Mittelstand muss Vorreiter werden

„Digitalisierung ist kein einmaliges Projekt“

„Der deutsche Mittelstand muss nicht nur zum internationalen Wettbewerb in Sachen Digitalisierung aufschließen, sondern Vorreiter werden, um seinem heutigen Selbstverständnis gerecht zu werden“, betont Dr. Holger von Daniels, CEO und Partner bei Valantic, im Interview.

Dr. Holger von Daniels, CEO und Partner bei Valantic

Nach Ansicht von Dr. Holger von Daniels, CEO und Partner bei Valantic, ist es für Unternehmen „extrem wertvoll“, die Digitalisierungsbemühungen bei einem Entscheider zu bündeln.

ITM: Herr Dr. von Daniels, wo stehen mittelständische Unternehmen in Deutschland Ende 2018 hinsichtlich der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse?
Holger von Daniels:
In Deutschland haben inzwischen alle Unternehmer und Entscheider verstanden, dass die Digitalisierung ihres Unternehmens keine Option, sondern eine Pflicht ist. Wir verstehen Digitalisierung auch nicht als einmaliges Projekt, sondern als fortlaufende Weiterentwicklung, Optimierung und Erneuerung der Unternehmen. Wir stellen fest, dass das Verständnis der Möglichkeiten und die Kreativität der Umsetzungswege im Mittelstand in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben. Gleichzeitig gibt es noch in allen Branchen, Fachbereichen und Unternehmensgrößen gigantische Potentiale, die erschlossen werden müssen. Der deutsche Mittelstand muss nicht nur zum internationalen Wettbewerb in Sachen „Digitalisierung“ aufschließen, sondern Vorreiter werden, um seinem heutigen Selbstverständnis gerecht zu werden.

ITM: Wer oder was hat den Mittelstand bislang bei der digitalen Transformation ausgebremst?
von Daniels:
Wir sehen fünf wesentliche Herausforderungen:

1. Digitalisierung muss auf höchster Ebene verankert und verstanden sowie mit Konsequenz im Roll-out gesteuert werden. Digitalisierung als Aufgabe der IT-Abteilung zu verstehen, ist fatal.
2. Ein zu später Einstieg in die Thematik: Man hat bis jetzt noch keinem Unternehmen vorgeworfen, zu früh digitalisiert zu haben, vielen jedoch das Gegenteil.
3. Eine zu geringe Datenqualität, um neue Technologien wie Artificial Intelligence (AI) oder Data Analytics nutzen zu können
4. Unzureichende Technologiekompetenz im eigenen Haus
5. Eine zu groß angelegte Vorgehensweise: In der Regel ist es besser, agil in Teilprojekten zu denken und zu steuern, als auf einmal den großen Wurf zu versuchen.

Wir nehmen darüber hinaus auch wahr, dass in vielen Unternehmen der Mangel an erfahrenen Fachkräften für Digitalisierungsprojekte die Weiterentwicklung bremst.

ITM: Was muss 2019 generell geschehen, um die Digitalisierung weiter voranzutreiben? Wer kann hier wie dem Mittelstand unter die Arme greifen?
von Daniels:
Zunächst muss man sich einig sein, was der Begriff „Digitalisierung“ überhaupt bedeutet. Die einen verstehen darunter eine Neuerfindung ihres Geschäftsmodells, andere konzentrieren sich auf einzelne Prozesse. Wir empfehlen unseren Kunden generell, die Digitalisierung langfristig zu planen, aber in übersichtlichen Teilschritten umzusetzen. Der Weg zum intelligenten Unternehmen ist ein Umdenken von Strukturen und Prozessen, aber auch geprägt von handfester Arbeit: Silos müssen aufgebrochen und in vielen Fällen die Datenqualität erhöht werden. Erst dann sind die zukünftig entscheidenden Technologien wie Artificial Intelligence und Data Analytics überhaupt nutzbar. Unterstützung kommt hier von unabhängigen IT-Beratungen: Die Technologiekompetenz sollte dabei aber in wesentlichen Teilen im Unternehmen bewahrt bleiben. Ich halte nichts von großen Outsourcing-Projekten, wo die Kompetenz an externe Berater gänzlich abgegeben wird.

ITM: Welche Rolle kommt in diesem Transformationsprozess sogenannten „Digitalagenturen“ bzw. IT-Beratungen zu?
von Daniels:
Eine sehr wichtige. Technologisch gesehen entwickeln wir uns mittlerweile in rasender Geschwindigkeit. Das heißt aber auch, das Portfolio der großen Software-Anbieter wie SAP oder IBM wird immer komplexer und Digitalisierungsprojekte vielschichtig. Neue Technologien und die damit verbundenen Möglichkeiten erscheinen zwar oft schnell greifbar. In Wirklichkeit sind jedoch in erster Linie die unternehmenseigenen Prozesse zu betrachten und gegebenenfalls neu auszurichten. Erst dann folgt der technologische Aspekt. Man muss also immer beides im Blick haben. Hier nehmen IT-Beratungen bzw. Digitalagenturen eine wichtige Rolle ein, denn sie haben in der Regel den besten Überblick, wie Prozesse aufgebaut und vernetzt werden sollen. Und welche Technologie dafür die beste ist.

ITM: Welchen Stellenwert schreiben Sie hierbei einem Chief Digital Officer (CDO) zu?
von Daniels:
Unserer Ansicht nach ist es für Unternehmen extrem wertvoll, die Digitalisierungsbemühungen bei einem Entscheider zu bündeln. Nur so kann gewährleistet werden, dass parallellaufende Projekte auch zueinander kompatibel sind und die IT-Architektur eines Unternehmens abgestimmt bleibt. Silodenken kann durch einen CDO verringert werden. Zudem wird durch die Bündelung von Erfahrungswerten die Wiederholung von Fehlern vermieden. Um diese positiven Aspekte zu realisieren, muss ein Chief Digital Officer jedoch mit ausreichenden Kompetenzen ausgestattet sein.

ITM: Was raten Sie demnach Unternehmen, die sich die Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse für 2019 fest vorgenommen haben?
von Daniels:
Erfolgreiche Unternehmen fokussieren sich auf den Kunden und seinen Bedarf. Gleichzeitig sind alle Prozesse intelligent vernetzt und flexibel um neue Technologien erweiterbar. Wir raten unseren Kunden oft, die Digitalisierung in vier Dimensionen zu denken. Allem voran sollte die Interaktion mit dem Kunden, die vielbeschworene Customer Journey, von den Prozessen her durchdacht und automatisiert werden. Zweitens sollten vertikale und horizontale Wertschöpfungsketten abgestimmt sein. Das bedeutet, die Prozesse von der Planung über die Logistik, Produktion oder Handel bis hin zum Sales und Service werden vereinfacht. Ein weiterer Bereich sind die innerbetrieblichen Support-Funktionen, worunter wir alle Support-Systeme in einem Unternehmen zusammenfassen. Und viertens: die Digitalisierung des Arbeitsplatzes.

Bildquelle: Valantic

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