Frankfurt im Fokus

Die Hauptstadt der Rechenzentren

In keiner anderen deutschen Stadt schießen derzeit mehr Rechenzentren (RZ) aus dem Boden als in Frankfurt a.M. Welche Gründe hat dieser Bauboom? Welche Anbieter sind besonders umtriebig und wie profitieren die Kunden?

Trotz hoher Kosten und verkehrstechnischer Risiken spricht einiges für Frankfurt als RZ-Standort.

Trotz hoher Kosten und verkehrstechnischer Risiken spricht einiges für Frankfurt als RZ-Standort.

Stellt sich zunächst die Frage, was überhaupt für einen RZ-Standort in Frankfurt spricht. Die dortigen Grundstücks-, Immobilien- und Energiepreise sind es wohl kaum. Zudem dürfte fast jeder Quadratmeter der hessischen Metropole entweder in einer Flugschneise des Frankfurter Flughafens, unmittelbar an einer Autobahn oder stark befahrenen Bundesstraße oder unweit des Schienennetzes liegen. Allein diese Umstände verursachen bei Rechenzen-trumsplanern große Bauchschmerzen, denn „sichere“ Data Center sollten stets mit deutlichem Abstand zu zentralen Verkehrswegen gebaut werden, um von etwaigen Unfällen verschont zu bleiben.

Trotz hoher Kosten und verkehrstechnischer Risiken spricht jedoch auch einiges für Frankfurt: Zum einen gilt die Nähe zum dortigen weltweit größten Internet-Knoten De-Cix als großes Plus. Entsprechend tummeln sich hier sämtliche Carrier von Rang und Namen. Zum anderen sitzt hier nicht nur die internationale Finanz­elite inklusive der Deutschen Börse, sondern seit ihrer Gründung 1998 auch die Europäische Zentralbank (EZB). Hinzu kommt in Zukunft ein durch den Brexit in Gang gesetzter Zuzug namhafter Finanzspezialisten aus London. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach Computing-Ressourcen und minimalsten Latenzzeiten.

Laut Frank Zachmann, Vorstandsvorsitzender beim Digital Hub Frankfurt Rhein Main e. V., trägt der Brexit seinen Teil zum aktuellen RZ-Boom bei. „Die Finanzbranche ist besonders auf Informationstechnologien angewiesen. Schon lange vor der Entscheidung für einen neuen Standort sind Kundschafter der Banken unterwegs, um die ins Auge gefassten Standorte zu überprüfen.“ Keine Bank, so der Vorstand, entscheide sich für einen Standort, wenn nicht gewährleistet sei, dass die IT-Abteilungen am Zielort die benötigten, teils gigantischen Rechenzentrumskapazitäten vorfänden. „Ohne Rechenzentren gibt es keinen neuen europäischen Mittelpunkt der Finanzbranche“, bringt es Zachmann auf den Punkt.

Die Finanzhäuser selbst fungieren allerdings nicht als Bauherren der neuen oder geplanten Data Center. Vielmehr sind es vor allem Colocation-, Housing- und Hosting-Anbieter, die derzeit äußerst umtriebig entweder bestehende Standorte ausbauen oder auf der grünen Wiese neu bauen. So eröffnete Inter­xion, ein Anbieter cloud- und carrier-neutraler RZ-Dienstleistungen, letzten Herbst bereits das elfte und zwölfte. Rechenzentrum auf seinem Frankfurter Campus (IT-DIRECTOR, 12/2017, S. 10 f.). Fast zeitgleich nahm Data-Center-Spezialist Maincubes sein unweit der Frankfurter Standgrenze in Offenbach neu errichtetes Rechenzentrum FRA01 in Betrieb (12/2017, S. 14).

Ein weiteres Rechenzentrum öffnete Ende November 2017 in luftiger Höhe seine Pforten: Im Eurotheum, den Räumlichkeiten der ehemaligen Europäischen Zentralbank in der Frankfurter Innenstadt, hat der Dresdner RZ-Anbieter Cloud & Heat seine Zelte aufgeschlagen. Das Gebäude ist 110 m hoch, zählt 31 Stockwerke, beinhaltet Büros, ein Hotel und seit Kurzem eben auch ein professionelles Data Center.

Im November wurden nun die ersten zehn Prozent des Rechenzentrums, das sich auf zwei Etagen über 640 m2 erstreckt, in Betrieb genommen. Der vollständige Ausbau ist für Ende 2018 geplant. Dann wollen die Dresdner mit 84 Server-Schränken von hier aus verschiedene auf Openstack basierende Private- und
Public-Cloud-Lösungen anbieten.

Bislang wurden im Eurotheum bereits umfangreiche Umbau- und Sanierungsarbeiten durchgeführt: von der Modernisierung der Server- und Büroräume über die Installation erster Server-Schränke bis hin zur Integration des Hydraulikkreislaufs in die Hochhausinfrastruktur. Vor allem Letzteres spielt für die patentierte Technik von Cloud & Heat eine wichtige Rolle, die gleichzeitig auch das Gebäude heizen soll. Dafür nutzt das Kühlsystem bis zu 90 Prozent der von der Hardware produzierten Wärme und speist sie in den Heißwasserkreislauf des Hochhauses ein. Bei vollem Ausbau produzieren die Server so auf jeder Etage bis zu 300 kW Abwärme, die dank eines effizienten Direktkühlsystems vor Ort zum Beheizen der ansässigen Büro- und Konferenzräume, der Hotellerie und Gastronomie genutzt werden soll. Nicolas Röhrs, Geschäftsführer und Mitbegründer von Cloud & Heat Technologies, erklärt: „Dadurch können sowohl die jährlichen Kosten für Heizenergie im Eurotheum um bis zu 40.000 Euro reduziert als auch zusätzliche 30.000 Euro pro Jahr an Kühlkosten für das Rechenzentrum im Vergleich zur konventionellen Luftkühlung eingespart werden.“

Nicht zuletzt aufgrund des ausgeklügelten Energiesystems unterstütze das Projekt auch die Ziele des „Masterplan 100 % Klimaschutz“ der Stadt Frankfurt,  in dessen Rahmen der Energiebedarf der Kommune bis 2050 um 50 Prozent und die Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um mindestens 95 Prozent reduziert werden sollen. Als „europäische Hauptstadt der Rechenzentren“ sei in Frankfurt die Energieeffizienz eben dieser extrem wichtig. „Projekte wie das im Eurotheum sind zwingend notwendig, wenn wir Frankfurt als attraktiven RZ-Standort bewahren und zugleich die Klimaschutzziele erreichen wollen“, erklärt Max Weber, Klimaschutzmanager im Energiereferat.

100 Millionen Euro für die Cloud


Neben Cloud & Heat eröffnete auch E-Shelter, Tochterunternehmen von NTT Communications, jüngst den inzwischen achten RZ-Bauteil auf dem Campus „Frankfurt 1“. Hier wurden nach neunmonatiger Bauzeit und mit einem Investitionsvolumen von 100 Mio. Euro rund 7.100 m2 neue Rechenzentrumsfläche geschaffen. Nun soll der neue Bauteil mit folgenden Parametern punkten: maximale Leistungsaufnahme von 17 Megawatt, separate Notstromaggregate, Zugang zu mehr als 350 Carriern und direkter Zugang zu globalen Cloud- und Applikationsanbietern.

Insgesamt erstreckt sich der Frankfurter Campus von E-Shelter aktuell über 60.000 m2 RZ-Fläche mit einer Leistung von 120 Megawatt. Als wichtige Säule gilt dabei das hauseigene Innovation Lab. Hier erhalten Kunden die Möglichkeit, sogenannte „Proofs of Concept“ durchzuführen. Von der Verkabelung über die Bestückung der Racks bis hin zur Implementation einer Software-Architektur für die Cloud seien konkrete Anwendungsfälle umsetzbar. „Seit der Eröffnung im Frühjahr 2017 haben bereits über 50 Soft- und Hardware-Anbieter rund 5 Mio. Euro in das Lab investiert“, heißt es aus Anbieterkreisen.

Ein weiterer RZ-Coup gelang dem Schweizer Cloud-Anbieter Exoscale. Dieser nahm ebenfalls im vergangenen November ein neues Rechenzentrum in Frankfurt in Betrieb. Mithilfe lokaler Rechenzentren will man die eigene „Made in Europe“-Strategie vorantreiben, was etwa bei der Einhaltung aktueller Datenschutzrichtlinien hilfreich ist. Zudem würden die Kunden die Vorteile einer in der Nähe betriebenen Cloud-Infrastruktur und den damit verbundenen lokalen Support sowie eine schnelle Datenübertragung dank geringer Latenzzeiten zu schätzen wissen.

Von Frankfurt aus will Exoscale den Anwendern Zugriff auf Rechenleistung, Netzwerkkapazität, Storage und IT-Infrastruktur bieten. Dabei können die Kunden modular einsteigen und je nach Bedarf skalieren, wobei sich die Konditionen wie folgt gestalten: Abrechnung pro Minute, SSD-gesicherte Hypervisoren und eine Boot-Zeit von weniger als 30 Sekunden.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 01-02/2018. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Nicht zuletzt eröffnete der US-amerikanische Colocation-Anbieter Digital Realty sein zweites Rechenzentrum in Frankfurt. Der neue Standort liegt in einem Technologie-Hub in Sossenheim. Das Data Center sei der erste Teil des neuen Campus, der künftig aus drei Gebäuden bestehen wird. Jedes soll eine Leistung von neun Megawatt aufweisen, sodass eine Gesamtleistung von 27 Megawatt angeboten werden kann.

Bleibt zu klären, wer neben der Finanzindustrie die großen Mengen neuer RZ-Ressourcen überhaupt benötigt. Glaubt man den Betreibern, wird die Nachfrage nach Rechenleistung kontinuierlich steigen. Grund dafür ist die allgegenwärtige Digitalisierung sämtlicher Geschäfts- und Lebensbereiche. Denn aktuelle Technologien wie das Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz oder autonome Fahrzeuge benötigen viel Rechen-Power bei minimalen Latenzzeiten.


Rechenzentren in Frankfurt: Zahlen und Fakten

Laut dem Digital Hub Frankfurt Rhein Main e.V. steuert Frankfurt bei den Rechenzentren auf 500.000 m2 an betriebener Fläche zu. Zudem werde man im Laufe des Jahres 2019 die Grenze zu 600.000 m2 an betriebener Rechenzentrumsfläche überschreiten. Die jährlichen Investitionssummen in Rechenzentren in der Stadt korrigierte der Verein zuletzt von 200 Mio. Euro pro Jahr im langjährigen Mittel auf aktuell mehr als 350 Mio. Euro pro Jahr.
Im Internet: www.digitalhub-frm.de


Bildquelle: Thinkstock/iStock

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