„Navigate your Next“

Die IT steht nie still

Stete Veränderungen gehören in der IT zum Alltag. Im Interview erklärt Andrea Hendrickx, Geschäftsleitung Infosys Ltd. Deutschland, was den Reiz dieser Herausforderung ausmacht und wie das Unternehmen die IT-Landschaften seiner Kunden resilient transformieren, Jobchancen für junge IT-Karrierestarter schaffen und eine solide Struktur vor Ort ausbauen will.

  • Andrea Hendrickx, Infosys

    „IT steht nie still, sie fordert uns heraus und genau das macht ihren Reiz aus“, so Andrea Hendrickx.

  • Andrea Hendrickx, Infosys

    „Der Aufbau und die Weitergabe von digitalen Fähigkeiten, Fachwissen und Ideen aus unserem Innovationsökosystem führen zu einer kontinuierlichen Verbesserung“, meint Andrea Hendrickx.

  • Andrea Hendrickx, Infosys

    Andrea Hendrickx: „Wir wollen nicht nur ein führendes Technologieunternehmen sein, sondern auch ein attraktiver Arbeitgeber.“

  • Andrea Hendrickx, Infosys

    „Das Herz der IT schlägt in Indien und ich wollte näher an diesem Puls sein“, betont Andrea Hendrickx.

  • Andrea Hendrickx, Infosys

    Andrea Hendrickx: „Ich wünsche mir, dass eines Tages Frauen in der Technologiebranche genauso etabliert sind, wie ihre männlichen Kollegen.“

  • Andrea Hendrickx, Infosys

    Andrea Hendrickx: „Der größte Paradigmenwechsel der letzten Jahre war die Cloud.“

ITD: Frau Hendrickx, das Motto Ihres Unternehmens lautet „Navigate your Next“ – was verbirgt sich dahinter?
Andrea Hendrickx:
„Navigate your Next“ ist unser Ansatz, wenn wir Unternehmen bei ihrer Entwicklung hin zu einem „Live Enterprise“ unterstützen. Diesen Ansatz möchte ich kurz erklären: Die Märkte heutzutage sind sehr herausfordernd; entweder sie spornen Organisationen zu neuen Erfindungen, zu Neugeschäft oder dem nächsten Geschäftsmodell an. Oder aber sie zwingen sie vorzeitig zum Aufgeben. In einem solch dynamischen Markt helfen wir unseren Kunden, ihre Organisationen zu einem florierenden Live Enterprise umzugestalten. Mithilfe dieses Ansatzes lernt eine Firma kontinuierlich dazu, treibt Innovationen voran, baut digitale Kernkompetenzen aus, entwickelt Betriebsmodelle weiter und macht Angestellte fit für die Zukunft. Das Ergebnis: Die Unternehmen sind widerstandsfähiger und können effektiv auf Marktstörungen reagieren, ohne ihre Geschäftsleistung zu beeinträchtigen. Unser Digital Navigation Framework ebnet den Weg für diese Transformation: Relevante digitale Fähigkeiten bilden die Basis, hinzu kommen ein robustes Betriebsmodell und geschulte Mitarbeiter, um Unternehmen auf ihrem Weg zu einem solchen Live Enterprise zu unterstützen.

ITD: Welche Strategie ergibt sich aus diesem Ansatz?
Hendrickx:
Der Leitsatz „Navigate your Next“ ist Teil unserer DNA und der Titel eines Dreijahresplans, der 2018 von unserem CEO vorgestellt wurde. Die Strategie besteht darin, uns auf unsere Stärken zu konzentrieren, Dienstleistungen zu erbringen und diese bestmöglich auszuführen. Angesichts all der Veränderungen und Disruptionen, die sich um uns herum ereignen und die größtenteils von Technologien befeuert werden, suchen Kunden heutzutage nach einem starken und verlässlichen Partner, der sie erfolgreich durch diese Zeiten navigiert. Unser Plan war es, Infosys als einen solchen Partner zu etablieren, und Jahr für Jahr erzielen wir damit kontinuierliches Wachstum. Die Strategie hat sich also ausgezahlt. Wir verfügen über die notwendigen digitalen Fähigkeiten, um derlei Chancen am Markt zu nutzen: Wir sind flexibler geworden, haben unser Geschäft neu geordnet und setzen auf Automatisierung. Damit sind wir in der Lage, die Anforderungen unserer Kunden zu erfüllen. Die Basis hierfür ist die kontinuierliche Weiterbildung und Umschulung unserer Mitarbeiter. Die Lokalisierung hat einen großen Unterschied gemacht und wir sind ein attraktiver Arbeitgeber, der heute schon die Talente von morgen sucht, findet und aufbaut. Wir haben durchgängig auch im Jahr 2020 während der Covid-19-Krise eingestellt und bieten Bewerbern die gesamte Palette der IT.

ITD: Infosys ist eines der größten IT-Unternehmen der Welt mit Niederlassungen auf dem gesamten Globus und einem Milliardenumsatz. Wie sehen die Konzernstruktur und das Tätigkeitsfeld aus?
Hendrickx:
Infosys ist ein weltweit führendes Unternehmen für digitale Dienstleistungen und Beratung der nächsten Generation. Es wurde 1981 gegründet und ist ein an der NYSE notiertes globales Beratungs- und IT-Dienstleistungsunternehmen mit mehr als 267.000 Mitarbeitern. Aus 250 US-Dollar Startkapital bei der Gründung haben wir uns zu einem Unternehmen mit einem Umsatz von 14,22 Mrd. US-Dollar (LTM Q1 FY22) und einer Marktkapitalisierung von rund 90,25 Mrd. US-Dollar entwickelt.

Wir unterstützen Kunden in mehr als 50 Ländern bei ihrer Digitalen Transformation. Mit über vier Jahrzehnten Erfahrung, Systeme und Abläufe in globalen Unternehmen zu managen, führen wir unsere Kunden fachkundig auf ihrer digitalen Reise. Dazu implementieren wir KI-gestützte Kerntechnologien im Unternehmen. So lassen sich notwendige Veränderungen priorisieren und durchführen. Darüber hinaus sind Organisationen dank uns in der Lage, ihre Leistung und Kundenzufriedenheit durch eine agile digitale Skalierung zu erhöhen. Ganz oben auf unserer Agenda steht kontinuierliches Lernen. Der Aufbau und die Weitergabe von digitalen Fähigkeiten, Fachwissen und Ideen aus unserem Innovationsökosystem führen so zu einer kontinuierlichen Verbesserung.

ITD: Welche Rolle kommt Infosys Deutschland und seinen ca. 1.800 Mitarbeitern in diesem Konzerngeflecht zu? Wie profitieren Ihre deutschen Kunden davon, dass hinter Ihnen ein multinationaler Konzern steht?
Hendrickx:
Deutschland ist ein wichtiger strategischer Markt für uns, insbesondere für die Bereiche „Automotive“ und „Manufacturing“ – und wir wachsen stetig. Wir sind seit 1999 in Deutschland tätig und haben hierzulande heute neun Niederlassungen. Im November 2019 haben wir ein neues, hochmodernes Digital Innovation Center in Düsseldorf eröffnet, unsere Living Labs. Das Center ermöglicht uns eine engere Zusammenarbeit mit unseren Kunden in der Region und konzentriert sich auf Business Suites der nächsten Generation. Dazu gehören SAP Hana sowie Cloud-basierte Services, Internet of Things, 5G, Künstliche Intelligenz und Machine Learning. Darüber hinaus dient es als Bindeglied zwischen Unternehmen und den führenden Bildungseinrichtungen in Deutschland. Die Living Labs sind ein wichtiger Baustein in der Mission, die Arbeitskräfte von morgen zu entwickeln und auszubilden, um die MINT-Qualifikationslücke in der Region zu schließen. Strategische Partnerschaften mit führenden regionalen akademischen Einrichtungen, die an der Entwicklung von Talenten, Arbeitsplätzen, Praktika und gemeinsamen Projekten arbeiten, bestehen bereits und innovativ digitale Projekte laufen.

Im Juli 2021 haben wir außerdem unser Automotive Digital Technology and Innovation Center in Stuttgart eröffnet. Es baut auf unserem strategischen Engagement auf, Innovationen sowie die IT-Infrastrukturtransformation in der Automobilbranche voranzutreiben. Das neue Zentrum bündelt die Expertise und die Fähigkeiten von Automobil- und IT-Experten aus ganz Deutschland an einem Ort. Im Rahmen unserer Partnerschaft mit Daimler wechselten Automobil-IT-Infrastrukturexperten von der Daimler AG in das neue Zentrum für digitale Technologie und Innovation. Dies fördert ein nachhaltiges Wachstum des deutschen Automobilsektors und gibt unseren Kunden Werkzeuge an die Hand, um die wachsende Nachfrage nach Elektrofahrzeugen in Deutschland zu bedienen. Unser Ziel ist es, eine Benchmark für deutsche Automobil- und Fertigungsunternehmen zu schaffen, um die Einführung und Transformation digitaler Technologien zu beschleunigen und zu standardisieren.

ITD: Das Unternehmen ist Arbeitgeber und Jobmotor in vielen Regionen der Welt – welche Verantwortung ergibt sich daraus für das Unternehmen und auch für Sie persönlich?
Hendrickx:
Wir verbinden unternehmerischen Erfolg mit einer vorbildlichen Governance, die auf die Bedürfnisse von Umwelt und Gesellschaft eingeht. Infosys wurde schon früh verantwortungsvoll geführt. ESG-Faktoren (Environmental Social Governance) sind Teil aller Aspekte des Unternehmens. Unser Ziel ist es, Nachhaltigkeit in die Geschäftsumgebungen zu integrieren, die wir für unsere Kunden entwickeln – ebenso wie in unsere eigenen Prozesse. Unsere Vision für 2030 zeigt, dass ESG auch weiterhin ein integraler Bestandteil unseres nachhaltigen Geschäftserfolgs sein wird.

Mich selbst motiviert es täglich, Infosys in Deutschland weiterzuentwickeln. Wir wollen nicht nur ein führendes Technologieunternehmen sein, sondern auch ein attraktiver Arbeitgeber. Ich arbeite mit einem fantastischen globalen und lokalen Team zusammen, das wie eine Familie für mich ist. Die IT-Landschaften unserer Kunden resilient zu transformieren, faszinierende Jobchancen für junge IT-Karrierestarter zu schaffen und unsere solide Struktur vor Ort auszubauen, macht den besonderen Reiz meiner Aufgabe aus.

ITD: Vor Ihrem Einstieg waren Sie über 19 Jahre bei Capgemini beschäftigt – was hat Sie zum Wechseln bewogen?
Hendrickx:
In meinem früheren Unternehmen hatte ich eine Reihe verschiedener Funktionen inne. Nach fast 20 Jahren war die Zeit reif für eine Veränderung. Obwohl es immer die „Angst vor dem Unbekannten“ gibt, haben mir Veränderungen und der Schritt heraus aus der Komfortzone jedes Mal geholfen, zu wachsen. Infosys gab mir die Möglichkeit, an einer fantastischen Wachstumsgeschichte teilzuhaben. Das Herz der IT schlägt in Indien und ich wollte näher an diesem Puls sein.

ITD: Steht – wie in Ihrem Fall – eine Frau an der Spitze eines IT-Unternehmens, kommen schnell Fragen zum Thema „Women in Tech“. Stören Sie sich daran?
Hendrickx:
Das stört mich persönlich überhaupt nicht – vielmehr ist mir das ein wirklich wichtiges Anliegen. Natürlich wünsche ich mir, dass wir derlei eines Tages nicht mehr diskutieren müssen und Frauen in der Technologiebranche genauso etabliert sind wie ihre männlichen Kollegen. Aber im Moment muss diese Diskussion noch geführt werden, um eine höhere Anzahl junger Frauen zu motivieren, sich mit MINT-Fächern und Technologie zu beschäftigen. Und ich freue mich, wenn die Zahlen kontinuierlich steigen.

ITD: Welche Rolle spielen Gleichberechtigung, Diversität und Inklusion in Ihrem Haus und ergeben sich daraus konkrete Handlungsleitsätze?
Hendrickx
: Was die Vielfalt bei Infosys als multinationalem Unternehmen angeht, war diese schon immer ein Teil unserer DNA. Wenn eine Innovation einer heterogenen Gruppe von Menschen dienen soll, muss diese von Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund entwickelt werden. Und dies ist bereits das ganze Geheimnis. Deshalb arbeiten bei uns Menschen aus allen Gesellschaftsgruppen, mit unterschiedlichen Interessen, Geschlechtern und Ausrichtungen, aus über 144 Ländern, die in mehr als 50 Ländern tätig sind. Was beispielsweise die Geschlechtervielfalt betrifft, so stellen Frauen 25 Prozent unserer leitenden Angestellten und 38 Prozent unserer Belegschaft. Wir stärken weiter die Teilhabe von Frauen in Technologie und Wirtschaft durch unsere globalen und lokalen Initiativen. Unsere „Women Technology Architects“, „Women in Cyber Security“ und „Women in Digital“ sind nur einige Beispiele für unsere gezielten Bemühungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten für Frauen im Technologiebereich auf- und auszubauen.

ITD: Seit das Unternehmen Anfang der 80er Jahre gegründet wurde, gab es einige technologische Paradigmenwechsel. Welche Veränderung hatte dabei den nachhaltigsten Effekt?
Hendrickx:
Der größte Paradigmenwechsel der letzten Jahre war die Cloud. Sie ermöglicht es uns, dezentral zu arbeiten, und bietet allen eine höhere Mobilität. Viele Unternehmen standen der Migration ihrer Daten und Anwendungen in die Cloud zunächst kritisch gegenüber – sie gaben damit zumindest aus ihrer Sicht die Kontrolle über Daten und Applikationen auf. Die meisten haben aber inzwischen erkannt, dass ihnen ein Wechsel in die Cloud hilft, ihre Kosten zu kontrollieren und Skalierbarkeitsprobleme zu lösen. Gleichzeitig ermöglicht die Cloud, dass die Anwender flexibler als zuvor arbeiten können. Die Cloud war der wichtigste Grund dafür, dass Unternehmen während der Pandemie betriebsfähig geblieben sind. Denn nur so konnten Millionen von Arbeitnehmern vom Homeoffice aus reibungslos arbeiten. Dies allein unterstreicht die Bedeutung dieser Technologie, die im Übrigen in den kommenden Jahren noch zunehmen wird.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Technologien wie Industrie 4.0 wären ohne die Cloud nicht möglich. Industrie 4.0 ist jedoch mehr als nur die Cloud, denn sie benötigt Sensoren für die Datenerfassung, Big Data Analytics, KI/Machine Learning für die Datenanalyse, die Anbindung an Produktionsanlagen sowie Skalierbarkeit und Bandbreite, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Die Umsetzung von Industrie 4.0 ist jedoch eine Herausforderung für die Automobil- und Fertigungsindustrie. Produktionsanlagen wurden nicht für die Anbindung an das Internet konzipiert und verfügen daher weder über Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz vor Cyberangriffen noch sind sie zertifiziert, wenn sie im Nachhinein vernetzt werden. Da Unternehmen nicht einfach Maschinen und Roboter ersetzen können, müssen sie Security-Applikationen hinzufügen und mögliche Einfallstore für Cyberangriffe schließen. Sobald die intelligente Fabrik in Betrieb ist, sammelt sie Daten, auf deren Basis sich Geschäftsmodelle schneller und leichter anpassen lassen. Die Informationen fließen außerdem in die Entwicklung neuer sowie die Verbesserung bestehender Produkte ein. Das Ergebnis ist ein wettbewerbsfähigeres und profitableres Unternehmen.

ITD: Wir haben in den letzten Wochen einen unerwartet harten Wahlkampf gesehen – wird das Thema „Digitalisierung“ ernst genug genommen?
Hendrickx:
Die Covid-19-Pandemie hat mit all ihren Einschränkungen und Auswirkungen auf unser privates und berufliches Leben gezeigt, dass Deutschland einen erheblichen Nachholbedarf in Sachen „Digitalisierung“ hat. Wir müssen sehr schnell aufholen, um wieder bzw. weiterhin wettbewerbsfähig zu sein. Dieses Thema hatte als Teil der Bundestagswahl eine große Bedeutung in der Agenda aller beteiligten Parteien. Es gibt hier viel zu tun: Zentrale Herausforderungen sind der Breitbandausbau, Datenschutz, E-Government, Cybersicherheit und die IT-Ausstattung an Schulen und im öffentlichen Bereich.

ITD: Wo gibt es aus Ihrer Sicht den dringendsten Handlungsbedarf und was müsste die kommende Regierung tun, damit Deutschland als Digitalstandort nicht den Anschluss verliert?
Hendrickx:
Einerseits muss Deutschland in den Zukunftsbranchen stärker werden. Andererseits muss die Region selbst ihre Digitale Transformation beschleunigen. Einer der wichtigsten Aspekte – und die allgemeine Grundlage – ist der Breitband- und der 5G-Ausbau. Wir leben in einem Zeitalter der Hyperkonnektivität, in dem die Technologie allgegenwärtig ist und Daten in immer schnellerem Tempo erzeugt und verbraucht werden.

Gleichzeitig muss Deutschland sich digital möglichst schnell weiterbilden. Dazu gehört die Ausbildung von Talenten in Informatik und verwandten Bereichen. In Deutschland gibt es bereits einen Fachkräftemangel, der in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird. Hier muss in die digitale Aus- und Weiterbildung nicht nur von Fachkräften, sondern auch der Gesellschaft im Allgemeinen investiert werden.

ITD: In welchen Bereichen arbeitet Ihr Unternehmen an KI-Technologien? Welche Ziele verfolgt die „applied AI Cloud“?
Hendrickx:
Infosys Applied AI ist ein integriertes Angebot, das die Leistungen von KI, Analytik und Cloud bündelt, um Unternehmen beste Ergebnisse und differenzierte Optionen zu liefern. So erzielen wir für unsere Kunden hohe Effizienzgewinne, durch zukunftssichere und skalierbare Investitionen. Gleichzeitig managt die Applied AI die Reputations- und Leistungsrisiken von KI.
Noch einen Schritt weiter ermöglicht die Applied AI Cloud (Teil unserer „Cobalt“-Lösung) Unternehmen den einfachen und kontextualisierten Zugriff auf KI-Hardware und -Software in privaten und öffentlichen Clouds. Zusätzlich lassen sich mit Edge AI Algorithmen mit Künstlicher Intelligenz lokal auf jedem Gerät verarbeiten.

Um allerdings zum Thema „KI“ nicht den Anschluss zu verlieren, müssen dringend Brücken zwischen den Forschenden, der Industrie und den Landesregierungen gebaut werden. Und obwohl das Forschungsinstitut Jülich wohl die Kapazität hätte, haben dort vornehmlich andere Themen Priorität, und somit fehlt es schlicht an ausreichend technischer Ausstattung an den verschiedenen deutschen Standorten.

ITD: Wie können KI und Automatisierung in der heutigen VUCA-Welt dazu beitragen, Unternehmen resilienter zu machen?
Hendrickx:
Resilient zu sein, bedeutet, dass man in der Lage ist, schnell und effektiv auf Marktstörungen zu reagieren – und gleichzeitig den ständig steigenden Erwartungen an das Kerngeschäft gerecht zu werden. Als wir die Herausforderung angenommen haben, für uns und unsere Kunden widerstandsfähiger zu werden, haben wir uns von der Natur inspirieren lassen. Wir wollten Organisationen zu lebensechten, reaktionsfähigen, widerstandsfähigen Wesen im Unternehmensmaßstab machen – um sie in die so genannten „Live Enterprises“ zu verwandeln, in denen sie eine ähnliche Agilität wie Start-ups erreichen und sich schneller als bisher anpassen können.

In einem Live Enterprise lassen sich intuitive Entscheidungen automatisch und in großem Umfang treffen. In einem solchen Unternehmen sind Wertschöpfungsketten agiler und reaktionsfähiger. Es geht darum, die Nutzer und ihre Bedürfnisse im Voraus zu verstehen, um positive Erfahrungen spürbar Teil des Alltags werden zu lassen. Um unsere Kunden bei ihrer beschleunigten digitalen Reise zu unterstützen, haben wir die Live Enterprise Suite entwickelt, die aus Frameworks und Plattformdiensten besteht. Es werden zukunftsfähige Open-Source-Technologien verwendet und der Betrieb erfolgt in einer flexibel skalierbaren hybriden Multi-Cloud. Die Live Enterprise Suite ergänzt und stärkt die bestehenden Systeme und bietet Services, um die digitale Reise zu beschleunigen.

ITD: Wie entwickeln Sie KI-Produkte und -Dienstleistungen? Wie entscheiden Sie, was Eingang in Ihr Portfolio findet?
Hendrickx:
Die Entscheidung hängt natürlich von den Markt- und Kundenbedürfnissen ab, die bereits bekannt sind, aber wir arbeiten auch an Lösungen von morgen. Wir sind deswegen auch immer auf der Suche nach bislang ungelösten Problembereichen. Infosys analysiert dann, ob wir diese Bereiche adressieren, indem wir eine KI-Lösung entwickeln, die unseren Kunden einen Mehrwert bieten würde. Weitere Faktoren sind die unternehmensweite Skalierung oder die Demokratisierung von KI durch den Aufbau von Low-Code-No-Code-Plattformen (LCNC). Außerdem gehören Crowdsourcing zur Förderung einer besseren Zusammenarbeit sowie eine kontinuierliche Optimierung der Modelle dazu.

ITD: Woran scheitern Ihrer Erfahrung nach KI-Projekte in Unternehmen? Haben Menschen zu viel Angst vor dem Potenzial von KI oder noch nicht genug?
Hendrickx:
Viele KI-Projekte funktionieren gut, wenn sie erst einmal ins Leben gerufen wurden. Sie laufen in Silos oder begrenzten Bereichen. Versuchen Unternehmen jedoch, ihre KI-Lösung auszubauen, tauchen häufig Probleme auf. Ein wichtiger Faktor für das Scheitern von entsprechenden Projekten ist der Mangel an Datensätzen für das Training des KI-Modells. Je mehr Daten dem Modell zur Verfügung stehen, desto schneller lernt und analysiert es – und liefert bessere Ergebnisse. Ein Mangel an guten oder ausreichenden Daten führt zu falschen Erkenntnissen und Verzerrungen. Auch eine fehlende End-to-End-Vision für das Ergebnis ist ein Grund. Unternehmen müssen sich darüber im Klaren sein, was sie von einem KI-Modell erwarten.

Daneben mangelt es oft an Verständnis dafür, was KI leisten kann und, was noch wichtiger ist, was sie nicht leisten kann. KI ist kein Allheilmittel, das alle Fragen oder Herausforderungen löst. Auch das Fehlen einer formalen Governance-Struktur ist ein Faktor. Die Vorschriften für KI, ihrer Nutzung und Umsetzung sind noch in Arbeit. Dies führt häufig zu Engpässen beim Datenschutz, bei der Beseitigung von Vorurteilen usw. Um dem entgegenzuwirken, müssen KI-Plattformen und Machine Learning in großem Umfang eingeführt werden. Zuletzt hapert es oft auch an den Fähigkeiten, skalierbare KI-Modelle zu entwickeln.

ITD: Eingangs sprachen wir kurz über Integration und Diversität – besteht nicht die Gefahr, dass eine KI Vorurteile „entwickelt“ und reproduziert?
Hendrickx:
Vielfalt bzw. Diversität ist für den Erfolg von KI entscheidend. Es muss gewährleistet sein, dass die Entwickler von KI-Modellen ebenso wie die Mitarbeiter, die KI einsetzen, aus verschiedenen Gruppen stammen und einen unterschiedlichen gesellschaftlichen Hintergrund haben. Damit sind sie in der Lage, eine Vielzahl von Standpunkten einzubeziehen. Dies ermöglicht eine Abkehr von unbewussten, gesellschaftlichen Vorurteilen und lässt Unternehmen neue Leistungs- und Ergebnisebenen erzielen. Gleichbedeutend damit ist das Konzept der ethischen KI oder der KI, die dazu dient, die Gesellschaft auf humane und verantwortungsbewusste Weise zu verbessern. Wir alle tragen hier gemeinsam eine große Verantwortung.

Andrea Hendrickx

Alter: 53 Jahre
Familienstand: zwei Töchter
Interessen: Schmerztherapie und Arbeit mit medizinischen Lasergeräten, Gartenarbeit, Imkerei
Karriere: Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Köln, u.a. fast 20 Jahre in versch. Positionen bei Capgemini, seit 2019 bei Infosys
Derzeitige Positionen: Geschäftsleitung Infosys Ltd. Deutschland, Mitglied der Geschäftsführung der Infosys Germany Holding GmbH und der Infosys Automotive & Mobility GmbH & Co. KG


Bildquelle: Claus Uhlendorf

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok