Digitalisierung in Deutschland

Nicht an Boden verlieren

Die deutsche Aufholjagd bei der Digitalisierung erfordert neue Ideen und neue ­Strukturen, betont Prof. August-Wilhelm Scheer, Alleininhaber und Geschäftsführer der Scheer Holding in Saarbrücken, im Interview.

  • Läufer erklimmt Berg

    Um bei der voranschreitenden Digitalisierung in Deutschland nicht an Boden zu verlieren bedarf immer neuer Ideen und Strukturen.

  • Prof. August-Wilhelm Scheer

    Prof. August-Wilhelm Scheer, Inhaber und Geschäftsführer der Scheer Holding

IT-DIRECTOR: Professor Scheer, Sie haben einmal gesagt, „Die USA haben das Internet, aber wir haben die Things“ – liegt darin Deutschlands große Chance?
A. Scheer:
Die großen US-Internetfirmen dominieren den B2C-Markt und die sozialen Medien. Das gilt sowohl für Plattformunternehmen als auch für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Bei dem Internet of Things (IoT) und der Industrie 4.0 geht es aber um die Vernetzung physischer Produkte und da haben Europa und besonders Deutschland einen Vorteil. Denn Deutschland ist führend in der Produktion und im Export physischer Produkte und hat seine Stärken im B2B-Bereich. Es ergibt also Sinn, IT-Entwicklungen auf diese führenden Sektoren zu konzentrieren. Dabei sprechen wir z. B. von vernetzten und in Autos eingebetteten Computern oder Produktionsmaschinen. Hochwertige Maschinen werden durch KI exponentiell leistungsfähiger, breiter einsetzbar. Verbindet man KI mit Industrie 4.0, entstehen vielversprechende Szenarien, insbesondere bei autonomen Systemen, Robotics und Dienstleistungen wie Predictive Maintenance.

IT-DIRECTOR: Welche Chancen hat Deutschland denn konkret, wenn es darum geht, eine führende Rolle beim Thema KI einzunehmen?
A. Scheer:
Es hilft kein Wunschdenken von Politikern nach dem Motto: „Wir wollen bei der Künstlichen Intelligenz weltweit führen.“ Es hilft nur das schonungslose Eingeständnis, dass wir bei KI-Anwendungen, KI-Frameworks, Plattformfirmen und Cloud-Hyperscalern vor einer großen Aufholjagd stehen und nur durch den fokussierten Einsatz unserer Strukturen, erfolgversprechenden Themen und straffen Umsetzungsprozessen eine Chance haben. Viele KI-Algorithmen zur Spracherkennung, Datenanalyse und zum autonomen Fahren sind in Deutschland erfunden worden, sind aber von Unternehmen in den USA in großem Umfang im B2C angewendet worden. Nun müssen wir bei den industriellen Anwendungen Gas geben. Langwierige Forschungsprojekte zur Entwicklung neuer Algorithmen helfen wenig – zumal heute Bibliotheken mit KI-Algorithmen und sogar vortrainierte Modelle des Deep Learning zuhauf zur Verfügung stehen und nur darauf warten, bei industriellen Produkten und Prozessen eingesetzt zu werden. Wir müssen unseren Fokus auf die Anwendungen legen.

IT-DIRECTOR: Um in der Topliga der Digitalisierung mithalten zu können, sind nicht nur Kapital, sondern auch Fachkräfte gefragt, und an denen mangelt es doch zunehmend?
A. Scheer:
Auch hier sind jetzt gezielte Initiativen gefragt. Wir müssen die Ausbildung von IT-Spezialisten an den Hochschulen massiv erhöhen. Für unsere Wettbewerbsfähigkeit ist meines Erachtens zurzeit die Ausbildung wichtiger als die Forschung. Internationale IT-Konzerne siedeln sich an unseren Universitäten an und greifen die wertvollen Absolventen ab. Hier müssen deutsche Unternehmen noch stärker die Nähe zu Hochschul-Campus nutzen. Auch die Verbindung der inzwischen durchaus vorhandenen Start-up-Szenen mit bestehenden Großunternehmen verstärkt deren Ressourcen und Innovationskraft. Auch der Aufbau von Software-Entwicklungszentren in osteuropäischen Ländern ist ein guter Weg für effiziente Maßnahmen zum Abbau des Fachkräftemangels.

IT-DIRECTOR: Wie steht es um Deutschland im Vergleich zu dem Innovationsstandort Silicon Valley?
A. Scheer:
Das Silicon Valley ist heute bereits ein Mythos, der für mutige disruptive Innovationen steht. Die Verbindung von technischer Infrastruktur durch vorhandene Militärbasen und große vom US-Verteidigungsministerium unterstützte Forschungsprojekte, Unternehmertum, Elite-Universitäten, IT-Giganten, Venture Capital, unternehmerische Vorbilder und Business Angels haben diesen sich immer wieder selbst nährenden Humus geschaffen. Das funktioniert dort perfekt, ist aber natürlich nicht 1 : 1 auf uns übertragbar. Wir müssen eigene Wege gehen und dabei die Innovationskraft unserer Hidden Champions nutzen. Wir müssen unseren „High Potentials“ zeigen, dass es interessanter ist, mittelständische Industriebetriebe in die digitale Welt zu transformieren, als ein kleines Rädchen im Entwicklungslabor eines internationalen IT-Konzerns zu sein. Hierauf muss sich auch die staatliche Industriepolitik konzentrieren. Es müssen verstärkt Anreize für den digitalen Wandel geschaffen und die Infrastruktur verbessert werden. Es muss geklotzt und nicht gekleckert werden. Die in Deutschland und Europa verkündeten staatlichen Programme zur Digitalisierung, besonders zu KI, hören sich zwar im ersten Moment gut an, sind aber im Vergleich zu den Forschungs- und Entwicklungsausgaben der chinesischen und amerikanischen Internetgiganten Peanuts. Zudem müssen bei den Programmen die wirtschaftlichen Verwertungsmöglichkeiten der Ergebnisse dominieren. Nicht zuletzt kann eine kluge Nischenpolitik helfen. Verlorenes Terrain bei Cloud-Plattformen kann etwa durch spezialisierte Plattformen für bestimmte Branchen mit darauf ausgerichteten Micro-Services Schritt für Schritt zurückerobert werden. Hier öffnet sich mit dem Edge Computing als nächste Technologiewelle nach Cloud eine besondere Chance.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle wird künftig Robotic Process Automation (RPA) spielen? Wie offen sind deutsche Unternehmen für Roboter im Büro?
A. Scheer:
Roboter sind in der Fertigung heute Standard. Es gibt Montagelinien, an denen kein Mensch mehr arbeitet. Anders ist dies aktuell noch in Büro-Umgebungen. Natürlich sind hier überall Computer und dahinterliegende ERP-Systeme zu finden, die in den vergangenen Jahrzehnten durchaus zu vielen Rationalisierungserfolgen geführt haben. Noch werden diese Systeme aber weitgehend von Menschen bedient. Dabei geht es in der Regel um einfache manuelle Sachbearbeitertätigkeit, die bei näherer Betrachtung weiter automatisiert werden kann. Es geht also darum, menschliche Arbeitsleistung am Computer durch Software-Roboter zu ersetzen. Hierzu werden die Tätigkeiten des Menschen detailliert analysiert, die Regeln, nach denen der Mensch die Tätigkeit ausführt, identifiziert und anschließend durch ein Computerprogramm (Bot) ersetzt. Der Mensch beschäftigt sich dann nur noch mit den Ausnahmefällen, die von den Regeln nicht abgedeckt sind. Durch Einsatz von Sprach­erkennung der KI können so in Telekommunikationsunternehmen Kundengespräche automatisiert werden. Der Kunde spricht dann mit einem Software-Roboter, um einen Termin für einen Wartungstechniker zu vereinbaren. Viele Software Roboter werden überall dort zum Einsatz kommen, wo heute noch Menschen an der Schnittstelle zwischen Systemen Routineaufgaben wahrnehmen. Typische Anwendungsfelder finden sich an der Schnittstelle zum Kunden und bei der Verbindung unterschiedlicher Anwendungssysteme. Sinnvoll ist auch der Einsatz von RPA bei der Betreuung von Rechnern oder ganzen Serverparks. Hier kommt man der Vision von vollautomatischen Fabriken oder Unternehmen schon sehr nahe.

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