Verteilte Datacenter

So verändert sich die RZ-Landschaft

Künftig wird es eine deutlich verteilte Struktur von Rechenzentren geben, von sehr zentralen Ressourcen über abgesetzte Zwischenlösungen bis hin zu (kleinen) Rechenzentren in der Nähe von Devices, glaubt Dr. Jens J. Gerber, Mitglied der Maincubes-Geschäftsleitung.

Dr. Jens J. Gerber, Maincubes

Dr. Jens J. Gerber, Mitglied der Maincubes-Geschäftsleitung

IT-DIRECTOR: Herr Gerber, welche Rolle spielen Rechenzentren im Rahmen der digitalen Transformation? Was macht sie zum „Treiber“ der Digitalisierung?
J. Gerber:
Begreift man Digitalisierung einerseits als tiefgreifende Veränderung in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und andererseits als Paradigmenwechsel von einer eher unterstützenden Rolle von IT zu einem „das ganze Leben ist IT“ (Menschen mit digitaler Identität, umgeben von Milliarden von Devices, und alle produzieren massenhaft Daten und tauschen diese aus), dann wird es maßgebliche Auswirkungen auf Rechenzentren geben.

Die genauen Auswirkungen und Änderungen in der RZ-Landschaft können heute wohl noch nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden. Aber natürlich ist jetzt schon klar: Es wird eine deutlich verteilte Struktur von Rechenzentren geben, von sehr zentralen Ressourcen über abgesetzte Zwischenlösungen bis hin zu (kleinen) Rechenzentren in der Nähe von Devices. Fahrzeuge werden künftig eine Menge IT an Bord haben, eigentlich sind es kleine Rechenzentren mit Motor und Rädern. Bei Flugzeugen und Schiffen sieht das nicht anders aus. Die sichere Kommunikation aller dieser Rechenzentren ist genauso ein wesentlicher Aspekt wie die Sicherstellung von Latenz und Bandbreite. Kritische Devices in der „Edge“ müssen zuverlässig versorgt werden. Treiber der Digitalisierung sind Rechenzentren dennoch nicht. Sie ermöglichen lediglich die digitale Zukunft, und ja, begreift man sie in dem vorgenannten umfassenden Sinne, sind sie ein wichtiger Basisbaustein für die digitale Zukunft.

IT-DIRECTOR: Welche neuen Anforderungen ergeben sich im Zuge der zunehmenden Digitalisierung für die Infrastrukturen in Rechenzentren?
J. Gerber:
Rechenzentren werden künftig in ihren Bestandteilen von Maschinerie, Steuerlogik und Software sowie deren Zusammenwirken und Interaktion mit der Umgebung eine zunehmende Standardisierung erfahren (müssen). Sicherheit kann nur über den Weg standardisierter und integrierter Systeme gewährleistet werden. Natürlich wird man auch weiterhin das Thema Energieeffizienz betrachten müssen, sowohl in den großen Zentren als auch in den ggf. herumfahrenden Einheiten.

IT-DIRECTOR: Wie sehen Sie die Datacenter hierzulande aufgestellt? Inwieweit kann die Digitalisierung mit den vorhandenen RZ-Ressourcen abgefedert werden?
J. Gerber:
Die gesamte Landschaft der Rechenzentren wird sich zunächst noch ein paar Jahre evolutionär weiterentwickeln, einfach das weitermachen, was bisher auch gemacht wird. Echte revolutionäre Entwicklungen sind aber nicht unwahrscheinlich, wenn man auf das oben genannte Zukunftsszenario schaut. Auch der klassische Rechenzentrumsmarkt wird seine Disruptionen erfahren, insbesondere auch in den derzeit etablierten Geschäftsmodellen wie z.B. Colocation. Welche Rolle Deutschland und Europa dabei spielen wird sich aus anderer Sicht entwickeln. Werden wir eine maßgebliche Rolle im globalen Zusammenhang spielen können oder werden wir Nutzer bzw. Konsumenten amerikanischer oder chinesischer Geschäftsmodelle sein? Die Kombination von Internet of Things, deutscher Ingenieurskunst und mittelständischen Erfindergeist bietet sicherlich gute Marktchancen. Ob sie genutzt werden und ob die Politik dafür entsprechende Voraussetzungen bzw. günstige Bedingungen schafft, wird die nächste Zeit zeigen müssen.

IT-DIRECTOR: Apropos Ressourcen: Sollten im Zuge der Digitalisierung immer mehr Rechenzentren entstehen, wird gleichzeitig mehr Energie für deren Betrieb benötigt. Hinzu kommen neue, recht energieintensive Technologien wie die Blockchain oder E-Mobility. Wie kann für Rechenzentren in Deutschland dennoch eine ausreichende Energieversorgung gewährleistet werden?
J. Gerber:
Man muss sich fragen, warum das Thema Energie und Digitalisierung nicht ganz oben auf einer europäischen Agenda steht. Wenn wir als Europa eine führende Rolle in der digitalen Welt der Zukunft spielen wollen, dann passiert derzeit viel zu wenig, um das zu erreichen. Wettbewerb ist einerseits gut (z.B. durch sehr niedrige Energiekosten in Skandinavien), wenn wir aber andererseits kein Gesamtkonzept für eine europäische Energieversorgung einer digitalisierten Welt entwickeln, dann verschenken wir Möglichkeiten für eine gemeinsame, starke Position in der Welt.

IT-DIRECTOR: An welchen Stellschrauben sollten die Verantwortlichen aktuell drehen, um ihre Rechenzentren kostengünstig und zukunftssicher zu gestalten?
J. Gerber:
„Kurzsichtig“ muss man all die Dinge tun, die wir alle mehr oder weniger ohnehin auf der Agenda haben. Wir sollten uns aber auch damit beschäftigen, was in einer digitalisierten Welt notwendig ist und wie wir dahin kommen. Auch in der klassischen Rechenzentrumsbranche muss man sich mit dem Thema Geschäftsmodell-Innovation beschäftigen. Die Unterscheidung wird immer weniger geprägt sein von den (technischen) Eigenschaften eines Rechenzentrums oder eines Netzwerks von Rechenzentren, sondern viel mehr vom dazugehörigen Geschäftsmodell. Haben wir im alten Rom noch Waren getauscht, leben wir derzeit in einer Dienstleistungsgesellschaft und tauschen „as-a-Service“, werden wir morgen verstärkt Daten (als das neue Geld) tauschen. Daten leben in Rechenzentren und werden zwischen Rechenzentren ausgetauscht (wohlbemerkt Rechenzentren im oben genannten Sinne). Was sind die dafür passenden Geschäftsmodelle – global organisierte Marktplätze für Daten – Rechenzentren die Banken und Filialen für Daten und deren Tausch.

Sichere Marktplätze sind Grundlage für die digitale Zukunft. Sie bieten Unternehmen nicht nur eine breite Angebotsvielfalt an Dienstleistungen. Sie schaffen auch Sichtbarkeit und die Möglichkeit, sich untereinander gewinnbringend zu vernetzen. Damit verschwinden traditionelle Grenzen von Kunden und Provider und es entstehen lebendige und multidimensionale Beziehungen, in denen jeder in individueller Weise sowohl Anbieter als auch Abnehmer sein kann. So entstehen neue Services aus multidimensionalen Verbindungen von Security-Services, IoT und Cloud. Wir schaffen hier einen Nutzen, indem Kunden oder Cloud Provider von Anfang an auf ein umfangreiches sicheres Eco-System und unsere Secureexchange-Plattform „Made in Germany“ setzten.

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