Digitale Tools sind notwendig

Per Sprint in die Cloud

Die zunehmende Verlagerung von Bürotätigkeiten ins Homeoffice hat digitale Tools in den letzten Krisenmonaten zu einer dringenden Notwendigkeit gemacht und viele Unternehmen dazu gedrängt, ihre Cloud-Strategien anzupassen.

Sprinter

Eilig in die Cloud: Der Wechsel vom Büro ins Homeoffice hat digitale Tools notwendig gemacht.

Es ist offensichtlich, dass Covid-19 die Digitale Transformation unglaublich beschleunigt. In sämtlichen Bereichen hat sich die Pandemie als eine Art Katalysator erwiesen – so auch im Bereich „Cloud Computing“. Unternehmen waren plötzlich gezwungen, einen echten digitalen Sprint hinzulegen, die Dinge viel schneller anzupacken und Notfallpläne zu erstellen. Was sonst oft monatelang auf dem Freigabetisch der Führungsetagen liegt, wurde nun oftmals von heute auf morgen abgesegnet und damit ans Laufen gebracht. „Zu beobachten war vor allem die steigende Nachfrage nach Collaboration-Tools wie Zoom oder Microsoft Teams“, meint Jörn Petereit, COO von Cloudflight. Aufgrund der Flexibilität und Skalierbarkeit hätten sich in der Krise aber auch Infrastructure-as-a-Service- (IaaS) und Platform-as-a-Service-Lösungen (PaaS) bewährt. On-Demand-Modelle ermöglichen immerhin eine bessere Kostenkontrolle, was gerade bei sinkenden Unternehmensumsätzen – davon dürften derzeit einige Firmen betroffen sein – eine wichtige Stellschraube sein kann.

Laut Rolf Werner, Geschäftsführer von Cognizant, wurde Covid-19 für einige Firmen gar zum Hauptauslöser, um eine Cloud-Umstellung zur Gewährleistung von Kontinuität und Zusammenarbeit zu beginnen. Wie Petereit stellte er insbesondere im Bereich des digitalen Arbeitsplatzes einen Anstieg der benutzerzentrierten/Cloud-basierten Lösungen wie Microsoft 365 und eine zunehmende Bedeutung von Collaboration-Tools wie Teams, Zoom, Webex usw. fest. Im Allgemeinen sei die Wertschätzung der Cloud als Grundlage für Disaster Recovery (DR) gestiegen, auch seien die Kunden jetzt offener dafür, Cloud-basierte Desktop-Lösungen wie Windows Desktop oder Amazon Desktop zu nutzen, so der Experte.

Laut einer von Snow Software in Auftrag gegebenen Umfrage waren letztlich mehr als 91 Prozent der Unternehmen gezwungen, ihre Cloud-Strategie kurzfristig zu ändern, wobei diese durch Corona stärker zu einer Kostenstrategie geworden ist. „Es gab in den letzten Monaten wohl keinen CEO, CFO oder CIO, der sich nicht mit der Frage beschäftigt hat, welche Software-as-a-Service-Anwendungen (SaaS) tatsächlich geschäftskritisch sind und wo es Einsparungspotenziale gibt“, bekräftigt Patrick Christ, Business Value Advisor bei Flexera, das Thema „Kosten“. „Das spiegelt sich auch in unserem aktuellen ITAM-Report wider.“ Laut diesem zielen vier der Top-Fünf-Initiativen für 2021 auf die Einsparung der IT-Ausgaben – darunter die Verbesserungen beim SaaS-Management (46 Prozent) und das Tracking von Cloud-Ausgaben (43 Prozent). Dieser Kurs wird sich laut Christ fortsetzen. „Wenn wir speziell über das Homeoffice sprechen, dann rücken neben den Kosten aber auch Sicherheitsfragen in den Mittelpunkt der Cloud-Strategie“, ergänzt er. Kein Wunder, so dürfte die Schatten-IT derzeit Hochkonjunktur haben, da viele Mitarbeiter auf eigene Faust Cloud-Anwendungen abonnieren. Ein Grund mehr, die eigene Cloud-Strategie umgehend anzupassen.

Multi-Cloud im Trend

Dabei haben Unternehmen grundsätzlich die Wahl zwischen Private-, Public- oder auch Multi-Cloud-Szenarien, wobei eine reine Private-Cloud-Umgebung ab einer bestimmten Unternehmensgröße gar nicht mehr möglich ist. Daher findet man in Großunternehmen heute in der Regel Multi-Cloud- bzw. hybride Cloud-Modelle vor, wie Studien bestätigen. „Nach unserem State of the Cloud Report 2020 verfolgen weltweit insgesamt 93 Prozent der befragten Unternehmen eine Multi-Cloud-Strategie und nutzen damit mehr als einen Anbieter“, bestätigt Patrick Christ von Flexera. Das sei ein Anstieg von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch der Anteil von Hybrid Cloud – die Kombination von Public und Private Clouds – hat laut Report mit 78 Prozent deutlich zugenommen (2019: 58 Prozent). „Im Durchschnitt kommen pro Unternehmen rund zwei Public Clouds sowie zwei Private Clouds zum Einsatz, wobei er Großteil der Workloads (53 Prozent) in der Public Cloud durchgeführt wird“, ergänzt Christ. Dieser – wie Jesse Stockhall von Snow Software ihn nennt – „Pick’n’Mix“-Ansatz ermögliche, die spezifischen Fähigkeiten verschiedener Cloud-Lösungen flexibel je nach Anforderungsprofil zu nutzen, und entwickle sich zweifellos zur Norm.

Neben den bereits erwähnten Collaboration-Tools und Office-Anwendungen gehören beispielsweise auch Customer-Relationship-Management- (CRM) und Enterprise-Resource-Planning-Software (ERP) zu den am häufigsten genutzten Lösungen in der Cloud. Wobei es im Fall von ERP etwas weniger sind, meint Rolf Werner von Cognizant, was nicht an der Bereitschaft liege, sondern daran, dass die Ablösung dieser Systeme viel komplexer sei. „Normalerweise verlagern sich alle Aufgaben im Zusammenhang mit Entscheidungsunterstützungssystemen, Stammdatenlösungen, Data Lake, Data Warehouse, Business Intelligence (BI), Artifical Intelligence (AI) und Machine Learning (ML) in die Cloud“, so der Geschäftsführer. Nicht zu vergessen ist auch der Bereich „E-Commerce“, schließlich betreiben immer mehr Unternehmen eigene Webshops, die in der Cloud gehostet werden – insbesondere im Hinblick auf die weltweiten Lockdowns und damit teils einhergehenden Ladenschließungen.

Wie ein Puzzle

Die effiziente Verwaltung komplexer Cloud-Infrastrukturen – gerade auch von Multi-Cloud-Szenarien – stellt dabei für Unternehmen eine große Herausforderung dar. Laut Patrick Christ ist es gar ein weit verbreiteter Irrglaube, dass die Cloud alles einfacher macht. Dafür sei sie viel zu dynamisch, erklärt er. „Cloud-Instanzen und SaaS-Anwendungen werden unablässig hinzugefügt, entfernt und angepasst. Jeder Cloud-Anbieter hat sein eigenes, teilweise sehr komplexes Preis- und Abrechnungsmodell. Die Kosten unterscheiden sich je nach Region und Betriebsstunden. Und nur weil die Software lizenziert ist, heißt das noch lange nicht, dass Unternehmen sie auch in der Cloud nutzen dürfen. Die Cloud zu managen, ist wie ein Puzzle zusammen zu setzen, bei dem sich die Teile kontinuierlich ändern.“ Wer hier nicht die Kontrolle verlieren möchte, braucht vor allem eines: Transparenz.

Laut Jesse Stockall von Snow Software erfordert die Verwaltung komplexer Cloud-Infrastruktur eine dedizierte Cloud-Management-Strategie. Generell seien dabei Kommunikation, Planung und Messung die richtigen Schlüssel zum Erfolg. Wichtig sei es, so der Chief Architect Cloud Management, zunächst ein Anforderungsprofil, Ziele und Erwartungen festzulegen – insbesondere was die Kosten angehe. „Das Fehlen einer umfassenden Strategie kann ein Unternehmen einem erhöhten Risiko aussetzen, unvorhergesehene Kosten verursachen und Schatten-IT fördern, wenn Mitarbeiter Cloud-Dienste einfach selbst bestellen und nutzen“, warnt er.

Per Tool alles im Blick

Ein gutes Cloud-Management-Tool sollte dabei zwei wesentliche Eigenschaften mitbringen, wie Patrick Christ betont: einen hohen Automatisierungsgrad und die Steuerung über eine zentrale Plattform für die komplette Multi-Cloud-Umgebung. Nur so werde eine genaue und unabhängige Evaluierung der verschiedenen Cloud-Anbieter erst möglich. „Vorkonfigurierte, benutzerdefinierte Richtlinien sorgen dafür, dass Prozesse zur Optimierung der Cloud-Infrastruktur automatisch ablaufen. Das schließt die Compliance und die Sicherheit genauso mit ein wie Maßnahmen zur Kostenreduzierung“, erklärt der Experte. „Über eine leistungsstarke Orchestrierungs-Engine werden die Aktionen dann über alle Cloud-Server und -Services hinweg durchgeführt.“ Und schließlich sollte es nicht an Integrationsmöglichkeiten zu anderen Systemen fehlen. So verknüpft beispielsweise die Cloud-Management-Plattform von Flexera das SaaS-Management mit dem Finanz-Controlling. Der Blick in die Ausgaben-Management-, Buchhaltungs- und Abrechnungssystem verrate, wer wo abseits offizieller Kanäle Anwendungen kauft und bezahlt.

Auch hinter Snowflake verbirgt sich beispielsweise eine Plattform, mit der sich Cloud-Infrastrukturen übersichtlich und sicher managen lassen sollen. Laut Veit Brücker, Vice President Central Europe des Unternehmens, kann der Kunde selbst entscheiden, bei welchem Anbieter (Amazon Web Services, Google Cloud Platform oder Microsoft Azure) und in welcher Region er seine Daten speichert. Mit der Cross Cloud ließen sich Daten sogar über Regionen und Cloud-Plattformen hinweg sicher und gemeinsam nutzen.

„Die Standard-Tools einzelner Cloud-Anbieter sind ein guter Anfang“, bemerkt Jesse Stockall, „jedoch bieten diese im Vergleich zu spezialisierten Tools weniger Tiefe und fördern gezielt die Bindung an den jeweiligen Anbieter.“ Eine umfassende Visibilität aller IT-Ressourcen über verschiedene Cloud-Anbieter hinweg erreiche man hingegen durch plattformneutrale Monitoring-Tools, wie etwa die Cloud-Management-Plattform Snow Commander, die speziell zur Überwachung und Optimierung von Multi-Cloud-Umgebungen konzipiert sei.

Groß denken, kleine Schritte machen

Egal, welches Cloud-Management-Tool letztlich zum Einsatz kommt: Vor Stolpersteinen ist wohl kein Unternehmen gefeit. Ein großes Problem stellt beispielsweise der Mangel an Fachwissen darüber dar, wie man die Vorteile von Cloud-Technologien voll ausschöpfen kann. „Viele verfolgen auch einen ‚Learning by doing‘-Ansatz, anstatt die Komplexität der Cloud-Experten zu überlassen“, warnt Rolf Werner. Daher sieht Jörn Petereit eine wichtige Voraussetzung in der Schließung von eventuellen Qualifikations- und Wissenslücken. „Zum Teil wird es notwendig sein, Mitarbeiter auf moderne Cloud-native Entwicklungsprozesse umzuschulen“, betont der Experte. Ein weiteres Problem sieht Veit Brücker an dieser Stelle in fehlender Akzeptanz der Mitarbeiter gegenüber neuen Technologien. Er hält es deshalb für elementar wichtig, eine Kultur der Innovation zu schaffen. „Das hört sich einfacher an, als es in der Praxis ist“, so der Snowflake-VP. „Aus meiner Sicht ist das jedoch die Kernaufgabe einer heutigen Organisation: Menschen auf diesem Weg zu begleiten und eine Akzeptanz zu schaffen, die geprägt ist von neuen Ideen und vom Ausprobieren.“ Wenn Unternehmen das nicht machten und zu lange in einer alten Welt verharrten, wären sie nicht in der Lage, die altgewachsenen IT-Infrastrukturen aufzubrechen und neue Wege zu gehen.

Wer sich in diesem Jahr noch kurzfristig dazu entscheidet, in die Cloud zu gehen, sollte sich am besten einen Experten an seine Seite holen, der z.B. gemeinsam mit dem Anwender die „Must-Haves“, „Good-to-Haves“ und „Nice-to-Haves“ identifizieren kann. „Außerdem ist es wichtig, im gesamten Team ein Kostenbewusstsein zu schaffen, in der Entwurfsphase Modellrechnungen anzustellen und diese mit der tatsächlichen Rechnung abzugleichen“, empfiehlt Jörn Petereit von Cloudflight. Laut Rolf Werner wiederum hat es sich bewährt, „in großen Maßstäben zu denken, aber in kleinen Schritten vorzugehen“. Ebenfalls bewährt habe es sich, ein zentrales Cloud-COE-Team mit einem Querschnitt von Vertretern aus den Bereichen „Business“, „Technik“ und „Finanzen“ sowie einem Partner aufzubauen, das den Cloud-Transformationsansatz, die Prioritäten und das Budget steuere.

Die Zeichen stehen auf Wachstum

Und wie geht es nach der Krise mit der Cloud weiter, wenn vielleicht nicht mehr so viel Homeoffice angesagt ist? Patrick Christ denkt jedenfalls nicht, dass es sich bei SaaS und Cloud nur um einen kurzweiligen Trend handelt. „Die Zeichen standen schon vor der Krise auf Wachstum und die Cloud ist und bleibt ein zentraler Baustein der Digitalen Transformation“, betont er. Das belegen auch Umfragen in der Zeit kurz vor Corona: Nach dem State of the Cloud Report 2020 gaben 18 Prozent der befragten Unternehmen in Europa mehr als 12 Mio. US-Dollar pro Jahr für die Public Cloud aus. Für die nächsten zwölf Monate wurde mit einem Anstieg der Cloud-Kosten um 56 Prozent gerechnet.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 12/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Jesse Stockall ist überzeugt, dass Homeoffice und Cloud Computing auch nach der Krise deutlich über dem Vorkrisenniveau nachgefragt werden. „Snow hat eine Umfrage unter IT-Führungskräften durchgeführt und knapp zwei Drittel der Befragten gab an, dass die Cloud-Dienste und -Anwendungen, die während der Krise implementiert wurden, auch nach der Rückkehr der Mitarbeiter an ihren Arbeitsplatz weiter genutzt werden sollen“, bekräftigt er. Und auch Jörn Petereit zeigt sich ob des Cloud-Wachstums positiv gestimmt: „Die Krise hat nun auch die letzten Unternehmen wachgerüttelt“, meint er. Die Cloud werde Einzug in weitere Unternehmensbereiche erhalten und die digitale Resilienz von Unternehmen stärken. Unternehmen werden ihre Cloud-Strategien weiterentwickeln, die -Nutzung ausbauen und dadurch „deutlich flexibler und krisensicherer“ werden.

Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

©2021Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok