„Eine Menge Holz für die Unternehmen“

Auf dem Weg zur Smart Factory

„Smart Factories werden sich sehr stark von den heutigen Betrieben unterscheiden“, betont Prof. Dr. Werner Bick, Generalbevollmächtigter der Roi Management Consulting AG, im Interview. „Vielleicht so stark wie einst elektrisierte Fabriken von Manufakturen der Renaissance.“ Auf dem Weg dorthin sei fachkundige Beratung durchaus von Vorteil.

Prof. Dr. Werner Bick, Generalbevollmächtigter der Roi Management Consulting AG

„Man muss vor allem die Balance finden zwischen der großen Vision und dem bescheidenen Anfang. Und man muss diese Balance halten“, betont Prof. Dr. Werner Bick, Generalbevollmächtigter der Roi Management Consulting AG, im Interview zum Thema „Industrie 4.0 im Mittelstand“.

ITM: Herr Prof. Dr. Bick, inwieweit sind digitalisierte, automatisierte und vernetzte Prozesse bereits in mittelständischen Betrieben verankert?
Prof. Dr. Werner Bick:
Eine vollständige Digitalisierung von Prozessen und auch von Produkten – in diesem Zusammenhang wird häufig von „Digital Twins“ gesprochen – ist generell an sehr anspruchsvolle Voraussetzungen gebunden, insbesondere bei der Echtzeiterfassung und der Analyse der gewaltigen Datenmengen. Diese Entwicklung ist in der Fläche noch nicht im Mittelstand angekommen. Auch die Vernetzung von Prozessen hat noch einen langen Weg vor sich. Vollständig vernetzte Prozesse ergeben in der Konsequenz eine vollständig autonome, dezentrale und selbststeuernde Fabrik – eine Smart Factory. Das ist gewissermaßen der Fluchtpunkt der Industrie 4.0, die große Vision. Alle Unternehmen, nicht nur der Mittelstand, stehen dabei erst am Anfang. Solche Smart Factories werden sich sehr stark von den heutigen Betrieben unterscheiden, vielleicht so stark wie einst elektrisierte Fabriken von Manufakturen der Renaissance.

ITM: Ist es nicht so, dass die Prozesse in den Produktionen schon recht lange automatisiert und vernetzt sind und dieser Tage aber als „Industrie 4.0“ gehypt werden?
Bick:
Natürlich gibt es schon seit Jahrzehnten automatisierte Werkzeugmaschinen, Roboter und IT-Systeme in der Produktion. Aber es sind erst die vorhandenen und bezahlbaren Technologien wie Cloud und Mobile Computing, Künstliche Intelligenz und Deep Learning, neue Konnektivitätslösungen und sehr leistungsfähige Datenbanken und Prozessoren, die eine Umsetzung des Industrie-4.0-Konzepts möglich machen. Das Label selbst ist nicht entscheidend. Aber es ist offensichtlich, dass sich diese Entwicklung in den letzten fünf Jahren exponentiell beschleunigt hat.

ITM: Welchen Stellenwert besitzt demnach Industrie-4.0-Beratung im Mittelstand? Inwieweit benötigen mittelständische Unternehmen überhaupt konkrete Beratung in diesem Bereich?
Bick:
Die Bedeutung des Themas wächst natürlich, denn immer mehr mittelständische Unternehmen wissen inzwischen, dass die Digitalisierung ihnen helfen kann, effizienter und flexibler zu werden, schneller zu reagieren, sich besser auf die Kundenabforderungen einzustellen oder auch ganz neue Geschäftspotentiale zu erschließen. Dafür bedarf es jedoch vieler Kompetenzen. Man muss sowohl die bestehenden Strukturen und Prozesse kennen und verstehen als auch die neuen Technologien, über Software-Know-how verfügen und auch die Klaviatur des Lean-Managements beherrschen. Man braucht eine klare Vision und Strategie und auch eine Vorstellung darüber, wie der Transformationsprozess auf organisatorischer und kultureller Ebene gesteuert werden muss. Man muss die Balance zwischen „Think big“ und „Start small“ halten und in der Lage sein, Pilotprojekte gegebenenfalls global auszurollen. Es bedarf neuer Kooperationen und des Wissens um Benchmark-Projekte, sowohl in der eigenen als auch in anderen Branchen. Das ist schon eine Menge Holz für ein einzelnes Unternehmen – da ist fachkundige Beratung durchaus von Vorteil.

ITM: Worin bestehen die Herausforderungen bei der Entwicklung eines Konzepts für „Industrie 4.0 und IoT“ sowie der Implementierungs-Roadmap?
Bick:
Wie gesagt – man muss vor allem die Balance finden zwischen der großen Vision und dem bescheidenen Anfang. Und man muss diese Balance halten. Das ist nicht trivial, denn das sind ja ganz verschiedene Logiken, die man da zusammenbringen muss. Darüber hinaus kann die Digitalisierung nur erfolgreich sein, wenn sie auf guten Strukturen aufsetzt. Die Digitalisierung heilt ja keine schlechten Prozesse – sondern macht sie nur digital. Das zeigt sich leider immer wieder.

ITM: Welche Rolle spielen die Mitarbeiter auf dieser „digitalen Reise“ eines Unternehmens?
Bick:
Sie spielen eine entscheidende Rolle, denn es ist ja nicht so, dass man eines Morgens in die Fabrik kommt und dann ist Industrie 4.0 umgesetzt. Die Digitalisierung ist ein Wandel, der „bottom up“ und aus der Fläche kommt: aus vielen Pilotprojekten, aus Versuchen, Experimenten, Initiativen. Wer soll denn diese Initiativen zum Laufen bringen? Die Digitalisierung macht den Menschen nicht überflüssig, das ist ein völlig schiefes Bild.

ITM: Was zeichnet einen guten Dienstleister im Bereich „Industrie 4.0/IoT“ letztlich aus? Worauf sollten Mittelständler achten, wenn sie sich entsprechende Hilfe suchen?
Bick:
Es kommt sehr stark auf die Aufgabe des Dienstleisters an. Wenn man Unterstützung bei der Formulierung der Vision für die Digitalisierung sucht, sind andere Fähigkeiten gefragt, als wenn man im Rahmen eines bestehenden Konzepts für die Einführung von Software-Lösungen verantwortlich zeichnet. Ansonsten habe ich bereits das sehr breite Spektrum der Anforderungen bei einem Digitalisierungsprojekt beschrieben. Generell denke ich, dass es wichtig ist, wenn der Dienstleistungspartner im Kontext von Industrie 4.0 und IoT kein reiner Theoretiker ist: Wer keine Hands-on-Expertise besitzt, kein konkretes Verständnis für die wichtigsten Technologien, kann auch keine nachhaltige Strategie entwerfen. Gleichzeitig sollte der Berater aber auch kein reiner Praktiker sein, dem der Blick für die Rahmenbedingungen und den strategischen Kontext fehlt. Auch hier ist also die Balance der kritische Faktor.

Bildquelle: Roi Management Consulting

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