Das Digitale-Versorgung-Gesetz

„Elektronische Patientenakte kommt zu kurz“

Im Interview kritisiert Daniel Nill, CEO von Turbine Kreuzberg, dass im Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG) das Thema „elektronische Patientenakte“ zu kurz kommt. Was heißt das für die Patienten?

Daniel Nill, CEO von Turbine Kreuzberg

„KI ist in der Medizin nicht nur denkbar, sondern für den diagnostischen Fortschritt unerlässlich“, so Daniel Nill, CEO von Turbine Kreuzberg.

MOB: Herr Nill, am 7. November 2019 wurde im Bundestag das Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG) beschlossen, das den Patienten zugute kommen soll. Die Meinungen dazu sind zwiegespalten. Wer profitiert Ihrer Ansicht nach tatsächlich von diesem Gesetz und warum?
Daniel Nill:
Das DVG ist ganz grundsätzlich ein notwendiger Schritt in Richtung Digitalisierung des Gesundheitswesens und damit zu begrüßen. Leider bleibt es meines Erachtens jedoch hinter den Erwartungen zurück. Das aktuelle Gesetz nützt z.B. Forschungseinrichtungen, die künftig von einer Sammelstelle des GKV-Spitzenverbandes Zugang zu pseudonymisierten Abrechnungsdaten erhalten und diese für ihre Zwecke nutzen können. Außerdem profitieren Hersteller von Gesundheits-Apps: Sie können ihre Anwendungen in Zukunft vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf Sicherheit, Funktionstauglichkeit, Qualität, Datensicherheit und Datenschutz überprüfen lassen und erhalten von gesetzlichen Krankenkassen Fördermittel. Von der Tatsache, dass der Gesetzgeber den Gesundheits-Innovationsfonds bis 2024 mit 200 Mio. Euro jährlich verlängert, dürfte der Gesundheitssektor insgesamt profitieren. Doch es gibt natürlich auch Bereiche und Akteure, die wenig davon profitieren.

MOB: Wer sind auf der anderen Seite die „Verlierer“ und warum?
Nill:
Was im DVG zu kurz kommt, ist das Thema elektronische Patientenakte (ePA): Einerseits hält der Gesetzgeber weiterhin an der Frist vom 1. Januar 2021 für die verpflichtende Einführung der ePA für alle Krankenkassen fest, die Details dazu soll indes ein weiteres Gesetz klären. Ein weiteres Aufschieben verschärft jedoch das Problem. Verlierer ist an einigen Stellen zudem der Datenschutz. Zum Beispiel haben die Patienten bei der Nutzung der erwähnten Abrechnungsdaten durch Forschungseinrichtungen keinerlei Handhabe zum Widerspruch und damit faktisch keine Hoheit über ihre eigenen Daten.

MOB: Wie steht die deutsche Bevölkerung digitalen Anwendungen im Gesundheitswesen anno 2019 überhaupt gegenüber?
Nill:
Aktuellen Studien zufolge steht eine knappe Mehrheit (53 Prozent) der deutschen Bevölkerung der Nutzung von derzeit verfügbaren digitalen Anwendungen für den Gesundheitsbereich eher ablehnend gegenüber (Quelle: Statista 2019). Ferner sehen wir auch, dass die Gruppe der Personen, die entweder bereits aktiv Gesundheits-Apps nutzt (14 Prozent) oder zumindest an der Nutzung interessiert ist (26 Prozent), relativ groß ist. Für die Nutzung einer elektronischen Patientenakte signalisieren insbesondere Angehörige der Generation X und jünger bereits heute eine vergleichsweise größere Bereitschaft. Allerdings gilt das geäußerte Interesse nur unter der Prämisse, dass die letztlich zum Einsatz kommenden Lösungen die Sicherheit der Daten gewährleisten, diese nicht ohne Einwilligung an Dritte weitergegeben werden können, und dass sich für Patienten ein echter Nutzen im Alltag ergibt. Digitalisierung sollte auch im Gesundheitswesen kein Selbstzweck sein.

MOB: Welche konkreten Vorteile und Möglichkeiten ergeben sich durch das DVG für die Patienten?
Nill:
Für Patienten ergibt sich der Vorteil, dass ihnen direkt vom Arzt geprüfte und für sie passende Gesundheits-Apps verschrieben werden können, in etwa so, als ob sie vom behandelnden Arzt Medikamente verschrieben bekommen. Schon heute profitieren und nutzen vor allem Menschen mit chronischen Krankheiten solche Apps, weil sie Krankheitsverlauf und Behandlung nun einfacher langfristig dokumentieren und kontrollieren können. Einen weiteren, viel beachteten Vorteil für Patienten birgt der Vorstoß zur Videosprechstunde, die vor allem Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder in ländlichen Gegenden zugute kommen dürfte – sofern sie von Ärzten auch verstärkt angeboten wird und nicht nur theoretisch möglich ist.

MOB: Inwieweit können Gesundheits-Apps Ihrer Ansicht nach die Versorgung der Patienten verbessern?
Nill:
Im Einzelfall können einerseits Messwerte leichter von Patienten erfasst und in einer einzigen Datei gespeichert werden. Gerade im Hinblick auf Blutdruck oder Blutzucker ist die Erhebung regelmäßiger Messungen wichtig für die richtige Diagnose und Behandlung. Um weitere Verbesserungen zu erreichen, bräuchte es dann aber auch durchdachtere Angebote, die insbesondere ebenfalls die Thematik der Datenhoheit aufgreifen. Wir haben beispielsweise im Rahmen eines Studienprojektes mit der HTW Berlin einen alternativen Lösungsansatz für die Speicherung von Patientendaten ausgearbeitet. In unserem Szenario der dezentralen elektronischen Gesundheitskette (deGK) existieren die Daten nicht in einem geschlossenen Datensilo, das die Krankenkasse administriert, sondern bleiben im Hoheitsbereich der Patienten. Mithilfe einer einfachen Freigabe werden sie im konkreten Fall durch den Patienten selbst an weitere Beteiligte weitergegeben, der somit ganz einfach Zweitmeinungen und maschinell erstellte Diagnosen einholen kann.

MOB: Welches Potenzial besitzt Künstliche Intelligenz (KI) im medizinischen Bereich? KI als automatisierte Zweitmeinung – wäre das denkbar?
Nill:
KI ist in der Medizin nicht nur denkbar, sondern für den diagnostischen Fortschritt unerlässlich. Es gibt Beispiele von Start-ups, die mithilfe neuronaler Netze den Aufwand pathologischer Zelldiagnostik von einer halben Stunde pro Mikroskopie auf weniger als zehn Sekunden reduzieren können. Dabei machen sie statistisch sogar weniger Fehler als ein Pathologe mit 30 Jahren Berufserfahrung. Solche offensichtlichen Verbesserungen der Versorgung sollten gefördert werden, natürlich unter der Prämisse, dass die Datensicherheit gewährleistet ist und – wo notwendig – erfahrene Mediziner nie übergangen werden. Mit reinen Ergebnissen können Laien wenig anfangen, für die Interpretation braucht es nach wie vor Ärzte.

MOB: Inwieweit halten Sie Videosprechstunden für sinnvoll?
Nill:
Auch wenn sich eine einfache Anamnese von einer Künstlichen Intelligenz vermutlich zu 90 Prozent abbilden ließe, darf man den menschlichen Faktor und seinen psychologischen Effekt auf Patienten nie vernachlässigen. Menschen werden sich stets besser beraten fühlen, wenn sie einem Arzt gegenübersitzen und ihre Symptome schildern können. Dafür in der Praxis vorstellig zu werden und lange Wartezeiten in Kauf zu nehmen, ist dank moderner Konferenztechnologie heute unnötig. Wichtig ist aber, dass die Anamnesebögen und die Diagnosen so weit wie möglich für Patienten sichtbar und verständlich sind, damit Missverständnisse, die bei einer Remote-Sprechstunde vermutlich häufiger auftreten werden als im direkten Gespräch, sofort sichtbar und korrigierbar sind.

MOB: Apotheker, Krankenhäuser und Co. sind dazu verpflichtet, sich an die Telematik-Infrastruktur (TI) anzuschließen. Inwieweit attackiert solch ein verpflichtendes digitales Netzwerk den Datenschutz und die Privatsphäre der Bürger?
Nill:
Digitale Informationen sind beliebig kopierbar. Wenn die Telematikinfrastruktur zur schnelleren Verteilung von Gesundheitsinformationen genutzt wird – und dabei klassische zentrale Speichertechnologien zum Einsatz kommen –, sind Angriffe kaum vermeid- und ihre Konsequenzen unabsehbar. Ein nachhaltiges System zur Speicherung und Freigabe von Patientendaten muss daher in erster Linie den Patienten selbst in den Fokus stellen. Sie muss ihm Hilfsmittel an die Hand geben, mit denen er die individuelle Freigabe seiner Daten jederzeit kontrollieren und nachvollziehen kann. Eine rein cloud-basierte Infrastruktur würde zwar den Austausch von Daten erheblich erleichtern, müsste aber als naiv betrachtet werden, da sie unkontrollierbare Seiteneffekte auf die Integrität der Sicherheit mit sich bringt.

MOB: Stichwort „Elektronische Patientenakte“: Inwieweit werden Versicherte hier zukünftig überhaupt noch über ihre Daten bestimmen können?
Nill:
Die aktuelle Infrastruktur taugt meines Erachtens nicht für die selbst-souveräne Speicherung von Patientendaten. Erst wenn alle Daten wirklich nur durch eine dezentral verankerte Identität des Patienten zugreifbar werden, kann man von echtem Datenschutz und echter Datenhoheit sprechen. Die dezentrale elektronische Patientenakte, die wir in einem eigenen Szenario skizziert haben, soll Daten in einem fragmentierten, baumartigen Schema speichern, dessen Äste einzeln für bestimmte Parteien freigegeben werden können. Wer nur einen Teil der Daten kennt, kann nicht auf das Gesamtprofil einer Person zurückschließen. Gut designte Systeme werden ihre Daten daher hierarchisch verschlüsseln und personenbezogene Informationen nicht redundant speichern.

MOB: Wo sehen Sie noch Lücken im DVG, die zeitnah geschlossen werden sollten?
Nill:
Das Gesetz trägt der technischen Entwicklung der letzten 20 Jahre Rechnung und bezieht auf abstrakter Ebene die digitale Lebensrealität vieler Bürger mit ein. Dies gilt es in vielen Punkten zu konkretisieren. In jedem Fall notwendig ist, die elektronische Patientenakte zeitnah voranzutreiben. Patienten und auch Ärzte brauchen endlich Klarheit darüber, wie hochsensible Patientendaten in Zukunft digital gespeichert werden und wie der Datenzugriff ermöglicht wird – ganz zu schweigen von der Definition einheitlicher Standards dafür.

Bildquelle: Turbine Kreuzberg

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