Neue Dercom-Vorstände im Doppelinterview

Die CMS-Welt ist im Wandel

AR, Chatbots und Alexa stellen heute andere Anforderungen an Redaktionssysteme. Carl Pfeffer und Sebastian Göttel, die im März 2019 neu gewählten Vorstände des Verbandes Deutscher Redaktions- und Content Management Systemhersteller Dercom, berichten im Doppelinterview über zukünftige Chancen der Branche.

  • Carl Pfeffer, Dercom

    Redaktionssysteme müssen heute viel mehr leisten, als es noch vor wenigen Jahren der Fall war. ((Bild: Gettyimages/iStock))

  • Carl Pfeffer, Dercom-Vorstand

    Carl Pfeffer, Dercom-Vorstand ((Bild: Sputnik))

  • Sebastian Göttel, Dercom

    Sebastian Göttel, Dercom ((Bild: Sputnik))

ITM: Herr Pfeffer, wie sehen Sie die Zukunft der Redaktionssysteme in Deutschland?
Carl Pfeffer:
In der Branche bewegt sich im Augenblick unglaublich viel. In der Vergangenheit waren Redaktionssysteme eher nach innen gerichtet. Es ging um Effizienzsteigerung in der Redaktion und um die optimale Erstellung und Verwaltung von Dokumenten. Seit geraumer Zeit können wir verfolgen, dass man sich in den Prozessen von den Dokumenten löst. Die Frage ist, was mit den im Redaktionssystem enthaltenen wertvollen Informationen geschieht. Ein Redaktionssystem muss heute mehr leisten, als eine Information zu verwalten und zum passenden Zeitpunkt auszugeben.

ITM: Was müssen Redaktionssysteme heute bieten?
Pfeffer:
Die offensichtliche Antwort ist Content Delivery. Content Management ohne Content Delivery macht auch sicher keinen Sinn. Aber wir müssen schauen, was im Rest der Welt passiert. Letztlich geht es den Kundenunternehmen unserer Branche darum, rund um ihre Produkt- und Servicekommunikation alles richtig zu machen. Ein Blick über den Tellerrand bis ins europäische und weltweite Ausland ist wichtig für unsere Mitglieder, um mithalten zu können. In anderen Regionen ist die Cloud-Kommunikation auf einem anderen Level als wir das in der DACH-Region überwiegend kennen. Themen von wachsender Bedeutung sind Enterprise Search, Ontologien, Graph Daten oder semantische Strukturen, andere Methoden als aus der klassischen CRM-Welt.

Sebastian Göttel: Vor zehn Jahren war es bereits damit getan, eine Ausleitung zu machen, die es ermöglichte, Inhalte ins Web oder auf das Maschinen-Panel zu stellen. Jetzt bewegen wir uns in eine Welt hinein, wo Augmented Reality, Chatbots oder eine Verbindung zu Sprachassistenten wie Alexa Thema sind. Das sind Dinge, die unsere Verbandsmitglieder und deren Kunden beschäftigen. Zunächst müssen die Daten jedoch strukturiert und nutzbar gemacht werden. Auf der Ebene des Interfaces ist dann nahezu alles möglich. Dafür sind neue Zugänge und Strukturen innerhalb des Contents nötig. Diese gemeinsam zu entwickeln, wird eine unserer zukünftigen Aufgaben sein.

ITM: Mit COTI wurde die Einführung einer Schnittstelle für den automatisierten Datenaustausch von Übersetzungsaufträgen eingeführt. Wo steht diese Entwicklung heute?
Pfeffer:
COTI ist am Markt Realität geworden. Die Schnittstelle zwischen Redaktions- und Übersetzungsmanagementsystemen ist bei den meisten Redaktionssystemen unserer Mitglieder umgesetzt und auch schon in Projekten eingeführt. Sie ist vielfach Standard.

Göttel: Wir beobachten, dass immer mehr Translation-Memory-Systemhersteller die Schnittstelle implementieren. Das ist sehr erfreulich, aber auch logisch. Schließlich wollen die Hersteller sich nicht mit zahlreichen verschiedenen Redaktionssystemen über Einzelschnittstellen verbinden, sondern den Standard nutzen.

ITM: Auch der Intelligent Information Request and Delivery Standard (iiRDS) ist derzeit ein großes Thema. Wie sehen Sie diesen Standard?
Göttel:
Bei iiRDS liegt noch viel Arbeit vor uns. Das System muss sich in der Praxis bewähren. Im iiRDS-Konsortium sind wir nur eine Stimme von vielen. Umso wichtiger ist es, dass sich die Hersteller von Redaktionssystemen im Dercom austauschen und organisieren.

ITM: Sie haben bei Ihrem Amtsantritt den Ausbau der Normenkonformität des iiRDS für spezifische Nutzergruppen als wichtiges Ziel formuliert, insbesondere in Bezug auf die VDI-Richtlinie 2770. Gibt es hier bereits Fortschritte?
Pfeffer:
Wir gehen davon aus, dass die Konformität zur VDI-Richtlinie 2770 im Herbst, wenn diese live geht, bestätigt wird. Der Standard des Maschinen- und Anlagenbaus beschreibt, wie Dokumente und Herstellerinformationen mit Metadaten beschaffen sein müssen, damit ein Zulieferer direkt in eine komplexe Anlage liefern kann. iiRDS muss diese Beschaffenheit der Informationen gewährleisten.

Göttel: Schon heute wird der iiRDS bei Ausschreibungen von Redaktionssystemen gefordert. In Zukunft soll die VDI 2770 im deutschsprachigen Raum bei großen Unternehmen auch in den Einkaufsbedingungen hinterlegt werden. Hier wird dann eine Dokumentation entsprechend dieser Richtlinie gefordert. Daher ist es wichtig, dass der Zulieferer diese Dokumentation vorweisen kann. Wenn er dabei iiRDS berücksichtigt, ist folglich auch die Konformität zur VDI 2770 sichergestellt.

ITM: Welche Rolle spielt die Normenkonformität des iiRDS in anderen Bereichen?
Pfeffer:
Der Anlagen- und Maschinenbau ist sicherlich zentral. Bei Wartung und Service beispielsweise spielt der iiRDS seine großen Vorteile aus. Aber auch in der Consumer Technology kann der Standard hilfreich sein. Wir müssen die Richtlinien der Zukunft im Blick behalten und entsprechend auch dort auf Konformität achten.

ITM: Wie sehen Sie die Rolle des Dercom heute und in Zukunft?
Pfeffer:
Der DERCOM steht für die Zukunft der Redaktionssysteme. Diese Zukunft wird zur Ausweitung unserer Verbandsarbeit unter anderem mit neuen Mitgliedern führen. Die Trends z.B. Richtung Content Delivery müssen sich in einer Ausweitung der Verbandsarbeit widerspiegeln. Ein weiteres wichtiges Thema bleibt die Weiterentwicklung und Verbreitung von Informationsstandards. Unser Marktplatz ist und bleibt die Produktinformation in Digitaler Transformation. Das sind Aufgaben des Dercom, eines Verbands, der sich vielleicht weiterentwickeln sollte von einer Vertretung unserer Industrie zu einer aktiven Unterstützung der Digitalen Transformation und der Industrie 4.0.

Bildquelle: Dercom

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