Individualsoftware nicht uneingeschränkt releasefähig

Anpassungen im ERP-Standard

Viele Prozesse lassen sich heute im Standard einer ERP-Lösung umsetzen, kleinere Anpassungen sind dann in der Regel kein Problem. Wann es sich dennoch lohnt, eine Individualsoftware in Betrachtet zu ziehen, berichtet Christian Leopoldseder, Vice President Operations bei Asseco Solutions.

Christian Leopoldseder, Asseco Solutions

„Individuell angepasste Software ist in den meisten Fällen nicht uneingeschränkt releasefähig, sodass vorgenommene Anpassungen unter Umständen nicht auf Anhieb mit einer neuen Softwareversion kompatibel sind", weiß Christian Leopoldseder von Asseco Solutions.

ITM: Herr Leopoldseder, nahezu jedes Unternehmen steht irgendwann einmal vor der Entscheidung "Standard oder Individualsoftware" – dies betrifft vor allem ERP-Systeme. Anhand welcher Kriterien lässt sich eine Auswahl treffen?
Christian Leopoldseder:
Zunächst einmal muss man sich bewusst machen, dass die Anforderungen an ERP-Systeme aktuell immer stärker ansteigen – nicht zuletzt die großen IT-Trends wie Mobility oder Industrie 4.0 tragen hierzu bei. Immer mehr Fremdsysteme müssen an das zentrale ERP-System angeschlossen werden, sei es das IT-System des Lieferanten, der Webshop oder die Maschine in der Werkshalle. Das alles durch individuelle Anpassungen abzubilden, kostet enorm viel Zeit, Ressourcen und finanzielle Mittel. In solchen komplexen Szenarien sind Unternehmen daher mit dem Standard deutlich besser beraten, zumal sich dieser schneller einführen lässt: Alle Standardprozesse sind bereits im System vorhanden und müssen nicht erst zeitaufwendig neu entwickelt werden. Sprechen wir hingegen von der Einführung einer klar umgrenzten Lösung, beispielsweise eines klassischen Warenwirtschaftssystems, das klar definierte Bereiche wie Angebote, Aufträge, Rechnungen oder Bestellwesen abdecken soll, kann eine individuelle Anpassung durchaus Sinn haben. Hier empfiehlt es sich, auf die am Markt vorhandenen Frameworks zurückzugreifen.

ITM: Welche grundsätzlichen Vorteile bieten die Software-Versionen? Mit welchen Nachteilen haben Mittelständler häufig zu kämpfen?
Leopoldseder:
Aktuell steigen die Anforderungen am Markt sowie die Ansprüche der Kunden immer stärker und schneller an. Um dem bestmöglich gerecht zu werden, brauchen Unternehmen eine Softwarelösung, die sich ebenso schnell und flexibel weiterentwickeln kann wie das eigene Unternehmen. Da Updates bei Standardsoftware deutlich einfacher durchzuführen sind, bietet die Nutzung des Standards hier natürlich einen klaren Vorteil. Individuell angepasste Software hingegen ist in den meisten Fällen nicht uneingeschränkt releasefähig, sodass vorgenommene Anpassungen unter Umständen nicht auf Anhieb mit einer neuen Softwareversion kompatibel sind. Der Aufwand bei der Migration auf eine neue Version ist hier entsprechend höher. Auf der anderen Seite ist eine individuell angepasste Software natürlich viel besser in der Lage, auch ganz spezifische Prozesse eines Unternehmens widerzuspiegeln. Der Vorteil besteht somit darin, dass hier auch Bereiche vom ERP-System abgedeckt werden können, die sich mit einer reinen Standardlösung nicht im System abbilden ließen.

ITM: Nicht selten entscheidet sich ein Unternehmen für Standardsoftware, um dann an nicht wenigen Stellen nachzujustieren. Welche Rolle spielt das Customizing?
Leopoldseder:
Das ist in der Tat eine recht verbreitete Vorgehensweise. Generell werden ERP-Lösungen jedoch immer mächtiger, sodass sich die meisten Standardprozesse in der Regel auch problemlos im Standard abbilden lassen. Falls notwendig, können anschließend kleinere Optimierungen per Customizing durchgeführt und damit die Passgenauigkeit der Lösung weiter abgerundet werden. In den meisten Fällen bewegen sich diese Anpassungen allerdings auf der Ebene der Präsentationsschicht und reichen nicht bis in die Business-Logik. Dies ist vor allem auch aus dem Grund wichtig, da die Releasefähigkeit der Lösung so weit wie möglich erhalten bleiben muss, sodass Unternehmen jederzeit ohne größeren Aufwand auf eine neue Softwareversion umsteigen können.

ITM: In welchen Situationen ist es empfehlenswert, den Prozesse der Software anzupassen und nicht umgekehrt?
Leopoldseder:
Für Standardprozesse ist es grundsätzlich sinnvoll, den Software-Standard zu nutzen, auch wenn dies bedeutet, dass sich das Unternehmen eventuell in manchen Abläufen ein wenig an die ERP-Lösung anpassen muss. Der Standard bringt den Vorteil mit sich, bei Bedarf jederzeit updatefähig zu sein und somit kontinuierlich von neuen Funktionen oder Verbesserungen in neuen Versionen profitieren zu können. Gerade Prozesse, die mit den Alleinstellungsmerkmalen eines Unternehmens verbunden sind, zeichnen sich auf der anderen Seite jedoch häufig durch innovative Herangehensweisen aus und lassen sich daher nicht immer optimal im Standard abbilden. In diesen Fällen ergibt es natürlich Sinn, die Software an die Abläufe anzupassen, nicht umgekehrt.

ITM: Standardsoftware wird oft ein Kostenvorteil nachgesagt, trifft dies tatsächlich zu?
Leopoldseder:
Das ist in der Tat korrekt. Standardsoftware ist in Bezug auf die Gesamtbetriebskosten, beziehungsweise „total cost of ownership“, deutlich günstiger. Zudem profitieren die Kunden von einem leichteren Umstieg auf neue Produktversionen: Hierfür werden weniger Zeit und Ressourcen benötigt, wodurch sich quasi auch auf indirektem Weg Kosten einsparen lassen. Darüber hinaus können neue Funktionen oder Fehlerbehebungen Prozesse optimieren, wovon Unternehmen unter Umständen ebenfalls finanziell profitieren.

ITM: Welchen Tipp können Sie Mittelständlern geben, die vor der Entscheidung „Standard- oder Individualsoftware“ stehen geben?
Leopoldseder:
Hier lautet unsere Empfehlung ganz klar: Informieren Sie sich zu Referenzlösungen ähnlicher Firmen! Wie haben diese ihre Prozesse umgesetzt? An welchen Stellen gab es Schwierigkeiten? Was gilt es zu beachten? Besonders wichtig ist darüber hinaus, darauf zu achten, dass der Software-Anbieter sowie dessen Berater über umfangreiches Branchen-Know-how verfügen. Nur dann sind sie auch tatsächlich in der Lage, ihre spezifischen Anforderungen im Detail zu verstehen und optimal auf diese einzugehen.

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