Sapere Aude

Mehr Datenkompetenz für die Mitarbeiter

Wie neue Analytics-Tools helfen, in Unternehmen eine erkenntnisorientierte Kultur aufzubauen

Glühbirne vor einem gelben Hintergrund

Keine Technologie allein ist in der Lage, eine erkenntnisorientierte Unternehmenskultur aufzubauen. Vielmehr braucht es dazu datenkompetente Mitarbeiter.

Das lateinische Sprichwort „Sapere aude“ ist im Deutschen vor allem in der Interpretation Immanuel Kants „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ bekannt, die als Leitspruch der Aufklärung diente. In der Zeit von Echokammern, Verschwörungstheorien und Fake News scheint die Idee der Aufklärung, dass die Suche nach Wissen Mut erfordert, aktueller als je zuvor. Täglich gibt es neue Beispiele dafür, wie die Weigerung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, der Gesundheit, der Umwelt und der Gesellschaft schadet. Auch Unternehmen sind davon betroffen, wenn die vorherrschende Arbeitskultur die Mitarbeiter davon abhält, unbequeme Wahrheiten zu äußern. Mit erheblichen Folgen: Frühere Marktführer wie Enron, Kodak und Swissair sind alle darüber gestürzt, dass sie nicht den Mut hatten, auf Fakten, veränderte Geschäftsmodelle und Warnungen von Mitarbeitern zu reagieren.

Im Nachhinein, wenn alle Fehler gut dokumentiert sind, ist es einfach, diese Unternehmen zu kritisieren. Dabei wird leicht vergessen, dass es für ein Großunternehmen nicht einfach ist, einen Kurswechsel einzuleiten, ohne Teile der Belegschaft zu entlassen, einen massiven Kulturwandel einzuleiten und die Gewinne der Aktionäre zu senken – zumindest nicht kurzfristig. Zweifellos brauchen Führungskräfte Mut, um schwierige Entscheidungen zu treffen. Aber dramatische Kursänderungen müssen auch durch wasserdichte, zeitnahe sachliche Argumente unterstützt werden, damit sie von Aktionären, Mitarbeitern, Gewerkschaftsführern und anderen Interessengruppen mitgetragen werden.

Künstlich konstruierte Informationen

Ein Haupthindernis bei der Suche von Unternehmen nach Wahrheit ist, dass falsche Narrative viel schneller und einfacher zu erstellen sind als echte datenbasierte Geschichten. Es ist nur zu einfach, Informationen im Internet zu finden, die, oft aus dem Zusammenhang gerissen oder unzuverlässig bezogen, die persönlichen, oft voreingenommenen Überzeugungen der Mitarbeiter belegen. Wissensarbeiter werden immer geschickter darin, aus diesen fehlerhaften Informationen überzeugende Argumente zu konstruieren.

Gegenüber solchen konstruierten Informationen haben Unternehmensdaten aus operativen Systemen den Vorteil, dass sie objektiv „echt“ sind. Die Datensysteme enthalten Fakten über Verkaufszahlen, Mitarbeiter, Marketing-Leads, Versicherungsprämiensätze und unzählige andere Datenpunkte. Das Problem war bislang, dass diese Business-Analytics-Systeme zu langsam, zu schwerfällig und zu komplex waren, als dass sie von einfachen Geschäftsanwendern tatsächlich genutzt werden konnten.

Im Moment ändert sich das gerade. Die aktuelle Studie des Marktforschungsinstituts Forresters Research „Build an Agile BI Organization to Support an Insights-Driven Culture“ zeigt auf, wie Unternehmen durch die Nutzung neuer Technologien und die Einführung neuer Werte eine Kultur der „Aufklärung“ zu etablieren können. Die Studie fordert die Firmen auf, sich für Agilität zu organisieren, Geschäftsanwender zu befähigen und intern nach BI-Talenten zu suchen. Die Ergebnisse spiegeln die Probleme der BI- und Analytikbranche wider, die es zu lösen gilt, um das „Sapere aude“ für Unternehmen nutzbar zu machen.

Komplexität war das falsche Problem

Seit mehr als 50 Jahren bieten Hersteller Lösungen, die zur Bewältigung immer komplexerer Datenanfragen entwickelt wurden und die ohne spezialisierte IT-Kenntnisse nicht zu bedienen sind. Folglich waren die einzigen Personen, die davon profitierten, Führungskräfte, deren Entscheidungen „wertvoll“ genug waren, um den erforderlichen Zeit- und Arbeitsaufwand zu rechtfertigen. Das reicht bis in die Gegenwart hinein, obwohl die meisten Geschäftsanwender im Grunde nichts anderes wollen, als schnelle Antworten auf einfache Datenfragen selbstständig zu generieren, um informationsbasierte Entscheidungen treffen zu können.

Die meisten Datenfragen sind dabei nicht einmal komplex. Was die IT-Abteilung überwältigt, ist das Volumen und die Vielfalt der Anfragen die häufig nur eine geringfügige Variation derselben Frage darstellen, zum Beispiel: Wie viele iPhones haben wir letzten Monat in Dortmund im Vergleich zu Bochum verkauft? Laut der Forrester-Studie schufen die „BI-Programme der früheren Generation (...) die sich zuerst auf Projektmanagement, Architektur und Technologie konzentrierten und Kunden ohne die richtigen Ergebnisse ließen (...) eine Insights-to-Action-Lücke.“

Nach Jahrzehnten chronisch niedriger Akzeptanzraten von BI-Lösungen hat sich dies zuletzt geändert und immer mehr Anbieter von BI und Analytics konzentrieren sich darauf, das eigentliche Problem zu lösen: den Endanwendern Schnelligkeit, Agilität und Einfachheit zu ermöglichen.

Die Reportfabrik schließen

Traditionelle BI-Berichte sind nur in wenigen Fällen nützlich, und zwar immer dann, wenn identische Datenabfragen wiederholt und im gleichen Format präsentiert werden müssen. Dazu zählen beispielsweise Finanzberichte, die von den Aufsichtsbehörden zur Einhaltung der Vorschriften verlangt werden. Die meisten Datenabfragen hingegen sind – wie erwähnt – nur geringe Abweichungen von bereits vorher gestellten Fragen. Diese können heute mit numerischen Such- und visuellen Drag-and-Drop-Tools bearbeitet werden, ohne dass komplette Berichte erstellt oder neue OLAP-Würfel aufgesetzt werden müssen. Forrester weist darauf hin, dass mit moderner Technologie wie der In-Memory-Datenexploration und suchähnlichen Benutzeroberflächen „nur wenige Anwendungsentwickler (AD&D) ihre Zeit mit der Entwicklung von BI-Dashboard-Layouts verbringen sollten.

In der Studie von Forrester heißt es: „BI-Anforderungen sind oft schon veraltet, bevor die ersten Spezifikationen gesammelt und dokumentiert wurden“. Nachdem das BI-Pendel jahrzehntelang zwischen IT (zentralisierte Data Governance) und Business (Self-Service und Agilität) hin- und herschwankte, ist es nun in der Mitte zum Stehen gekommen. Es scheint endlich Konsens darüber zu bestehen, dass zum Aufbau wirklich datengetriebener Organisationen IT und Business gleichermaßen einbezogen werden müssen. Forrester empfiehlt den Aufbau eines erkenntnisgesteuerten Kompetenzzentrums, um Flexibilität und Agilität zu gewährleisten und Analysen über verschiedene Unternehmenssilos hinweg zu orchestrieren.

Wenn traditionelle BI-Systeme schon bei der Generation der Baby Boomer und der Generation X geringe Akzeptanzraten von unter 30 Prozent verbuchen konnten, ist davon auszugehen, dass diese sich nicht für die nachfolgenden Generationen der Digital Natives eignen. Millennials, die mit Internet und Social Media aufgewachsen sind, erwarten auch von Geschäftsanwendungen wie BI-Systemen, dass diese schnell und einfach ohne größeres Training zu bedienen sind und Personalisierung bieten. Glücklicherweise ähnelt die Nutzererfahrung neuer Such- und KI-gesteuerter BI- und Analytics-Systeme jenen Anwendungen, wie sie die Mitarbeiter auch von ihrer privaten Nutzung her kennen.

Datenkompetenz macht den Unterschied

Wie die Beherrschung einer Sprache ermöglicht Datenkompetenz, Ideen über Daten in einer gemeinsamen Sprache auszudrücken. Im geschäftlichen Kontext verbindet die Datenkompetenz die Mitarbeiter rollenübergreifend durch eine Reihe von Standards, Prozessen, Tools und Begriffen. Datenkompetente Mitarbeiter können Rohdaten in verwertbare Informationen verwandeln, weil sie verstehen, wie man Daten interpretiert, und wissen, welche Daten verfügbar oder nicht verfügbar sind. Das Konzept der Datenkompetenz lehnt die herkömmliche Weisheit ab, nach der nur wenige Mitarbeiter Torhüter von Informationen sein sollten. Stattdessen verbreiten datenkompetente Mitarbeiter Wissen, erweitern den Datenzugriff im Unternehmen und verbessern so die Entscheidungsfindung für alle.

Dass hier die Datenkompetenz als letzter Punkt angeführt wird, ist kein Zufall. Denn so sehr sich auch die BI- und Analytics-Systeme ändern – keine Technologie allein ist in der Lage, eine erkenntnisorientierte Unternehmenskultur aufzubauen. Dazu braucht es datenkompetente Mitarbeiter, die von den modernen Analytics-Systemen unterstützt werden. Je mehr datenkompetente Mitarbeiter ein Unternehmen besitzt, desto wahrscheinlicher wird es möglich sein, eine Kultur des „Sapere aude“ aufzubauen.

* Der Autor Christian Werling ist Regional Director DACH bei Thoughtspot.

Bildquelle: iStock/Getty Images Plus

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