Edge Computing

Schnelle Transaktionen am Netzwerkrand

In welchen Bereichen Edge Computing künftig eine große Rolle spielen wird, erläutern Thomas Sting und Andreas Schürkamp von der DC-Datacenter-Group.

  • Thomas Sting, DC-Datacenter-Group

    Thomas Sting, Geschäftsführer bei der DC-Datacenter-Group

  • Andreas Schürkamp, DC-Datacenter-Group

    Andreas Schürkamp, Bereichsleiter Consulting bei der DC-Datacenter-Group

IT-DIRECTOR: Herr Sting, nicht nur im Internet of Things (IoT) werden leistungsfähige Kapazitäten am Netzwerkrand benötigt. Inwieweit stößt man hierzulande bereits auf erfolgreiche Edge-Computing-Installationen?
T. Sting:
Das kommt darauf an, wen man fragt und wann man etwas als Edge Computing und Netzwerkrand definiert. Ähnlich der Cloud-Definition und der Frage, ab wann ist etwas Cloud? Im Grunde ist Edge Computing keine Neuerfindung, das Kind hat nur einen neuen Namen bekommen. Wenn man mit Edge Computing meint, dass Rechen- und Speicherleistung näher an den Datenerzeuger oder Abnehmer herangebracht wird, dann ist das „Prinzip“ schon verbreitet. Nehmen wir als Beispiel ein Mittelständler mit zehn Standorten und einer Firmenzentrale, in der der Großteil der Server steht. Dann haben wir zehn Edge-Rechenzentren am Netzwerkrand und den Hauptstandort, der natürlich eine höhere Bandbreite und Redundanzen aufweisen wird. Ähnliches trifft man im Bereich der Automatisierung und Smart-Home-Technologie auch schon an, aber flächendeckende Konzepte noch nicht.

IT-DIRECTOR: Herr Schürkamp, in welchen Branchen und für welche Anwendungsfälle spielen Edge Computing und sogenannte „Edge Datacenter“ momentan eine bedeutende Rolle?
A. Schürkamp:
Im Bereich Smart Home, Internet of Things (IoT) und Autonomes Fahren wird es in der Zukunft eine Rolle spielen. Immer dort, wo ein Caching und (vor)verarbeiten von Daten Geschwindigkeitsvorteile bringen und Latenzzeiten verringern wird. Je schneller Transaktionen getätigt sind, desto eher kann eine Applikation „weiterarbeiten“. Wenn man Informationen intelligent verteilen oder die Rechenleistung und Speicherplatz einer Anwendung „folgen“ kann, fördert dies die Performance und kann auch zur Steigerung der Verfügbarkeit bzw. Ausfallsicherheit beitragen.

IT-DIRECTOR: Welche Daten und Applikationen werden dabei vorrangig allein am Netzwerkrand verarbeitet und welche an „klassische“ Rechenzentren weitergeleitet?
T. Sting:
Das Gesamtkonzept gibt im Grunde vor, wo welche Daten abzulegen oder zu verarbeiten sind. Wobei natürlich eine sichere und lange Aufbewahrung von Daten im klassischen RZ bevorzugt wird (Thema Archivierung/Backup usw.). In einem Edge-Rechenzentrum könnten vom Prozessdesign z.B. nur „vergängliche Information“ verarbeitet werden, z.B. Verkehrsinfos für im Einzugsgebiet befindliche Fahrzeuge.

Ein anderes Beispiel wäre die Steuerung von Energiespeichersystemen (z.B. E-Fahrzeuge, Solar-/Windkraftanlagen, BHKWs), um die (Strom-)Netzstabilität zu erhöhen oder Strom aus Speichern dann einzuspeisen, wenn Windkraft und Sonne gerade keine Energie erzeugt. Denkbar sind Stadteile oder Wohngebiete die durch Edge Computing gesteuert werden, aber auch den Einwohnern Compute und Storage für ihre Zwecke bereitstellen.

IT-DIRECTOR: Worauf kommt es bei der Verbindung zwischen Netzwerkrand und den „klassischen“ Rechenzentren besonders an?
A. Schürkamp:
Der Trick ist, dass es mit dem Vorlagern von Rechenleistung eben keine hohen Anforderungen mehr gibt. Aber wie immer ist hohe Bandbreite, hohe Ausfallsicherheit und geringe Latenz von Vorteil. Wenn Edge Computing so aufgebaut ist, dass benachbarte Knoten einen Ausgefallenen „ersetzen“ können und Netzwerkkonnektivität als Mesh funktioniert ist das Ziel erreicht.

IT-DIRECTOR: Wie lassen sich Edge-Datacenter-Infrastrukturen besonders energieeffizient betreiben? Welche Kühlverfahren können am Netzwerkrand zum Einsatz kommen?
T. Sting:
Das kommt natürlich, wie so häufig, auf den Standort und die Anwendung an. Denkbar und auch schon von uns realisiert, sind Rechenzentren in Windparks oder auch Solarparks die sich zum Großteil selbst versorgen u.U. komplett CO2-neutral im Betrieb. Je nach Standort kann dass auch ohne aktive Kälteerzeugung gelingen, weil man vielleicht ganzjährig unter 24 bzw. 25 Grad Celsius Außentemperatur bleibt.

IT-DIRECTOR: Stichwort Ausfallsicherheit: Ein funktionierender Netzwerkrand wird für viele Unternehmen immer geschäftskritischer. Wie können Ausfallsicherheit und nahtlose Energieversorgung beim Edge Computing gewährleistet werden?
A. Schürkamp:
Auch hier ist das Konzept ausschlaggebend. Warum Edge-Rechenzentren (höchst) verfügbar bauen, wenn man in zwei Kilometern Entfernung ein zweites (oder mehrere) Datacenter hat, welches den Ausfall kompensiert? Das Thema Sicherheit sollte man heutzutage jedoch nicht außer Acht lassen, denn auch Edge-Rechenzentren können Einfallstore für Cyberattacken sein.
   
IT-DIRECTOR: Wie stellen sich etablierte Rechenzentrumsbetreiber bzw. Colocation-Anbieter derzeit auf Edge-Technologien ein? Worin liegen derzeit die für sie größten Herausforderungen?
T. Sting:
Die Nachfrage nach klassischem Housing in den Ballungsräumen wie z.B. Frankfurt ist aktuell noch so hoch, dass sich die klassischen großen RZ-Betreiber mit dem Trend „Edge“ noch nicht beschäftigen. Erst wenn sich die Nachfrage weg von zentralen und hin zu dezentralen Rechenzentren verlagert, werden die großen RZ-Betreiber reagieren. Die Frage könnte auch genauso gut zum Thema Sicherheit der Daten gestellt werden, denn die meisten großen RZ-Dienstleister in Deutschland sind ausländische Unternehmen, für die die Einhaltung der deutschen IT-Sicherheitsgesetze bestenfalls zweitrangig ist.

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