Innovationshindernisse

Fehlender Mut zur Veränderung

Welches Unternehmen ist eigentlich nicht innovativ? In der Selbstdarstellung ist alles super, doch die Realität spricht eine andere Sprache. Teil 1 einer Artikelreihe über Innovation, die lockerer Folge erscheint.

Die Begriffsgeschichte des Wortes „kreativ“ ist eine Warnung. Früher drückte man damit die Aufforderung aus, mindestens zum neuen Picasso zu werden. Heute geht es eher darum, einen Bastelratgeber zu lesen und anschließend Buntpapier korrekt zu falzen. Kreativ ist heute jeder, der dem grauen Alltag ein paar bunte Tupfer aufsetzt.

Eine ähnliche Karriere steht vermutlich auch der Innovation bevor - also allem, was neuer ist als der Rest. Es gibt Innovationspreise und -weltmeister, eine Modellvariante des Opel Mokka nennt sich so und bei aberhunderten Firmen ist sie - auf dem Papier - fest in der Unternehmenskultur verankert.

Dabei besitzt die Innovation ähnliche Eigenschaften wie die Kreativität: Sie lässt sich nicht erzwingen und erfordert mindestens ebenso viel Glück wie Talent. Trotzdem möchten natürlich alle Unternehmen innovativ sein. Sie wollen nur zu gerne den Bereich des Herkömmlichen verlassen und etwas völlig Neues, ja Revolutionäres schaffen.

Informationstechnologie und Digitalwirtschaft

Innovation gilt als Voraussetzung für anhaltenden wirtschaftlichen Erfolg. Doch wirkliche Neuerungen kommen häufig nur von jüngeren Unternehmen, die in einem bestehenden Markt beweglich agieren können. Als ganz besonders innovativ gelten Startups in den Zukunftsbranchen Informationstechnologie und Digitalwirtschaft.

Viele andere Unternehmen haben dagegen ein großes Innovationshindernis - ihre Prozesse. Festgefügte Regeln und Vorgehensweisen für alles und jedes sind der größte Feind von Neuerungen, denn wirklich gute Ideen haben in einem solchen System keine Chancen. Die Erfolgsaussichten sind anfangs immer ungewiss, es gibt nie Erfahrungen mit der Umsetzung und es gibt vor allen Dingen keinerlei Möglichkeit, das Marktpotential einzuschätzen.

Fehlender Mut zur Veränderung ist ein großes Problem vor allem im Mittelstand, wie eine gemeinsame Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney und des Marktforschungsinstituts TNS Emnid ergab. Bei einer Befragung von mehr als 100 Führungspersönlichkeiten aus dem Mittelstand ergaben sich Innovationsdefizite, die sich auch in Zahlen äußern: Bis 2020 könnte dem deutschen Mittelstand ein Umsatzpotenzial von jährlich 46 Milliarden Euro entgehen.

Die Gründe lassen sich aus den Zahlen der Studie, sowie aus weiteren Angaben des statistischen Bundesamtes der Stiftung Familienunternehmen ablesen. So erkennt nur jeder vierte Mittelständler die Notwendigkeit, in Wachstum und Innovation zu investieren. Zudem entstehen zu wenig neue Unternehmen, es fehlt es an einer starken Gründerkultur.

Einige entlarvende Zahlen: Gut jeder dritte Studierende würde am liebsten im öffentlichen Dienst arbeiten. Etwa 72 Prozent der jungen Deutschen wollen kein Unternehmer werden. 40 Prozent der Deutschen halten ihr Land für unternehmerunfreundlich. Zwei Drittel misstrauen Innovationen. Alles zusammen steht für die beinahe sprichwörtliche „Neophobie“ unserer Gesellschaft.

„Dieses gesellschaftliche Klima schafft keinen gesunden Nährboden für Unternehmertum und Innovationsfähigkeit“, meint Mittelstandsexperte Götz Klink, Partner bei A.T. Kearney. Er fordert stattdessen, sich von der „German Angst“ zu verabschieden, zu starke Regulierungen für Neugründungen aufzuheben und über den regionalen Tellerrand hinaus zu blicken.

Experimentierfreude und kontinuierliche Verbesserung

Doch wie kann ein einzelnes Unternehmen Innovationsfähigkeit erreichen? Vor allem für traditionelle Branchen bedeutet das nichts weniger als eine vollständige Änderung der Unternehmenskultur. Denn selbst zahlreiche Unternehmen im Bereich von Technik und Computer haben damit Schwierigkeiten.

„Ein Unternehmen kann nicht einfach anordnen, dass in den nächsten drei Jahren der Fokus auf Innovation liegt und dann wird sie wie von Zauberhand Wirklichkeit“, kommentiert Kirsten Newbold-Knipp, Research Director bei der IT-Beratung Gartner, die Innovations-Initiativen der meisten Unternehmen in ihrem Blog.

Nach ihrer Ansicht können solche Initiativen lediglich den Rahmen abstecken, in dem sich Innovationen bilden. Sie erfordern jedoch zwei wichtige Denkweisen als Voraussetzung: Experimentierfreude einerseits und kontinuierliche Verbesserung andererseits.

Zur Experimentierfreude gehört nach Newbold-Knipp unbedingt die Möglichkeit, auch scheitern zu dürfen. Sollte das Scheitern von Experimenten negative Konsequenzen haben, werden sich die Mitarbeiter sicherlich sehr stark zurückhalten.

Ein weiterer wichtiger Punkt sind kontinuierliche Verbesserungen an den Prototypen. „Wenn es beim ersten Mal nicht geklappt hat, muss sich nicht um eine schlechte Idee handeln“, betont Newbold-Knipp. „Innovationen benötigen Zeit um zu gedeihen.“

Die Gartner-Innovationsexpertin argumentiert für eine Kultur der kontinuierlichen Innovation in den Unternehmen. Nur dadurch kann Innovationen zu etwas werden, was wirklich dauerhaft in einem Unternehmen verankert ist.

Hier geht es zu Teil 2 unserer Serie über Innovation

Bildquelle: Thinkstock

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok