Strategische Ausrichtung

Eher digitale Transformation oder Klimaschutz?

Die Corona-Krise hat insbesondere im Mittelstand große Veränderungen ausgelöst – vor allem in den Bereichen „Digitalisierung“ und „Nachhaltigkeit“. Wo kleine und mittlere Unternehmen künftig ihre Schwerpunkte setzen sollten, erklärt Simone Schiebold, Geschäftsführende Gesellschafterin der Agentur Flad & Flad.

Eher digitale Transformation oder Klimaschutz?

Digitale Technologien und nachhaltige Entwicklung gehen hervorragend Hand in Hand und können Transformationsprozesse gemeinsam beschleunigen

Digitalisierung und ökologisches Handeln widersprechen sich nicht. Daher stellt sich auch nicht die Frage, wo KMU Prioritäten setzen sollten. Vielmehr müssen Entscheider Wege finden, beide Entwicklungen gewinnbringend zu verknüpfen. Digitale Transformation und Nachhaltigkeit im Sinne von Klimaschutz sind natürlich keine neuen Themen – gerade im Mittelstand gibt es zahlreiche innovative Unternehmen, die diese Handlungsfelder in den vergangenen Jahren engagiert aufgegriffen haben. Doch bisher fehlt in Deutschland der große Wurf – es wurde viel geredet, aber zu wenig gehandelt. Das scheint sich mit Corona nun zu ändern. Die Krise wirkt in beiden Bereichen wie ein Beschleuniger und sowohl Nachhaltigkeit als auch Digitalisierung gewinnen an strategischer sowie operativer Bedeutung.

Digitale Technologien und nachhaltige Entwicklung gehen hervorragend Hand in Hand und können Transformationsprozesse gemeinsam beschleunigen. Wer z.B. Künstliche Intelligenz einsetzt, um Produktionsprozesse effizienter zu gestalten, schont häufig auch die Umwelt durch die Einsparung von Energie und Ressourcen. Zudem stärken digitale Technologien neue Formen der Mobilität, Kommunikation und Energieversorgung – davon profitieren Unternehmen, Mitarbeiter, Kunden und Klima gleichermaßen.

ITM: Frau Schiebold, wie sollten sich Unternehmen aufstellen und was muss konkret getan werden, damit der deutsche Mittelstand seine weltweite Innovationsführerschaft beibehalten kann?
Simone Schiebold: In der Krise ist häufig die erste Reflexhandlung, Kosten zu sparen und Investitionen zurückzuhalten, wo es nur geht. Anfangs mag dies richtig sein, denn oft steht die Existenz ganzer Unternehmen und zahlreicher Arbeitsplätze auf dem Spiel. Dann gilt es jedoch, sich neue Perspektiven zu erarbeiten. Wie lässt sich das Geschäft wieder in Gang bringen, wie das Marketing neu aufstellen? Sind die Produkte und Dienstleistungen noch zeitgemäß? Hier können sich aus der Symbiose von Nachhaltigkeit und Digitalisierung spannende Ansätze ergeben, um die eigene Strategie neu auszurichten und führend in Sachen Innovationen zu werden. Es gilt, diese Themen als eigene USPs zu begreifen. Denn wer nicht nachhaltig handelt oder digitale Serviceleistungen anbietet, wirkt aus Konsumentensicht und auch im B2B-Bereich schon heute nicht mehr zeitgemäß. Aus Sicht der Kommunikation ist für mich zudem klar, dass jene Unternehmen und Institutionen, die wirklich für Klimafreundlichkeit und Nachhaltigkeit eintreten, diese Themen in Zeiten reduzierter Werbebudgets kostengünstig besetzen können.

ITM: Dass hierzulande gerade in den MINT-Fächern der Schulen und in der Ausbildung in den technisch-naturwissenschaftlichen Berufsfeldern großer Nachholbedarf besteht, ist kein Geheimnis. Die Unternehmen kämpfen hart um gut ausgebildete Mitarbeiter. Warum passiert aber so wenig, um vor allem junge Menschen für Naturwissenschaften und Technik zu begeistern sowie vielbenötigte Fachkräfte zu fördern?
Schiebold: Der Eindruck trügt – tatsächlich passiert im Bereich der MINT-Berufsorientierung sehr viel. Unterschiedlichste Initiativen etwa aus Ministerien, von Stiftungen und auch von der Unternehmensseite her sind sehr um die Nachwuchsgewinnung bemüht. Um Jugendliche für Technik, Informatik und Naturwissenschaften zu begeistern, müssen auch die Sinnhaftigkeit und Zukunftsaussichten vermittelt werden: Wie werden wir in Zukunft leben? Wie werden wir uns in der Welt von morgen fortbewegen oder wie werden wir Krankheiten heilen? Auf diese Weise erreichen wir auch jene, die einen MINT-Beruf nicht in Betracht gezogen haben, nur weil sie schlecht in Mathe sind. Ebenso wichtig ist es zu verstehen, dass Digitalkompetenzen und technisches Verständnis nicht nur für MINT-Berufe von Bedeutung sind. Denn die Welt wird immer digitaler, die Bildung in Deutschland ist es aber nicht. Um Jugendliche auf die Arbeitswelt von morgen vorzubereiten, zählen Fähigkeiten wie das „computational thinking“ – also digitales Problem-
lösen – zu wichtigen Schlüsselkompetenzen, die sowohl in der Industrie als auch im Handwerk oder der Medizin an Bedeutung gewinnen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITM: Wenn Sie Entscheidern in mittelständischen Unternehmen einen Rat geben könnten, wie diese die aktuellen Herausforderungen meistern und ihre Innovationsfähigkeit nachhaltig sichern könnten, wie würde dieser aussehen?
Schiebold: Wir befinden uns an einem Wendepunkt. Nach rund 150 Jahren mit steigenden Treibhausgasemissionen nimmt nun die Dekarbonisierung von Wirtschaft und Gesellschaft richtig Fahrt auf. Hinzu kommt, dass infolge der Corona-Krise die Versäumnisse bei der Digitalisierung schonungslos offengelegt wurden. Die Technologien sind größtenteils verfügbar und auch der politische Wille zum Wandel zunehmend erkennbar. Die Innovationsfähigkeit des Mittelstands in Deutschland liegt auch in dessen schneller Anpassungsfähigkeit. Diese Stärke sollten sich Entscheider zunutze machen, um ihre Strategien zukunftsorientiert und nachhaltig neu auszurichten. Wer jetzt die Weichen in Richtung klimaneutraler Wirtschaftsweise und Digitalisierung stellt, wird später zu den Gewinnern zählen. Das ist ein langfristiger Prozess, denn es gehört mehr dazu, als nur grünen Strom zu nutzen, ein Elektroauto anzuschaffen oder alle Mitarbeiter mit Notebooks auszustatten. Die gesamte Wertschöpfung muss auf den Prüfstand – 
je früher man damit beginnt, desto besser. In unserer Agentur bieten wir z.B. neue Serviceleistungen an – wie unsere „Green Options“ –, mit denen wir unseren Kunden helfen, ihre Messe- und Eventpräsenzen 
klimafreundlicher zu gestalten. 

Bildquelle: Getty Images/iStock

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