Rittal über Lefdal Mine, RZ-Standardmodule und IT as a Service

Wie aus einer Mine ein Rechenzentrum wird

Interview mit Martin Kipping, Director International IT-Projects bei Rittal, über das Rechenzentrumsprojekt (RZ) „Lefdal Mine“ in Norwegen, die strategische Erweiterung des Familienunternehmens als IT-Lösungsanbieter und den damit einhergehenden Fokus auf effiziente RZ-Standardmodule und IT-as-a-Service.

  • Martin Kipping, Rittal

    „Für den norwegischen RZ-Standort in einer stillgelegten Mine in Lefdal sprechen die vorhandene Fläche, eine hohe Sicherheit und Energieeffizienz sowie die günstige Stromversorgung“, so Martin Kipping von Rittal.

  • Martin Kipping, Rittal

    „Aktuelle Trends wie Edge Computing, Internet der Dinge, Big Data und Analytics sind die Treiber, um immer mehr Rechenleistung näher zu den Nutzern, Maschinen und Fahrzeugen zu bringen“, sagt Martin Kipping von Rittal.

  • Martin Kipping, Rittal

    Martin Kipping, Rittal: „Momentan liegt die Latenzzeit von Frankfurt nach Norwegen bei 22 Millisekunden. Zum Vergleich: Die Latenzzeit einer Übertragung von Deutschland in ein Londoner Data Center beträgt 17 Millisekunden.“

  • Martin Kipping, Rittal

    „Wir entwickeln uns vom Infrastruktur-Lieferanten zu einem ganzheitlichen Lösungsanbieter, der den Kunden je nach Bedarf verschiedene IT-Szenarien bieten kann“, meint Martin Kipping, Rittal.

  • Martin Kipping, Rittal

    Martin Kipping von Rittal

Als Systemanbieter für Schaltschränke, Stromverteilung, Klimatisierung und IT-Infrastruktur gehört Rittal mit Hauptsitz in Herborn zur internationalen Friedhelm Loh Group, die maßgeschneiderte Produkte und Systemlösungen für Industrie, Wirtschaft und Handel erfindet, entwickelt und produziert. Das Familienunternehmen ist aktuell mit 18 Produktionsstätten und 78 internationalen Tochtergesellschaften weltweit präsent. Die inhabergeführte Gruppe beschäftigt über 11.500 Mitarbeiter und erzielte im Jahr 2015 einen Umsatz von rund 2,2 Milliarden Euro.

Das größte Unternehmen der Friedhelm Loh Group, die  Rittal GmbH & Co. KG entwickelt sich kontinuierlich weiter, wie das im August 2016 neu eröffnete Innovation Center am Standort in Haiger zeigt. In einer 1.200 Quadratmeter großen Halle bildet man dort im Zuge von Industrie 4.0 einen realen Fertigungsbetrieb nach. Das Besondere: Die Kunden können ebenso wie die Entwickler des Anbieters sämtliche Prozessschritte direkt an den Stationen mit Maschinen und Tools anhand konkreter Alltagssituationen diskutieren und Lösungen entwickeln – vom Engineering über die Materialanlieferung, Teilevorbereitung und -bearbeitung bis hin zum fertigen Produkt.

Eine Neuheit im Bereich IT-Lösungen präsentierten die Hessen bereits im Rahmen der CeBIT 2016 und stellten ein neues Rechenzentrumsprojekt in einer ehemaligen Mineralmine, der Lefdal Mine, an der norwegischen Westküste vor. Im Gespräch mit IT-DIRECTOR beleuchtet Martin Kipping Einzelheiten des Vorhabens und gibt Einblick in die damit verbundene strategische Erweiterung des IT-Geschäfts.

IT-DIRECTOR: Herr Kipping, was war der Anlass für das Projekt „Lefdal Mine“?
M. Kipping:
Vor rund vier Jahren fragte unser norwegischer Kunde Lefdal Mine nach modularen RZ-Bausteinen, auf deren Basis die Skandinavier ein Rechenzentrumskonzept für eine stillgelegte Mine entwickeln wollten. In dieser wurde in der Vergangenheit unter anderem Olivin, ein für die Glas- und Stahlherstellung genutztes Mineral, abgebaut. Nach der Stilllegung diskutierte eine Gruppe lokaler Investoren darüber, was man mit der Fläche von 120.000 m2 anfangen könnte. Mit Blick auf die Standortvorteile der Westküste Norwegens, entschied man sich dazu, dort einen RZ-Standort zu eröffnen.

IT-DIRECTOR: Welche Standortvorteile sind gemeint?
M. Kipping:
Neben der genannten Fläche, sprechen drei weitere Hauptparameter für den Standort: Erstens, die Möglichkeit einer effizienten Kühlung über den direkt neben der Mine gelegenen Fjord. Zweitens, die günstige Stromversorgung, da in direkter Umgebung grüner Strom durch Wasserkraftwerke und Windparks produziert wird. Und drittens der hohe physikalische Schutz für das Rechenzentrum, das sich unter der Erdoberfläche befinden wird.

IT-DIRECTOR: Wie lief die Konzeptionsphase ab?
M. Kipping:
Zu Projektbeginn beauftragte Lefdal Mine die norwegische IBM-Tochter mit einer Machbarkeitsstudie. Hier ging es zunächst um die Klärung grundlegender Fragen: Inwieweit taugt die Mine überhaupt als Rechenzentrum? Wie ist es um die Statik bestellt? Wären künftige Erdbewegungen denkbar? Wie sicher wird das Konstrukt sein? Auf welche Weise können benötigte Wasser- und Stromleitungen integriert werden? Letztlich konnten alle diese Fragen positiv beantwortet werden. Mehr noch: die Ergebnisse zeigten außerordentliche Standortvorteile.

IT-DIRECTOR: Welche Lösungen haben Sie für das neue Rechenzentrum entwickelt?
M. Kipping:
Wir liefern standardisierte Rechenzentrumsmodule in Containern und Sicherheitsräumen auf Basis von Rimatrix S. Diese RZ-Module sind energieeffizient, einfach skalierbar und lassen sich mit verschiedenen Redundanzen betreiben. Für den Einsatz in der Mine haben wir  auf Basis unserer Erfahrungen fünf RZ-Standardmodule mit einer Leistung von 5, 10 und 20 Kilowatt pro Rack und verschiedenen Redundanzen für Strom und Kühlung (z.B. n+1, 2N) kreiert.

Im Ergebnis sind Rack-Reihen mit Doppelboden, Verkabelung, Brandfrüherkennung, Klimatisierung und Monitoring entstanden, die von den Kunden der Lefdal Mine als Container-Lösung oder innerhalb eines Rittal Sicherheitsraums genutzt werden können.

IT-DIRECTOR: Worauf legten Sie bei der Konzeption der RZ-Module besonderes Augenmerk?
M. Kipping:
Auf die Skalierbarkeit, denn damit können Kunden klein anfangen und ihre IT  sukzessiv  ausbauen. Dafür gibt es in Lefdal – anders als bei Rechenzentren in Frankfurt, London oder Amsterdam – keine limitierenden Faktoren. Rechenzentrumsfläche ist in diesen Metropolen nicht nur teuer, sondern steht auch nur begrenzt zur Verfügung. Außerdem sind die Stromkosten hier immens hoch. Ganz im Gegensatz zu Norwegen. Der Strompreis beträgt in Norwegen ca. 4 bis 6 Cent pro Kilowatt-Stunde. In Deutschland liegen wir bei 16 Cent für Industrieabnehmer, als Privatpersonen zahlt man rund 29 Cent. Es ist die Kombination aus verfügbarer Fläche, die Kühlung des RZ mittels Fjordwasser sowie die geringen Strompreise in Norwegen anhand derer wir das RZ mit bis zu 30 bis 60 Prozent geringeren TCO (Total Cost of Ownership) betreiben können als vergleichbare Rechenzentren in Mitteleuropa. Nicht zu vergessen, dass in diversen Ballungszentren nicht immer die geforderten Kapazitäten zur Verfügung stehen, denn Rechenzentren in Metropolen mit einem Verbrauch von 200 Megawatt lassen die Energieversorger schnell an ihre Grenzen stoßen.

Zudem achteten wir bei der Konzeption auf standardisierte Schnittstellen, sodass die Anschlüsse für Strom, Wasser und Netzwerk bei jedem RZ-Modul gleich aussehen. Dies vereinfacht und beschleunigt die Inbetriebnahme und den laufenden Betrieb bei gleichzeitiger Reduktion der Fehleranfälligkeit. Dabei lassen sich neue Module innerhalb von vier bis sechs Wochen nach Auftragseingang betriebsfertig in der Mine installieren.

IT-DIRECTOR: Wie sieht das künftige Nutzungsmodell für das Data Center aus?
M. Kipping:
Während Lefdal Mine das Rechenzentrum betreibt und Leistungen in den Bereichen Colocation, Hosting, Cloud, HPC, Desaster Recovery, Backup oder Outsourcing anbietet, ist Rittal Technologie- und Umsetzungspartner. Gemeinsam können wir künftigen Kunden flexible IT-Bereitstellungskonzepte zur Verfügung stellen. Darüber  haben wir bereits sowohl mit europäischen Unternehmen als auch mit namhaften US-amerikanischen Kunden gesprochen. Generell gehen wir davon aus, dass sich das Rechenzentrum in Zukunft durch hybride Infrastrukturen auszeichnen wird.

IT-DIRECTOR: Sie sprachen auch die hohe Energieeffizienz an….
M. Kipping:
Gemäß der eingangs erwähnten Machbarkeitsstudie von IBM wird Lefdal Mine zu den grünsten Rechenzentren Europas zählen, wobei wir bei einer Auslastung von fünf Megawatt einen PUE-Wert von 1,08 (Power Usage Effectivness) erreichen werden. Des Weiteren wird das Data Center einen der besten TCO-Werte aller in Europa betriebenen Rechenzentren aufweisen können.
Nicht nur der damit verbundene Aufwand zeigt, dass wir unser Engagement bei Lefdal Mine als strategisch langfristiges Projekt von bis zu zehn Jahren sehen. Wir werden dort spätestens Anfang nächsten Jahres die ersten Rechenzentrums-Container unserer Kunden installieren. Momentan fokussieren wir uns auf den Ausbau der Mine.

IT-DIRECTOR: Stichwort Kühlung: Wie kommt das Wasser aus dem Fjord ins Rechenzentrum?
M. Kipping:
Hierzu haben wir Wasserrohre in rund 80 Meter Tiefe mit einem Durchmesser von etwa einem Meter verlegt, welche in die in der Mine installierten Wasser/Wasser-Wärmetauscher münden. Von dort aus gelangen sie über Versorgungsleitungen in die Container-Module, in denen die LCP-Lösungen (Liquid Cooling Packages) von Rittal zum Einsatz kommen. Da es sich um naturbelassenes, salzhaltiges Fjordwasser handelt, werden zunächst Algen, Plankton oder andere Kleintiere herausgefiltert, bevor es über den Wärmetauscher in den Containern zur Kühlung genutzt wird.

In der Mine herrschen Durchschnittstemperaturen zwischen 13 und 15 Grad. Allerdings erzeugt die Hardware in den Racks in den Containern und Sicherheitsräumen eine gewisse Wärmelast. Dabei können bei einem Betrieb mit 5, 10 oder 20 KW in einem Modul bis zu 200 KW Wärmeleistung entstehen, die abgeführt werden muss. Allein mit Luftkühlung lässt sich dies nicht bewerkstelligen, sodass Wasser als Kühlmedium benötigt wird. Das von uns genutzte Fjordwasser ist durchschnittlich acht Grad kalt und wird über die LCPs zur indirekten Kühlung genutzt. In der Regel umfassen die RZ-Module zehn bis zwölf Server-Racks, die eine Wärmelast von 60 KW bis 200 KW in einem Container verursachen. Dabei haben wir Server-Reihen konzipiert, bei denen zwischen den einzelnen Racks LCPs im Kalt-/Warmgang-Prinzip aufgestellt werden. Im ersten Schritt sind wir von 45 MW Kälteleistung ausgegangen und realisieren sukzessive Bauabschnitte mit 7,5 MW Leistung.

IT-DIRECTOR: Welche Sicherheitsmaßnahmen haben Sie in der Mine installiert?
M. Kipping:
Da sich sämtliche IT-Komponenten in Sicherheitsräumen oder Containern befinden, sind sie physikalisch bestens geschützt. Parallel dazu sehen wir Lefdal verstärkt als eine sogenannte „Lights-out-Facility“. Über Remotezugriff können Systemadministratoren die Server in dieser überwachen und verwalten. Nur in Ausnahmefällen sollen bestimmte Personen die Container und Räume betreten.

IT-DIRECTOR: Welche weiteren Vorkehrungen wurden getroffen?
M. Kipping:
Neben der Gewährleistung der physikalischen Sicherheit mit Kameras, Zutrittskontrollen und Führungszeugnissen der Mitarbeiter werden selbstverständlich Sicherheitsprozeduren über Security Guards und beim Betreten der Mine eingehalten. Nicht zuletzt bringt das in der Mine vorhandene Mineral Olivin einen natürlichen EMV-Schutz (Elektromagnetische Verträglichkeit) mit sich.

IT-DIRECTOR: Welche Zertifizierungen weist das Rechenzentrum auf?
M. Kipping:
Wir starten mit zwei Zertifizierungen, nämlich der Tier3-Zertifizierung des Uptime Institutes und dem ISO-Standard 27001. Des Weiteren werden wir uns künftig näher mit der neuen Norm EN50600 und einer Trusted-Site-Infrastructure-Zertifizierung des TÜV IT beschäftigen.

IT-DIRECTOR: Facebook ist in Schweden, Google in Finnland und Apple künftig in Dänemark mit einem Data Center vertreten. Wieso werden darüber hinaus noch RZ-Ressourcen in Norwegen gebraucht?
M. Kipping:
Alle großen ITK-Anbieter werden ihre Ressourcen künftig weiter ausbauen müssen, da sie insbesondere die Nutzung ihrer Cloud-Services – entweder aus der Public Cloud oder auf Basis hybrider Cloud-Plattformen – vorantreiben wollen. Dabei sind nicht nur die Branchenriesen stets auf der Suche nach geeigneten RZ-Flächen, wobei Themen wie Energieeffizienz, Sicherheit und skalierbare RZ-Flächen eine große Rolle spielen. Auch für mittelständische Unternehmen sind diese Themen verstärkt im Fokus.

Generell werden die Anwenderunternehmen nach unserer Einschätzung ihre IT nicht vollständig in die Cloud heben. Vielmehr werden sie verstärkt auf Hybrid-Modelle setzen, da es auch weiterhin Daten geben wird, die an den Unternehmensstandorten selbst vorgehalten werden müssen. Allerdings gibt es im Zuge der Verbreitung des Internets der Dinge und Big Data auch immer mehr unkritische Daten, die sich gut in Norwegen vorhalten lassen.

IT-DIRECTOR: Apropos Cloud – auf der CeBIT waren Sie doch auch mit einem Partner,  der iNNOVO Cloud GmbH vertreten? Wie passt diese Partnerschaft in das Lefdal Projekt?
M. Kipping:
Vor dem Hintergrund des Projekts in der Lefdal Mine sind wir eine Partnerschaft mit dem deutschen Cloud-Anbieter iNNOVO Cloud GmbH eingegangen. Damit gehen wir einen weiteren Schritt in Richtung Lösungsanbieter, der seinen Kunden bedarfsgerecht verschiedene IT-Szenarien anbieten kann. Rittal bringt bei diesem Projekt seine Kompetenz für ausfallsichere IT-Infrastrukturen und Rechenzentrumsmodule ein. Die iNNOVO Cloud GmbH besitzt langjährige Erfahrung in der Konzeption und im Betrieb von Cloud-Plattformen. Im Moment arbeiten wir gemeinsam an einem „Proof of Concept“ und werden in Kürze einen eigenen Cloud-Park in Frankfurt/Main in Betrieb nehmen. Dort werden wir einen IT-Container mit 200 KW Leistung installieren, der eine UCS (Unified Computing System)-Lösung von Cisco beinhaltet. Einen anderen Container statten wir mit Hardware von Supermicro aus und installieren diesen in Lefdal. Beide werden von iNNOVO mit der gleichen Cloud-Plattform ausgestattet. Unsere hiesigen Nutzer werden anschließend mit beiden Lösungen parallel arbeiten, sodass wir messen können, wie schnell die Verbindungen von Frankfurt nach Norwegen sind. So sehen wir auch, dass sich die TCO-Betrachtung in Lefdal rechnen wird. Zudem werden wir künftig Kunden-Events in Frankfurt veranstalten, so dass sie sich live von dem Konzept überzeugen können.

Bislang galten die Planung und der Bau eines eigenen Rechenzentrums als ein hoch individualisiertes Projekt mit einer mehrjährigen Laufzeit. Gemeinsam mit iNNOVO bieten wir jetzt eine schnell realisierbare Alternative mit der neuen Lösung „Balanced Cloud Center“ Hier erhalten Kunden ein schlüsselfertiges Cloud-Rechenzentrum im ISO- oder Non ISO-Container-Format, bei dem die Komponenten wie Racks, Klimatisierung und Stromversorgung als vordefinierte Module verfügbar sind. Die Besonderheit hierbei: Server, Netzwerk und Storage sind im Lieferumfang enthalten und bereits vorkonfiguriert. Darüber hinaus kommt das etablierte Open Source Framework OpenStack als Cloud-Management-Software zum Einsatz. Das Ergebnis ist ein standardisiertes und vollständig virtualisiertes Cloud-Rechenzentrum, das sich für Standard-Anwendungen ebenso eignet wie für anspruchsvollste Einsatzszenarien wie High-Performance-Computing (HPC) oder Big Data-Anwendungen.

IT-DIRECTOR: Wie kann man sich die weitere Zusammenarbeit vorstellen? Welche Rolle wird iNNOVO künftig übernehmen?
M. Kipping: iNNOVO setzt auf das etablierte Open Source Framework OpenStack als Cloud-Management-Software. Diese besteht aus einer Vielzahl an quelloffenen Software-Komponenten. Unternehmen sind damit in der Lage, eine eigene leistungsfähige Cloud-Umgebung aus vorkonfigurierten Standardbausteinen aufzubauen und zu verwalten. Den Schwerpunkt bilden Komponenten für IT as a Service (ITaaS), um damit Server, Storage, Netzwerk und Anwendungen möglichst standardisiert im Rechenzentrum zu betreiben und somit die Grundlagen für die eigene personalisierte Cloud-Plattform zu legen.

Das heißt im Klartext: iNNOVO verwaltet auf Basis unserer physikalischen Infrastrukturen die Applikationsebenen der Kunden. Und wir können in Projekten über unsere Infrastrukturpakete und die RZ-Planung hinaus auch Cloud-Management mit dem Standard OpenStack und IT as a Service und damit gewisse Rechenleistungen für einen bestimmten Zeitraum als Opex-Modell anbieten. Das ist zum Beispiel für Unternehmen interessant, die für einen entsprechenden Zeitraum hohe Rechenleistungen für Analysen etc. benötigen.
Kunden entscheiden flexibel, ob sie einen BCC-Container kaufen, diesen leasen, mieten und on-premise oder off premise betreiben. Alternativ können sie auch ein elastisches virtuelles Rechenzentrum aus dem BCC-Container on-demand mieten und Managed Services für Teile der Cloud-Plattform beziehen.

IT-DIRECTOR: Damit bauen Sie Ihre eigene Angebotspalette stark aus...
M. Kipping:
Genau, wobei wir neben den neuen Lösungsmodellen und -ansätzen natürlich nach wie vor auf unser Kerngeschäft setzen. Wir gehen davon aus, dass insbesondere Container- und Modul-Lösungen an Relevanz gewinnen werden. Denn aktuelle Trends wie Edge Computing, Internet der Dinge, Big Data und Analytics sind die Treiber, um immer mehr Rechenleistung nah an Nutzer, Maschinen und Fahrzeugen zu bringen. Beim Thema Edge Computing haben unsere Recherchen ergeben, dass Edge Computing-Rechenzentren in der Regel aus zwei bis zehn Racks bestehen. Dafür eignen sich Module im RZ-Container wiederum bestens, da diese schnell und mit der ausreichenden Leistung skalierbar zur Verfügung gestellt werden können.

IT-DIRECTOR: Bleiben wir beim Thema Edge Computing: In den letzten Jahren wurde IT-seitig alles zentralisiert, jetzt wird wieder alles dezentral bereitgestellt. Warum dieser Paradigmenwechsel?
M. Kipping:
Rechenoperationen wie zum Beispiel bei Analytics oder im Internet der Dinge benötigten extrem kurze Latenzzeiten. Hier macht eine dezentrale Ausrichtung am meisten Sinn. Die enormen Datenmengen können nicht ohne Latenzprobleme in einem zentralen Rechenzentrum verarbeitet werden. In Zukunft werden sich aber zunehmend hybride Betriebsmodelle durchsetzen. So betreiben insbesondere Großunternehmen ihre IT nach wie vor selbst in zentralen Rechenzentren. Andere Kunden hingegen wollen sich allein um ihr Kerngeschäft kümmern und setzen auf Outsourcing, Colocation oder Cloud-Services. Doch egal, für welches Betriebsmodell sich die Kunden entscheiden – wir können RZ-Module an den eigenen Standorten der Kunden, in externen Rechenzentren oder auch in einem Cloud-Park installieren und betreiben. Dies sorgt für hohe Flexibilität sowie Skalierbarkeit und ist zu 100 Prozent auf die Kundensituation zugeschnitten.

IT-DIRECTOR: Was spricht für Cloud-Parks?
M. Kipping:
Natürlich wird es auch in Zukunft noch Colocation und Hosting geben, wobei man sich trotzdem um vieles selber kümmern muss. Zudem sind die Kunden teils an langwierige Verträge gebunden sind und können nicht innerhalb kürzester Zeit auf neue Server-Ressourcen zugreifen. Es fehlt die Flexibilität. Diese erreichen wir mit dem BCC, das unseren Kunden Rechenkapazität nach Bedarf zur Verfügung stellt. So zahlen die Kunden nur für ihren tatsächlichen Verbrauch. Die BCCs werden wir perspektivisch in so genannten Cloud Parks errichten. Dort können wir sie schnell und nach Bedarf auf Container-Basis skalieren. Solche Parks könnten beispielsweise auf alten Industrieflächen entstehen, die nicht mehr genutzt werden, zugleich aber noch über ausreichend Stromkapazität verfügen. Alternativ könnten die Module auch beim Kunden vor Ort entstehen.

IT-DIRECTOR: Wie sehen die Container im Detail aus?
M. Kipping:
Wir bieten zwei Varianten an: Zum einen All-in-One-Lösungen, die ein komplettes Rechenzentrum umfassen – inklusive Kühlung, USV, Monitoring und Brandschutz. Zum anderen gibt es die so genannten Building Blocks, die allein als IT-, Power- oder Cooling-Container einsetzbar sind und miteinander kombiniert werden können. Wir stellen uns hier ganz auf die Bedürfnisse und die Situation der Kunden ein.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 10/2016. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Des Weiteren können die Kunden wählen, ob sie einen Container inklusive Hardware- und Software-Lösung benötigen. Damit erhalten Kunden ein schlüsselfertiges Cloud-Rechenzentrum, bei dem die Komponenten wie Racks, Klimatisierung und Stromversorgung als vordefinierte Module verfügbar sind. Die Besonderheit hierbei: Server, Netzwerk und Storage sind im Lieferumfang enthalten und bereits vorkonfiguriert. Dies ermöglicht die Konnektivität mit verbreiteten Standardlösungen wie SAP Hana oder Microsoft. Zunächst  bieten wir sechs verschiedene Plattformen an, zum Beispiel eine HPC- oder SAP-HANA-Plattform.

IT-DIRECTOR: Welche Hardware können die Kunden in den RZ-Modulen nutzen?
M. Kipping:
Jede. Zudem funktioniert auch das Cloud-Konzept unseres Partners iNNOVO Hardware-unabhängig, sodass die Kunden auf Premium-Hersteller wie Cisco und HP oder auch auf andere Produkte von Supermicro oder Quanta setzen können.

IT-DIRECTOR: Können Sie bereits Referenzen nennen?
M. Kipping:
Zu den ersten Kunden des BCCs zählt das CERN in der Schweiz, einer der Vorreiter beim Einsatz von OpenStack im HPC-Umfeld.
Des Weiteren haben wir im Rahmen eines HPC-Projektes mit einem deutschen Kunden ermittelt, dass dieser mit dem Umzug seiner IT nach Norwegen und der Nutzung unserer RZ-Module inklusive Hardware bis zu 30 Prozent der jährlichen Opex-Kosten sparen könnte. Aufgrund dessen lassen sich HPC-Szenarien sehr gut mit dem Betrieb in der Mine kombinieren. Denn je mehr Leistung benötigt wird, desto effizienter und kostengünstiger ist der RZ-Betrieb in der Lefdal Mine. Wir entwickeln aktuell Module, die eine Leistung von 30 KW pro Rack realisieren können. Für deren Kühlung werden wir ebenfalls das vorhandene Fjordwasser nutzen. Selbstverständlich haben wir auch geprüft, dass es zu keiner Erwärmung des Fjords kommen wird.

IT-DIRECTOR: Sie hatten das Thema Latenzzeiten schon einmal angesprochen. Arbeiten die Mitarbeiter mit Applikationen wie Office oder CRM-System, sind kurze Reaktionszeiten der Software gefordert. Wie lange dauert die Datenübertragung nach Skandinavien?
M. Kipping:
Momentan liegt die offiziell bestätigte Latenzzeit nach Norwegen bei 22 Millisekunden. Zum Vergleich: Die Latenzzeit einer Übertragung von Deutschland in ein Londoner Rechenzentrum beträgt 17 Millisekunden. Ist man weder im Börsengeschäft noch im Aktienhandel unterwegs, reichen diese Latenzzeiten für Geschäftsanwender definitiv aus. Zudem werden sich die Übertragungsraten künftig weiter verbessern.

IT-DIRECTOR: Lassen Sie uns abschließend einen Blick nach vorne werfen: Welche Schwerpunkte wollen Sie künftig setzen?
M. Kipping:
Das Projekt in Norwegen und die Cloud-Partnerschaft mit iNNOVO zeigen, in welche Richtung sich Rittal weiterentwickeln wird. Wir entwickeln uns vom reinen Rack- und Infrastruktur-Lieferanten zu einem Lösungsanbieter, der den Kunden je nach Bedarf verschiedene IT-Szenarien aus einer Hand anbieten kann. Dabei kann es sich um Infrastruktur-, RZ-Flächen- bzw. IT-as-a-Service-Angebote handeln. Somit sprechen wir mit unseren Kunden nach wie vor über physikalische Infrastrukturen, gleichzeitig beherrschen wir jedoch auch Themen wie IT as a Service – innerhalb von Capex bis Opex-Modellen.


Martin Kipping

Alter: 44 Jahre
Hobbys: Volleyball, Reisen, Mountainbiking
Werdegang: Nach dem Studium in Siegen realisierte Martin Kipping zahlreiche Rechenzentrumsprojekte im In- und Ausland. Neben dem internationalen IT-Projektgeschäft verantwortet der studierte Diplom-Ingenieur die neuen strategischen Geschäftsmodelle des Unternehmens.
Derzeitige Position: Director International IT-Projects bei Rittal


Das Lefdal Mine Datacenter (LMD)
Hintergrund: ehemalige Mineralienmine in Måløy, rund 500 Kilometer nordwestlich von Oslo
Fläche: 120.000 Quadratmeter, fünf Ebenen unter der Erde; Tier-3-Rechenzentrum nach Uptime Institute
Standortvorteile: u.a. Nutzung erneuerbarer Energien, Kühlung via Meerwasser aus angrenzenden Fjord (ø 8°C), PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) von 1,08 bei einer Auslastung von fünf Megawatt


Bildquelle: Michael Koch

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