Informatiker-Gehalt: Wer verdient was?

IT-Fachkräfte verzweifelt gesucht

Im Interview erläutert Frank Geßner, Gründer und Geschäftsführer beim Recruiting-Marktplatz 4scotty, wie Unternehmen IT-Frachkräfte für sich gewinnen können und in welchem Rahmen sich die Gehälter von IT-Spezialisten aktuell bewegen.

Frank Geßner, 4scotty

Frank Geßner, Gründer und Geschäftsführer beim Recruiting-Marktplatz 4scotty

IT-DIRECTOR: Herr Geßner, wo bzw. auf welche Weise finden IT-Verantwortliche heutzutage passende Fachkräfte für Ihre Abteilung?
F. Geßner:
Auf Stellenanzeigen bewerben sich richtig gute Software-Profis kaum noch, denn da stehen weder ein Gehaltsangebot noch die verwendeten Technologien drin. Auf Plattformen wie Xing oder Stackoverflow werden Entwickler zugeschüttet mit oft unpassenden Job-Angeboten, weshalb sich auch darauf kaum noch reagieren. Wenn Empfehlungen aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis auch bereits abgegrast sind, wird es schwer überhaupt mit guten Kandidaten in Kontakt zu kommen. Deshalb haben wir 4scotty.com gegründet, damit Tech-Talente direkt Job-Angebote von Unternehmen bekommen, die wirklich passen.
 
IT-DIRECTOR: Welche Experten werden von den IT-Abteilungen hiesiger Großunternehmen derzeit besonders nachgefragt?
F. Geßner:
Auf unserer Plattform wird noch immer am häufigsten nach Software-Entwicklern gesucht. Derzeit sind Erfahrungen in den Sprachen Java und PHP am begehrtesten. Danach kommen die verschiedenen Javascript Frameworks und Entwickler für Mobile-Apps (iOS gefolgt von Android). Data Scientists für die Datenanalyse sind bereits auf Platz 2 und stark steigend, gefolgt von Entwicklungsleitern (CTO) und Produktmanagern.

IT-DIRECTOR: Wie sieht das aktuelle Gehaltsgefüge von IT-Spezialisten aus? Wer ist ein „Schnäppchen“ und für welche Experten muss man tiefer in die Tasche greifen?
F. Geßner:
Der Bedarf an Tech-Experten steigt seit 20 Jahren schneller als Talente dem Markt zur Verfügung stehen können. Das hat deutlichen Einfluss auf die Gehälter in der IT, die besonders in den letzten Jahren stark angestiegen sind. Auf 4scotty erhalten Software-Entwickler derzeit Gehaltsangebote von ca. 52.000 bis 76.000 Euro, Produkt Manager ca. 58.000 bis 84.000 Euro, CTOs sogar teilweise über 100.000 Euro. Weniger stark gestiegen sind die Gehälter für Software-Qualitätssicherung (durchschnittlich 43.000 Euro) und User-Interface-Design (durchschnittlich 46.000 Euro).
 
IT-DIRECTOR: Inwieweit bemühen sich IT-Abteilungen von Großunternehmen um Festanstellungen – oder werden IT-Freelancer bevorzugt?
F. Geßner:
Immer mehr Entwickler möchten freiberuflich tätig sein um in verschiedenen Projekten öfter mit neuen Technologien arbeiten zu können. Solange das kein Konflikt mit Scheinselbständigkeit gibt, sind dafür viele Unternehmen offen. Doch die Mehrzahl bevorzugt eine Festanstellung, auch wenn diese alle drei bis fünf Jahre gewechselt wird.
 
IT-DIRECTOR: Welche Auswirkungen haben agile Projektmethoden wie Scrum auf das Personalgefüge hiesiger IT-Abteilungen?
F. Geßner:
Die Tech-Teams werden mit der richtigen Anwendung von agilen Methoden enorm gestärkt. Sie können und sollen sich selbst organisieren und auch weiterentwickeln. Die Teams übernehmen die Verantwortung für die Produkte oder IT-Systeme, die sie betreuen. Dafür braucht es eine gute Zusammenarbeit unterschiedlicher Rollen in einem Team: vom Software-Entwickler über den Produktmanager bis zur Qualitätssicherung. Soziale Kompetenzen in der Zusammenarbeit mit Kollegen sind da enorm wichtig. Das Klischee des unkommunikativen Nerds ist längst Vergangenheit.
 
IT-DIRECTOR: Wenn man die passenden IT-Fachkräfte gefunden hat – mit welchen Vergünstigungen bzw. „Schmankerln“ lassen sich diese langfristig ans eigene Unternehmen binden?
F. Geßner:
Natürlich bieten Unternehmen den heiß begehrten Software-Profis immer mehr Zusatzleistungen. Spielecken, Partys, kostenfreie Getränke usw. sind inzwischen Standard. Doch bieten mittlerweile die meisten Arbeitgeber solche Benefits, besonders bei Start-ups. Sich da hervorzuheben wird immer schwieriger. Wirklich im Unternehmen halten kann man jedoch gute Tech-Profis damit nicht. Am besten motivieren lassen sich Software-Entwickler mit spannenden Herausforderungen in Projekten mit modernen Technologien und vor allem guten Teams. Das ist den meisten IT-Experten wichtiger als kostenfreie Club-Mate.
 
IT-DIRECTOR: Inwieweit stellt das Abwandern von IT-Experten ins „gelobte“ Silicon Valley ein Problem für hiesige IT-Verantwortliche dar?
F. Geßner:
Es kommen weit mehr Tech-Profis aus dem Ausland nach Deutschland als von hier abwandern. Der große Mangel an Software-Entwicklern hat Tech-Teams in Deutschland bereits sehr offen für IT-Experten aus dem Ausland gemacht. Besonders russische, israelische und süd-europäische Entwickler erfreuen sich großer Beliebtheit. In der IT der meisten Start-ups in Berlin und Hamburg wird bereits in Englisch kommuniziert. Unternehmen, die komplett auf Deutschkenntnisse von IT-Bewerbern angewiesen sind, haben deutliche Nachteile bei der Gewinnung von Talenten.
 
IT-DIRECTOR: Seit Jahren gibt es Stimmen, die für Deutschland eine „Green Card“ für ausländische IT-Fachkräfte fordern. Inwieweit hat diese Forderung nach wie vor Bestand?
F. Geßner:
Deutschland sollte generell viel offener sein für Fachkräfte, die hier arbeiten wollen. Nicht nur in der IT, in allen Bereichen, egal ob Fachkräftemangel oder nicht. Das stärkt unsere Wirtschaft, da diese Fachkräfte in den Unternehmen Werte schaffen. Das bringt uns allen einen Vorteil. Lokales Denken darüber, was die zufällig hier Geborenen als Vorteile auf dem Arbeitsmarkt gegenüber Ausländern haben sollen, ist zumindest in akademischen Berufen ‚zu kurz gedacht’. In der IT vieler Unternehmen geht bereits jetzt schon ohne ausländische Fachkräfte nichts mehr. Aus meiner Erfahrung sind zudem besonders gemischte Teams aus den unterschiedlichsten Ländern besonders erfolgreich, da sie mit verschiedenen Sichtweise Lösungen entwickeln können.
 
IT-DIRECTOR: Wo liegen aktuell die größten gesetzlichen und organisatorischen Hürden für Unternehmen, die Nicht-EU-Fachkräfte in Ihren IT-Abteilungen beschäftigen möchten?
F. Geßner:
Während Talente aus Irland oder Griechenland einfach angestellt werden können, ist der bürokratische Aufwand für Kandidaten aus sogenannten Drittländern erheblich. Die Ämter mit allen Auflagen, Formularen und beglaubigten Nachweisen gnädig zu stimmen, einen top-ausgebildeten Software-Entwickler aus der Türkei oder Südafrika im eigenen Unternehmen anstellen zu dürfen, erfordert viel Zeit und Geduld. Diese Hürde ist oft für kleine und mittlere Unternehmen zu hoch. Auch viele Kandidaten meiden deshalb Deutschland. Ich wünsche mir da ein Umdenken, um attraktiv für solche Top-Talente zu werden. Gerade jetzt wäre es für Deutschland eine gute Chance, wenigstens einige der vielen Flüchtlinge zu Software-Entwicklern auszubilden. Wir bringen sie dann in vakante Jobs.

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