Miitelstand und Corona

Die Krise stemmen

Das griechische Wort „krisis" beschreibt nicht einfach nur eine schwierige, mitunter gar hoffnungslose Situation, sondern auch den Höhe- und damit Wendepunkt einer gefährlichen Lage.

Gewichtheber

Der Mittelstand als Rückgrat der deutschen Wirtschaft wird zum Taktgeber, wenn es darum geht, den Weg aus der Krise zu finden.

Es ist richtig, auf die krisenhaften Auswirkungen der Corona-Pandemie hinzuweisen, denn viele Unternehmen kämpfen in der aktuellen Situation um ihr Überleben oder müssen im weniger schlimmen Fall mit spürbaren Umsatzrückgängen umgehen. Sie alle benötigen unsere Unterstützung – in Form eines Konjunkturprogramms und branchenspezifischen Stützungsaktionen, aber, und das ist nicht nur unsere Sicht, besonders auch in Form moderner digitaler Technologien.

Der Mittelstand ist das Rückgrat unserer Volkswirtschaft. „Mit knapp 2,5 Millionen“, weiß das Statistische Bundesamt, „zählte 2017 die überwiegende Mehrheit (99,3 Prozent) der Unternehmen zu den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU)“. Das weiß auch die Welt, in der Traditionsbranchen wie der Maschinenbau aus Deutschland nach wie vor führend sind. Viele KMUs sind „Hidden Champions“ und leben als Weltmarktführer vom globalen Export erstklassiger Spezialmaschinen. Vom Fahrzeugmotor bis zum Flugzeugrumpf steht „Made in Germany“ noch immer für deutsche Wertarbeit.

Der klassische deutsche Mittelstandsbetrieb zeichnet sich durch Beständigkeit sowie nachhaltig angelegte Finanzierungs- und Entwicklungsstrategien aus. Er verfolgt in der Regel langfristige Wachstumsziele und versucht, die geschäftlichen Ziele mit den Interessen der Mitarbeiter*innen und weiterer Stakeholder in Einklang zu bringen. Diese gelebte Praxis, das können wir getrost so festhalten, ist über viele Jahre ein echtes Erfolgsrezept gewesen, aber nicht nur in der Corona-bedingt schwierigen Zeit droht es uns auszubremsen.

Digitalisierung macht den Unterschied

Die Digitalisierung und das Zusammenwachsen (Konvergenz) von physischer und virtueller Welt beeinflussen nicht nur die gesamte Wertschöpfungskette eines Unternehmens von der Kundenakquise über Produktion, Vertrieb und Logistik bis hin zum Personal. Sie bestimmt sie auch zunehmend und macht im internationalen Wettbewerb immer häufiger den Unterschied.

Das wissen die mittelständischen Unternehmen, glaubt man der European SME Survey der KfW von 2019: Mehr als jedes zweite KMU (54 Prozent) ist bereits davon überzeugt, dass die Einführung neuer Technologien für die Erhaltung der künftigen Wettbewerbsfähigkeit obligatorisch ist. Für 76 Prozent gar hat die Digitalisierung strategische Priorität.

Aber Digitalisierung alleine reicht nicht aus; Unternehmen müssen sich auch verändern und statt der eigenen Produkte ihre Kunden in den Mittelpunkt stellen. Nach wie vor legen die meisten KMU großen Wert darauf, durch überwiegend interne Produktionsprozesse beste Qualität zu garantieren. Folgerichtig betrachten sie ihre Arbeit als beendet, sobald ein Produkt das Werk verlässt.

Das Konzept eines wahrhaft vernetzten Unternehmens geht jedoch einen Schritt weiter: Über die Vernetzung von Maschinen, Anlagen und Produkten bleiben Unternehmen auch nach der Auslieferung mit ihren Produkten, und damit auch mit ihren Kunden und Lieferanten, verbunden. Die durchgehende Digitalisierung der Unternehmensprozesse entlang der kompletten Wertschöpfungskette unterstützt dieses Konzept und erlaubt zudem völlig neue Einblicke und datenbasierte Geschäftsmodelle. Das neue Erfolgsrezept verbindet also eine überragende Produktqualität mit einer kundenzentrierten Unternehmenskultur („Customer Centricity“), die in Zeiten weltumspannender (sozialer) Netzwerke unverzichtbar ist.

Aus der Krise lernen...

So herausfordernd die Covid-19-Pandemie auch ist; sie hat uns zwei wichtige Erfahrungen beschert: Digitalisierung hilft, und Unternehmen sind in der Lage, sehr schnell digitale Technologien zu adaptieren und produktiv zu nutzen. Die dritte Wahrnehmung kombiniert diese beiden Erfahrungen: Digital bereits gut aufgestellte Unternehmen zeigen sich insgesamt resilienter, konnten sich schneller auf den Lockdown einstellen und scheinen sich auch schneller von seinen Folgen zu erholen.

...heißt: digitalisieren lernen

Die Einführung digitaler Technologien entlang der Wertschöpfungskette ist sicher eine technische Herausforderung. Aber sie ist kein in erster Linie technisches Problem, sondern eine Frage der Unternehmensstrategie und Kultur. Eine  Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass viele Unternehmen bei der Einbindung der IT in die Wertschöpfung noch Nachholbedarf haben. Allzu oft gilt die IT noch als reiner Kostenfaktor. Aber IT ist längst zum Produktivfaktor und zum Träger von Innovation geworden.

Ganzheitlicher Ansatz verbindet IT mit dem Business

Das muss nicht so bleiben. Tatsächlich fehlt es KMU oft an einer umfassenden Strategie und einem ganzheitlichen Ansatz. Doch diese Probleme lassen sich mit einer wirklichen digitalen Transformation in drei Schritten ausräumen:

  1. KMU müssen Business und IT aufeinander abstimmen, damit die Fachabteilungen und die IT Innovationen im Rahmen eines einheitlichen Governance-Modells zusammen schneller vorantreiben. Durch eine solche Abstimmung tragen Business und IT gemeinsam zu den Unternehmenszielen und dem allgemeinen Verständnis der unternehmensweiten Auswirkungen von Initiativen bei. Darüber hinaus können Geschäftsanwender digitale Technologien nutzen, ohne Sicherheitsrichtlinien zu verletzen.
  1. KMU müssen Daten in ihren Wertschöpfungsprozess einbinden. Um diese Daten zu gewinnen, müssen sie die IT-Systeme innerhalb und außerhalb des Unternehmens untereinander sowie mit der OT, der Operational Technology ihrer Maschinen und Anlagen vernetzen. Durch die Echtzeitintegration von Daten aus internen Datenbanken, cloudbasierten APIs oder dem Randbereich des IoT („Edge“) können Ressourcen freigesetzt und wertvolle Erkenntnisse aus der Datenanalyse genutzt werden.
  1. Damit diese Erkenntnisse zu Geschäftschancen werden, bedarf es eines letzten Schritts, nämlich der Operationalisierung der Daten. Hierzu müssen alle Perspektiven miteinander verknüpft werden. Entscheidungen können direkt zum Zeitpunkt der Datenerfassung ausgelöst werden, damit das Unternehmen die richtigen Maßnahmen im richtigen Moment ergreifen und die Erkenntnisse gewinnbringend nutzen kann.

Digitalisierung in der Praxis

Wie die digitale Transformation in der Praxis aussehen kann, zeigen zahlreiche unserer Kunden. So konnte zum Beispiel Schwering & Hasse, Hersteller von gewickeltem Kupferdraht, lange über seine überragende Produktqualität im internationalen Wettbewerb bestehen – bis Mitbewerber aus Asien gleichwertige Produkte billiger produzierten. Das Unternehmen schaffte es durch digitale Technologien, IoT-Konzepte und Echtzeitanalysen, in der Produktqualität und der Effizienz der Wertschöpfungskette neue Maßstäbe zu setzen. Darüber hinaus untermauerte das Unternehmen seine Überlegenheit, indem es die Ausschussrate von mehreren Hundert Metern teuren Materials auf 2,5 cm reduzierte! Der nächste Schritt besteht darin, durch Machine-Learning-Techniken zu einer Null-Fehler-Produktion zu gelangen.

Bei Trackerando aus Frankfurt dagegen stehen digitale Produkte und Daten zur Ortung von Gegenständen, Fahrzeugen oder Personen, Patientenüberwachung oder das Aufspüren von Haustieren im Mittelpunkt des Geschäftsmodells, Das Frankfurter Unternehmen hat mit Cumolocity IoT der Software AG seine Wertschöpfungskette über die eigentliche Produktion hinaus und hin zu seinen Kunden verlängert. Diese profitieren von durchgehend digitalen Services und neuen Insights auf Basis von Daten.

Auch die strategische Allianz deutscher Maschinen- und Anlagenbauer Adamos ist ein wichtiger und richtiger Schritt in die Zukunft des „Industrial Internet of Things“ (IIoT).

Ziel ist es, das Know-how aus Maschinenbau, Produktion und Informationstechnik mit Kundenmehrwert zu bündeln, Lösungen für die digitale Produktion zu entwickeln, neue Geschäftsmodelle voranzutreiben und einen Standard für die Industrie zu setzen.

Aus der Tradition in die Zukunft

Der deutsche Mittelstand hat tiefe Wurzeln, die oft bis in das 19. Jahrhundert reichen – mit vielen Vor-, aber auch einigen Nachteilen. Sie konnten über viele Jahrzehnte ihre Fertigungsprozesse und damit ihre Produkte perfektionieren und sind damit gut gefahren. Das allein reicht heute nicht mehr!

Wer als KMU im 21. Jahrhundert nicht nur überleben, sondern auch erfolgreich sein will, muss sein Unternehmen auf die Technologien und Konzepte eines vernetzten Unternehmens im gesamten Industrieumfeld umstellen. Das ist aufgrund der überragenden Bedeutung der KMU übrigens nicht nur eine rein betriebswirtschaftliche Entscheidung, sondern auch eine volkswirtschaftliche Überlebensfrage.

Bildquelle: Getty Images/iStock/Getty Images Plus

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok