwenderunternehmen bei der Migration von SAP-Altsystemen auf S/4 Hana besonders achten?
F. Sackmann:
Die Migration ist keinesfalls ein reines IT-Projekt. Unternehmen können auf prozessualer Ebene einen Schritt in Richtung Standardisierung machen, und sie sollten zusammen mit den Fachbereichen aktiv daran arbeiten.

Möglich ist auch eine Veränderung von Arbeitsweisen: S/4 Hana bietet für alle Unternehmensbereiche neue Standardfunktionen, insbesondere im analytischen Bereich. Das kann Arbeitsplätze stark verändern. Wollte beispielsweise ein Vertriebsmitarbeiter früher die offenen Posten und die Bezahldauer seiner Kunden betrachten, war er auf den Finanzbereich angewiesen. Mit S/4 Hana kann er diese Analysen selbst erledigen.

Generell sollten Unternehmen ihre Agenda nicht überfrachten! S/4 Hana verlagert viele Funktionen in den digitalen Kern zurück und bringt darüber hinaus auch neue Funktionen und Engines, beispielsweise intralogistische Prozesse im Extended Warehouse Management. Die Strategie und Sequenz der einzelnen Teilprojekte sollte stets mit der übergreifenden Unternehmensstrategie im Einklang stehen.

IT-DIRECTOR: Wie läuft derzeit Ihrer Einschätzung nach das Neukundengeschäft rund um S/4 Hana? Aus welchen Gründen zögern Anwenderunternehmen einen Umstieg (noch) hinaus?
F. Sackmann:
Neukunden fokussieren ihren Auswahlprozess im Vergleich zu früher auf weniger ERP-Systeme. SAP hat mit S/4 Hana und den dazugehörigen Cloud-Modulen den Beweis erbracht, dass diese Systeme gut in die Digitalisierungsstrategie der Unternehmen passen. Bei Neukunden spüren wir daher kein Zögern.

Bestandskunden, die bereits ältere SAP-Releases im Einsatz haben, wollen die Migration auf S/4 Hana dazu nutzen, ihre Geschäftsprozesse auf Vordermann zu bringen und möglicherweise auch neue Geschäftsmodelle testen. Hierzu müssen sie zunächst eine Roadmap entwickeln. Dies nimmt Zeit in Anspruch. Wir interpretieren dies aber nicht als Zögern, sondern vielmehr als ein überlegtes Handeln.

Liegt die SAP-Einführung erst fünf Jahre oder weniger zurück und laufen noch Rollouts in die internationalen Standorte, dann zögern Unternehmen mit der Migration auf eine neue Version. Nach unserer Einschätzung werden sich viele dieser mittelständischen Anwender mit einem Jahresumsatz bis 200 Millionen Euro wohl früher oder später für eine Brownfield-Migration entscheiden. Da diese Unternehmen ihre Prozesse gerade erst aufgesetzt haben, ist ihr Handlungsdruck nicht sehr groß. Wir erwarten daher bei diesen Kunden die große Welle an S/4-Hana-Projekten erst nach dem Jahr 2021.

IT-DIRECTOR: Cloud- oder On-Premise-Installation: Welche S/4-Hana-Betriebsmodelle werden bevorzugt? Welche Gründe sprechen jeweils dafür?
F. Sackmann:
Bei der Entscheidung für ein Betriebsmodells spielen betriebswirtschaftlich betrachtet nach wie vor die Unternehmensgröße und die Branche eine große Rolle. Mittelständische Unternehmen aus der Fertigungsindustrie entscheiden sich weiterhin in vielen Fällen für die On-Premise-Variante. Dienstleistungsunternehmen mit der gleichen Anzahl an Usern tendieren deutlich mehr in Richtung S/4 Hana Public Cloud.

Die Entscheidung für eine Cloud-Installation geht immer einher mit dem Willen und der Fähigkeit, die Applikation in schnellen und vom Cloud-Betreiber definierten Funktions-Releases zu betreiben. Damit kommen nicht alle Unternehmen klar und bevorzugen dann die On-Premise-Variante.

Manche Unternehmen hinterfragen die Cloud-First-Strategie der SAP mit Blick auf die funktionalen Anforderungen. In komplexen Fertigungs- und Montageszenarien im Anlagenbau reicht heute der Funktionsumfang von S/4 Hana Public Cloud noch nicht aus, um ein Projekt gesichert umzusetzen. Unternehmen aus dieser Branche entscheiden sich daher für die On-Premise-Variante.

Ist für ein Unternehmen die Cloud betriebswirtschaftlich vorteilhaft und S/4 Hana Public Cloud deckt alle benötigten Anforderungen an Unternehmensprozesse ab, dann empfinden die Verantwortlichen die Geschwindigkeit bei der Implementierung sowie das vollständige Auslagern der Infrastruktur sowie Sicherheitsthemen als große Vorteile.

IT-DIRECTOR: Was sind gemäß Ihrer Projekterfahrung die häufigsten Stolpersteine bei der Einführung von S/4 Hana?
F. Sackmann:
Die Gründe, warum Projekte nicht zum gewünschten Erfolg führen, haben sich durch S/4 Hana nicht grundlegend verändert. Projektbremsen liegen beispielweise vor, wenn Unternehmen die Anforderungen vorab nicht vollständig klären oder versuchen, in S/4 Hana die „alte“ Welt eins zu eins nachzubauen.

Von technischer Seite aus raten wir Unternehmen, die Themen Front- und Backend immer einheitlich zu betrachten und die Bälle nicht zwischen den Applikations- und Basisverantwortlichen hin und her zu spielen. So etwas kostet Zeit und Projektbudget und bringt keinen direkten Erfolg.

Angesichts eines höheren Durchdringungsgrads von Standardfunktionen sollten Unternehmen die Endanwender frühzeitig über ein Prototyping involvieren und dabei nicht zu starr nach dem bekannten Wasserfallprinzip vorgehen. Agilität ist nicht generell die Formel für den Erfolg von S/4-Hana-Projekten. Agile Elemente allerdings lassen sich sehr zielführend in die Implementierungsprojekte einbauen.

IT-DIRECTOR: Inwieweit lässt sich ein Trend hinsichtlich der S/4-Hana-Kundenbasis erkennen?
F. Sackmann:
Wir sehen Trends bei der Unternehmensgröße und der Branchenausrichtung: Angesichts der neue Bedienoberfläche und der vielen vereinfachten Modelle und Architekturprinzipen beschäftigen sich mittlerweile auch Unternehmen mit S/4 Hana, die in der Vergangenheit ein SAP-System generell als zu groß und mächtig eingeschätzt haben.

Eine wichtige Rolle spielt hier Betriebsmodell der Cloud. Geht es um die Branchenausrichtung, dann ordnen sich viele Unternehmen zwar einer Branche zu, nutzen aber in ihren Prozessen Funktionen aus unterschiedlichen Industrien. S/4 Hana bietet hier einen großen Vorteil: Die Best Practices sind weitestgehend branchenneutral aufgebaut, aber sie lassen sich im Rahmen der SAP Model Company bei Bedarf um Bestandteile aus Industrielösungen erweitern.

IT-DIRECTOR: Wie ist es im IT-Dienstleistungsbereich um S/4-Hana-Spezialisten bestellt? Welche SAP-Experten werden generell derzeit verstärkt gesucht?
F. Sackmann:
Der Bedarf an Spezialisten für S/4 Hana wächst generell stark. Wir suchen vermehrt Mitarbeiter im Beratungs- und Entwicklungsumfeld, die sich mit modernen Technologien wie beispielsweise Cloud-Szenarien in hybriden Systemarchitekturen auseinandersetzen wollen. Weiterhin suchen wir Mitarbeiter, die sich als Solution Architects verstehen. Der Bedarf an klassischen modulorientierten SAP-Beratern besteht weiterhin. Vor dem Hintergrund der zunehmenden prozessorientierten Sicht auf eine S/4-Hana-Implementierung sind in Projekten allerdings Berater nötig, die fachbereichsübergreifend Prozesse und Wertschöpfungsketten umsetzen.

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok