Karriere in der IT-Branche

Frauen in IT-Jobs

Interview mit Andrea Weiß, Gründerin und Geschäftsführerin der EDIGrid GmbH, über die geringe Anzahl von Frauen in den IT-Führungsebenen – und dies, obwohl sich IT-Beruf und Familie in der Praxis sehr gut vereinen lassen

Andrea Weiß, EDIGrid GmbH

Andrea Weiß, Gründerin und Geschäftsführerin der EDIGrid GmbH

IT-DIRECTOR: Frau Weiß, welche speziellen Karrierechancen für Frauen sehen Sie in der ITK-Branche?
A. Weiß:
Ich sehe häufig, dass Frauen sich in Positionen gut behaupten, in denen es um Jobs mit „Schnittstellenfunktion“ zwischen Entwicklungsabteilungen und dem Kunden/Auftraggeber geht. Hier ist sowohl fachliches Know-how als auch eine gewisse Sensibilität, Struktur und Genauigkeit erforderlich. Gerade Frauen bringen diese Stärken mit.

IT-DIRECTOR: Was sollten Unternehmen künftig tun, um Frauen IT-Berufe schmackhaft zu machen?
A. Weiß:
Ein gewisses Interesse für einen Beruf sollte intrinsisch motiviert sein, damit man seinen Job gut und mit dem notwendigen Durchhaltevermögen erledigen kann. Daher halte ich die gezielte Ansprache und das aktive Werben um Frauen in der IT für wenig sinnstiftend. Wenn Frauen sich für IT interessieren, werden sie eine entsprechende Ausbildung durchlaufen und sich von gängigen „Männer-/Frauen-Klischees“ nicht abhalten lassen.

IT-DIRECTOR: Wie ist es derzeit um den prozentualen Anteil weiblicher IT-Führungskräfte in hiesigen Großunternehmen und Konzernen bestellt?
A. Weiß:
Laut meinen Informationen ist er leider von sechs Prozent im Jahr 2011 auf derzeit vier Prozent gesunken. Im Vergleich zu kaufmännischen Führungskräften ist die Quote natürlich gering. Hier liegt der prozentuale Anteil weiblicher Führungskräfte bei knapp 20 Prozent.

IT-DIRECTOR: Inwieweit werden weibliche IT-Führungskräfte von ihren Management-Kollegen und ihren Mitarbeitern akzeptiert?
A. Weiß:
Das ist stark von der Bildung und Erfahrung der Mitarbeiter abhängig. Und natürlich auch vom Auftreten der Führungskraft. Diskussionen mit Uni-Absolventen, die der Meinung waren, dass es keine Notwendigkeit für ein wöchentliches Aktivitätsprotokoll gäbe – obwohl dies auch zur Abrechnung gegenüber dem Kunden dient – musste ich auch schon führen. Gegenüber Management-Kollegen muss man meistens in den ersten fünf Minuten demonstrieren, welche fachliche Kompetenz und Erfahrung man mitbringt. Dann ist die Akzeptanz geschaffen und die Zusammenarbeit läuft in der Regel reibungslos. Mit Kunden gab es auch schon Situationen, in denen man mich nach dem Geschäftsführer fragte – und verdutzt reagierte, als ich erklärte, dass ich das wäre. Die kurze Schrecksekunde wird aber auch dann recht schnell überwunden.

IT-DIRECTOR: Was zeichnet den Führungsstil weiblicher CIOs aus? Wo liegen Ihrer Ansicht nach ihre Schwächen, wo ihre Stärken?
A. Weiß:
Meiner Meinung nach kann man kaum pauschal sagen, was Frauen besser machen als Männer oder umgekehrt. Unabhängig vom Geschlecht hat jede Person ihren eigenen Führungsstil. Sicher kann man aber festhalten, dass Frauen gemeinhin mehr um Harmonie bemüht sind als Männer. Das hilft in stressigen Situationen dabei, das Team auf der Zielgeraden zu halten. Hin und wieder leidet darunter aber auch die Entscheidungsfreude, da manche Entscheidungen eben zunächst Unfrieden produzieren.

IT-DIRECTOR: Wie ist es um die Gehälterverteilung von männlichen und weiblichen IT-Führungskräften bestellt?
A. Weiß:
2012 hat eine Kienbaum-Studie herausgefunden, dass in der Position des IT-Leiters Frauen fünf Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen, in der Forschung und Entwicklung rund zwei Prozent mehr. Laut offizieller Zahlen des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2013 verdienen Frauen als Führungskraft im Durchschnitt 24 Prozent weniger. Ich habe mein Gehalt bei vorherigen Arbeitgebern allerdings nicht mit dem meiner Kollegen verglichen, weswegen ich das weder bestätigen noch widerlegen kann.

IT-DIRECTOR: Inwiefern lassen sich in der Praxis für weibliche IT-Führungskräfte Beruf und Familie vereinbaren?
A. Weiß:
Aus meiner Erfahrung ist die IT eigentlich die optimale Branche, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Diesen Aspekt habe ich unter anderem bei meiner Berufswahl als Kriterium einbezogen. So ist es sehr weit verbreitet und akzeptiert, dass man von dort arbeitet, wo man gerade ist. Präsenz am Arbeitsplatz ist eher unerheblich. Telefonkonferenzen, Skype und Facetime machen das Arbeiten in verteilten Teams möglich, was die meisten als sehr angenehm empfinden. Selbst bei Kunden ist es akzeptiert, dass man seinen Projektleiter nicht oder nur zum Kickoff persönlich antrifft. Ich selbst habe nur ein Viertel meiner Kunden jemals persönlich getroffen. Telefontermine habe ich oft während des Spaziergangs mit dem Kinderwagen gemacht – das Kind schläft entspannt und man kann seine Statuslisten und Notizen tatsächlich auch von der Parkbank aus bearbeiten.

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