Neue Optionen für die IT

Hybride Cloud verspricht Flexibilität

Die hybride Cloud lockt mit Flexibilität und Kosteneinsparungen. Die Anwender machen sich allerdings Sorgen um aufwendige Integrations- und Schnittstellenprojekte sowie den Datenschutz.

  • „Die Cloud ist für die erfolgreiche digitale Transformation im Mittelstand ein ausschlag­gebender Faktor.“ Oliver Blüher, Deutschland-Chef von Dropbox

  • „Unternehmen sollten sich erst eine klare Meinung bilden, was unter Datenschutz fällt, und dies strikt von Datensicherheit trennen. Welche Rechte sind also in welchen Fällen zu berücksichtigen?“ Stefan Haffner, Director bei Campana & Schott

Hybride Cloud-Umgebungen lassen mehrere Bereitstellungsoptionen für IT-Dienste zu: aus Rechenzentren, Private- oder Managed-Private-Clouds – jeweils mit der Möglichkeit verbunden, zusätzliche Public-Cloud-Dienste einzubinden. IT-Verantwortliche richten ihr Augenmerk verstärkt auf den Einsatz dieser flexiblen Hybrid-Cloud-Umgebungen. So haben laut EMC-Studie vom Januar dieses Jahres in Deutschland 87 Prozent der befragten Unternehmen bereits eine Hybrid-Cloud-Umgebung etabliert oder planen dies in naher Zukunft. Insgesamt 79 Prozent der deutschen Betrieben sehen solche Umgebungen als Wegbereiter für die Digitalisierung ihres Unternehmens.

Vor allem die möglichen Einsparungen lassen IT-Verantwortliche auch im Mittelstand aufhorchen. Der Einsatz von Hybrid-Cloud-Umgebungen spart laut besagter Studie bei den befragten Firmen tatsächlich Kosten. 73 Prozent der Befragten aus Deutschland stimmten der Aussage zu, Hybrid Clouds reduzierten die Infrastrukturkosten im Unternehmen „erheblich“.

Doch auch unter Kostendruck sei vor Schnellschüssen gewarnt: So mahnt Peter Knapp, Interxion, zu Recht an, wie wichtig umfassende Strategien sind, die exakt definieren, welches Cloud-Modell das Unternehmen benötigt. „Ob eine Private-, Hybrid- oder eine Public-Cloud-Lösung geeignet ist, sollte je nach individuellen Anforderungen bewertet und genau kalkuliert werden. Da jedes Unternehmen andere Prozesse nutzt, gibt es keine Standardlösung für deren Integration in die Hybrid Cloud“, so Knapp. Grundsätzlich ist es empfehlenswert, in kleinen Schritten vorzugehen. So können erst einzelne Prozesse wie Kommunikationsanwendungen oder Entwicklungsumgebungen in die Cloud migriert werden, um Erfahrungen zu sammeln.

Ähnlich deutlich äußert sich Stefan Haffner, Campana & Schott: „Da jedes Unternehmen andere Prozesse einsetzt, ist eine Pauschalaussage über die effektive Integration der Hybrid-Cloud-Idee fahrlässig.“ Er hält aber ebenfalls einen guten Einstieg mit einem konkreten Szenario für möglich, z.B. bei Kommunikations-Tools. Collaboration-Prozesse lassen sich mit Externen über die Cloud und intern – für Daten, die man nicht in die Cloud speichern möchte – über On-Premise-Installationen abbilden.

Auslastungen kennen


Um die Hybrid-Cloud-Idee effektiv in Unternehmensprozesse zu integrieren, müssen die IT-Verantwortlichen wissen, wofür Flexibilität und Skalierbarkeit notwendig sind und wofür eher nicht. Vor allem sollte geklärt werden, in welchen Bereichen kontinuierliche Auslastung herrscht. „Dies ist der erste Schritt, um zu identifizieren, wofür welche Form des Sourcings für das Unternehmen sinnvoll ist“, so Lars Göbel, DARZ.

Die konkreten Einsatzszenarien und Best Practices im Mittelstand sind mittlerweile sehr vielfältig. Diese reichen von der Integration von Collaboration- und Office-Tools hin zu Marketing-Tools aus der Cloud, um beispielsweise kurzfristige Kampagnen oder Lastspitzen in der Produktion abzufangen. Oliver Blüher, Dropbox, berichtet weiter, dass ein verbreitetes Szenario auch der Ersatz von Fileservern sei. Deren Betrieb kann kostspielig und der Nutzer-Support komplex sein – gerade für Betriebe mit vielen kleinen Standorten im Vertrieb können die Zugriffszeiten auf zentrale Server sehr lang sein mit entsprechenden Konsequenzen für die Produktivität. Auch sind die Replikationen sehr teuer. „Was ebenfalls zu beachten ist“, erinnert Blüher, „viele Mittelständler agieren global häufig über ein umfassendes Partnernetzwerk. Über Filesharing-Anbieter aus der Cloud können sie Partnern auf der ganzen Welt effizienter notwendige Informationen zuspielen, etwa bei der Bearbeitung von Kulanzanfragen, wodurch die Kundenzufriedenheit gewährleistet ist.“

Kunde im Mittelpunkt der Cloud-Bemühungen


Auch Harald Esch, Salesforce, sieht den Kunden im Mittelpunkt der Cloud-Bemühungen des Mittelstandes: „Grundsätzlich geht es bei den Cloud-Projekten, die wir bei deutschen Mittelständlern wie Haas Fertigbau, Teupen Maschinenbau oder Klöckner Pentaplast umgesetzt haben, immer um die Frage, wie Unternehmen die Erwartungen ihrer Kunden und Mitarbeiter besser und vor allem schneller erfüllen können.“ Die notwendigen Veränderungen, beispielsweise die stärkere Nutzung mobiler Geräte und die damit verbundene ortsunabhängige Verfügbarkeit von Daten und Anwendungen, sei nicht besser und günstiger als mithilfe der Cloud zu erreichen. „Unser Kunde Klöckner Pentaplast hatte z. B. die Anforderung, dass jeder Mitarbeiter die Besonderheiten, die Historie und die Wünsche der Kunden genau kennt. Und zwar sowohl im Vertrieb als auch im Marketing und im Kunden-Service. Dafür brauchte das Unternehmen eine zentrale Plattform, die aktuell und ortsunabhängig alle relevanten Informationen zur Verfügung stellt und einen ganzheitlichen Blick auf den Kunden ermöglicht“, berichtet Esch. Auch bei Haas Fertigbau ging es darum, dem Kunden schneller individuelle Angebote machen zu können (mehr auf Seite 38/39).

Kundendaten in der Cloud?


Kundendaten in der Cloud sind grundsätzlich ein heikles Thema. Aktuell ist vor dem Hintergrund des aufgekündigten Safe-Harbor-Abkommens mit den USA die Sensibilität der Anwender gesteigert. Die Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin und Forcont Business Technology haben in einer gemeinsam durchgeführten Umfrage unter Anwendern und Anbietern von SaaS echte Vorbehalte gegen die Cloud allein beim Thema Datensicherheit und Datenschutz identifiziert. Laut der Umfrage vom Februar dieses Jahres haben 60 Prozent der Unternehmen, die noch keine Cloud-Dienste nutzen, Bedenken in Sachen Datensicherheit und -schutz. 44 Prozent sehen in ihrer Organisation keinen Bedarf für SaaS. Etwa ein Drittel (jeweils 36 Prozent der potentiellen Anwender) macht sich Sorgen wegen der Performance sowie der Integrationsfähigkeit einer Cloud-Lösung in die bestehende Unternehmens-IT. Weitere 32 Prozent scheuen den Einführungsaufwand.

Kostenüberlegungen spielen eher eine untergeordnete Rolle: Nur 28 Prozent sind vom Preis-Leistungs-Verhältnis von SaaS-Diensten nicht überzeugt. 24 Prozent verfügen nicht über die nötigen finanziellen Ressourcen. Die erfolglose Suche nach einem geeigneten Anbieter hält lediglich acht Prozent vom Gang in die Cloud ab.

Datenschutz ist also für die Anwender mit Abstand der wichtigste Punkt. Stefan Haffner: „Es herrscht vor allem im Zuge der Safe-Harbor-Diskussion eine hohe Emotionalität, die Unternehmen auch durch Einbindung von Experten herausnehmen sollten. Anschließend kann die Hybrid Cloud praktische Lösungen bieten.“ Dazu gehört die Speicherung unkritischer Daten in der Cloud und kritischer im Unternehmen oder die Nutzung von lokalen Anbietern mit hohem Datenschutzniveau. Auch Lars Göbel rät zur Unterstützung durch einen Datenschutzbeauftragten, der die Applikationen und Workflows analysiert und Definitionen festlegt. „Allerdings gibt es mittlerweile auch Hybrid-Cloud-Modelle, bei denen keine Diversifikation der Daten durchgeführt werden muss, da die Daten nie in der Public Cloud abgelegt werden, obwohl Compute-Ressourcen für die Flexibilität und Skalierbarkeit von diesen genutzt werden“, erklärt er weiter.

Aufwendige Integrations- und Schnittstellenprojekte vermeiden


Allein aus Datenschutzgründen wird es sich also kein Unternehmen leisten, komplett auf die Public Cloud zu setzen. Aber in Kombination mit einer On-Premise-Lösung und/oder einer abgeschotteten Private Cloud kann eine passende Hybride Lösung entstehen, die Flexibilität und Sicherheit vereint. Doch wie lassen sich Public und Private Cloud in einem hybriden Modell so nebeneinander betreiben, dass sich echte Einsparungen ergeben und keine aufwendigen Integrations- und Schnittstellenprojekte?

Erstens geht es um die Frage, welche Systeme wo betrieben werden: „Die Systeme müssen so in die Cloud gelegt werden, dass Schnittstellen zwischen beiden Clouds so minimal wie möglich gehalten werden“, rät Oliver Blüher. Lassen sich Schnittstellen nicht vermeiden, sollten APIs oder Standardintegrationen genutzt werden. In der Private Cloud liegen zudem meist Systeme, die  on premise betrieben wurden wie etwa ERP- oder CRM-Systeme. Hier lohnt es sich, dicht am Standard zu bleiben. 

Zweitens geht es darum, wo die Daten liegen: Nach Meinung von Lars Göbel ist es für den Hybrid-Cloud-Betrieb essentiell, dass man keine aufwendige Datenmigration durchführen muss und eine gemeinsame Datenbasis für beide Spielarten der Wolke schafft. „Die sonst vorhandene ‚Data Gravity’ sorgt für extreme Aufwände“, so Göbel. „Dies ist der Grund, warum das Hybrid-Cloud-Konzept bisher nur träge anlief. Doch dieser Herausforderung haben wir uns angenommen und mit der Multi-Cloud-Lösung hat nun der Kunde die Möglichkeit, mit seiner Infrastruktur im Rechenzentrum oder mit der bei uns Gehosteten simultan auf die Daten zuzugreifen. Applikationen können innerhalb von Sekunden verschoben werden, weil keine Datenmigration stattfinden muss.“ Zusätzlich muss unterschieden werden zwischen Work­loads, die eine kontinuierliche Auslastung haben, und jenen, die Skalierung und Flexibilität benötigen und eine volatile Auslastung haben. Dies bedarf eines langfristigen Monitorings im Vorfeld.

Der Weg in die hybride Cloud sollte also gut geplant sein – gegebenenfalls mit externer Hilfe. Denn für neue Möglichkeiten wie die hybride Cloud gilt wie für jedes IT-Projekt: Die eigenen Prozesse und deren technischen und rechtlichen Anforderungen zu kennen, ist der Schlüssel!

Bildquelle: Thinkstock / Eyecandy

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