Kritik an Industrie 4.0

Heute am Abgrund, morgen einen Schritt weiter?

Die Plattform Industrie 4.0 ist in die Kritik geraten: Zu langsam, zu bürokratisch, zu wenig pragmatisch. Wird noch was daraus oder ist es schon zu spät?

„Fünf Jahre!“ Bettina Horster klingt immer noch empört. Die Vorständlerin der Vivai Software AG hatte bei einem Branchenverband wegen der Erweiterung eines Standards nachgefragt und erfahren: „So etwas dauert mindestens fünf Jahre.“

Ihre kurze Anekdote ist im Video einer Podiumsdiskussion im Hasso-Plattner-Institut über die Entwicklung von „Industrie 4.0“ zu sehen. Sie ist Ausdruck des Problems, dass die deutsche Wirtschaft hat: Sie ist zu langsam und zu umständlich für die nächste industrielle Revolution.

Internationale Kooperation


Doch halt, das stimmt nicht so ganz. Zumindest das elektronische Urgestein Bosch ist den fleißigen Normierern von der „Plattform Industrie 4.0“ längst enteilt. Bereits seit dem letzten Jahr ist Bosch Mitglied im „Industrial Internet Consortium (IIC)“, einem Zusammenschluss zahlreicher Unternehmen und Universitäten, vorwiegend aus den USA und Asien.

Und vor wenigen Tagen gab das deutsche Unternehmen bekannt, dass es gemeinsam mit den IIC-Mitgliedern Tech Mahindra und Cisco das erste europäische Innovationsprojekt des Konsortiums starten wird. Es geht um ein Verfahren, mit dem die Position eines Funk-Akkuschraubers innerhalb einer Werkshalle präzise lokalisiert werden kann. Der „smarte“ Schrauber wählt dann automatisch das richtige Drehmoment für das aktuelle Werkstück, wodurch Fehler vermieden werden.

Der Punkt dabei ist nicht, dass es solche oder ähnliche Leuchtturmprojekte in Deutschland nicht gäbe. Es gibt sie durchaus, zum Beispiel ein Flugroboter für Inventurprozesse im Lager, wie er an den Dortmunder Fraunhofer-Instituten für Materialfluss und Logistik (IML) und für Software und Systemtechnik (ISST) entwickelt wurde.

Der Punkt ist: Durch die internationale Kooperation können die Unternehmen Knowhow zusammenlegen und neuartige Produkte konzipieren. Zudem ist es die Mehrheit der IIC-Unternehmen gewohnt, rasch marktgerechte MVP-Lösungen (Minimum Viable Product) herzustellen. Ganz pragmatisch werden zunächst einmal 20%-Produkte verkauft, keine funkelnden Diamanten aus 100% Perfektion.

Das kleinste sinnvoll nutzbare Funktionsset reicht für den Anfang aus und schafft eine Kundenbasis, die dann durch Updates ausgebaut wird - die Konzepte „Agility“ und „Lean Startup“ lassen grüßen. Auf diese Weise ist schon manches winzige Garagen-Unternehmen riesengroß geworden und sorgte schnell für Umstürze in scheinbar verteilten Märkten, zum Beispiel Amazon im Handel und Craigslist bei den Anzeigenvermarktern (vulgo: Tageszeitungen).

Verlorene erste Halbzeit

Die am Horizont aufscheinende Konkurrenz aus den USA und Asien hat bei zahlreichen Mitgliedern der Plattform für Panik gesorgt. „Im Wesentlichen haben wir nichts hinbekommen, um uns pragmatisch schnell auf Standards zu einigen“, ärgerte sich Reinhard Clemens, CEO der Telekom-Tochter T-Systems, in seiner Keynote auf der Düsseldorfer VDI-Tagung zur Industrie 4.0. Sein Fazit: „Die erste Halbzeit der Digitalisierung haben wir verloren.“

Das klang vor einem Jahr noch ganz anders: Zur Jahrhundertchance für die deutsche Industrie verklärte Siemens-CEO Joe Kaeser das Innovationskonzept von der 4. industriellen Revolution. Von dieser Euphorie ist wenig übrig geblieben. Vor allem der Mittelstand kommt nicht voran, es herrscht eher Ratlosigkeit.

Bei einer Umfrage der DZ Bank zur Digitalisierung im Mittelstand meinte ein Drittel der befragten Unternehmer, das Thema sei für sie „überhaupt nicht relevant“, bei kleineren Unternehmen meinten dies 70%. Hinzu kommt: Die Politik schläft ebenfalls. Seit Jahren ungelöste Probleme wie die mangelhafte Breitband-Infrastruktur und fehlende Investitionen werden verschleppt und vertagt.

Auch die Plattform selbst wirkt eher wie ein Club von Standesvertretern, der sich mit Konferenzen und Papers selbst beschäftigt und keine Ergebnisse zu verkünden hat. Das ist sogar bis zur Forschungsministerin Johanna Wanka vorgedrungen, die ein neues „Konsortium Industrie 4.0“ organisieren will.

Ob das wohl gelingt? Und dann auch noch unter Mitwirkung der nicht gerade als digital affin bekannten Politik? Ist das dann nicht alter Wein in runderneuerten Schläuchen? Wer sich die Videos der Tagung im Hasso-Plattner-Institut und der Bosch ConnectedWorld anschaut und dann noch die Insider-Schelte von Karl Tröger (PSI AG) in einem Hangout-Talk mit Gunnar Sohn und Winfried Felser (Competence Site), der bemerkt deutlich das Alter der Probleme.

Deutscher Digitaler Rückstand (DDR)

Das Konzept Industrie 4.0 wird gerade aus den üblichen Gründen „versemmelt“ (Gunnar Sohn). Sie tauchen immer wieder in Diskussionen über den digitalen Rückstand auf und lassen sich (schön deutsch) durchnummerieren:

  1. Produktfixierung: Deutsche Unternehmen denken häufig nicht in Ökosystemen aus Produkten und Services, sondern in abgegrenzten Einzelprodukten. Innovation ist hierzulande zu oft bloß eine Verbesserung des Bestehenden, kein Neudenken ganzer Märkte.
  2. Technikfixierung: Das Produkt wird immer ausgefeilter, lässt aber häufig jede Rücksicht auf Wünsche und Bedürfnisse der Kunden vermissen. Hierzulande finden sich in einigen Bereichen die besten Produkte der Welt mit Benutzeroberflächen (und Designs) aus der Hölle.
  3. Forschungsfixierung: Deutsche Unternehmen denken zu wenig in Anwendungsszenarien und Geschäftsmodellen, sondern eher in wohlklingenden und ausgeplanten Engineering-Konzepten. Viele Ideen teilen das Schicksal des Semantic Web: Sie sind wissenschaftlich ausgefeilt, aber in der Praxis bedeutungslos, weil sie den Kunden keinen Mehrwert bringen.
  4. Theoriefixierung: Deutsche Unternehmen und ihre Verbände sind nicht pragmatisch genug. Sie verschwenden lieber Zeit bei der peniblen Ausarbeitung von 150%ig durchdachten Branchenstandards. Währenddessen preschen Startups vor und greifen sich einfach irgendein halbwegs passendes Verfahren, das anschließend durch häufigen Einsatz zum Quasistandard wird.
  5. Effizienzfixierung: Industrie 4.0 wird oft lediglich als neuartige Methode zur Steigerung der Effizienz von Unternehmen missverstanden, nicht als Auslöser von neuen Geschäftsmodellen. In Deutschland wird häufig nur eine eingeschränkte Sparversion von Industrie 4.0 propagiert, bei der übergreifende Aspekte der digitalen Transformation vollkommen fehlen.

Kleine Revolutionen

Diese fünf Fixierungen passen nicht zum digitalen Wandel, der sich in den letzten Jahrzehnten langsam durch die Gesellschaften gefressen hat. Die Digitalwirtschaft ist dynamisch und flexibel. Wer da mithalten will, muss die alte Ingenieursbrille absetzen und seine Fixierungen aufgeben.

Das wird der deutschen Wirtschaft nicht leicht fallen. Doch der Wandel ist da und manchmal entsteht er an den seltsamsten Stellen, zum Beispiel bei Bosch. Genau: Das konservative Traditionsunternehmen, das manch einem in der Vergangenheit eher wie eine „Technikbehörde“ vorkam.

Der neue CEO Volkmar Denner hat in nur wenig mehr als zwei Jahren eine kleine Revolution bei Bosch ausgelöst. Festgefügte Hierarchien, überkorrekte Planungsarbeiten, ausuferndes Controlling, die berüchtigten Zentralanweisungen und der Sonderaufzug für den Vorstand, all dies hat Denner abgeschafft oder wenigstens begrenzt.

Durch die Neuerfindung als Deutschlands größtes Startup mit eigener Digitalkonferenz „ConnectedWorld“ ist Bosch jetzt überall dabei - im Google-Auto ebenso wie bei Tesla, in Smartphones ebenso wie im Internet der Dinge. Prägnantes Beispiel für diese digitale Transformation: Das Sicherheitsradar für Tesla entstand innerhalb von zehn Monaten. Früher hätte so etwas zwei Jahre gedauert.

Bildquelle: Thinkstock / GettyImages

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