Aussteller und Veranstalter nehmen massiven Besucherrückgang in Kauf

Macher zufrieden mit der Festival-Cebit

Laut Messechef Oliver Frese lockte die Cebit in neuem Gewand rund 2.800 Aussteller und 120.000 Menschen nach Hannover. Obwohl das deutlich weniger sind als 2017 (3.000 Aussteller und 200.000 Besucher), äußerten sich Veranstalter und Aussteller zufrieden. Man habe alle Ziele erreicht.

„Media Wrap Up“ der Cebit

Beim „Media Wrap Up“ auf dem „Center Stage“ in Halle 12 (von links): Oliver Frese, Vorstandmitglied bei der Deutschen Messe, Heiko Meyer, Vorsitzender der Geschäftsführung bei HPE Deutschland sowie des Cebit-Messeausschusses und Dr. Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Bitkom.

Für die Skeptiker ist das Zweckoptimismus. Die alte und neue Cebit seien aber gar nicht zu vergleichen, betonte der 2013 angetretene Messe-Chef Oliver Frese. „Wir wurden für unseren Mut und für unsere große Entschlossenheit belohnt. Alle von uns gesteckten Ziele wurden erreicht.“ Die Frage bleibt: Kann weniger wirklich mehr sein? Erste Antworten wird spätestens die nächste Cebit bringen.

Auch wenn früher sicher nicht alles besser war, lohnt sich der Blick zurück. 1986 als Fachmesse unter dem damals schon altbackenen Namen „Centrum für Büroautomation, Informationstechnologie und Telekommunikation“ gestartet und zur weltgrößten IT-Messe avanciert, war der Cebit jetzt nach jahrelangem Schrumpfprozess und zahlreichen Neupositionierungen ein radikaler Neuanfang als „Business Festival“ verordnet worden.

Der sei auch gelungen, waren sich beim abschließen „Media Wrap Up“ (Video) am 15. Juni auf dem „Center Stage“ in Halle 12 die Macher einig: Frese, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Messe AG, HPE-Chef Heiko Meyer (als Vorsitzender des Cebit-Messeausschusses) und Dr. Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes Bitkom. Das Publikum sei weiblicher und jünger gewesen – im Durchschnitt 35 Jahre. Und mit 120.000 Messegästen hatte man die Veranstaltung kalkuliert; allerdings waren rund 600.000 kostenlose Eintrittskarten im Umlauf. Da stellt sich schon die Frage, wer noch 100 Euro in ein Tagesticket investiert.

Auch wenn 40 Prozent weniger Besucher kamen als im Vorjahr, waren die Macher zufrieden. Das kann man verstehen, denn als im vergangenen Jahr die Neukonzeption der Veranstaltung begann, war ein Absturz auf 2.300 Aussteller und eine vermietete Fläche von etwa 90.000 qm befürchtet worden, schreibt die Hannoversche Allgemeine Zeitung. Am Ende seien 2.800 Aussteller gekommen, die 120.000 qm belegten; 2017 wurden noch knapp 147.000 qm Ausstellungsfläche verkauft. Laut Frese habe sich die neue Cebit gerechnet, denn die notwendigen Investitionen in das neue Format seien „austariert“ gewesen, um den wirtschaftlichen Erfolg nicht zu gefährden. „Am Ende des Tages wollen wir als Veranstalter ja auch Geld verdienen“, so Frese. „Das ist gelungen!“

Festival-Format trifft auf IT-Messe

„Die neue Cebit war ein voller Erfolg“, beglückwünschte Meyer das Cebit-Team zur Premiere der neuen Messe. „Mit dem Mut zur radikalen Transformation hat das Team die Basis für die Zukunft gelegt.“ Business sei mit Festival verbunden worden. „Die beteiligten Unternehmen sind von dem neuen Konzept überzeugt. Wir freuen uns auf die nächste Ausgabe der Cebit im Juni 2019.“

Auch Frese freute sich – über das generell „überaus positive Feedback zur Zukunftsfähigkeit des neuen Konzeptes“. Man spreche nicht nur von Disruption, sondern packe sie auch an. „Hierdurch ist es uns auf Anhieb gelungen, konkretes Business in den Hallen mit Festivalstimmung auf dem D!campus zu verbinden“, so Frese. „Die neue Cebit macht Digitalisierung emotional und baut nicht nur Distanz zwischen Technologie und Gesellschaft ab, sondern zeigt auch die konkreten Chancen auf.“

Und: Die neue Cebit sei jung und schaffe mit frischem Wind eine neue Aufbruchstimmung. „Wir stellen fest, dass Geschäftskontakte in lockerer Atmosphäre besser entstehen können“, so Frese weiter. „Das wichtigste Ziel ist erreicht: Unsere Kunden sind sehr zufrieden!“ Die Mechanik der Messe hat laut Frese funktioniert: Tagsüber schrieben die Aussteller in den Hallen ihre Leads. Jeder dritte Besucher habe zum Topmanagement seines Unternehmens gehört. Mehr als jeder vierte Besucher sei aus dem Ausland gekommen.

Nr. 1 bei Twitter – noch vor Donald Trump

Der Konferenztag am Montag war vor dem Messestart bereits ausgebucht. Auf den Konferenzbühnen verfolgten laut Frese an allen Tagen mehr als 30.000 Zuschauer die Keynotes und Diskussionen rund um Chancen und Risiken der Digitalisierung. Die Live-Onlinestreamings der Konferenzen wurden von mehr als 400.000 Personen genutzt.

„Die neue Cebit ist das Forum für die Diskussion um die digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft“, sagte Frese. Im Zentrum der Premiere hätten vor allem Künstliche Intelligenz, Blockchain, Future Mobility, schnelle Netze, Security, Unmanned Systems und Human Robotics gestanden. Über die Social Media seien Tag für Tag jeweils mehr als eine halbe Million Menschen erreicht worden; außerdem sei die Cebit am Dienstag und Mittwoch Nr. 1 bei Twitter gewesen, „noch vor Donald Trump und Korea und vor der Fußballweltmeisterschaft“.

Bitkom-Geschäftsführer Rohleder bekräftigte Freses Ausführungen – die Erwartungen seien nicht nur erfüllt, sondern „bei weitem übertroffen“ worden. Man habe die 250 kleinen und großen Mitgliedsunternehmen unter den Ausstellern befragt, die „durch die Bank sehr zufrieden“ und 2019 wieder in Hannover dabei seien – wie logischerweise auch der Bitkom selbst. Man wolle eher „mehr von dieser Cebit als weniger“.

Re-Start aus Sicht des Bitkom geglückt

Bitkom-Präsident Achim Berg bilanzierte die Messe in einem schriftlichen Statement wie folgt: „Die Neuausrichtung der Cebit ist ein entschlossener, wichtiger Schritt in die richtige Richtung. 32 Jahre nach ihrer Gründung wandelt sich die frühere Computermesse zu einem Digital-Festival. Ihren Namen hat die Cebit behalten, sie findet weiterhin in Hannover statt und sie umfasst auch klassisches Messegeschäft. Im Übrigen aber hatte die Veranstaltung 2018 nichts mehr mit ihren Vorgängerinnen gemein. Sie ist einzigartig in Europa, eine echte Premiere und als solche ein Erfolg. Der Re-Start ist geglückt und Bitkom ist auch 2019 auf jeden Fall wieder dabei. Uns geht es jetzt darum, die Erfahrungen des Kick-Offs 2018 en détail auszuwerten und die Cebit auf dieser Basis ganz gezielt weiterzuentwickeln. Dabei wollen wir das breite Angebot aus Messe-, Konferenz- und Festivalprogramm bestmöglich verzahnen und den Festival-Gedanken noch stärker in die Messehallen tragen.“

Der Name Cebit stammt übrigens bereits aus dem Jahr 1970, als die legendäre Halle 1 zum Auftakt der Hannover Messe am 25. April 1970 im Beisein von Bundeskanzler Willy Brandt eröffnet wurde (Video). Apropos Brandt: Dieses Jahr hatte sich Bundeskanzerlerin Angela Merkel erstmals die Reise nach Hannover gespart und ihren Wirtschaftsminister Peter Altmaier geschickt. Und der sprach in seiner Eröffnungsrede (Videoaufzeichnung) davon, dass es eine „Dummheit sondergleichen“ wäre, wenn die Cebit abgeschafft würde.

Cebit abschaffen?

Das ist vorerst – trotz des schlechtesten Cebit-Besuches aller Zeiten – wohl nicht zu erwarten, auch wenn sich die Pessimisten durch die Zahlen bestätigt fühlen. Frese will die neue Cebit gar nicht erst mit der Vorgängerveranstaltung vergleichen. Man habe die Messe völlig neu konzipiert, um sie langfristig für den Standort Deutschland zukunftsfähig zu machen – und das sei gelungen, selbst wenn noch nicht alles perfekt war. Mit dieser Cebit 1.0 habe man den Maßstab gesetzt für die nächste und die übernächste Cebit. Vergleiche mit der alten Cebit würden in die Irre führen; man werde jede künftige Cebit einzig und allein an der von 2018 messen.

Nicht nur Frese sprach schon von der übernächsten Cebit. Rohleder redete bereits von den Cebits 2020, 2021 und 2022. Man wolle auf der Basis, die jetzt geschaffen sei, „eine echte und dauerhafte Erfolgsgeschichte schreiben.“ Die Skeptiker und Traditionalisten halten nichts davon, sondern wünschen sich die Rückkehr in die Hannover Messe.

Das sehen die Macher völlig anders. „Mit dieser Basis hat die Cebit auf jeden Fall eine Zukunft,“ meint Messechef Frese. Auf dieser Basis aufbauend strebt er künftig Wachstum an, „denn natürlich gibt es Potentiale“. Man werde die Formate weiterentwickeln; die gesamte Cebit werde sich immer weiterentwickeln. „Der frische Wind der neuen Cebit sorgt für eine digitale Aufbruchstimmung, die in jedem Detail spürbar war“, sagte Frese. „Nach dieser erfolgreichen Premiere krempeln wir jetzt die Ärmel hoch und arbeiten gemeinsam mit unseren Partnern an der Cebit 2019.“ Sie findet vom 24. bis 28. Juni 2019 statt.

Ob sich die Messegesellschaft dann einen Schritt weiter in Richtung Digitalisierung traut? Man darf gespannt sein. Denn nicht nur Name und Ort der Cebit sind gleich geblieben, auch das Geschäftsmodell der Messe ist noch ganz das alte: Es wird Stand- und oder Werbefläche verkauft und (nur noch halbherzig) Eintritt verlangt. Es hapert aber an der gekonnten Vernetzung der Protagonisten auf der Messe und darüber hinaus.

Denkbar wäre sogar der Aufbau eines regelrechten „Ökosystems" rund um die Digitalisierung, an dem alle Player mitwirken – von den Infrastrukturlieferanten über die Software- und Systemhäuser bis hin zur Kreativszene aus Werbung und Marketing sowie den IT-Managern und den eigentlichen Nutzern. Ob und wie man mit einer solchen digitalen Plattform Geld verdienen kann, darüber könnten sich die Messemacher auch einmal Gedanken machen. Dann würden sie die Disruption wirklich annehmen.

Die neue Cebit muss sich auf ihre alte Stärke besinnen. Sie ist eine Messe und lebt als solche vom Vergleich der Aussteller und ihrer Produkte ebenso wie von der persönlichen Kommunikation. Diese kann auf Ständen und Gängen oder hinter verschlossenen Türen stattfinden, natürlich aber auch bei den Konferenzen, auf dem Festival, beim Chillen auf dem D!campus oder gerne wahlweise beim Street-Food oder im Restaurant. Messen dienen nun einmal der Kommunikation – und auch die wird durch die Digitalisierung einfacher. Sei es bei der Terminvereinbarung, sei es durch Telekommunikation. Gut gemacht, greifen dann auf der Messe Kommunikation durch Werbung, Gesten und Gespräche ineinander.

Bildquelle: Deutsche Messe AG

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