Kommentar: Digitaler Rückstand im Mittelstand

Erst am Anfang

Dr. Andreas Tremel, Geschäftsführer der Inloox GmbH, erklärt, warum der Stand der heutigen IT- mit der Fließbandproduktion in der Autoindustrie der 20er Jahre vergleichbar ist und wie man zwei Welten zusammenbringt.

Dr. Andreas Tremel, Geschäftsführer der Inloox GmbH

„Produktivitätsgewinne, die Unternehmen durch eine fortschreitende Automatisierung erzielen, sieht man in vielen Bereichen”, so Dr. Andreas Tremel.

Angesichts der schier endlosen Möglichkeiten unserer heutigen IT-Infrastrukturen ist es kaum vorstellbar, dass dies erst der Anfang einer branchenübergreifenden Revolution ist. Zugleich ist offensichtlich, dass die Digitalisierung und ihre Auswirkungen unterschiedlich stark an mittelständischen Unternehmen zerren. Umfragen verdeutlichen dies. Bei 66 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Deutschland spielen digitale Technologien für das eigene Geschäftsmodell inzwischen eine mittelgroße bis sehr große Rolle, so eine Studie des Beratungsunternehmens EY. Doch gleichzeitig sehen sich die Mittelständler mehrheitlich (55 Prozent) als digitale Nachzügler, wie eine repräsentative Befragung des Bitkom-Verbandes herausfand. Nur rund jeder Dritte zählt sich demnach selbst zu den Vorreitern. Von den mittelständischen Industriebetrieben stufen sich sogar nur 30 Prozent als digitale Vorreiter ein, wohingegen sich 61 Prozent als Nachzügler sehen.

Die Digitalisierung wird die Art wie wir leben und arbeiten so grundsätzlich verändern, wie es zuletzt die Entwicklung des Automobils Anfang des 20. Jahrhunderts getan hat. Derzeit stehen wir in der IT genau da, wo die Autoindustrie in der 1920er Jahren stand: Bei der Fließbandproduktion. Das ist keineswegs despektierlich gemeint. Das Fließprinzip ist das Ergebnis der funktionellen Organisation der Massenproduktion. Diese führte dazu, dass erstmals viele Kunden aufgrund standardisierter Produktionsprozesse in Unternehmen kostengünstige Produkte (zunächst Autos, später andere, auch IT-Lösungen) kaufen konnten.

Das Fließprinzip hat den Erfolg der ersten Revolution der Automobilbranche und grundlegende Strukturveränderung in anderen Branchen eingeläutet. Produziere ein stark standardisiertes Produkt in möglichst großer Stückzahl, lautete das Erfolgsrezept. So entstand nicht nur Fords Model T oder der VW-Golf. Nach dem gleichen Prinzip wurde und wird auch IT immer kostengünstiger und leistungsfähiger – ob im Unternehmen installiert oder in der Cloud.

Umbruch im Dienstleistungssektor

Produktivitätsgewinne, die Unternehmen durch eine fortschreitende Automatisierung erzielen, sieht man in vielen Bereichen. So werden bei der Softwareentwicklung Anwendungen im Zusammenspiel mit Ansätzen und Methoden wie DevOps und CI/CD in immer kürzeren Zyklen marktreif. Bei neu entwickelten Produkten wächst der Anteil von IT an innovativen Lösungen immer mehr. Befeuert wird dies weiter durch Technologien wie maschinelles Lernen, Künstliche Intelligenz und Robotergesteuerte Prozessautomatisierung (RPA).

Experten gehen davon aus, dass durch RPA enorme Produktivitätsgewinne erzielt und zugleich die Mitarbeiter von Routineaufgaben entlastet werden. Dass sich Mitarbeiter dann auf wesentlichere Aufgaben konzentrieren können, ist angesichts des Fachkräftemangels sehr vorteilhaft. Während solche Services noch vor 10 bis 15 Jahren genutzt wurden, um E-Mails zu generieren oder Kundenanfragen automatisiert zu beantworten, so werden sie zukünftig dazu beitragen, den gesamten Dienstleistungssektor radikal zu verändern. Mittelständler können davon profitieren, dass sich damit Services nicht nur kostengünstiger erbringen lassen sondern sich auch ihre Reichweite, Ausgestaltung, Qualität und Individualisierbarkeit verbessern wird.

Digitalisierung verändert die Wertschöpfung

Worin liegt der Unterschied, den die IT im Vergleich zu früheren industriellen Revolutionen bewirkt? Während früher Maschinen jede Art von körperlicher Arbeit und Wertschöpfung ersetzt haben, werden nun IT-Lösungen fast jeden logischen Akt der Wertschöpfung umwälzen und völlig verändern. Zu den Gewinnern werden auch bei der digitalen Transformation diejenigen Unternehmen zählen, die neue Werte für ihre Kunden schaffen.

Von Apps, Sicherheits-, und Benachrichtigungs-, bis hin zu Prognose-Tools, die oft automatisiert laufen: Bereits heute nutzen mittelständische Unternehmen immer mehr intelligente Software und bauen immer smartere Systeme in ihre Produkte und Lösungen ein. Zudem haben Forschungsinstitute bereits begonnen, die beiden Welten Künstliche Intelligenz und klassische IT-Algorithmen zusammenzubringen. Man verspricht sich davon, dass kreative Problemlösungen, die von KI oder Deep-Learning-Systemen erzeugt werden, sich dann auch durch klassische IT-Systeme nachvollziehen, überprüfen und korrigieren lassen.

Diese Integration ist nicht nur aus den erwähnten technischen und organisatorischen Gründen – der Zusammenarbeit zwischen Menschen und Maschinen – sondern auch aufgrund vieler anderer Aspekte relevant, unter anderem der Sicherheit. So sollte niemand durch automatisierte Roboter in Fabrikhallen verletzt werden oder gar mit seinem autonom gesteuerten Fahrzeug in einem See landen, weil die KI die Straßenkarte falsch interpretierte.

Für eine gute Roadmap auf dem Weg zur Digitalisierung sollten Unternehmen daher auch beachten, dass sie das Digital-Know-how ihrer Mitarbeiter durch Weiterbildung ausbauen, wie eine Studie von KfW-Research ergab. Es mangelt etwa an Programmierkenntnissen oder dem Know-how digitale Maschinen zu bedienen. Dabei ist der Bedarf nicht nur bei IT- und Finanzdienstleistern oder der forschenden Industrie sehr hoch, sondern es sind auch Maschinenbauer, das Gesundheitswesen oder Architekturbüros überdurchschnittlich oft auf Digital-Know-how angewiesen.

Bildquelle: Inloox GmbH

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