Zahlungsfluss über Ländergrenzen hinweg

Beitreibung offener Forderungen

Im Interview erklärt Stefan Cohrs, Head of Eos Cross-Border Center, wie offene Forderungen über Ländergrenzen hinweg eingetrieben werden und sich Unternehmen grundsätzlich gegen Liquiditätsengpässe schützen können.

Stefan Cohrs, Eos

„Der Umgang mit der landesspezifischen Gesetzeslage stellt eine große Herausforderung im Auslandsgeschäft dar“, weiß Stefan Cohrs, Head of Eos Cross-Border Center.

ITM: Herr Cohrs, welche Stolpersteine können den Zahlungsfluss über Ländergrenzen hinweg grundsätzlich ins Stocken bringen? Sind die Ursachen eher beim Rechnungssteller, -empfänger oder Übermittler zu suchen?
Stefan Cohrs:
Es gibt einige Stolpersteine, die den Zahlungsfluss über Ländergrenzen hinweg ins Stocken bringen können. Sprachliche Barrieren, fremde Mentalitäten und andere Gesetzeslagen stellen die Herausforderungen in internationalen Handelsbeziehungen dar. Die Ursachen für Zahlungsverzögerungen können bei dem Rechnungssteller liegen. Hat er seine Rechnung etwa nicht korrekt aufgestellt und das Zahlungsziel nicht klar definiert, entstehen Unklarheiten zur Fälligkeit. Zahlungsziele sollten im Rahmen der lokal üblichen Fristen liegen. Da die üblichen Fristen von Land zu Land teils stark variieren, kann dies auch zur Verwunderung beim Rechnungsempfänger führen und den Zahlungsfluss ins Stocken bringen. Wenn Geschäftskunden Rechnungen verspätet oder gar nicht begleichen, liegt es häufig an eigenen Liquiditätsengpässen und Zahlungsausfällen. In der Regel zahlen Geschäftskunden pünktlicher als Privatpersonen. Im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung ermöglicht der Online-Handel auch vielen Privatpersonen im Ausland einzukaufen. Um sprachliche Hürden und Missverständnisse zu vermeiden, sollte der Rechnungsempfänger idealerweise eine Rechnung in seiner Landessprache erhalten. Dies kann oft von dem Rechnungssteller nicht geboten werden und stellt ein Risiko dar, den Zahlungsfluss zu gefährden. Eine große räumliche Distanz zwischen Käufer und Verkäufer kann dem Rechnungsempfänger außerdem das Gefühl vermitteln, die Rechnung nicht in Dringlichkeit begleichen zu müssen, da angenommen wird, dass die Forderung aus einem anderen Land heraus nur schwer eingefordert werden kann. Auch muss sichergestellt werden, dass eine Rechnung bei dem Empfänger ankommt. So ist es enorm wichtig, richtige und vollständige Adress- und Kontaktdaten vom Kunden vor Geschäftsabschluss einzufordern. Als einer der Hauptgründe für den Zahlungsverzug von Privatkunden in Europa wird die Arbeitslosigkeit gesehen.

ITM: Welche Rolle spielen hierbei etwa kulturelle Besonderheiten?
Cohrs:
Die repräsentative Eos-Studie 2015 „Europäische Zahlungsgewohnheiten“ zeigt, dass es erhebliche Unterschiede in den Zahlungsfristen und in der Termintreue der verschiedenen Länder in Europa gibt. Spanische Unternehmen gewähren in diesem Jahr durchschnittlich 19 Tage weniger zur Rechnungsbegleichung als noch 2014. Im westeuropäischen Vergleich sind sie mit einer Frist von 45 Tagen dennoch weiterhin Schlusslicht. In Osteuropa liegt das Zahlungsziel für Geschäftskunden mit 40 Tagen deutlich über dem westeuropäischen Mittel von 35 Tagen. Vor allem hohe Werte in Griechenland (51 Tage), aber auch in Russland (41 Tage) und der Slowakei (40 Tage) sind dafür verantwortlich. Rechnungen werden in Europa zunehmend termingerecht beglichen – Deutschland hat die höchste Termintreue in Europa und osteuropäische Unternehmen sind häufiger von Zahlungsverzug betroffen. Polen und Ungarn, als osteuropäische Länder mit den kürzesten Zahlungszielen, haben die höchste Zahlungstreue.

ITM: Wie kann der Rechnungssteller bei einem Forderungsausfall seinen Anspruch auch international geltend machen und sein Geld eintreiben, wenn im Land des Rechnungsempfängers z.B. ein anderes Rechtssystem herrscht? Welches Rechtssystem gilt letztlich?
Cohrs:
Der Umgang mit der landesspezifischen Gesetzeslage stellt eine große Herausforderung im Auslandsgeschäft dar, schließlich kennt man sich im eigenen Land aus, hat aber oft nicht ausreichend Kenntnisse über ausländische Rechtssysteme. Die Beitreibung einer Forderung ist in der Regel erfolgreicher, wenn die Ansprache des Schuldners und die Inkassomaßnahmen lokal, also im Land des Schuldners, erfolgen. Ein zuverlässiger Inkassopartner oder Anwalt vor Ort kann eine reibungslose Kommunikation zum Schuldner in Landessprache gewähren und kennt sich mit den landestypischen Gegebenheiten und Gesetzen aus. Sollte eine Forderung nicht vorgerichtlich geklärt werden können, können rechtliche Maßnahmen initiiert werden. Hierfür ist eine enge Abstimmung zwischen dem Rechnungssteller und dem Inkassopartner bzw. Anwalt im Schuldnerland erforderlich, da die Grundlage eines solchen Gerichtsverfahrens aus den Vertrags- und Rechnungsdokumenten des Rechnungsstellers stammt, der Prozess allerdings unter Anwendung des lokalen Rechts im Land des Schuldners stattfindet.

ITM: Inwieweit gibt es hier bereits Standardisierungen? Wie könnten die Zahlungsströme weiterhin beschleunigt werden?
Cohrs:
Die Europäische Union bemüht sich seit einigen Jahren um Standardisierungen und hat bereits zwei EU-Instrumente zur grenzüberschreitenden Titulierung eingeführt: Der Europäische Zahlungsbefehl wurde zur Vereinfachung und Beschleunigung grenzüberschreitender Verfahren im Zusammenhang mit unbestrittenen zivil- oder handelsrechtlichen Geldforderungen und zur Verringerung der Verfahrenskosten eingeführt. Der Europäische Zahlungsbefehl wird in allen Mitgliedstaaten mit Ausnahme Dänemarks anerkannt und vollstreckt, ohne dass es einer Vollstreckbarerklärung bedarf. Das europäische Verfahren für geringfügige Forderungen gilt für grenzüberschreitende Streitigkeiten in Zivil- und Handelssachen, in denen die Höhe der Forderungen 2.000 Euro nicht überschreitet. Das Verfahren ist seit 2009 in allen Staaten der Europäischen Union mit Ausnahme Dänemarks anwendbar und steht den Bürgern als Alternative zu den in den Mitgliedstaaten bestehenden innerstaatlichen Verfahren zur Verfügung.

ITM: Wie können sich Mittelständler grundsätzlich gegen Forderungsausfälle und generelle Liquiditätsengpässe schützen, um nicht in Finanznot zu geraten?
Cohrs:
Die Eos-Studie belegt: Gut jedes achte Unternehmen in Westeuropa (13 Prozent) und nahezu jedes siebte in Osteuropa (15 Prozent) gerät aufgrund des jährlichen Zahlungsausfalls in existenzielle Schwierigkeiten. Aus mehreren kurzfristigen Liquiditätsengpässen entsteht schnell eine existenzbedrohliche Situation. Bietet der Verkäufer seinen Kunden nur eingeschränkte Zahlungsmodalitäten an, z.B. Vorkasse, senkt er das Risiko von Forderungsausfällen, muss aber zugleich womöglich auf Neugeschäft verzichten. Die Zusammenarbeit mit einem globalen Inkassospezialisten bietet sich an. Möglichst frühes Outsourcing von offenen Forderungen an Spezialisten reduziert das Risiko von Zahlungsausfällen, führt Liquidität zurück und beugt Nachteile für den Kunden vor, wie etwa Preiserhöhungen oder eingeschränkte Zahlungsmodalitäten.

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok