Diskussionen über den IT-Standort Deutschland

Warten auf das deutsche Spotify

Seit drei Jahren wird in Jülich schon an einer neuen Supercomputerarchitektur getüftelt. Bereits 2015 hatten IBM, Nvidia und das dortige Forschungszentrum das „Power Acceleration and Design Center“ gegründet. Es soll Wissenschaftler und Ingenieure dabei unterstützen, Simulationsrechnungen auf Open Power-kompatiblen Systemen mit Grafikprozessoren-Beschleunigern durchzuführen.

  • Beta Systems-Vorstand Dr. Andreas Huth,

    Beta Systems-Vorstand Dr. Andreas Huth, der Gastgeber des Technologie-Forums 2018 in Berlin

  • Dirk Wittkopp, Managing Director der IBM Research & Development GmbH

    Dirk Wittkopp, Managing Director der IBM Research & Development GmbH

  • Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Bitkom

  • Hubert Ludwig, Geschäftsführer der Datenverarbeitungszentrale Schwerin

    Hubert Ludwig, Geschäftsführer der Datenverarbeitungszentrale Schwerin

  • Prof. Dr. Christoph Meinel, Institutsdirektor des Hasso-Plattner-Instituts für Digital Engineering

    Prof. Dr. Christoph Meinel, Institutsdirektor des Hasso-Plattner-Instituts für Digital Engineering

Das ist ein deutliches Bekenntnis zum IT-Standort Deutschland – der es im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe nach wie vor schwer hat, wie auch Ende April eine Podiumsdiskussion bei Beta Systems in Berlin zeigte. Seine Sicht auf den Stellenwert von „IT made in Germany“ legte dort z.B. Dirk Wittkopp dar, Managing Director der IBM Research & Development GmbH. Im Böblinger R&D-Zentrum von IBM gibt es einige Spezialisten, die an Open Power mitarbeiten; gesteuert wird die Liason allerdings von Amerika aus.

Zahlen lügen nicht

Neben Wittkopp diskutierten Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Bitkom, Prof. Dr. Christoph Meinel, Institutsdirektor des Hasso-Plattner-Instituts für Digital Engineering, Hubert Ludwig, Geschäftsführer der Datenverarbeitungszentrale Schwerin und – als Gastgeber – Beta Systems-Vorstand Dr. Andreas Huth. Das Podium fand im Rahmen des Beta Systems Technology Forum 2018 statt.

Es sind nackte Zahlen, die davon zeugen, woran es in Sachen IT in Deutschland krankt: 25.000 Informatiker/innen kommen hierzulande pro Jahr von den Hochschulen, in Indien sind es 220.000, in China 1,1 Millionen. Nicht jeder ist ein Überflieger, aber den dortigen Firmen steht damit ein sehr breites Reservoir an Nachwuchskräften zur Verfügung. Von diesem kann die deutsche Softwareindustrie nur träumen – die sich noch dazu im Wettbewerb mit deutschen Maschinenbauern, Automobilherstellern etc. befindet, die ebenfalls qualifiziertes IT-Personal benötigen.

Ein indischer Absolvent, der nach Deutschland kommt, arbeitet im Zweifel lieber bei einer dieser Firmen, die international bestes Renommee genießen. Um den Ruf der deutschen Soft- und Hardwarebranche ist es dagegen nicht zu gut bestellt. Doch warum? Bernhard Rohleder: „An der Qualität dürfte es nicht liegen, die ist im internationalen Vergleich sogar sehr hoch.“ Eher mangele es an der Fähigkeit, dies nach außen glaubhaft zu kommunizieren.

Lücken zwischen Entwicklung und Anwendung

Es bedürfe zunächst einer strukturierten zielgerichteten Bildungspolitik im Bund und in den Ländern, so die Podiumsteilnehmer einhellig, um das Personalproblem zumindest langfristig zu lösen. Dirk Wittkopp ist frustriert, wenn er die hiesige Ausbildungssituation betrachtet. „Schon lange fordern wir eine bessere Informatikausbildung an den Schulen. Doch Pläne dafür werden erst für die nächsten Jahrzehnte gemacht. So wird das nichts“, sagt er.

Schneckentempo reicht nicht

Im Internetzeitalter kommt es eben aufs Tempo an – und hier erweise sich Deutschland tendenziell als zu behäbig. Den Blick auf die universitäre Ausbildung gerichtet, konstatiert der IBM-Manager: „Wir haben tolle Hochschulen und Forschungseinrichtungen, aber wir sind zu langsam, um das dort Erforschte in die Anwendung zu bringen.“ Um nicht weiter zurückzufallen, sei es daher wichtig, vorhandene Lücken zwischen Entwicklung und Anwendung zu schließen.

Mangelndes Tempo beklagt auch Prof. Christoph Meinel vom HPI: „Einen Professor an unser Institut, eine Fakultät der Staatlichen Universität Potsdam, zu berufen, kann sich bis zu zwei Jahre hinziehen. In der freien Wirtschaft müssen sich Führungskräfte oft innerhalb von zwei Wochen entschieden haben, ob sie den Job annehmen oder nicht, dann schließt sich das Zeitfenster.“

Analytische Instrumente verankern

Beta Systems hat aus der Personalmisere die eigenen Schlüsse gezogen und bildet inzwischen selbst aus. Vorstand Andreas Huth wünscht sich außerdem mehr Unterstützung durch die Politik – auch in Form von Steuererleichterungen –. Denn seiner Erfahrung nach haben es deutsche Hersteller schwer, sich im eigenen Land starker ausländischer Konkurrenz zu erwehren.

„Der Heimatmarkt der US-Hersteller umfasst 29 Prozent des IT-Weltmarktes“, weiß Huth. „Sie haben also dort ihre Produkte bereits kostendeckend verkauft und können dann international mit knallhart kalkulierten Preisen einheimische Firmen unterbieten – unterfüttert noch von besten Gartner-Einstufungen.“ Deutschlands Anteil am IT-Weltmarkt betrage demgegenüber gerade einmal vier Prozent, so Bernhard Rohleder. „Es wird in den USA viel mehr in IT investiert“, sagt er. „Das muss auch hierzulande der Fall sein. Wir müssen die Bereitschaft der Kunden fördern, IT als ein leistungsförderndes analytisches Instrument stärker in Anspruch zu nehmen.“

Gibt es noch eine nationale IT?

Diskutiert man den IT-Standort Deutschland, bleibt die Frage, ob es eine rein nationale Informationstechnologie überhaupt noch gibt. Denn heute kann man Kompetenzen und Module über das Internet aus allen Teilen der Welt hinzukaufen und in die eigenen Produkte integrieren.

Nicht nur IBM arbeitet in seinen Projekten in weltweiten Teams mit größtmöglicher Bandbreite. Open Power als offene Organisation für Technologie-Entwickler auf Grundlage der Power-Architektur ist dafür idealtypisch. In dem offenen Ökosystem der 2013 gegründeten Organisation Open Power Foundation engagieren sich mittlerweile weltweit über 300 Mitglieder.

„Man kann heute überall auf der Welt unter Nutzung der Cloud Softwareprodukte in Stunden auf die Beine stellen, in Tagen verbessern und in wenigen Wochen auf den Markt bringen“, geht es laut Dirk Wittkopp vor allem um Vernetzung und schnelle Kommunikation. Verbandsarbeit, Konsortien und Initiativen wie das „Cyber Valley“ in der Region Stuttgart-Tübingen, das die Forschungsaktivitäten internationaler Key Player aus Wissenschaft und Industrie auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz bündelt, helfen dabei.

Um das DFKI beneidet uns die Welt“

IBM treibt seine Forschungsinitiativen nicht ohne Grund von hiesigen Standorten aus voran. Das Kompetenzzentrum Jülich gehört dazu ebenso wie das Watson-IT Center in München. Denn, so Bitkom-Chef Bernhard Rohleder, „Deutschland ist führend im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Um das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz beneidet uns die Welt. Auch im 3D-Druck, der die industrielle Fertigung und das Ressourcen-Rohstoffmanagement revolutionieren wird, sind wir ganz vorn dabei, sowie bei der Blockchain, die das Zahlungs-, aber auch das Kataster- und Notarwesen umkrempeln wird. Diese Technologien werden von hier aus maßgeblich vorangetrieben. Wir haben also die Chancen, auch in disruptiven Technologien.“

Die Nähe zu weiteren Hochtechnologien im Maschinen-, Anlagen und Automobilbau gilt als weiteres Plus für Deutschland, da sich hier enge Verflechtungen zu Anwendern ergeben sowie ein – auch interdisziplinärer – Wissenstransfer möglich wird.

Behäbiger Föderalismus statt tragfähige Digitalstrategie

Bleibt der deutsche Föderalismus, mit dem nicht nur die IT-Branche hadert. Das Thema IT müsse zentral aufgehängt und einheitlich vorangebracht werden, darin waren sich die Diskutanten bei Beta Systems einig. Hubert Ludwig von der Datenverarbeitungszentrale Schwerin: „Jedes Bundesland hat heute eine eigene Digitalisierungsstrategie, es gibt keinen gesamtdeutschen Ansatz. Wir brauchen nicht nur mehr Breitbandanschlüsse, um die Voraussetzungen zu schaffen, dass Unternehmen wachsen.“

Der Bund müsse auch den Rechtsrahmen für eine einheitliche Digitalisierungsstrategie vorgeben und von den Ländern gegebenenfalls Gesetzgebungskompetenz abziehen. Für Rohleder ist der Föderalismus – abseits der politisch motivierten Schaffung als Instrument der Dezentralisierung von Macht – schlicht ein Klotz am Bein, von dem man sich langfristig trennen muss.

Wider die Genügsamkeit

Vielleicht hilft ein Blick nach Nordeuropa. Von den disruptivsten europäischen Unternehmen kommen zwei aus Skandinavien: Spotify und Skype.

Schweden und Norwegen zeigen, wie man auch als kleine Nation zu Weltrang kommen kann. Ihre Heimatländer bieten schlicht zu wenig Raum und Wachstumspotenzial. So adressieren (IT-)Firmen von dort von vornherein internationale Märkte, kommunizieren von Beginn an ausschließlich in Englisch etc. „Das sollten wir auch können“, glaubt Rohleder. „ir machen es uns aber schwer und sind manchmal einfach zu genügsam.“ So klein ist der deutsche Markt nämlich nicht, dass sich in ihm nicht auch erkleckliche Umsätze erzielen ließen. Das fördert nicht, aber es begünstigt immerhin Zufriedenheit mit dem Erreichten.

Bildquelle: Beta Systems, Frank Zscheile, Christian Kielmann

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