Baustellen im Kopf

Verschläft das Gesundheitswesen die Digitalisierung?

Verschläft das Gesundheitswesen die digitale Transformation? Zum Dreh- und ­Angelpunkt „Digitalisierung“ in der Sozial- und Gesundheitsbranche äußert sich ­Karsten Glied, Geschäftsführer der Techniklotsen GmbH.

  • Baustelle

    Der Healthcare-Branche mangelt es nicht an offenen Baustellen in Sachen Digitalisierung. ((Bildquelle: Thinkstock/iStock))

  • Karsten Glied, Geschäftsführer der Techniklotsen GmbH

    Karsten Glied, Geschäftsführer der Techniklotsen GmbH ((Bildquelle: Techniklotsen))

An offenen Baustellen mangelt es der Sozial- und Gesundheitsbranche in Sachen Digitalisierung nicht. Doch die Hürden zur Umsetzung digitaler Prozesse sind besonders schwer zu überwinden – denn sie finden meist nur im Kopf statt. Bei vielen Klinikleitungen fehlt es vordergründig an Zeit, Willen und auch an Know-how, das Thema „Digitalisierung“ ganzheitlich zu denken sowie umzusetzen. Und das, obwohl sowohl die technischen Möglichkeiten als auch die benötigte Manpower längst zur Verfügung stünden. Meiner Erfahrung nach hapert es bereits an der Grundlage für solche Projekte. Denn Einrichtungen und auch Unternehmen entwerfen kein konkretes Zielbild.

Da die Digitalisierung viele Facetten hat, müssen die Verantwortlichen wissen, was genau sich als vorteilhaft für die jeweilige Einrichtung erweisen könnte. Entscheider sind gefragt, hier in einem bewussten Abstimmungsprozess zu filtern, welcher Aspekt der Digitalisierung zum Einsatz kommen kann. Die Rechnung ist einfach: Fehlt ein Zielbild, fehlt letztlich auch die Strategie. Und wenn es an einer strategischen Ausrichtung in Sachen „Digitalisierung“ mangelt, dann haben Führungskräfte bei Ad-hoc-Entscheidungen keine Chance, die richtigen Weichen zu stellen.

Beispielsweise gilt es, Investitionen immer auch mit dem Zielbild abzugleichen. Typischerweise investieren Kliniken und Einrichtungen etwa bei der Verteilung von Geldern getrennt voneinander in die Sektoren Instandhaltung, Personal und Digitalisierung. Genau das falsche Signal: Denn da tun sich Gegensätze auf, wo in Wirklichkeit keine sind. Die Digitalisierungsstrategie muss hier den Weg weisen, sodass etwa bei Renovierungsmaßnahmen auch für geringe Mehrkosten die Infrastruktur für digitale Prozesse mitverbaut wird – sonst entstehen schnell doppelte Ausgaben. Es gilt, die Digitalisierung nicht von anderen nötigen Investitionen zu entkoppeln, sondern sektorenübergreifend in eine Richtung zu investieren.

Kein Raum für Pseudogründe


Die Entscheidung für oder gegen Digitalisierung muss immer ein bewusster Prozess sein. Pseudogründe dürfen hier keinen Raum einnehmen. Es gilt: Überlegtes Agieren schlägt Intuition. Dabei kann als Ergebnis auch herauskommen, dass für eine Abteilung oder ein bestimmtes Unternehmen digitale Prozesse keinen Sinn machen. Daher sehe ich die fehlende Auseinandersetzung mit dem Thema als allergrößte Baustelle in der Sozial- und Gesundheitsbranche. In diesem Zusammenhang hält sich ein Irrtum hartnäckig: Eine IT-Abteilung steht nicht stellvertretend für Digitalisierung. Sie bildet vielmehr die Voraussetzung, um digitalisierte Prozesse überhaupt umzusetzen und etwa für eine Wlan-Verbindung oder sichere Serversysteme zu sorgen. Mangelt es an einer guten IT-Infrastruktur, hapert es zwangsläufig auch an der Digitalisierung.

Langfristiges Ziel der Gesundheitsbranche muss der Ausbau digitaler Strukturen und damit einhergehend eine gut aufgestellte IT-Abteilung sein, die die Maßnahmen steuert und umsetzt. Das wirkt sich positiv auf alle Bereiche einer Klinik oder Einrichtung aus. Meiner Einschätzung nach besteht hier immens viel Nachholbedarf. Daher plädiere ich grundsätzlich für ein höheres Budget zur Entwicklung der Digitalisierungsgrundlagen in der Gesundheitsbranche. Denn die technisch unterstützten Möglichkeiten haben das Potential, das gesamte Gesundheitssystem zu entlasten.

Kosten sparen, die Qualität der Leistungen erhöhen, die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten verbessern – dies ist mit den geeigneten Maßnahmen möglich, wenn die digitalen Prozesse effektiv Verwendung finden. Demzufolge sollten sich Leistungserbringer wie Ärzte, Krankenhäuser, Pflegedienste, Krankenkassen und Gesundheitsverbände überlegen: Welche Tätigkeiten können IT-gestützt effizienter verrichtet werden? Wo kann die Digitalisierung die Arbeit der Branche erleichtern, verbessern und effektiver gestalten?

Arbeitsplätze in Gefahr?


Hier ist auch die Bundesregierung gefragt, verbindliche Rahmenbedingungen und Regelungen etwa zum Datenschutz, zur Telemedizin oder auch zum Netzausbau vorzulegen. Der Gesetzgeber ist in der Pflicht, die Selbstverwaltung anzutreiben und Standards festzulegen. Dabei sei noch einmal betont, dass durch eine Förderung digitalisierter Prozesse keinesfalls Arbeitsplätze in Gefahr geraten. Vielmehr muss die digitale Transformation zur Verbesserung der Versorgungsqualität und der Arbeitsbedingungen führen und als Abfederung des Fachkräftemangels in Pflegeberufen begriffen werden. Zeiteinsparungen durch digitalisierte Abläufe kommen dem Personal zugute und schaffen letztlich Freiräume für den persönlichen Kontakt zu den Patienten.

Eine gewaltige Aufgabe, die das Gesundheits- und Sozialwesen Hand in Hand mit der Industrie angehen muss. Denn die menschliche Arbeitskraft, etwa in der Pflege, bleibt unersetzlich, kann durch technische Hilfe jedoch sehr viel effektiver und passgenauer dort zum Einsatz kommen, wo sie vonnöten ist. „Mehr Hände ans Bett“ lautet also hier das Credo.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 3/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Doch wie bereits erwähnt, verfügen Einrichtungen in vielen Fällen weder über ein klares Zielbild in Richtung „Digitalisierung“ noch über ein ausformuliertes Konzept für die Erreichung ebenjenes. Wer keine Konzepte in der sprichwörtlichen Schublade hat, kann weder bei Fördermittelangeboten sinnvoll agieren noch klassische Reinvestitions- und Personalentscheidungen vor dem Hintergrund des Zielbilds abwägen. So bleibt die Digitalisierung immer etwas, was man später macht, wenn Geld oder Zeit zur Verfügung steht.

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