„Inklusion ist ein Muss”

Große Vielfalt in globalen Teams

In einem globalen Konzern mit mehr als 170.000 Mitarbeitern ist das Thema Vielfalt nahezu vorprogrammiert. Wir sprachen mit Sunita Cherian, Senior Vice President bei Wipro, über die wichtigsten Leitlinien der Inklusions- und Diversity-Strategie des Unternehmens.

  • Menschen strecken einen Arm aus

    In internationalen Konzernen sind Inklusion und Diversität zunehmend ein Muss.

  • Sunita Cherian, Wipro

    Sunita Cherian, Senior Vice President, Corporate Human Resources und Global Head of Inclusion and Diversity bei Wipro

IT-DIRECTOR: Frau Cherian, wie bekommen Sie die Vielfalt in Ihrem Unternehmen unter einen Hut?
S. Cherian:
Unsere Kunden und Mitarbeiter sind über Branchen, Länder, Kulturen und Technologien verteilt – da sind Inklusion und Diversität ein Muss. Wir respektieren die Vielfalt der Ideen und versuchen, keinesfalls voreingenommen zu sein. Inklusion gehört nicht nur zu unserer Philosophie und Strategie, sie ist auch Bestandteil unserer Regeln und Prozesse und wir ermuntern alle, authentisch zu sein.

IT-DIRECTOR: Einige Aspekte der Vielfalt sind in Deutschland und anderen Ländern gesetzlich geregelt, wie etwa die Gleichstellung der Geschlechter oder die Vermeidung von Diskriminierung im Allgemeinen. Andere, wie die Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen in den Geschäftsalltag, werden finanziell unterstützt. Wie gelingt es Ihnen, sämtliche nationalen Vorschriften zu berücksichtigen und dennoch eine globale Strategie zu verfolgen?
S. Cherian:
Wir gestalten unsere Richtlinien so, dass sie den Bedürfnissen globaler Teams gerecht werden. Dies bildet eine gute Grundlage und schafft einen gemeinsamen Rahmen, der für alle unsere Mitarbeiter gilt. Manchmal machen es länderspezifische Vorschriften zwingend erforderlich, unsere globalen Richtlinien an die lokalen Anforderungen anzupassen. In diesen Fällen adaptieren wir bestimmte Regeln auch an regionale Bedingungen, dazu halten wir Rücksprache mit unserem hiesigen Personalbeauftragten und beziehen, wenn notwendig, auch externe Experten mit ein.

IT-DIRECTOR: Heute bietet insbesondere die IT innovative Werkzeuge für barrierefreie Arbeitsplätze, sodass auch Menschen mit Behinderungen in Arbeitsprozesse integriert werden können. Sollte das Ziel der Integration darin bestehen, dass Menschen mit Behinderungen den Weg zu einem normalen Arbeitsplatz finden können – nur mit anderen Instrumenten?
S. Cherian:
Bei uns arbeiten seit Jahrzehnten Mitarbeiter mit Einschränkungen. Seit etwa zehn Jahren besitzen wir einen formalen Rahmen für Mitarbeiter mit Behinderungen, das wir intern „Create“ nennen, was für „Careers, Recruitment, Engagement, Accessibility, Training, Enable“ steht. Aus unserer Sicht sollten Menschen mit Behinderungen grundsätzlich für jede Rolle in Frage kommen und mit angemessenen Vorkehrungen bei ihrer Arbeit unterstützt werden, um gute Leistungen zu erbringen. Heute arbeiten Mitarbeiter mit Behinderungen bei uns u.a. als Competency Manager, Project Manager, Account Delivery Head, Technical Lead oder Compliance Assurance Auditor und in vielen weiteren Rollen.

IT-DIRECTOR: Vielfalt kann sich auch auf Aspekte wie Lernen und Arbeitsplatzmodelle beziehen. Wie berücksichtigt Ihr Unternehmen Faktoren wie Alter, Erfahrung oder individuelle Eigenschaften bei der Zusammensetzung von Teams?
S. Cherian:
Menschen können sich in vielen Bereichen ähneln oder unterscheiden, beispielsweise hinsichtlich des Geschlechts, der Ethnizität, des Alters, der Sprache, Bildung, Geographie, Nationalität, Behinderung, sexuelle Orientierung, Berufserfahrung und sogar der Vielfalt der Gedanken, Persönlichkeit oder anderen nicht sichtbaren Merkmalen. Wir fördern Meinungsvielfalt oder auch Ideen wie „Reverse Mentoring”, bei denen die jüngere Generation ältere Mitarbeiter unterstützen kann. Dies kann für viele zu einem effektiven Lernen beitragen.

Wir achten bei der Zusammensetzung von Teams auf ein gutes Verhältnis was Erfahrung und Alter, wobei wir einen zunehmenden kulturellen Mix in unserer Belegschaft bemerken. Da die Mitarbeiter langfristig oder sogar zeitgleich mit verschiedenen Teams zusammenarbeiten, gewöhnen sie sich immer mehr an gelebte Diversity. Dazu ermutigen wir Mitarbeiter durch Führungs-Blogs, Kommunikationskampagnen und Online-Zertifizierungsmodule zu einer offenen Gesprächskultur.

IT-DIRECTOR: Speziell in der IT sind Experten für Innovationsthemen – wie Blockchain, Internet of Things oder Analytik – dünn besetzt. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit virtuelle Teams global bei Großprojekten zusammenarbeiten können? Und wie werden solche Teams zusammengestellt und unterstützt?
S. Cherian:
Wir haben dafür ein Modell für die Zusammenarbeit von Teams und Partnern über Zeitzonen hinweg entwickelt. Während des Auswahlverfahrens bewerten wir die Kandidaten nicht nur nach ihrer Kompetenz, sondern auch nach ihren Werten. Beim Start und während der Tätigkeit im Unternehmen unterstreichen wir die Bedeutung unseres „Spirits“, der beschreibt, wie wir sind und sein sollten. Zu den wichtigsten Grundsätzen gehören dabei Leidenschaft, Respekt, Verantwortungsbewusstsein und Integrität. Zudem fördern wir eine kulturell integrative Belegschaft durch eine ganze Reihe von Entwicklungsprogrammen, die auch Mitarbeiter bei Auslandseinsätzen unterstützen.

IT-DIRECTOR: Aus realistischer Sicht geht es den Unternehmen in erster Linie darum, wirtschaftliche Ziele unter Einhaltung der bestehenden Gesetze und Vorschriften zu erreichen. Ist Diversität für Sie ein Compliance- oder Geschäftsproblem?
S. Cherian:
Ich hatte die Gelegenheit, auf dem Weltwirtschaftsforum 2018 zu sprechen, und in den meisten Sitzungen wurde darüber diskutiert, warum Inklusion zu einer Geschäftspriorität werden sollte. Typische Fragen waren: „Gibt es einen Geschäftsnutzen durch Inklusion?", „Ist Inklusion für die Einhaltung der Compliance erforderlich?" und „Machen wir es, weil es der Wettbewerb tut?". Für mich gibt es nur eine sinnvolle Antwort:  „Wir machen Inklusion, weil es das Richtige ist". Es ist genau wie Ehrlichkeit: Wir bringen unseren Kindern bei, ehrlich zu sein, weil es das Richtige ist.

IT-DIRECTOR: Über sich selbst: Frauen in Führungspositionen sind in großen IT-Unternehmen auch heute noch keine Selbstverständlichkeit. Wie sind Sie zur IT-Branche gekommen?
S. Cherian:
Ich kam 1996 als frischgebackene Ingenieurin zu Wipro. Zu der Zeit wuchs die IT-Services-Branche rasant. Meine ersten Jahre bei dem Anbieter waren von der für ein Start-up typischen Begeisterung geprägt. Das Unternehmen ermuntert seine Mitarbeiter, ihre Karriere funktionsübergreifend zu gestalten. Dahinter steht der Gedanke, dass Führungskräfte auf diese Weise eine ganzheitliche Perspektive entwickeln und in höhere Verantwortlichkeiten leichter herein wachsen. Meine Aufgaben umfassten das Spektrum von Sales und Account Management, die Unterstützung beim Aufbau von weltweiten Prozessen und die Gestaltung der Personalstrategie. Aktuell liegen meine Prioritäten bei der Talentförderung, Entwicklung und Integration. Was mich antreibt ist die Möglichkeit, organisatorische Veränderungen für eine bessere Zukunft umzusetzen.

IT-DIRECTOR: In Deutschland gibt es seit diesem Jahr ein drittes Geschlecht. Die neue Kategorie wird in Geburtsurkunden, Führerscheinen und anderen Dokumenten enthalten sein. Was sind die Herausforderungen im Geschäftsumfeld und wie geht Ihr Unternehmen mit diesem relativ neuen Thema der Vielfalt um?
S. Cherian:
Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender (LGBT) ist eine der wichtigsten Säulen von Wipro für Inklusion. Durch Programme, Richtlinien und Vorteile für LGBT-Mitarbeiter konzentrieren wir uns darauf, das Bewusstsein für Vorurteile zu schärfen, die Verwendung einer integrativen Sprache zu fördern und einen sicheren und einladenden Arbeitsplatz zu schaffen. Im vergangenen Jahr haben wir in London einen „Pride March” mit einer großen Zahl von Teilnehmern organisiert.

Gleichzeitig erkennen wir aber auch an, dass Inklusion und ihre vielen Facetten noch kein vollständig entwickeltes Thema sind. Jeden Tag tauchen neue Gedanken und Ideen auf, daher bleiben wir weiterhin wachsam, nicht nur bei neuen Vorschriften, sondern auch bei modernen Methoden in Bezug auf Inklusion. Beispielsweise haben wir unsere Personalprozesse so angepasst, dass sie Aspekte wie Gender-Expression, bevorzugtes persönliches Pronomen und die sexuelle Orientierung berücksichtigen.

Bildquellen: iStock/Getty Images Plus, Wipro

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