ERP-Einführung: Geschäftsprozesse im Fokus

Standards für individuelle Projekte

Dass die ams.Solution AG ihren Ursprung in der Prozessberatung hat, macht Vorstandsmitglied Eckhard Ulmer im Gespräch mit IT-DIRECTOR von Beginn an deutlich. Entsprechend gehen die Auftrags- und Einzelfertigungsspezialisten bei ERP-Implementierungen vor.

  • Eckhard Ulmer, Vorstandsmitglied der ams.Solution AG

    „Verschiedene unserer Projekte lassen sich heute schon unter die Überschrift Industrie 4.0 stellen“, so Eckhard Ulmer, Vorstandsmitglied der ams.Solution AG.

  • Eckhard Ulmer, Vorstandsmitglied der ams.Solution AG

    Eckhard Ulmer, ams: „Basierend auf vielen Mannjahren Projekterfahrung haben wir die meisten Abläufe bereits vorgedacht und vorkonfiguriert.“

  • Eckhard Ulmer, Vorstandsmitglied der ams.Solution AG

    „Natürlich möchten wir den Firmen ihre Individualität nicht nehmen, denn sie sind ja deshalb über die Jahre erfolgreich gewesen, weil sie sind, wie sie sind“, betont Eckhard Ulmer von ams.

  • Eckhard Ulmer, Vorstandsmitglied der ams.Solution AG

    Eckhard Ulmer, ams: „In großen Unternehmen widmen sich eigene Entwicklungsabteilungen der digitalen Disruption, die neue Arbeitsplatz- und Geschäftsmodelle erfordert.“

IT-DIRECTOR: Herr Ulmer, zum Zeitpunkt Ihrer Ernennung zum Mitglied des Vorstands konnten Sie bereits auf eine lange Firmenzugehörigkeit zurückblicken.
Eckhard Ulmer:
Im letzten Jahr feierte ich mein 20-jähriges Firmenjubiläum. Mit der Lösung zum ersten Mal in Kontakt gekommen war ich während meiner Tätigkeit für den ersten ams-Kunden überhaupt. Zusammen mit dem Gründer Willibald Müller entwickelte ich damals Konzepte für die Funktionsweise von PPS-Systemen in der Auftrags- und Einzelfertigung. Danach verkaufte und implementierte ich die ams-Software einige Jahre als Partner. Vor drei Jahren wurde ich in den Vorstand berufen. Ende 2017 wurde mein Vertrag auf weitere fünf Jahre verlängert.

IT-DIRECTOR: Sie kennen das Unternehmen und die Software also von der Pike auf?
Ulmer:
Ja, das Unternehmen wurde 1988 gegründet. 1989 kam ich bei jenem ersten ams-Kunden, einem Unternehmen aus dem Bereich Fördertechnik, erstmals mit „der Lösung“ in Berührung.

IT-DIRECTOR: Waren Sie dort in der IT/EDV tätig?
Ulmer:
Dazu muss ich kurz ausholen. Zunächst arbeitete ich bei Daimler in Gaggenau. Dort hatte ich die Möglichkeit, mich nebenbei verschiedentlich mit EDV-Projekten beschäftigen zu dürfen, beispielsweise im Rahmen von CAD-Einführungen. Bereits zu den Zeiten der Großrechner stellten wir Überlegungen an, wie man die darauf gespeicherten Daten den Mitarbeitern bereitstellen könnte.

Aus familiären Gründen zog ich dann nach Bayern und startete bei einem Fördertechnikunternehmen. Der Zufall wollte es, dass mein neuer Arbeitgeber an einem Bundesförderprogramm namens CIM (Computer Integrated Manufacturing) teilnahm, dessen Einführung ich betreuen sollte.

IT-DIRECTOR: Sie sind aber kein Programmierer?
Ulmer:
Nein, ich habe Maschinenbau studiert. Beruflich habe ich dann im Bereich Wertanalyse angefangen, wo es darum ging, Produkte und Fertigungsverfahren günstiger zu gestalten. Dabei habe ich mir die betriebswirtschaftliche Seite bis hin zur dynamischen Wirtschaftlichkeitsrechnung angeeignet.

IT-DIRECTOR: Wie bringen Sie diese Erfahrungen in Ihre jetzige Rolle ein?
Ulmer:
Bei ams stieg ich zunächst in die Beratung ein. Von Beginn an war es unser Bestreben, im Rahmen von ERP-Einführungen immer die Geschäftsprozesse in den Fokus zu rücken. Unsere Einführungen sind deshalb auch keine Trainings, in denen gezeigt wird, welche Felder man mit welchen Daten befüllt. Vielmehr hinterfragen wir stets, wie die Mitarbeiter und Fachbereiche arbeiten, wie sie Angebote erstellen oder Preise finden – und warum sie dies auf diese bestimmte Weise tun. Daraufhin erarbeiten wir individuelle Vorschläge zur Verbesserung dieser Prozesse. Mithilfe des ERP-Systems entsteht dann ein optimierter und effizienter Workflow.

IT-DIRECTOR: Nun haben sich ERP- und PPS-Systeme im Laufe der Jahre stark verändert. Wie sieht diese Veränderung bei ams aus?
Ulmer:
Die Kernelemente, die unser System ausmachen, sind einfach geblieben. Für die tägliche Arbeit ist es essentiell, schnell und intuitiv mit einem System arbeiten zu können. Dazu gehört beispielsweise, dass eine Anwendung in der Lage sein sollte, Maschinen und Produkte zu beschreiben, zu beschaffen, zu fertigen und dabei nachvollziehbar zu dokumentieren, was gemacht wurde ohne dass Artikelstammdaten vergeben werden müssen.

IT-DIRECTOR: Wie bewerkstelligen Sie dies?
Ulmer:
Indem wir nicht mit Pseudo-Artikelnummern arbeiten. Stattdessen merken wir uns immer den Bezug eines Datensatzes oder einer Stücklistenposition zum jeweiligen Auftrag. Bei uns ist die Stückliste, die eigentlich nur das Produkt beschreibt, immer direkt mit dem Auftrag verknüpft, unabhängig davon, ob mit oder ohne Artikelnummern gearbeitet wird. So bleiben die Daten jederzeit im Zugriff, sie werden archiviert und sind nicht mehr veränderbar.

Die Daten können aber auch in ein neues Produkt kopiert werden, wobei geprüft wird, ob sich Artikel verändert haben, ob sie ausgelaufen sind oder durch andere ersetzt wurden. Entsprechend tauschen wir die Artikeldaten aus. Zugleich werden Plausibilitätsprüfungen durchgeführt.

IT-DIRECTOR: Aber abgesehen von dem Kern hat es doch sicher Veränderungen gegeben?
Ulmer:
Das System ist generell breiter aufgestellt und in neue Themenfelder hineingewachsen, bei denen zunächst nicht klar war, ob sie relevant für uns wären.

Ein Beispiel ist das Service-Management. Nehmen wir einmal meinen früheren Arbeitgeber aus der Fördertechnik: Während der Erntezeit gab es Wochenendbereitschaften, um die Lagerhäuser aufnahmefähig zu halten. Heute hingegen geht man in Sachen Service ganz andere Wege, indem man über Ticketing-Systeme 24-stündige Erreichbarkeiten sicherstellt. Das geht soweit, dass die Maschinen derart ausgestattet sind, dass ihre Daten laufend hinsichtlich Zustand, Temperatur, Druck etc. gescreent werden. Mittels Logiken kann daraus ermittelt werden, ob kritische Situationen drohen könnten. Sollte dies der Fall sein, übermittelt die Maschine ein Service-Ticket mit entsprechenden Handlungsempfehlungen. Insgesamt hat man im ERP-Sektor verstanden, dass Service nicht nur Last ist, sondern auch ein Geschäft sein kann.

IT-DIRECTOR: In welchem Sinne?
Ulmer:
In dem Sinne, dass unsere Kunden, also die Maschinen- oder Anlagenbauer, den Verfügbarkeitsanforderungen ihrer Kunden entsprechend präventive Maßnahmen anbieten. Beispielsweise, dass die Maschinenkunden zur Wahrung der Verfügbarkeit permanent ein Paket an Ersatzteilen vorhalten, damit die Anlagenmonteure im Bedarfsfall rasch eingreifen können. Oder dass man auf Basis vorheriger Nachbestellungen bestimmte neuralgische Teile in Reserve hält, um schnell reagieren zu können.

Auf diese Weise wird eine hohe Verfügbarkeit der Maschinen sichergestellt. Für bestimmte Aufträge und in bestimmten Branchen sind 98 Prozent Verfügbarkeit der vertraglich festgelegte Maßstab, häufig über einen Zeitrahmen von fünf Jahren. Die Daten zur Verfügbarkeit werden permanent ausgewertet. Zusätzlich empfehlen wir diesen Kunden die vorausschauende Wartung.

IT-DIRECTOR: Manche ERP-Produkte sind funktional so umfangreich, dass die Anwender Funktionalitäten abschalten müssen, um effektiv arbeiten zu können. Wie bewerten Sie Ihre Software im Vergleich dazu?
Ulmer:
Wir gehen den umgekehrten Weg. Basis ist der Systemkern, dem wir eine Vielzahl von Modulen zuschalten können. Etwa einen Produktkonfigurator, der ab einem gewissen Variantenreichtum zum Einsatz kommt – was in unserer Sparte sehr häufig der Fall ist.

Ein weiteres Beispiel ist das Modul „Strategische Planung“, mit dem wir über Gant-Diagramme die Planung in langlaufenden Projekten erleichtern wollen, zum Beispiel in der Multiprojektplanung im Stahlwasserbau. In Projekten mit Laufzeiten von drei bis fünf Jahren sind die Anforderungen an die Projektplanung natürlich ganz andere als bei kleineren Einzelmaschinen.

IT-DIRECTOR: Wie würden Sie Ihre Kundenstruktur beschreiben?
Ulmer:
Wir konzentrieren uns auf Fertigungsunternehmen, die vorwiegend, jedoch nicht ausschließlich, als Projektierer arbeiten und insbesondere mit der Losgröße 1 fertigen. In der Mehrzahl sind es Maschinen- und Sonderanlagenbauer, die über die Jahre gewachsen sind. Von dort ausgehend haben wir eine Reihe weiterer Branchen erschlossen, in denen die Geschäftsprozesse ebenfalls stark projektorientiert ablaufen. Der Werkzeugbau und die Werftenindustrie gehören dazu, aber auch der hochwertige Innenausbau und der kundenspezifisch fertigende Stahlbau.

Einer unserer Kunden ging mit 150 Mitarbeitern aus einer Insolvenz hervor und beschäftigt heute 1.200 Leute. Unsere Kunden sind mittlerweile weltweit unterwegs, mit Werken auf allen Kontinenten. Es liegt in unserem Anspruch, das Wachstum unserer Kunden kontinuierlich und international zu begleiten und zu unterstützen.

IT-DIRECTOR: Sie sammeln die Maschinendaten. Viele Einzelfertiger und Sondermaschinenbauer berichten ihrerseits, dass der Wunsch, Daten zu sammeln bei ihren Kunden immer größer wird. Welche Rolle spielt hier das ERP-System?
Ulmer:
In meinen Augen muss es darum gehen, nach dem Dateneingang über ein entsprechendes Regelwerk die Daten zu analysieren, um gezielte Maßnahmen einzuleiten. Wenn beispielsweise Grenzwerte überschritten werden, muss eine zuvor entwickelte Logik festlegen, wie zu verfahren ist. Die Frage könnte sein, ob Teile ausgetauscht werden müssen oder anderweitige Veränderungen notwendig sind.

Einige solcher Logiken sind bereits in unserem ERP-System integriert. Wir haben beispielsweise die Stückliste, die eigentlich zur Erstellung der Anlage dient, um Informationen, die den Service betreffen, erweitert. In den Stücklistenstrukturen sind konkrete Werte hinterlegt, die von der korrekten Spannung eines Riemens bis hin zu auszuführenden Reparaturarbeitsgängen reichen.

IT-DIRECTOR: Was ist mit den Produktionsdaten selbst?
Ulmer:
Die Produktionsdaten an sich sammeln wir noch nicht.

IT-DIRECTOR: Die Automobilbauer beispielsweise wollen aber doch heute genau wissen, welcher Mitarbeiter welche Schraube wann mit welchem Drehmoment angezogen hat. In der Pharmaindustrie und im Lebensmittelbereich ist es ähnlich.
Ulmer:
Diese Überlegungen stellen wir auch an. Genügt es, zu erfahren, was die Maschine aktuell macht, während sie produziert? Oder müssten wir nicht auch Informationen zum Herstellungsprozess haben, um später abzugleichen, ob ein Problem daher rührt, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Schraube mit zu wenig Drehmoment angezogen wurde?

Diese Anforderungen tragen Kunden vermehrt vor. Bei einem unserer Kunden haben wir kürzlich diskutiert, ob wir solche Daten nicht gleich in der Reparaturhalle bereitstellen können. Es gab die Idee, die Daten mit RFID-Chips auf dem Typenschild abzulegen, so dass der Werker, der die Reparatur ausführt, sie vor Ort auslesen kann.

IT-DIRECTOR: Dies geht alles in die Richtung des vielzitierten Schlagworts Industrie 4.0. Wie interpretieren Sie diesen Begriff?
Ulmer:
Verschiedene unserer Projekte lassen sich heute schon unter diese Überschrift stellen. Einer unserer Kunden setzt einen Montagebock ein, der aufgrund der Planung „weiß“, was auf ihm gefertigt wird. In einem anderen Fall fahren nummerierte Wagen über eine nummerierte Linie hinweg. An jeder Werkstation werden die einzelnen Baugruppen ausgelesen, gleichzeitig wird dem Mitarbeiter auf dem Display angezeigt, welche Arbeitsgänge er zu verrichten hat. Er kann quittieren oder durch Weiterschieben zur nächsten Station seine Arbeit für erledigt erklären. Dazu gehört eine entsprechende Logistik, da es sich um keine gleichmäßige Fertigung handelt, sondern um jeweils variierende Baugruppen. Diese Logistik muss die benötigten Teile zum richtigen Zeitpunkt bereit- und zusammenstellen.

Bei einem anderen Kunden wurde aufgrund der Größe der Bauteile hinter dem Montageplatz ein Regal installiert, auf dem über Lampen und Mengenangaben signalisiert wird, welche Teile der Monteur wo entnehmen muss.

Solche Prototypen, die wir mit den Anwendern gemeinsam entwickeln, zeigen, dass es keine allgemeingültigen Blaupausen für Industrie 4.0 geben kann. Es beginnt bereits bei Kleinigkeiten, denn die eigentlich simple Identifikation von Bauteilen mittels RFID-Chips wird schwierig, sobald die Umgebungstemperatur – etwa durch Sonneneinstrahlung – zu hoch ist.

IT-DIRECTOR: Meist wird Industrie 4.0 als Synonym für vorausschauende Wartung gesehen. Wäre es nicht ebenso gewinnbringend, wenn man wüsste, bei welchen Gegebenheiten eine Maschine die besten Produktergebnisse erzielt?
Ulmer:
Abhängig vom Produkt, ja. Wir standen einmal in Kontakt mit einem Hersteller künstlicher Hüftgelenke. Da die menschliche Anatomie immer verschieden ist und auch die Schädigungen durch Brüche oder Prellungen immer unterschiedlich sind, ging es darum, aus den 3D-Daten des Tomographen die „Ersatzteile“ zu konstruieren. Es ging um Einmaligkeit und Nachvollziehbarkeit in der Medizintechnik. Da könnten Erfahrungsdaten hinsichtlich Materialien und Geometrien helfen.

Ein weiteres Beispiel hierzu sind die Anlagen des Familienunternehmens Achenbach, das Walzwerke für dünne metallische Folien (z.B. Aluhaushaltsfolie) herstellt. Bei einer Walzenbreite von zwei Metern besteht die Herausforderung darin, die Durchbiegung bei dem für die Folien benötigten, extrem schmalen Grad zu regulieren. Während der Rotation wird ständig die Verbiegung gemessen. Anhand der anfallenden Daten wird jederzeit das benötigte Gegengewicht für den Druck auf die Lager berechnet.

Die Daten aller Achenbach-Maschinen weltweit werden permanent mit Blick auf Durchbiegung, Geschwindigkeit oder Spaltzustellung erfasst, um daraus konkrete Handlungen ableiten zu können. Wenn ein Kunde ein Problem mit einer Maschine meldet, kann der Maschinenhersteller mithilfe der analysierten Daten entgegnen, dass das Material aufgrund zu hoher Geschwindigkeit oder zu hohen Drucks gerissen ist. Wobei es bei weitem nicht nur um die Klärung von Fehlern gehen muss.

IT-DIRECTOR: Kommen solche Anfragen in jüngster Zeit vermehrt vor oder wird heute nur mehr über Digitalisierung gesprochen? Denn digitalisiert wird ja schon länger.
Ulmer:
Unser Kunde Probat aus Emmerich am Niederrhein beispielsweise baut seit 150 Jahren Kaffeeröstanlagen. Das ist Verfahrenstechnik in Reinform: Es geht darum, die Bohnen so zu rösten, dass Jacobs Krönung immer nach Jacobs Krönung schmeckt – abgesehen davon, dass dies bei einem Naturprodukt per se schwierig ist.

Spannend ist, dass bei Probat die Verfahrenstechnik und die Test- und Laborverfahren einerseits sehr ausgereift sind. Auf der anderen Seite spielt immer noch der Röstmeister eine entscheidende Rolle, weil er dank jahrzehntelanger Erfahrung einfach weiß, wann das Produkt die richtigen „Parameter“ aufweist. Auch in Zeiten massenhaft erfasster Daten und exakter Maschinensteuerung mittels Software kann die menschliche Komponente immer noch maßgeblich zur Produktgüte beitragen.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Das Thema tritt bei uns nicht vermehrt auf, denn trotz der schnellen dynamischen Entwicklung des Digitalisierungsprozesses bleibt der Mensch in vielen mittelständischen Fertigungsbetrieben weiterhin unersetzbar.

IT-DIRECTOR: Fachwissen benötigt man auch zur Fertigung individueller Anlagen. Wie unterstützt Ihre Software dabei? Mit hohem Individualisierungsgrad oder doch besser mit Standards?
Ulmer:
Sowohl als auch. Wir haben Kunden, die nicht wissen, was sie im nächsten Monat oder Jahr bauen werden. Deren Standardleistung liegt darin, die Technologien zu beherrschen, mit denen sie die Vorgaben ihrer Kunden passgenau umsetzen. Gefragt sind also standardisierte Fertigungsfähigkeiten für individuelle Projekte.

Daneben haben wir Kunden, die mit beliebig konfigurierbaren Modulen arbeiten. Wir haben ein Projekt in einer Werft begleitet, wo eine getaktete Fertigung etabliert werden sollte. Die meisten dieser Schiffe, darunter große Yachten, sind absolute Individualbauten. Trotzdem soll die Arbeit weitestgehend standardisiert ablaufen. Dazu werden die Schiffe in Abschnitte und Räume unterteilt, deren Fertigstellung jeweils nur eine bestimmte Zeit in Anspruch nehmen darf. Außerdem müssen heiße Arbeiten (Schweißen) vor kalten (Malen) verrichtet werden. Mit diesen Standards und Taktzeiten sollen die Terminpläne besser eingehalten werden können.

IT-DIRECTOR: Wie würden Sie vor diesem Hintergrund das Verhältnis zwischen Standard und der notwendigen Flexibilität der individuellen Gestaltung von Prozessen in Ihrer Software beziffern?
Ulmer:
Basierend auf vielen Mannjahren Projekterfahrung haben wir die meisten Abläufe bereits vorgedacht und vorkonfiguriert. Wir starten Projekte nicht mit einem weißen Blatt Papier, sondern mit konkreten Vorschlägen. Meist treffen wir damit die vielbesagten 80 Prozent Standard. Daneben gibt es jedoch immer auch Besonderheiten, die auch wir nicht kennen können. Da braucht es individuelle Software-Anpassungen. Nur wer beides kann, wird die vielseitigen Anforderungen des Digitalisierungsprozesses seiner Kunden erfolgreich meistern.

IT-DIRECTOR: Viele Unternehmen schlagen explizit den Weg zu Standards ein, andere wiederum wollen sich ihre Individualität erhalten und wollen eine anpassbare Software, um sich abzuheben.
Ulmer:
Da strapaziere ich einmal das Eigen- und Fremdbild. Viele der Firmenverantwortlichen glauben, ganz individuelle Strukturen zu besitzen. Wenn sie dann jedoch entsprechende Funktionalitäten nicht in unserer Software wiederfinden, sind sie irritiert, weil sie meinen, das jeweilige Problem müsse doch allgemeingültig sein. Dass sie an dieser Stelle besonders sind, müssen wir erst erklären.

Natürlich möchten wir den Firmen ihre Individualität nicht nehmen, denn sie sind ja deshalb über die Jahre erfolgreich gewesen, weil sie sind, wie sie sind. Wir gehen auch nicht mit der Attitüde in Gespräche, den Firmenverantwortlichen die Welt erklären zu wollen. Vielmehr greifen wir bestehende Ideen auf oder bieten bei Bedarf ganz gezielt unseren Blick von außen an.

IT-DIRECTOR: Wie sind denn die üblichen Entscheidungswege zu einem neuen ERP-System?
Ulmer:
Ich höre auf Anwendertagungen viel häufiger als früher, dass Interessenten sich gezielt bei Referenzanwendern informieren. Als Argument für ams wird oftmals genannt, dass nach sämtlichen Bewertungen und Gewichtungen von Funktionalitäten am Ende zählt, welchem Anbieter man ein Projekt am ehesten zutraue.

Expertise ist entscheidend. Folglich wollen wir unseren Interessenten vermitteln, dass wir sie nicht nur kurzfristig mit einer neuen Software an den Start bringen wollen, sondern eine langfristige Partnerschaft anstreben, in deren Rahmen wir die Anwender technologisch und prozesstechnisch fortentwickeln. Diese Technologiepartnerschaft suchen viele Unternehmen sehr bewusst, schließlich investieren sie nicht unwesentlich.

Neben dem Auftreten und der Expertise des Anbieters zählen dann natürlich auch die Funktionalitäten der Software und ihre Möglichkeiten, etwaige Besonderheiten abzudecken. Viele Unternehmen suchen vermehrt nach Software-Standards und wollen Anpassungen vermeiden.

IT-DIRECTOR: Es ist aber doch ein gängiges Phänomen, dass Firmen zunächst Standards anstreben, um dann doch jede Menge Anpassungen vorzunehmen.
Ulmer:
Diese Fälle gibt es auch heute noch, selbst wenn die Geschäftsführung vorher klar festgelegt hatte, es solle keine Anpassungen geben. Häufig ist zu beobachten, dass nach einer größeren Anpassung die Dämme brechen.

Sobald wir die Ziele der Anwender kennen, erstellen wir eine Modellstudie und zeigen die Prozesse im System. Vorgänge wie Auftragserstellung oder Bestellung werden simuliert, um eine konkrete Vorstellung von der Funktionsweise zu vermitteln. Mit diesem Wissen reduziert sich der Wunsch nach Anpassungen automatisch.

IT-DIRECTOR: Geschehen Anpassungen nicht oft auch aufgrund von Gewohnheiten?
Ulmer:
Noch vor etwa 15 Jahre wurden viele Anpassungen vorgenommen, weil man die Abläufe von den Vorgängersystemen nicht verändern wollte. Dabei konnte es vorkommen, dass unsere Berater nach einigen Jahren die einzigen waren, die noch wussten, warum bestimmte Anpassungen hinzuprogrammiert worden waren. Denn häufig genug werden sie nie genutzt. Vielleicht sollte kurzfristig ein Problem umschifft werden, behoben wurde es jedoch nicht.

Heute legen wir in Workshops die alten und unsere neuen Prozesse nebeneinander und können fast immer belegen, dass unser Standard mehr Anforderungen abdeckt, als von den  Mitarbeitern angenommen. Wir hatten schon die Fälle, dass in Unternehmen von bestimmten Baugruppen keinerlei Dokumentationen existierten. Dort wurde mit der ERP-Einführung begonnen, die „Profis in der Produktion“ nach ihren Arbeitsschritten zu befragen und die technischen Unterlagen zu erstellen. Bildlich gesprochen lassen wir das Wasser aus einem Becken, wodurch die Klippen zum Vorschein kommen. Wir schauen genau in die konkreten Prozesse hinein und entwickeln daraus die passende Lösung für den Kunden.

IT-DIRECTOR: Es gibt ERP-Anbieter, die alles versprechen. Glaubt der Anwender den Versprechungen, kommt hinterher das böse Erwachen.
Ulmer:
Das ist der Punkt: daher legen wir größten Wert darauf nicht nur unseren Aufwand seriös zu ermitteln, sondern auch den des Anwenders zutreffend darzustellen. Beides sind enorm wichtige Faktoren, schließlich sind es die Key-User beim Anwender, die das Projekt federführend betreuen und dies intern neben dem laufenden Tagesgeschäft bewältigen müssen.

Aus Gründen der Risikominimierung versuchen viele Anwender, den Dienstleistungsanteil zu deckeln. Deshalb müssen wir detailliert wissen, was der Anwender vorhat. Erst wenn wir daraufhin unseren Aufwand abschätzen können, lässt sich ein verbindliches Angebot erstellen.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielen Pflichtenhefte heute noch?
Ulmer:
Sie sind nach wie vor Projektbestandteil. Das umfangreichste, das ich in der jüngeren Vergangenheit gesehen habe, fragte 5.000 Punkte ab – ich hatte allerdings auch schon eines mit 8.000 Punkten. Im Vorfeld einer Präsentation müssen wir im Grunde alle diese Punkte einmal durchgespielt haben, um zu wissen, was abgefragt werden könnte.

Bei einem mittlerweile erfolgreich abgeschlossenen Projekt, vermittelte das eingereichte Lastenheft das Bild einer regelrechten Musterfirma. Als wir uns dann vor Ort ein Bild machen konnten, stellte sich die Situation ganz anders dar.

IT-DIRECTOR: Wie kam es dazu?
Ulmer:
Ein externer Auswahlberater hatte sämtliche Aspekte aufgenommen, von denen er glaubte, sie könnten innerhalb der nächsten fünf Jahre eventuell relevant werden. Ein gutes System sollte diese Aspekte seiner Meinung nach schon beherrschen ...

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 04/2018. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Geht man als Anbieter dann aber genauer auf diese Anforderungen ein, erntet man schon einmal erstaunte Blicke, weil das Unternehmen tatsächlich noch gar nicht da ist, wo das Lastenheft es positioniert. Viele der eingebrachten Aspekte ließen sich aufgrund fehlender Qualitätsdaten gar nicht umsetzen.

IT-DIRECTOR: Haben Sie auch schon Projekte abgelehnt, wenn Forderungen absehbar nicht umsetzbar waren?
Ulmer:
In einer frühen Projektphase haben wir das hier und da schon getan, wenn wir feststellten, dass Projektbestandteile nicht zu unseren Kernkompetenzen gehörten. Wir sind bestrebt, jedes Projekt zu einem Referenzprojekt zu machen, da haben wir einen hohen Anspruch an uns selbst. Denn Empfehlungen sind immer besser als der Vergleich endloser Funktionalitätenkataloge.

IT-DIRECTOR: Als Prozessberater treffen Sie zwangsläufig auf Themen rund um Digitalisierung und Digitale Transformation. Wo sehen Sie deutsche Unternehmen?
Ulmer:
Die großen deutschen Unternehmen oder Konzerne haben bereits seit langem erkannt, dass die technologische Entwicklung bzw. die digitale Transformation mit enormem Tempo voranschreitet. Eigene Entwicklungsabteilungen widmen sich konkret der digitalen Disruption, die neue Workflows, Arbeitsplätze, Geschäftsmodelle usw. erfordert.  Auch Klein- und Mittelständler haben die Zeichen der Zeit erkannt. Das liegt u.a. an der Arbeit verschiedener Hochschulen und Institutionen wie der Fraunhofer-Gesellschaft oder auch Verbänden, wie dem VBW. Firmen, die in diese Richtung denken, sollten Kontakt zu diesen Organisationen aufnehmen.

Die Politik muß zwar die gesetzlichen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen schaffen und kann Anreize setzen durch Förderprogramme zur Digitalisierung, aber wenn es konkret wird, sind die Unternehmen auf die Kooperation mit Fachleuten, wie unsere Experten von ams angewiesen.


Eckhard Ulmer
Alter: 61
Familienstand: verheiratet, keine Kinder
Position: Vorstand ams.Solution AG
Werdegang: Studium zum Diplom-Ingenieur (FH) Maschinenbau, Aufbaustudium zum Diplom-Ingenieur (TU) Maschinenbau/Produktionstechnik, danach bei der Mercedes-Benz AG Hauptgruppenleiter für technische Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen, Wechsel zur Gebrüder Schmidt AG als Kaufmännischer Leiter, vor dem Wechsel zur ams.hinrichs+müller GmbH Geschäftsführer bei Incos GmbH EDV-Systeme, bei ams zunächst seit 1997 Geschäftsstellenleiter und Abteilungsleiter der Organsiationsberatung, nach der Umfirmierung in die ams.Solution AG 2010 ab Januar 2014 Prokurist und Geschäftsführer für Beratung, und schließlich seit Mai 2015 Vorstandsmitglied (Beratung) im Unternehmensverbund ams.group
Hobbys: Fotografie, Kochen, Tanzen, mit Freunden etwas unternehmen.


Bildquelle: Chris Rausch

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