Digitale Aufklärung

Die weite Prärie und das Internet

Was haben der Wilde Westen und das Internet gemeinsam? Ziemlich viel, glaubt man Tim Cole. In seinem aktuellen Buch „Wild Wild Web“ beschreibt der Journalist und Branchenkenner die Parallelen zwischen der Erschließung des nordamerikanischen Westens und den jüngsten Entwicklungen des World Wide Web.

  • Blick in die Prärie mit Büffeln

    Was haben der Wilde Westen und das Internet gemeinsam? Ziemlich viel, glaubt der Buchautor Tim Cole.

  • Das Fachbuch „Wild Wild Web“

    Wollen wir wirklich im digitalen Wilden Westen leben? Was hat der Wilde Westen mit dem World Wide Web zu tun? Eine ganze Menge, betont Buchautor Tim Cole.

Während der Hype um die Digitalisierung und im Zuge dessen um das Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz oder Robotik noch vor kurzem fast keine Grenzen kannte, scheint inzwischen Ernüchterung eingetreten zu sein. Denn immer mehr Experten beäugen die Richtung, die das Web zuletzt eingeschlagen hat, äußerst kritisch. Vor diesem Hintergrund will der Autor aufzeigen, wie es mit vorherrschenden Internet-Giganten wie Amazon, Facebook und Google weitergeht: Gelingt es ihnen, ungebremst weiter zu wachsen und das Leben von Milliarden Menschen auf der Welt digital zu dominieren? Oder kann deren Datensammelwut inklusive aller Auswüchse künftig deutlich eingeschränkt werden?

Die Zivilisierung des Internets

Um aufzuzeigen, woran Internet-Strukturen heute kranken und wie man wieder auf den richtigen Weg kommen kann, zieht Tim Cole einen Vergleich mit der amerikanischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Ähnlich der „Zivilisierung“ des Wilden Westens müsse sich das Internet entwickeln. Mit „zivilisiert“ meint Cole, dass nicht nur Recht und Ordnung herrschen, sondern auch Wachstum, Wohlstand, Fortschritt und Vielfalt. „Das alles steht uns im Internet-Zeitalter noch bevor, glaubt der Autor. Man befinde sich heute ungefähr dort, wo die ersten US-Siedler standen, als sie gen Westen aufbrachen, um braches Land bewohnbar zu machen.

Zeitgleich zu den ersten Siedlungen und der Kultivierung des Landes traten immer mehr „Räuberbarone“ auf den Plan, die zunächst eigene Firmen ins Leben riefen und im nächsten Schritt Monopole schufen. Dabei dominierten die sogenannten „Trusts“ sehr bald die Schlüsselbranchen Stahl, Erdöl, Eisenbahnen und Finanzen. Die führenden Köpfe dieser Zeit hießen John D. Rockefeller (Standard Oil), Cornelius Vanderbilt (New York Central Railroad), Andrew Carnegie (Carnegie Steel Companie) oder John Pierport Morgan (J. P. Morgan).

Einen ähnlichen Verlauf macht der Autor in der Geschichte des Internets aus. Nachdem Pioniere das Neuland „Web“ erforschten und einer breiten Masse zugänglich machten, wird es heute von wenigen Unternehmen mit einer schier unfassbar großen Marktmacht beherrscht. Tim Cole spricht von „Digitalen Räuberbaronen“ und meint damit unter anderem die Firmengründer Jeff Bezos (Amazon), Steve Jobs (Apple), Mark Zuckerberg (Facebook) und Larry Page (Google).

Doch wie ging es damals weiter und was erwartet uns heute? Zu Beginn der 1890er-Jahre begann sich eine Bewegung gegen die „Gierkapitalisten“ zu bilden, die schließlich in der „Progressive Era“ endete. In diese Zeit fällt der „Sherman Act“ mit dem eine Serie von Anti-Monopol-Gesetzen erlassen wurde. Der Erfolg des Ganzen fiel eher gemischt aus: Manche Firmen blieben bestehen, andere wurden zerschlagen. Hinsichtlich eines Vergleichs mit der Gegenwart betont Tim Cole, dass die Lehren daraus klar sind: „Erstens haben Monopole langfristig keine Chance. Irgendwann übertreiben sie – und in Politik und Öffentlichkeit zieht der gesunde Menschenverstand ein.“

Neue Regeln für das Digitalzeitalter

Es wäre sehr schön, sollte dies derart auch bei den heutigen Monopolisten funktionieren. Ein paar Gesetze erlassen und alles wird gut. Doch so einfach wird es leider nicht funktionieren. Dies macht der Autor klar, indem er darauf hinweist, dass mit Blick nach Osten schon neue Giganten in den Startlöchern stehen – nämlich die Online-Konzerne Alibaba, Baidu und Tencent aus dem Reich der Mitte. Zudem gibt es mehrere Firmen wie Netflix oder Uber, die in der zweiten Startreihe stehen und künftig entsprechend weiterwachsen könnten.

Vor diesem Hintergrund glaubt der Autor, dass man an vier Stellschrauben drehen sollte, um eine menschenfreundliche, demokratische, sozialverträgliche und vielfältige Ausrichtung des Internets auf globaler Ebene realisieren zu können. Denn es „muss etwas geschehen, so viel ist klar. Wir können weltweit nicht einfach zusehen, wie riesige Internet-Konzerne mehr Macht an sich reißen als je Firmen zuvor in der Geschichte, dabei unvorstellbare Reichtümer anhäufen und letztlich bestimmen, wie unsere gemeinsame Zukunft aussehen soll. Sie müssen, so wie die Räuberbarone des ausgehenden Wilden Westens, mühsam und Schritt für Schritt an die Kandare genommen und gezwungen werden, sich an Regeln zu halten, die wir – Bürger, Konsumenten und Rechtsstaat – ihnen auferlegen“, führt Tim Cole aus.

  1. Per Regulierung sollte sich der bestehende Rechtsrahmen an die Gegebenheiten des Digitalzeitalters anpassen. Oder man erschafft neue Gesetze, die der gegenwärtigen Situation angemessen sind. Sollte sich dies weltweit nicht realisieren lassen – etwa weil China, Russland oder die USA quertreiben –, sollte es zumindest für alle EU-Länder einheitliche Spielregeln geben.
  2. Grundsätzlich sind Technologien immer neutral. Von daher kommt es darauf an, wie und wofür sie eingesetzt werden. Die Tech-Konzerne sollten endlich Verantwortung übernehmen und „ihre Ressourcen nicht nur zur Gewinnmaximierung, sondern auch zum Abstellen der schlimmsten Auswüchse des Internets bereitstellen. Denn wer mittels Technologien Datenmissbrauch und totale Transparenz schaffen kann, der kann genau so gut für den Schutz privater Daten und deren Verschlüsselung sorgen.
  3. Die Marktmacht der Kunden sollte verstärkt dazu genutzt werden, Dinge die falsch laufen, anzuprangern und in die richtige Richtung zu lenken. Gemäß der Parole „Wir sind das Volk“ glaubt Tim Cole an die neue Parole „Wir sind der Online-Markt“, mit der man die digitalen Räuberbarone in die Knie zwingen könnte.
  4. Hilfe zu Selbsthilfe: Ähnlich wie die „Netiquette“, d.h. Benimmregeln für die Kommunikation im Internet, sollte es für Online-Fehlverhalten generell entsprechende Gegenmaßnahmen geben. „In einer Welt, die auf totaler Kommunikation basiert, wäre Nichtkommunikation vielleicht die schlimmste Strafe, die wir aussprechen können“, meint Cole.

Über diese vier Punkte hinaus liefert Tim Cole weitere Vorschläge, für die Zukunft des Internets. So rät er dazu, Online-Händler in die Steuerpflicht zu nehmen, das internationale Monopolrecht an die digitale Neuzeit anzupassen, Leitlinien für Künstliche Intelligenz aufzustellen und „Grundrechte für Daten“ ins Leben zu rufen. Diesbezüglich sollten die Europäer ganz bewusst Stellung beziehen, denn „Europa, nicht die USA, sind heute die mächtigsten Regulatoren des Silicon Valley“.

Nicht zuletzt fordert der Autor „Wir sind das Web!“ und fordert in seinem abschließenden Manifest „Macht kaputt, was Euch kaputt macht!“. Neben digitalem Fasten und Datensparsamkeit, was jeder Einzelne für sich umsetzen kann, könnte auch auf staatlicher Ebene viel passieren. Die digitale Mitbestimmung ließe sich etwa in Gewerkschaftsstrukturen abbilden. Dabei könnte ein Online-Rat ähnlich dem „Deutschen Presserat“ die Umsetzung eines Digitalkodex kontrollieren. Nicht zuletzt verweist der Autor auf Stimmen, die einen „Global Digital Ethics Council“ fordern. Dieser sollte bestenfalls bei den Vereinten Nationen angesiedelt sein und ethische Belange etwa hinsichtlich Künstlicher Intelligenz und Robotik thematisieren.

Viele neue Denkanstöße

Soviel zu den beschriebenen Inhalten. Insgesamt lässt sich der Titel locker lesen und man erfährt zahlreiche interessante Details über die US-amerikanische Geschichte und die Wurzeln des Internets. Zudem gibt das Werk an vielen Stellen einen Anstoß, nachzudenken und eigene Überlegungen anzustellen.

Ganz gut bringt Dr. Winfried Felser, Geschäftsführer der Netskill Solutions GmbH, im Vorwort des Titels das Bestreben des digitalen Aufklärers Tim Cole auf den Punkt: „Gerade in unseren Zeiten der Geschichtsvergessenheit und der oft viel zu naiven Zukunftsfixierung sind Coles eloquenten, aber auch seine mahnenden Worte wichtig – weil die vielen Futuristen und Singularisten oft nur quasireligiöse Zerrbilder liefern und so Verwirrung unter denen stiften, die das Aufkommen des Internets eher aus der Zuschauerperspektive verfolgt haben und viele Zusammenhänge gar nicht kennen – gar nicht kennen können.“

Die Daten zum Buch:
Titel: Wild Wild Web. Was uns die Geschichte des Wilden Westens über die Zukunft der digitalen Gesellschaft lehrt
Autor: Tim Cole
Erschienen: Verlag Franz Vahlen GmbH
EAN: 9783800657889
Infos: www.mayersche.de

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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