Augmented Reality und Pick-by-Voice/Light/Vision

Fortschritte bei der Kommissionierung

Mit der IT-Unterstützung der manuellen Kommissionierung im Lager kennen sich Fritz Mayr, Gründer und Geschäftsführer der CIM GmbH Logistik-Systeme und Dirk Becker, Regional Sales Director EMEA bei Honeywell Scanning & Mobility Vocollect Solutions aus. Wir haben sie zum aktuellen Stand der Technik befragt.

  • „Die heute am Markt befindlichen Pick-by-Voice-Geräte sind robust und in jeder Umgebung einsetzbar.“ Fritz Mayr, CIM

  • „Heute gibt es ganzheitliche Voice-Lösungen vom Warenein- bis -ausgang.“ Dirk Becker, Honeywell

Der wachsende Anteil des E-Commerce am Handelsgeschäft, multidirektionale Logistiknetze sowie die wachsende Volatilität erfordern immer mehr Flexibilität und Tempo im Lager. Ebenso erzwingt der demografische Wandel und die zunehmende Ressourcenverknappung eine Anpassung der logistischen Strukturen. Die Umstellungen können zukünftig nur über eine ganzheitliche Einbindung der IT in die Intralogistik erreicht werden.

Auch die Technologie „Augmented Reality“ (AR), die in der Konsumelektronik z.B. in Form von Datenbrillen erste Anwendungen findet, wird für den industriellen Einsatz propagiert. So wird z.B. mithilfe einer in Datenbrille integrierten Kamera die zu verpackende Ware automatisch von einer App erkannt, die dem Lagerarbeiter dann ergänzende Daten aus dem Backendsystem anzeigt. Sobald die Ware erfasst wurde, unterstützt ihn die App z.B. je nach Auftragsart mit Platzierungsinformationen, Sicherheitshinweisen, Zusatzinformationen zum Inhalt sowie Packanweisungen in Echtzeit, die z.B. direkt auf dem Packstück eingeblendet werden. Angesichts der rasanten Fortschritte hat IT-MITTELSTAND zwei Experten zum aktuellen Stand der Technik befragt.

ITM: Pick-by-Voice, Pick-by-Light oder Pick-by-Vision: Die Fortschritte bei der IT-Unterstützung der manuellen Kommissionierung im Lager sind beachtlich. Worauf ist zu achten, damit man mit der Einführung solch sensibler Hightech-Geräte in den oftmals rauen Lagern nicht Schiffbruch erleidet?

Dirk Becker: Sprachlösungen für den Lager­einsatz gibt es schon seit mehr als 25 Jahren. Heute gibt es ganzheitliche Voice-Lösungen vom Warenein- bis -ausgang. Mit unseren sprachgesteuerten Lösungen adressieren wir in erster Linie Anwender, die besonderen Wert auf eine effiziente und intuitiv zu bedienende Sprachlösung legen, die dem rauen Lagerumfeld tagtäglich standhalten.

Dazu gehört auch, dass nicht nur eine neue Technologie über vorhandene Prozesse gestülpt wird, sondern diese selbst auf den Prüfstand kommen. Sonst gibt es dort zwar eine tolle Technologie, das Lager bleibt aber immer noch unaufgeräumt. Daher erzielt nur eine ganzheitliche Betrachtung aller Schritte im Lagerprozess die gewünschte Produktivitätserhöhung im Unternehmen. Dann ist mit der Einführung von Sprachlösungen ein schneller und starker ROI innerhalb von zwölf Monaten ohne weiteres möglich.

Fritz Mayr: Die heute am Markt befindlichen Pick-by-Voice-Geräte sind robust und in jeder Umgebung einsetzbar. Allerdings ist Pick-by-Voice für das Einsprechen langer Chargennummern oder Seriennummern nicht gut geeignet. Hier ist deshalb die Gestaltung des Prozesses für den Einsatz wichtig.

Beim Pick-by-Light leuchtet am Regal ein Licht, das dem Kommissionierer zeigt, welches Teil er entnehmen soll. Problematisch ist der Einsatz von Pick-by-Light, wenn mehrere Mitarbeiter am gleichen Regal in verschiedene Ladeträger kommissionieren. Dann leuchten mehrere Lichter für die Kommissionierer zeitgleich und es kann zu Fehlern beim Picken kommen. Sinnvoll und sicher kann also in einem Bereich nur ein Mitarbeiter arbeiten.

Ganz anders bei einer anderen Gestaltung des Prozesses, dem sogenannten „Pick-to-Belt“: Auch hier leuchtet die Lampe an dem Regal, aus dem etwas entnommen werden soll. Der Kommissionierer legt den Artikel dann jedoch auf ein Band, das zum Packplatz läuft und dort beispielsweise über einen Scanner wiedererkannt und durch einen Sorter dem richtigen Packplatz zugewiesen wird. Hier können beliebig viele Kommissionierer arbeiten, da sie die Teile auf einen Belt legen und damit keine Zuordnung des Kommissionierers zum Auftrag vorhanden ist.

Auch hier ist es wichtig, den Prozess der Technik anzupassen, damit er fehlerfrei von den Mitarbeitern durchgeführt werden kann. Eine Neuentwicklung von Prof. Günthner und der Technischen Universität München ist das Pick-by-Local-Light: Hier führt der Mitarbeiter einen kleinen Sender mit, den das Lichtelement am Regal erkennt. Je nachdem, welcher Kommissionierer vor dem Regal steht, wird ihm individuell der Weg zur Entnahmestelle durch Pfeile bzw. die richtige Entnahmemenge angezeigt.

Pick-by-Vision ist die Ergänzung der Realität durch Zusatzinformationen, die dem Kommissionierer über eine Datenbrille angezeigt werden. Das ist die logische Fortentwicklung der bisherigen Datenfunkscanner. Wir führen zu diesem Thema gerade Pilotprojekte durch. Für den breitflächigen Einsatz ist diese Technik noch zu wenig ausgereift. Die Brillen sind teilweise noch zu unhandlich, werden zu warm oder haben nur eine sehr geringe Akkulaufzeit. Aber der Durchbruch wird in Kürze kommen.

ITM: Beispiel Pick-by-Vision: Welche neuen Möglichkeiten eröffnen „smarte Brillen“ für den Lagerarbeiter (und der Einsatz von „Augmented Reality“-Technologien) in Warenwirtschaft und Logistik?

Mayr: Der wichtigste menschliche Sinn, um Ware zu erkennen, ist das Auge. Deshalb ist die Datenbrille das Medium, das Pick-by-Voice, Datenfunkscanner und Pick-by-Light ablösen kann, sobald einige technische Probleme gelöst sind. Beispielsweise muss das Scannen der Waren über die in die Datenbrille integrierte Kamera schnell genug funktionieren. Zudem muss die Technik in der Lage sein, zu erkennen, in welche Richtung der Bediener gerade blickt, um ihm durch Pfeile anzuzeigen, wo er die zu kommissionierenden Artikel findet. Durch eine entsprechende zusätzliche Kennzeichnung kann der Artikel dann genau bezeichnet werden, ohne  Koordinaten anzuzeigen – beispielsweise durch ein Rechteck, das die AR-Software in der Brille auf den Artikel legt.

Becker: Dieser Trend wird vor allem durch die Angebote für Konsumenten befeuert. Für den Einsatz im Lager sind jedoch andere Eigenschaften wichtig. Zum Beispiel: Wo liegt der relevante Nutzen im Vergleich zu bereits vorhandenen Kommissionierungssystemen? Oder: Gibt es bereits hochrobuste Pick-By-Vision-Systeme, die eine strapaziöse Schicht über acht Stunden ohne Ausfall – beispielsweise durch ungenügende Batteriestandzeiten – mitmachen? Das wird aber meist außer Acht gelassen, denn lediglich Sicherheitsaspekte werden hervorgehoben. Daneben wird auch vergessen, dass die entsprechenden Datenvolumina und Applikationen noch gar nicht vorhanden sind. Daher sehen wir den Einsatz von Pick-By-Vision-Lösungen momentan nur bei einzelnen Begleitapplikationen oder bei der Produktionsunterstützung.

ITM: Wie sollten die Lager- bzw. Intralogistiksoftware und ihre Schnittstellen gestaltet werden, um die IT-Unterstützung der Kommissionierung in Echtzeit zu verbessern?

Mayr: Ganz wesentlich für eine fehlerfreie IT-unterstützte Kommissionierung ist die Gestaltung des Kommissionierprozesses. Die Software muss den Kommissionierprozess so unterstützen, dass der Mitarbeiter gar keine Möglichkeit hat, den falschen Artikel zu greifen oder weiter zu arbeiten, ohne gescannt und den Vorgang quittiert zu haben. Die Schnittstellenthematik ist dabei das geringste Problem, da heute durch Browsertechnik und XML-Protokolle einfache Schnittstellen vorhanden sind, die für jede Prozessgestaltung verwendet werden können.

Becker: Hier würde ich gerne darauf eingehen, wo wir uns in Punkto Echtzeit-Kommissionierung befinden: Schon beim Pförtner eines Unternehmens steht „Hier nur 100 Prozent online!“, denn die Kunden sind längst nicht mehr an aufwendig zu wartenden Middleware-Lösungen interessiert. Andererseits verlangen Anbieter von Hostsystemen nach einer vollständigen Unabhängigkeit von Third-Party-Anbietern, um die vollständige Hoheit über alle Prozesse zu behalten. Vocollect hat daher seine Erfahrung kompakt in Bibliotheken zusammengefasst und stellt diese Tools den Host-Anbietern zur 100prozentigen Integration zur Verfügung. 

Bildquelle: Thinkstock

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