12.12.2017

Partner bei der Digitalen Transformation

Von: Guido Piech

Nach 18 Jahren im SAP-Konzern, wo er zuletzt den Bereich Global Application Management verantwortete, wechselte Lars Janitz 2011 zum Bielefelder SAP-Partner itelligence. Dort leitet er als Executive Vice President den umsatzstarken Bereich Global Managed Services. Im Interview beschreibt er die Rolle, die das Systemhaus im SAP-Umfeld im Rahmen der Digitalen Transformation einnimmt.

  • Lars Janitz von itelligence

    „Mein Eindruck ist, dass eine Reihe von Unternehmen Probleme mit zu großen und zu diversifizierten Portfolios bekommen könnte“, so Lars Janitz von itelligence.

  • Lars Janitz von itelligence

    Lars Janitz von itelligence: „Es wird vermehrt hybride Szenarien geben, in denen die Backend-Prozesse in die Public Cloud verlagert werden, während die geschäftskritischen Prozesse nach wie vor in Private-Cloud-Szenarien betrieben werden.“

  • Lars Janitz von itelligence

    „Momentan ist die Transformation zu S/4 Hana eines unserer Fokusthemen. Neukunden entscheiden sich mittlerweile fast alle für S/4 Hana“, meint Lars Janitz, itelligence.

IT-DIRECTOR: Herr Janitz, gestartet sind Sie beim größten deutschen Softwarekonzern ...
Lars Janitz:
Nach dem Studium der Informationstechnik stieg ich bei der damaligen SAP-Tochter SRS ein, die im Jahre 2000 zusammen mit zwei weiteren SAP-Töchtern zu SAP SI vereinigt wurde. 2005 erfolgte dann deren operative und 2008 die legale Integration in die SAP-Gesellschaft. Bei SAP leitete ich bis zu meinem Wechsel zur itelligence AG das globale Application Management.

IT-DIRECTOR: Wie kam es zum Wechsel zu itelligence?
Janitz:
Nach 18 Jahren im SAP-Konzern stand ich vor der Entscheidung, entweder für immer bei SAP zu bleiben, was durchaus eine lohnenswerte Option gewesen wäre, oder etwas Neues zu versuchen. Die Gründe für den Wechsel waren zum einen, dass Application Management nicht zum Kerngeschäft der SAP gehörte, was trotz unserer erfolgreichen Arbeit bisweilen dazu führte, die Existenz unseres globalen Bereiches rechtfertigen zu müssen. Zum anderen reizte mich die Aussicht, in einem etwas kleineren Unternehmen selbst mehr bewegen zu können.

IT-DIRECTOR: Ebenfalls im Application Management?
Janitz:
itelligence betrieb zum damaligen Zeitpunkt in 15 Ländern Application Management, dies jedoch weitestgehend in lokal separaten Insellösungen. Folglich suchte man jemanden, der diese Einzelbereiche global zusammenführen sollte. Dies war ab 2011 meine Aufgabe.

Nachdem ich zwischenzeitlich zusätzlich zu meinem angedachten Tätigkeitsfeld die Leitung der Region Osteuropa übertragen bekam, entschied unser Vorstand 2014, die Segmente Application Management und Hosting zum Bereich Global Managed Services zusammenzuführen. Mir wurde angeboten, diesen Bereich gesamtverantwortlich zu führen. Mit Blick auf die Komplexität der Aufgabe sowie das Geschäftsvolumen des Bereichs Global Managed Services mit knapp 50 Prozent des gesamten Umsatzes der itelligence übergab ich die Leitung für Osteuropa wieder an einen anderen Kollegen. Somit bin ich aktuell als Executive Vice President Teil des Global Executive Teams und Leiter Global Managed Services.

IT-DIRECTOR: Inwieweit haben Sie damit richtig gelegen, mehr bewegen zu können?
Janitz:
Damit lag ich definitiv richtig. Wichtig war für mich, bei einem Wechsel im engeren SAP-Umfeld zu bleiben, denn weder das angesammelte Wissen noch das entstandene Netzwerk wollte ich aufgeben – was auch nur im Interesse des neuen Arbeitgebers sein kann.

Man kann mehr bewegen, allerdings haben sich mittlerweile zwei neue Herausforderungen entwickelt. Zum einen stieg die Mitarbeiterzahl bei itelligence von 3.000 im Jahre 2011 auf heute über 7.000. Zum Vergleich: Als ich 1993 bei SAP begann, beschäftigte das Unternehmen ebenfalls um die 3.000 Mitarbeiter. Das Wachstum ist also auch hier unverkennbar. Zum anderen war itelligence 2011 bereits weitreichend in den global agierenden, japanischen Großkonzern NTT Data eingebunden – seit 2013 dann komplett.

IT-DIRECTOR: Wie viel Spielraum haben Sie denn innerhalb des Konzerns?
Janitz:
Es gehört zunächst zur Unternehmenskultur von itelligence, innerhalb bestimmter Richtlinien und innerhalb eines definierten Budgetrahmens in seinem Verantwortungsbereich relativ frei agieren zu können.

Daneben gibt es die Vor- und Nachteile der japanischen Unternehmensführung. Im Falle der Übernahme durch ein amerikanisches Unternehmen wäre sicherlich ein Großteil der oberen Führungsebene – egal, ob erfolgreich oder nicht – erst einmal ausgetauscht worden. Die japanische Konzernführung setzt eher auf Stabilität und Kontinuität und lässt uns recht eigenständig agieren. 

IT-DIRECTOR: Ist es nicht dennoch ungewöhnlich, dass ein Konzern diese Freiheiten gewährt?
Janitz:
Bei NTT weiß man sehr genau, dass itelligence ein Schwergewicht im SAP-Umfeld ist. Da SAP selbst gerade sehr erfolgreich ist, wird man dieses Asset nicht beschädigen wollen.

Persönlich finde ich das japanische Vorgehen auf jeden Fall besser. Für das Unternehmen würde ich mir jedoch wünschen, Synergieeffekte noch konsequenter zu nutzen. Schließlich wissen wir alle, wie schnelllebig der IT-Markt ist.

IT-DIRECTOR: Die Geschäftszahlen entwickeln sich dennoch in den letzten Jahren stets positiv, auch Ihr Geschäftsbereich. Wie begegnen Sie der angesprochenen Schnelllebigkeit?
Janitz:
Unser großer Vorteil liegt darin, dass wir uns mit unserem Kerngeschäft genau dort bewegen, wo gerade die Post abgeht. Außerdem sind wir vielseitig. Zum einen neben unseren bewährten Bereichen Field Services und Managed Services mit einer zunehmend stärkeren eigenen Produkt- und Lösungsentwicklung, die gerade vor dem Hintergrund der „Digitalen Transformation“ immer wichtiger wird. Zum anderen sind unsere Berater in der Lage, frühzeitig auch innovative Geschäftsszenarien wie Connected Car im IoT-Umfeld abzudecken.

Unser klarer Fokus bei alledem liegt auf SAP. Diese Fokussierung ist immens wichtig, weil die Komplexität der IT durch die weitumspannenden Themenfelder der Digitalen Transformation stetig zunimmt. Mein Eindruck ist, dass eine Reihe von Unternehmen Probleme mit einem zu großen und diversifizierten Portfolio bekommen könnre. Ein breites Portfolio bedeutet zunächst ein größeres Business-Potential, ohne Fokus besteht jedoch die Gefahr, sich zu verlieren.

Ich glaube sogar, dass wir uns noch stärker fokussieren müssen. Allein das SAP-Portfolio ist schon sehr groß und komplex geworden und wächst weiter, was eine Herausforderung bedeutet, es mit unseren 7.000 Mitarbeitern in Gänze global und in einer Vielzahl von Branchen abdecken zu können.

Ein großer Vorteil der Konzernzugehörigkeit besteht in der Nutzung der entsprechenden Forschungs- und Entwicklungsbudgets für innovative Ideen und Geschäftsmodelle. Und natürlich partizipieren wir auch von den Konzernschwestern. Da wir z.B. in Lateinamerika und Afrika selbst nicht vertreten sind, arbeiten wir für globale Kunden folglich mit den Schwesterfirmen zusammen und unterstützen uns darüber hinaus auch themenseitig, um gemeinsam das gesamte Spektrum der Kundenanforderungen abdecken zu können.

IT-DIRECTOR: Sie sagten es bereits: Das SAP-Portfolio alleine ist schon sehr breit. Wo setzen Sie dort den Fokus, bzw. mit welchen konkreten Anforderungen kommen Unternehmen hinsichtlich Digitalisierung auf Sie zu?
Janitz:
Man muss feststellen, dass insbesondere im europäischen Raum – US-Firmen sind da meist schneller – ein signifikanter Teil der Unternehmen im Tagesgeschäft häufig noch mit Standardanforderungen auf uns zukommen. Sie brauchen immer noch moderne ERP-Lösungen, die durchaus auch schon einmal in der Cloud nachgefragt werden, sowohl in der Public als auch in der Private Cloud. Die Unternehmen brauchen einen Service-Partner, der von der Prozessberatung über die Implementierung bis hin zur Wartung, dem Hosting sowie dem Application Management den gesamten Lebenszyklus der IT-Lösung aktiv unterstützt. Dieser Partner sollte im Falle einer SAP-Lösung zudem eng mit SAP vernetzt sein, um an den dortigen Innovationen partizipieren zu können.

Immer mehr Unternehmen fragen mittlerweile jedoch an, ob wir nicht auch ihr Partner bei der Digitalen Transformation sein könnten. Die Herausforderung besteht dann zunächst darin, den Bedarf im Einzelfall zu konkretisieren, denn aufgrund des inflationären Gebrauchs des Begriffs kann „Digitalisierung“ für jeden etwas anderes bedeuten.

IT-DIRECTOR: Das ist auch unser Eindruck. Können Sie ein Beispiel nennen?
Janitz:
Ja, da fällt mir als erstes die sogenannte „Private Cloud“ ein: Wenn man ehrlich ist, ist die Private Cloud oft noch immer nichts anderes als modernes Hosting, wird aber häufig als Errungenschaft der Digitalen Transformation dargestellt. Die Private Cloud selbst ist jedoch nicht Kern der Digitalisierung, sondern aus meiner Sicht eine Voraussetzung und indirekte Unterstützung für die Transformation, weil sich Anwenderunternehmen damit auf ihre Kerngeschäftsprozesse konzentrieren und sich effizienter auf die anstehenden Anforderungen vorbereiten können. Manchmal sollte man bei der Verwendung der Begrifflichkeiten generell ein wenig vorsichtiger sein und nicht alles als „digital“ bezeichnen.

IT-DIRECTOR: Welche Innovationen kommen denn aus Walldorf?
Janitz:
Hier ist sicher zuerst die S/4 Hana zu nennen. Zusätzlich wurde im Mai auf der Sapphire in Orlando das Innovationssystem Leonardo vorgestellt, das zunehmend die Geschäftsprozesse im Business-Frontend unterstützen soll. Dabei geht es beispielsweise um Künstliche Intelligenz (AI), es geht um Machine Learning, Blockchain und Analytik. Auf der einen Seite hat man nach wie vor das Backend mit dem früheren R/3, ERP 6.0 oder jetzt S/4 Hana, auf der anderen das Frontend mit den Kerngeschäftsprozessen der Anwender in unterschiedlichen Branchen. Aus meiner Sicht wird sich das Geschäftspotential von SAP mit Leonardo perspektivisch mindestens verdoppeln. Hier stellt sich für uns die Frage, wie wir uns diesbezüglich positionieren und unsere Kunden entsprechend unterstützen können.

IT-DIRECTOR: Die Frage der Positionierung beschäftigt gerade die meisten Firmen.
Janitz:
Ja, denn neben den Systemintegratoren stoßen auch immer mehr Anwenderunternehmen in den Bereich Digitale Transformation hinein. Unternehmen wie Bosch eröffnen neue Standorte mit mehreren tausend Mitarbeitern und klarem Fokus auf Digitale Transformation und Internet of Things. In diesem Umfeld ist es wichtig, den richtigen Platz für sich finden.

IT-DIRECTOR: Wohin wird die Reise voraussichtlich gehen?
Janitz:
Zunächst einmal zählt der Fortbestand des Bestandsgeschäfts, von dem man sicherlich die nächsten vier bis fünf Jahre noch gut leben kann. Aber wir müssen vorausschauen.

Für uns heißt das, in Zukunft unter anderem deutlich mehr eigene Softwarelösungen zu entwickeln – und zwar nicht nur wie bisher eigene, branchenbasierte „pre-defined Packages“ auf SAP-Basis, sondern wirklich eigenständige Softwarelösungen als Add-ons zum SAP-Standard. Wir werden in diesem Rahmen unsere eigenen Entwicklungskapazitäten weiter ausbauen und sicherlich auch in das eine oder andere passende Start-up investieren.

Mögliche Szenarien könnten sein, perspektivisch Standardlösungen auf Basis der SAP Cloud Platform (SCP) angereichert um eigene Add-ons auf eigener Cloud-Infrastruktur oder der von Partnern betreiben und betreuen zu können. Dies ist im Übrigen genau das, was SAP von uns als innovativem Partner erwartet, „Value Add“ auf die Cloud-Plattform zu bringen.

Reines Infrastruktur-Hosting können andere Unternehmen teilweise skalierbarer und kostengünstiger als wir. Wir hingegen sind in der Lage, allein oder gemeinsam mit Partnern die gesamte Bandbreite im SAP-Umfeld abzudecken und wollen dies wie gesagt noch weiter ausbauen, hin zu einem Angebot, das nicht viele Provider anbieten können.

IT-DIRECTOR: Welche Anreicherung meinen Sie genau?
Janitz:
Aktuelle Marktanalysen und Gespräche mit unseren Kunden zeigen, dass Branchenlösungen, bei denen Kernaspekte der Digitalen Transformation wie IoT, Machine Learning oder AI von Beginn an integrativer Bestandteil sind, ein Erfolgskriterium der Zukunft sein werden. In Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen und anderen Hochschulen entwickeln wir hierfür Pilotlösungen für potentielle Geschäftsszenarien.

Dabei werden wir uns auch künftig auf unsere Kernbranchen wie Manufacturing, Automotive, Energie und Service Provider konzentrieren und hierfür u.a. eigene Apps auf Basis von der Cloud-Plattform bauen.

IT-DIRECTOR: Inwieweit binden Sie Partner in diesen Entwicklungsprozess ein?
Janitz:
Das Thema Co-Innovation, das heißt die Kooperation mit Anwenderunternehmen, gewinnt stetig an Bedeutung. Hier kommt uns zugute, dass wir neben dem Mittelstand zunehmend auch multinationale Unternehmen mit Umsätzen im Bereich von einer bis zehn Milliarden Euro adressieren. Dort bieten sich hinsichtlich Co-Innovation natürlich andere Möglichkeiten. Hier werden Lösungen im Fokus stehen, welche auf dem sogenannten SAP Core im Backend basieren, aber auch branchenspezifische Applikationen im Frontend – dort, wo die wesentliche Diversifizierung der Unternehmen entsteht. Mit dieser Kombination sowie unserem vollumfänglichen Serviceportfolio in Beratung und Betrieb können wir dann die gesamte Palette abdecken.

Um diese Entwicklungen vollumfänglich umsetzen zu können, werden natürlich auch Service-Partnerschaften inner- und außerhalb der NTT-Gruppe eine wichtige Rolle spielen.

IT-DIRECTOR: Vor allem aber auch Ihre eigenen Kunden?
Janitz:
Der wichtigste Aspekt ist in der Tat die Rückmeldung der Anwender, mit denen wir in regelmäßigem Kontakt stehen. Wir diskutieren intensiv mit unseren Kunden und Partnern mögliche Lösungsansätze, länderspezifisch oder auf globaler Ebene. Ein neu geschaffenes Strategie-Office unterstützt dabei beim servicesegment- und landesübergreifenden Portfoliomanagement.

Darüber hinaus nutzen wir auch moderne Ansätze wie Design Thinking Workshops, um erste Ideen in Lösungsansätze zu überführen und diese im Rahmen von konkreten Kundenprojekten zu pilotieren und zur Marktreife zu entwickeln.

IT-DIRECTOR: Wie wichtig sind Standards für die Digitale Transformation?
Janitz:
Unser erster Ansprechpartner in solchen Fragen ist natürlich SAP, darüber hinaus tauschen wir uns mit den Anwendervereinigungen sowie Verbänden wie dem Bitkom aus. Über unseren Mutterkonzern NTT stehen wir zudem in engem Kontakt zu Marktanalysten wie PAC, Gartner oder Forrester. Und, nicht zu vergessen, ist auch hier der enge Kontakt mit unseren Kunden unverzichtbar.

Nichtsdestotrotz wird es immer schwieriger, den gesamten Markt jederzeit im Blick zu haben und die entsprechenden Maßnahmen einzuleiten.

IT-DIRECTOR: Digitale Transformation steht auch für eine weitreichende Vernetzung. Nicht jedes Unternehmen will sich jedoch von seinen Dienstleistern tief in die eigene Produktion schauen lassen. Wie begegnen Sie Sicherheitsbedenken?
Janitz:
Diese Bedenken nehmen wir natürlich sehr ernst. Wir haben ein dediziertes globales Team, das sich ausschließlich mit Datenschutz, Security, Compliance und Audits sowie entsprechenden Zertifizierungen beschäftigt. Weitere Maßnahmen sind beispielsweise der Einsatz abgegrenzter Support-Teams bei Kunden aus sensiblen Geschäftsfeldern. Die entsprechenden Mitarbeiter sind zu zusätzlichen Vertraulichkeitserklärungen verpflichtet.

Selbstverständlich weisen unsere Rechenzentren höchste Sicherheitsstandards auf. Neben einer physischen Zugangskontrolle spielen der Schutz der entsprechenden Daten und Applikationen inklusive Nachweis und Nachverfolgungsmöglichkeit eine wichtige Rolle. Der Aufwand ist relativ hoch, ist aber ein Muss, wenn man mit Cloud Services erfolgreich sein will. Und gerade mit der im nächsten Jahr in Kraft tretenden EU-Datenschutzgrundverordnung wird das Thema Datensicherheit noch einmal auf eine ganz neue Ebene gehoben.

IT-DIRECTOR: Aber auch über Ihr eigenes Rechenzentrum hinaus können bei weitreichender Vernetzung Daten an verschiedenen Schnittstellen abgegriffen werden. Wenn in der Smart City nur eine Ampelanlage im Herzen der Stadt manipuliert wird, steht der Verkehr still ...
Janitz:
Schon in Hollywood-Filmen vor mehr als zehn Jahren wurde thematisiert, wie Hacker die Stromversorgung und die Verkehrsanlagen einer Stadt lahmlegten. Dies ist heute natürlich ein riesiges und brisantes Thema. Je mehr Prozesse des täglichen Lebens über vernetzte IT gesteuert werden, desto mehr potentielle Angriffspunkte gibt es leider. Einen hundertprozentigen Schutz wird es wohl nie geben, aber es ist wichtig, technologisch immer gewappnet zu sein.

Aus diesem Grunde wurde im NTT-Konzern die Entscheidung getroffen, die Security-Expertise in einer globalen Firma namens NTT Security zu bündeln, auf deren Know-how alle anderen Unternehmen des Konzerns bei Bedarf zugreifen können. Natürlich verfügen wir selbst über Security-Know-how, in Spezialthemen binden wir jedoch Experten der NTT Security ein.

Darüber hinaus müssen wir vermehrt auf Forderungen und Gesetze der lokalen Gesetzgeber reagieren. Aktuell haben wir z.B. die Situation, die SAP-Systeme eines großen russischen Kunden aufgrund neuer Datenschutzgesetze in Russland künftig nicht mehr in unseren deutschen Rechenzentren betreiben zu dürfen.

IT-DIRECTOR: Nehmen solche Entwicklungen, dass nationale Gesetzgebung bestimmte IT-Anforderungen vorgibt, global zu?
Janitz:
Definitiv. Es gibt immer mehr Kunden, die ihre Daten im eigenen Land oder zumindest innerhalb der EU haben wollen oder müssen. Das war auch einer der Gründe dafür, dass wir damit begonnen haben, unsere eigene Rechenzentrumsstrategie entsprechend anzupassen. Die neuen Regeln und Gesetze rund um Datenschutz und -sicherheit erfordern hinsichtlich Rechenzentrumsinfrastruktur in vielen Ländern eine neue Dimension von Skalierbarkeit und lokaler Verfügbarkeit.

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, bieten wir unseren Kunden neben unseren eigenen Rechenzentren in sechs Ländern auf drei Kontinenten den Zugriff auf Infrastrukturen von NTT-Schwesterfirmen wie E-Shelter an, welche u.a. in Frankfurt a.M. eines der größten Rechenzentren Europas betreibt. Als dritte Option arbeiten wir mit sogenannten Hyperscalern im Bereich Public-Cloud-Infrastruktur zusammen. Hier haben wir gerade erst eine strategische Kooperation mit Amazon Web Services (AWS) unterzeichnet, durch die unsere Skalierbarkeit und globale Präsenz weiter erhöht wird.

IT-DIRECTOR: Wie wird die Partnerschaft mit AWS ausgestaltet sein?
Janitz:
Es handelt sich zunächst um eine globale Partnerschaft, die im Mai in Orlando in Vorgesprächen angedacht wurde und nun in einer strategischen Kooperation gemündet ist.

IT-DIRECTOR: Das ging ja recht schnell ...
Janitz:
Stimmt, denn auch hier zählt wieder das Thema Geschwindigkeit. Wir sind schließlich nicht die einzigen, die bemerken, wie erfolgreich AWS insbesondere im Bereich Infrastructure-as-a-Service (IaaS) agiert. AWS erwirtschaftet einen signifikanten Anteil des Gewinns des gesamten Amazon-Konzerns, die Wachstumszahlen sind enorm. Da muss man schnell sein.

Nach den Vorgesprächen wurden Mitarbeiter beider Unternehmen in gemeinsamen Boot Camps entsprechend ausgebildet, um gemeinsam SAP-Lösungen auf AWS Cloud Infrastruktur betreiben zu können. Aktuell erfolgt in gemeinsam definierten Pilotländern die Schulung des Vertriebs und der Lösungsarchitekten, die die Angebote in den Markt bringen sollen. Mit Blick auf das Geschäftspotential und die Kundenanforderungen zählen Deutschland, USA und Großbritannien zu diesen Pilotländern.

IT-DIRECTOR: Was sprach denn aus Sicht von AWS für itelligence?
Janitz:
Natürlich müsste man hier zuallererst AWS selbst fragen. Wichtig waren aber sicherlich insbesondere die Aspekte Sicherheit und SAP-Expertise. Natürlich nimmt dem Weltmarktführer jeder ab, eine Public Cloud erfolgreich administrieren zu können. Geht es jedoch darum, eine geschäftskritische Applikation wie SAP in die Public Cloud zu bringen, ist die Partnerschaft mit einem global agierenden SAP-Schwergewicht wie itelligence auf jeden Fall von Vorteil, um potentielle Kunden von dem Gesamtkonzept zu überzeugen.

Wir wiederum sehen in dieser Partnerschaft ebenfalls sehr hohes Business-Potential, unsere Kunden bei der sukzessiven Überführung ihrer Anwendungen in die Cloud zu unterstützen – inklusive SAP.

IT-DIRECTOR: Wie gestaltet sich der SAP-Betrieb in der Public Cloud?
Janitz:
Die „Public Cloud“ unterteilt sich in drei große Teilbereiche: Infrastructure-as-as-Service (IaaS), wo z.B. AWS, aber auch Microsoft Azure oder Google Cloud Platform sehr stark sind, Platform-as-a-Service (PaaS), wo AWS auch aktiv ist, und schließlich Software-as-a-Service (SaaS), wo SAP selbst eine führende Rolle einnimmt.

Zu beachten ist dabei, dass nicht jede Lösung, die auf einer Public-Cloud-Infrastruktur läuft, zwangsläufig auch von der Software her eine Public-Cloud-Lösung sein muss. Wir können kundenspezifische SAP-Lösungen auch auf einer dedizierten Infrastruktur-Cloud betreiben. Es gibt verschiedene Optionen und Level der Public-Cloud-Umsetzung.

IT-DIRECTOR: Wird denn in dem Zusammenhang SAP und Cloud noch über Business By Design (ByD) geredet?
Janitz:
Es wird wieder vermehrt über Business By Design geredet. Es war ja vor ca. zehn Jahren unter einem Codenamen als hochinnovative SAP-Lösung angekündigt worden. Dann gab es aber größere Probleme, die cloud-basierte Lösung erfolgreich im Markt einzuführen, was auch mit einem Reputationsverlust einherging. Diese gewinnt es gerade als Teil der generellen Cloud-Strategie der SAP zurück.

Hierbei handelt es sich um eine wirkliche Public-Cloud-Lösung, entweder als Haupt-ERP-System im Mittelstand oder als Satellitensystem für den Einsatz in Vertriebs- und/oder Service-Niederlassungen großer Unternehmen. Die Software lässt sich dabei relativ leicht mit dem führenden SAP-System in der Zentrale verbinden. An dieser Stelle bekommt ByD gerade einen ziemlichen Schub, der auch dadurch befeuert wird, dass SAP gerade seine Cloud-Infrastruktur vereinheitlicht. Künftig läuft ByD auf derselben Umgebung wie die große S4/Hana-Cloud-Lösung.

IT-DIRECTOR: Glauben Sie, dass perspektivisch auch die große SAP-Lösung aus der Public Cloud betrieben werden kann?
Janitz:
Ich persönlich glaube nicht, dass insbesondere Großkunden ihre gesamten IT-Lösungen in die Public Cloud verlagern werden – jedenfalls nicht in die Anwendungs-Cloud. Im Bereich Infrastruktur ergibt sich allerdings ein anderes Bild.

Aus meiner Sicht werden z.B. die großen Automobilhersteller ihre wettbewerbskritischen Prozesse im Bereich von Logistik und Design eher nicht gemeinsam in die Public Cloud legen, weil dann ein wichtiges Differenzierungsmerkmal wegfallen würde. Business-Support-Prozesse wie HR, Ressourcenmanagement, Einkauf, Controlling, Finanzen oder Accounting werden jedoch zunehmend auch anwendungsseitig aus der Public Cloud bezogen werden.

Deshalb wird es vermehrt hybride Szenarien geben, in denen die Backend-Prozesse in die Public Cloud verlagert werden, während die geschäftskritischen Kernprozesse nach wie vor in Private-Cloud-Szenarien beheimatet sein werden, sei es inhouse oder betreut durch einen Service Provider.

IT-DIRECTOR: Generell fragt sich mancher Marktbeobachter, warum Software-Riesen wie SAP soviel daran setzen, die Anwender in die Cloud zu bringen?
Janitz:
Ohne der Chefstratege der SAP zu sein, denke ich, dass man unter anderem perspektivisch an langanhaltenden Transaktionsflüssen interessiert ist. Mit Lizenzen wird man auf Dauer nicht mehr das große Geld verdienen, denn der Markt ist weitestgehend durchdrungen. Auch das Thema Wartung wird im Zuge selbstlernender und sich selbst optimierender Systeme zunehmend unter Druck geraten.

IT-DIRECTOR: Gerade letzteres ist aber noch sehr lukrativ?
Janitz:
Ja, aber zumindest hohe Wachstumsraten sind in diesem Segment nur noch schwer realisierbar, für SAP selbst und noch mehr für die Partner. Die Wartungserlöse sind für einige Partner bereits rückläufig, einerseits beeinflusst durch Third-Party-Anbieter, andererseits durch die Subscription-basierten Cloud-Angebote. Im Falle sinkender Wartungsaufwände durch stabile On-Premise-Lösungen oder durch effiziente und zumindest teilweise automatisierte Ticketlösungsprozesse stellen die Anwender hohe Wartungsbeträge ehr in Frage. Perspektivisch sind also neue Geschäftsmodelle unabdingbar.

Über Subsricption-Modelle der Cloud-Lösungen entstehen laufende Lizenzflüsse. An Bedeutung gewinnen wird auch die Thematik Geschäftstransaktionsflüsse. Als Beispiel genannt sei der von SAP übernommene Anbieter von mobilem Reisekostenmanagement, Concur: Hier sehe ich nicht nur eine Erweiterung des Portfolios, sondern auch ein zusätzliches Geschäftsmodell, ähnlich wie Amazon an jeder Transaktion einen gewissen Anteil mitzuverdient.

IT-DIRECTOR: Welche Geschäftsfelder bearbeitet itelligence über die genannten hinaus?
Janitz:
Momentan ist die S/4 Hana-Transformation eines unserer Fokusthemen, und das in allen Szenarien, die SAP anbietet: Private, Hybrid und Public Cloud. Neukunden entscheiden sich mittlerweile fast alle für S/4 Hana.

Diese Entwicklung sehen wir nun zunehmend auch bei den Bestandskunden. Anfänglich mussten wir viel Überzeugungsarbeit leisten, um den Anwendern den konkreten Nutzen einer Migration aufzuzeigen. Dies hat sich inzwischen gewandelt. Im Falle trotzdem noch bestehender Zweifel am Zusatznutzen der neuen Lösung geht es auch um übergeordnete Themen wie Integration und Cloud-Transition.

Die entsprechenden Gespräche über mögliche Geschäftsszenarien sind mittlerweile deutlich positiver und umfassen Themen von der Migration bis hin zum späteren Betrieb und der Betreuung. Zumindest in der Private Cloud dürfen wir unseren Kunden eigene Betriebsmodelle anbieten. Zudem unterstützen wir die SAP in einigen Themen als Sub-Contractor.

IT-DIRECTOR: Welchen Nutzen erkennen die Anwender denn jetzt in S4/Hana?
Janitz:
Es beginnt mit der Datenbanktechnologie. Früher gab es vielleicht ein wenig mehr Flexibilität hinsichtlich der Nutzung anderer Datenbanken wie DB2 oder Oracle. Heute sehen wir einen viel integrativeren Ansatz mit der Hana-Datenbank, die dank In-Memory-Technologie deutlich schneller und zudem viel besser auf die jeweiligen Anwendungen zugeschnitten ist. Die Anwendungen werden nach und nach mit Blick auf den bestmöglichen Zugriff auf die Datenbank optimiert. Es geht also um Schnelligkeit und um den technologischen Ansatz, es geht um Cloud-Fähigkeit, aber auch um Einfachheit und Standard.

Viele unserer Kunden bemängeln, dass ihre IT-Landschaften, von denen SAP häufig ein wesentlicher Bestandteil ist, infolge von Eigenprogrammierungen und Änderungen durch Geschäftsanpassung oder Akquisitionen mittlerweile zu komplex geworden sind, so dass sie eine Simplifizierung anstreben – technologisch, aber natürlich auch hinsichtlich der Anwendungslandschaft. S/4Hana ist dann oft der Startpunkt dieses Prozesses, auch wenn die Public-Cloud-Version anwendungsseitig noch nicht komplett ist. Aber auch diese vervollständigt sich zusehends.

IT-DIRECTOR: Simplifizierung zur Straffung der Geschäftsprozesse?
Janitz:
Ja. Zu diesem Zweck bieten sowohl SAP als auch Drittanbieter Tools an, die nicht nur bei der technologischen, sondern auch bei der anwendungsseitigen Migration unterstützen, beispielsweise bei der Analyse und Überführung eigenentwickelter Programme und Anwendungen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt für Hana ist die Öffnung der Cloud-Entwicklungsplattform. Damit können Anwender selbst oder mithilfe von Systemintegratoren ihre eigenen lösungs- oder branchenspezifischen Add-ons in Form von Apps auf die Plattform bringen. Das heißt: Integration bei gleichzeitiger Öffnung zum Andocken weiterer Komponenten, beispielsweise auch zur Anbindung von Maschinen, deren Daten in der Cloud gesammelt und in Echtzeit oder später mittels Analytics-Werkzeugen ausgewertet werden können.

IT-DIRECTOR: Daten sammeln ist ein gutes Stichwort.
Janitz:
In der Tat, eine der großen Herausforderungen der Digitalen Transformation ist das Thema Big Data. Viele Daten zu haben, ist erst einmal schön, entscheidend ist aber, was man letztlich mit ihnen anstellt. Auch dazu beraten wir unsere Kunden.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 12/2017. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Hier spielt wieder unsere Fokussierung hinein. Zur sinnvollen Analyse der Daten benötigt man Branchenexpertise. Die direkte Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern, die ihrerseits auf bestimmte Branchen spezialisiert sind, rundet das Portfolio ab.

IT-DIRECTOR: Mit wem sprechen Sie bei den Anwendern, wenn es um diese strategischen Themen geht?
Janitz:
Unsere Erfahrung zeigt, dass man nicht mehr ausschließlich mit dem CIO spricht, da der Fokus nicht mehr nur auf Kosteneinsparungen und Effizienzsteigerungen liegt. Stattdessen sprechen wir immer häufiger auch mit den Leitern der Geschäftsbereiche und der Fachabteilungen. Auch das geht natürlich nur mit der entsprechenden Branchenerfahrung: Den Allrounder, der heute mit einer Bank, morgen mit einem Klinikum und danach mit einem Automobilzulieferer über IT-unterstützte Geschäftsszenarien diskutieren kann, findet man wohl eher selten.

IT-DIRECTOR: Letztlich muss die IT aber doch immer mit im Boot sein, da sie den Betrieb gewährleistet?
Janitz:
Auch wenn es bisweilen anders dargestellt wird, spielt die IT-Leitung natürlich nach wie vor eine gewichtige Rolle. Es gibt mittlerweile sogar Unternehmen mit zwei CIOs, einem für die IT-Unterstützung im Backend und einem zweiten für die strategischen Themen im branchenspezifischen Business-Frontend. Beispiel Automotive: Dort gibt es das Backend mit ERP-Lösung, B2B-Plattform und CRM und dann die differenzierenden, branchenspezifischen Frontend-Themen wie Connected Car und E-Mobility. Auch dort spielt IT eine entscheidende Rolle. Dabei stellen sich Fragen, ob eine Mischung beider Themen effektiv ist und ob ein IT-Leiter beide Bereiche abdecken und verantworten kann und sollte. Auch wenn es nicht die gleiche Person ist, die IT muss im Hintergrund reibungslos funktionieren und wird immer mehr zum integrativen Bestandteil und Treiber aller Geschäftsprozesse.


Lars Janitz
Alter: 50 Jahre
Familienstand: geschieden, drei Kinder
Werdegang:
Nach dem Studium der Informationstechnik an der TU Chemnitz startete Lars Janitz 1993 als Systemanalytiker bei der SAP-Tochter SRS. Nach der Fusion dreier SAP-Töchter zu SAP SI AG leitete er den Bereich Application Management und ab 2005, nach der Integration in die SAP, als Global Vice President den gleichnamigen weltweiten Bereich im Gesamtkonzern. 2011 wechselte Janitz zum Bielefelder SAP-Partner itelligence AG.
Derzeitige Position: Executive Vice President, Head of Global Managed Services
Hobbys: Skifahren, Rennrad fahren, Reisen


Bildquelle: Thorsten Ulonska

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