Interview mit Dr. Béla Waldhauser vom Eco-Verband

Die Zeit des Redens ist vorbei

Im Interview kommentiert Dr. Béla Waldhauser, Sprecher der Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen in Deutschland beim Eco-Verband, weshalb der Breitband­ausbau gerade für deutsche Unternehmen von immenser Bedeutung ist, wo aktuell noch Schwachstellen liegen und wie diese behoben werden könnten.

Dr. Béla Waldhauser vom Eco-Verband

„Leistungsfähige digitale Infra­­strukturen bilden das Rückgrat der Digitali­sierung“, sagt Dr. Béla Waldhauser vm Eco-Verband.

IT-DIRECTOR: Herr Dr. Waldhauser, wie macht sich in der Praxis die unzureichend ausgebaute Breitbandinfrastruktur bemerkbar?
B. Waldhauser:
Aufgrund des stockenden Breitbandausbaus haben viele Menschen auf dem Land eine sehr langsame Internetverbindung. Was für Privatnutzer sehr lästig ist, kann besonders für kleine und mittelständische Unternehmen geschäftsschädigend sein. Mit einer durchschnittlichen Netzgeschwindigkeit von 15 Mbit/s liegt die Bundesrepublik laut einer Erhebung des Internetunternehmens Akamai weltweit auf Platz 25 und damit hinter Bulgarien und Rumänien.

Mit schnellen Glasfaseranschlüssen sind hierzulande bislang nur rund sieben Prozent der Haushalte versorgt, womit wir uns im europaweiten Vergleich auf dem vorletzten Platz befinden. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat auf Basis von Daten der EU-Kommission ermittelt, dass uns pro fehlendem Glasfaseranschluss derzeit ein Zuwachs von über 135.000 Euro BIP entgeht – das ist nur ein Beweis für das enorme Wertschöpfungspotential, das ein rascher Ausbau der digitalen Infrastrukturen verspricht.

Digitale Infrastruktur ist allerdings nicht gleichzusetzen mit Breitbandausbau, sondern umfasst ein starkes Netzwerk aus Rechenzentren, Collocation- und Cloud-Infrastrukturanbietern sowie Internet- und Hosting-Service-Providern. Als Eco-Verband setzen wir uns dafür ein, dass die Politik eine ganzheitliche Denk- und Herangehensweise entwickelt. Leistungsfähige digitale Infrastrukturen schaffen ein Ökosystem für Wirtschaftswachstum und Unternehmensgründungen und bilden das Rückgrat der Digitalisierung, so, wie Energieinfrastrukturen das Rückgrat der Energiewende sind.

IT-DIRECTOR: Weshalb benötigt gerade der Standort NRW flächendeckende Netze?
B. Waldhauser:
Leistungsfähige digitale Infrastrukturen sind die Basis für eine gelingende digitale Transformation. Gerade das bevölkerungsreiche Nordrhein-Westfalen, das wirtschaftlich nach wie vor stark vom Strukturwandel nach dem Ende der Montanindustrie geprägt ist, braucht flächendeckend starke Netze, um als Wirtschaftsstandort wettbewerbsfähig zu sein. Bislang liegt in NRW lediglich vor jeder zehnten Adresse ein Glasfaserzugang bereits in der Straße.

IT-DIRECTOR: Inwieweit kann und sollte die Politik zum Breitbandausbau beitragen?
B. Waldhauser:
Um das komplette Potential zum Gelingen der digitalen Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft auszuschöpfen, ist der rasche Ausbau flächendeckender Breitbandnetze alternativlos und muss von der Bundesregierung stärker vorangetrieben werden. Aktuell beobachten wir noch viele Hemmnisse für den Ausbau von Gigabit-Netzen, wie beispielsweise die fehlende Baukoordinierung oder langwierige Genehmigungsverfahren. Der Mangel an Kapazitäten und Fachkräften im Tiefbau verzögert den Baubeginn, verlängert die Bauzeit und erhöht die Kosten des Ausbaus erheblich.

Der überwiegend privatwirtschaftliche Ausbau der Netze ist daher die vielleicht wichtigste Säule zum Erreichen der deutschen und europäischen Gigabit-Ziele. Die Bundesregierung sollte daher nicht auf Maximalerlöse bei den 5G-Frequenz-Auktionen setzen.

Für die Unternehmen ist an erster Stelle ein rechts- und planungssicheres Regulierungsumfeld entscheidend. So sollte die Entwertung von Investitionen oder Projektentscheidungen nicht allein bei geförderten Projekten verhindert oder zumindest unrentabel werden. Die Rahmenbedingungen für Kooperationen und Open-Access-Modelle sind weitere Ansätze, deren zeitnahe Umsetzung die Regierung und die Bundesnetzagentur in Angriff nehmen müssen.

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IT-DIRECTOR: Was kann der jüngst zusammengestellte Digitalrat der Bundesregierung dazu beitragen?
B. Waldhauser:
Grundsätzlich ist es zu begrüßen, dass die Bundesregierung bei Digitalisierungsfragen Unterstützung und Expertise aus Wirtschaft und Forschung in Anspruch nimmt. Gleichzeitig muss jedoch auch klar sein, dass die Digitalisierung von Staat, Wirtschaft und Verwaltung zügig angestoßen werden muss, damit konkrete Transformationsprozesse rasch Fahrt aufnehmen können.

Die Zeit des Redens ist vorbei und die Regierung muss jetzt längst überfällige Antworten auf drängende Fragen zur Zukunft des Digitalstandorts Deutschland geben. Ich erhoffe mir vom neuen Digitalrat Lösungsansätze zum raschen Ausbau leistungsfähiger digitaler Infrastrukturen und zu einer Reform des Bildungssystems sowie Konzepte zur Zukunft der Arbeit, damit zeitnah eine Umsetzungsstrategie vorliegt.

IT-DIRECTOR: Wo hapert es an administrativer Stelle? Werden entsprechende Anträge und Vorhaben zügig genug bearbeitet?
B. Waldhauser:
Um dem zunehmenden Bedarf sowie dem schnellen Wachstum der digitalen Wirtschaft gerecht zu werden, müssen die Genehmigungsprozesse und Auflagen angepasst und effizienter gestaltet werden. Dies betrifft insbesondere die Verwaltungsprozesse für Neubauten und Modernisierungen. Bund, Länder und Kommunen müssen gemeinsam Lösungen für die Anbieter digitaler Infrastrukturleistungen finden.

IT-DIRECTOR: Wie weit wird der Breitbandausbau Ende 2018 sein und wie kann er ausgeweitet werden?
B. Waldhauser:
Es steht bereits fest, dass die Bundesregierung ihr selbst formuliertes Ziel, bis Ende 2018 alle Haushalte mit einem Breitbandanschluss von mindestens 50 MBit/s zu versehen, nicht erreichen wird. Von den 2015 bis 2017 für den Breitbandausbau bereitgestellten 1,56 Milliarden Euro ist bisher nur ein Bruchteil abgerufen worden. Die Regierung hat als Versorgungsziel Gigabit-Infrastrukturen und -Netze benannt. Diese werden beispielsweise für das Internet der Dinge (IoT), Industrie 4.0 und 5G-Mobilfunk benötigt und müssen bereits heute gebaut werden, um die Nachfrage zu bedienen. Dazu müssen bestehende Förderprogramme angepasst und die Weichen für den Ausbau in unterversorgten Gebieten gestellt werden. Entscheidend ist für die Unternehmen Planungssicherheit.

Bildquelle: Eco-Verband

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