„Wichtig ist heute vor allem Flexibilität“

Robotereinsatz: Der einzige Wachstumsweg?

Im Interview spricht Helmut Schmid als Geschäftsführer der Universal Robots (Germany) GmbH und General Manager Western Europe zur Entwicklung des Robotikmarktes und den Potentialen der Technologie, während Andreas Schunkert, Head of Technical Support Western Europe, Auskunft über die technischen Hintergründe gibt.

  • Helmut Schmid, Chef von Universal Robots

    Helmut Schmid von Universal Robots betont: „Die Automatisierung von standardisierten Aufgaben bedeutet gleichzeitig eine Aufwertung menschlichen Könnens.“

  • Andreas Schunkert, Head of Technical Support Western Europe bei Universal Robots

    „Jedes System ist immer nur so schlau, wie sein Anwender“, lacht Andreas Schunkert, Head of Technical Support Western Europe bei Universal Robots.

IT-DIRECTOR: Herr Schmid, welchen Stellenwert besitzen Roboter anno 2018 in der deutschen Industrie?
H. Schmid:
Die Bedeutung von Robotik für die deutsche Industrie ist kaum hoch genug einzuschätzen. Mit 309 Einheiten pro 10.000 Beschäftigte ist die Roboterdichte hierzulande bereits die dritthöchste weltweit. Übertroffen werden wir heute nur von Südkorea und Singapur. Da die Technologie nicht mehr einzig den großen Konzernen vorbehalten ist, wird dieser enorme Stellenwert in Zukunft sogar noch stärker wachsen. Ein entscheidender Teil des Marktwachstums findet im Bereich der kleinen und mittelständischen Unternehmen statt. Roboter sind mittlerweile auch für kleinere Betriebe ein realistisches und lohnenswertes Investment.

IT-DIRECTOR: Herr Schunkert, inwieweit bilden intelligente Robotersysteme das Rückgrat für die „Industrie 4.0“?
A. Schunkert:
Die zunehmende Vernetzung in der Produktion und immer individuellere Kundenwünsche sind Faktoren, die wir üblicherweise der vierten industriellen Revolution zuordnen. Diese stellen ganz neue Ansprüche an Fertigungstechnologien: Sie müssen flexibel und zügig an volatile Losgrößen anpassbar sein, Aufgaben effizient ausführen und Prozesswissen teilen können. Die meisten Robotersysteme vereinen alle diese Fähigkeiten. Auf Basis standardisierter Technologien lassen sie sich einfach und schnell in komplexe, vernetze Produktionsumgebungen integrieren.

IT-DIRECTOR: Worin bestehen die Stolpersteine bei der Vernetzung jener Systeme?
A. Schunkert:
Entscheidende Herausforderung ist die Standardisierung von Software-Schnittstellen. Denn eine Vernetzung kann nur dann funktioniert, wenn der Datenaustausch zwischen Anwendungen selbst unterschiedlichster Hersteller reibungslos möglich ist. Im Bereich der Robotik versucht man hier zurzeit den  sogenannten OPC-UA-Standard zu implementieren. Er soll eine herstellerunabhängige Kommunikation der Systeme garantieren. Ein „Stolperstein“ ist allerdings, dass dieser Standard noch nicht genormt ist. Jeder kann den OPC also so verwenden, wie er es für richtig hält. Ein Gremium arbeitet aktuell daran, das zu ändern.

IT-DIRECTOR: Inwieweit lassen sich ältere Roboter für die Industrie 4.0 auf- bzw. nachrüsten? Welche Schnittstellen müssen geschaffen, welche Spezifikationen erfüllt werden?
A. Schunkert:
Es gibt verschiedenste Szenarien, einen Roboter der „älteren Generation“ fit für die Zukunft zu machen. Zum Beispiel lassen sich Möglichkeiten zur Vernetzung auch im Nachgang durch Software-Updates schaffen. So ist es etwa bei unserer Software 3.3 passiert. Mit dem Update erweiterten wir die Kompatibilität der Robotersysteme mit einer Profinet-Schnittstelle.

IT-DIRECTOR: Inwieweit können sich moderne Industrieroboter in einer Smart Factory selbst optimieren?
A. Schunkert:
Jedes System ist immer nur so schlau, wie sein Anwender. Was ich damit sagen will: Natürlich verfügen die Roboter von uns über die „Kompetenz“, sich selbst zu optimieren, allerdings nur dann, wenn ihr Bediener sie dafür programmiert hat. Nehmen wir an, der Roboter kommt in Kombination mit einem Kraft-Momenten-Sensor zum Einsatz. Beim Ausführen einer Bewegung erkennt er damit eigenständig, dass er mit einem Objekt ungewollt kollidiert. Er nimmt also einen leichten Widerstand über den Sensor zur Kenntnis. Beim nächsten Mal, wenn der Roboter die Bewegung ausführt, könnte er seine Position daraufhin anpassen. Diesen Vorgang zur Optimierung muss der Anwender so allerdings zuvor programmieren.

IT-DIRECTOR: Könnten die Maschinen irgendwann schlauer als wir Menschen sein? Wie schätzen Sie die Lage ein?
H. Schmid:
Viel wichtiger als die Frage, ob dies technisch irgendwann möglich sein wird, ist doch, ob wir als Gesellschaft eine solche Entwicklung überhaupt wollen. Meiner Ansicht nach ist das kein erstrebenswertes Ziel. Wir arbeiten stattdessen darauf hin, menschliche Potentiale für Kreativität und Eigeninitiative zu fördern, indem wir monotone und repetitive Standardprozesse flächendeckend automatisieren.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielt der Mensch in der zukünftigen „Smart Factory“? Mit welchen Herausforderungen wird er konfrontiert?
H. Schmid:
Der Bedarf an den einzigartigen Fähigkeiten eines Menschen wird eher größer als kleiner werden – fortschrittliches Prozess-Know-how etwa kann kein Roboter vorweisen, ist aber zentral für eine funktionierende Smart Factory. Die Automatisierung von standardisierten Aufgaben bedeutet gleichzeitig eine Aufwertung menschlichen Könnens, dem dadurch mehr Platz zur Entfaltung eingeräumt wird.

IT-DIRECTOR: Ganz kritisch betrachtet, werden durch die weitere Automatisierung in der deutschen Industrie doch auf Dauer immer mehr Arbeitsplätze wegfallen. Wie schätzen Sie die Lage ehrlich ein?
H. Schmid:
Natürlich kann durch die Automatisierung einer Tätigkeit ein Arbeitsplatz wegfallen. Gleichzeitig hat jede industrielle Revolution bisher zu mehr Wachstum, mehr Wohlstand und damit letztendlich auch mehr Jobs geführt. Realität ist: In Deutschland herrscht nahezu Vollbeschäftigung und für jene Aufgaben, die automatisiert werden, finden sich selbst bei guter Bezahlung kaum noch Arbeitnehmer, die diese übernehmen wollen. Der Einsatz von Robotern ist für unsere Kunden daher keine Strategie, um Menschen zu ersetzen, sondern der einzige Weg zu wachsen.

IT-DIRECTOR: Worauf sollten Unternehmen bei ihren langfristigen Investitionen in Industrieroboter achten?
H. Schmid:
Wichtig ist heute vor allem Flexibilität: Vielleicht besteht bei Unternehmen akuter Bedarf an helfenden Händen in der Montage, es soll zunächst jedoch nur in einen Roboterarm investiert werden. In Zeiten von volatilen Losgrößen kann sich dieser Bedarf aber schon morgen verschieben – dann brauchen Sie etwa einen Roboterarm für die Maschinenbestückung. Aus diesem Anspruch heraus sind unsere Roboter darauf ausgelegt, von jedem Arbeiter innerhalb von einer Stunde für eine neue Tätigkeit umgerüstet werden zu können. So können sie immer dort aushelfen, wo sie gebraucht werden.

Bildquelle: Universal Robots

©2018Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok