Schnittstellen und Webservices

Integration, das große Versprechen

Mit der Idee einer integrierten Unterstützung aller Geschäftsprozesse begann in den 1980er-Jahren der Siegeszug der ERP-Systeme. Enterprise Resource Planning meint die unternehmerische Aufgabe, Ressourcen wie Kapital, Personal, Betriebsmittel oder Material rechtzeitig und bedarfsgerecht zu planen, zu steuern und zu verwalten. Weil aber Standard-Software nie alle Prozesse eines Unternehmens gleich gut abdecken kann, ist Integration mit Spezial- und Individual-Software gefragt.

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    Finanzbuchhaltung, Warenwirtschaft, Personalwesen, Produktion und Logistik – praktisch alle Geschäftsprozesse geraten ins Stocken, sobald es beim Betrieb des ERP-Systems hakt. ((Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus))

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    "Die Cloud schafft eine gute Ausgangslage, um auf Basis der auszutauschenden Daten neue Auswertungen und Analysen zu erstellen", so Daniel Schmid. ((Bildquelle: Cosmo Consult))

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    Guido Günster: „Die Hersteller reagieren auf die verbesserten Integrationsoptionen ihrer Anwendungen, indem sie verstärkt Workflow-Tools einbinden, um integrierte Prozesse weitergehend zu automatisieren und zu beschleunigen.“ ((Bildquelle: GWS))

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    „Es ist eher die Ausnahme, dass eine einzige Standard-Software sämtliche Anforderungen eines Unternehmens in aller Tiefe abdeckt“, so Dirk Bingler. ((Bildquelle: GUS))

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    „Systeme und Applikationen müssen nahtlos ineinandergreifen und als ganzheitliche Lösungen konzipiert werden, die geräte- und betriebssystemübergreifend funktionieren“, fordert Martin Hinrichs. ((Bildquelle: ams Solution))

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    Eric Verniaut: „Wir wollen unsere Anwendungen in Richtung einer Microservices-Architektur weiterentwickeln, um die Integrationsbarriere für unsere Kunden so niedrig wie möglich zu halten.“ (Bildquelle: Proalpha))

Seit zwanzig, dreißig Jahren sind ERP-Systeme das „digitale Herz“ der meisten mittelständischen Unternehmen. Finanzbuchhaltung, Warenwirtschaft, Personalwesen, Produktion und Logistik – praktisch alle Geschäftsprozesse geraten ins Stocken, sobald es beim Betrieb des ERP-Systems hakt.

Deshalb kommt es darauf an, dass die ERP-Systeme zügig mit den relevanten Daten „gefüttert“ werden, sei es aus der Fabrik, sei es vom Point of Sale oder auch mit Daten von Kunden, Lieferanten und Geschäftspartnern. Hier ist Integration ebenfalls gefragt, mit MES-, CRM- oder PLM-Systemen, mit EDI- und Supply-Chain-Netzen oder Cloud-Plattformen.

„Es ist eher die Ausnahme, dass eine einzige Standard-Software sämtliche Anforderungen eines Unternehmens in aller Tiefe abdeckt“, weiß Dirk Bingler, Sprecher der Geschäftsführung der Gus Holding. „Ob DMS, CRM oder auch die KI-gestützte Optimierung von Produktionsprozessen – spezialisierte Anbieter können hier oft mit Lösungen aufwarten, die über die Funktionen einer klassischen ERP-Lösung hinausgehen.“ Um solche Anwendungen problemlos zu integrieren, sollte das ERP-System in jedem Fall über offene Schnittstellen – wie etwa REST-APIs – verfügen und die Möglichkeit bieten, externe Services über sichere Verbindungen einfach anzubinden.

Da stimmt ihm Eric Verniaut voll und ganz zu, denn für den Proalpha-CEO ist offensichtlich: „Auf dem Weg in die Digitalisierung der industriellen Fertigung geht es um die Verknüpfung aller am Wertschöpfungsprozess beteiligten Systeme mit dem Ziel, Produktions- und Logistikprozesse zu automatisieren und zu optimieren. Das Ideal: völlig autonome Prozesse, die auf Basis von Daten gesteuert werden und eine wirtschaftliche Produktion bis zur Losgröße 1 ermöglichen.“ Daher verwundere es nicht, dass sich viele Unternehmer intensiv darüber Gedanken machen, wie die verschiedenen Systeme gekoppelt und unterschiedliche Datenformate übersetzt werden können.

Zentrale Datendrehscheiben

„Daher fungieren ERP-Systeme auch künftig als die zentralen Datendrehscheiben, in denen sämtliche geschäfts- und fertigungsrelevanten Informationen zusammenlaufen“, schlägt Martin Hinrichs, Produktmanager bei ams.Solution, in die gleiche Kerbe. „Systeme und Applikationen müssen nahtlos ineinandergreifen und als ganzheitliche Lösungen konzipiert werden, die geräte- und betriebssystemübergreifend funktionieren. Gleichzeitig gewinnt die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation an Bedeutung. Grundvoraussetzungen für moderne ERP-Systeme sind daher offene Architekturen und größtmögliche Integrationsfähigkeit, um sämtliche Systeme und Applikationen einbinden zu können.“

Schritt halten mit der Digitalen Transformation

Um mit der Digitalen Transformation Schritt zu halten, muss aber oft noch die Lücke zwischen bewährten Altsystemen und neuen Anwendungen geschlossen werden. GWS-Manager Guido Günster empfiehlt deshalb eine schrittweise Transformation. „Dabei kommt es nicht nur auf die vorhandene Lösungs- und Systemlandschaft an, sondern insbesondere auch darauf, wo sich das Unternehmen im sogenannten digitalen Lifecycle befindet“. Es gelte, vorhandenes Digital-Know-how in der Belegschaft ebenso zu berücksichtigen wie unternehmenskulturelle Aspekte.

Beim Schulterschluss der bewährten Altsystemen mit modernen Anwendungen geht es laut Daniel Schmid, Chief Portfolio Officer bei Cosmo Consult, im ersten Schritt vor allem darum, „die Funktionen im Altsystem zu identifizieren, die für geschäftskritische Prozesse oder solche Prozesse relevant sind, die ein Alleinstellungsmerkmal bedeuten“. Anschließend werden die identifizierten Funktionen mit jenen verglichen, die ein modernes System anbietet. „So etwas lässt sich im Rahmen einer Fit-Gap-Analyse gut umsetzen. Etwaige Lücken könnten dann mit individuellen Prozessanpassungen geschlossen werden“, beschreibt Schmid seine bevorzugte Methode. „Wenn dies nicht wirtschaftlich oder technisch unmöglich ist, lassen sich Teile des Altsystems auch weiterhin in Betrieb halten. Die Digitalisierung wird dann nur dort vorangetrieben, wo sie Vorteile bringt und nicht zu Defiziten führt.“

Zwei Wege, eine Richtung: Digitalisierung

Gus-Chef Dirk Bingler sieht grundsätzlich zwei Wege für Unternehmen, ihre Prozesse schrittweise zu digitalisieren. Eine Möglichkeit sieht er darin, einzelne digitale Anwendungen in eine bestehende Landschaft aus Altsystemen oder in ein älteres ERP-System zu integrieren. Bei der Zusammenschaltung alter und neuer Anwendungen könne Robotic Process Automation (RPA) helfen – eine Technologie, die die Interaktion eines Menschen an der Benutzerschnittstelle von Software-Systemen nachahmt und so die Programmierschnittstelle zwischen zwei Systemen ersetzt.

Für eine nachhaltige und umfangreiche Digitalisierung empfiehlt Bingler jedoch, „auf ein modernes ERP-System umzusatteln – in der Cloud oder on-premises. Dieses agiert dann als zentraler Hub für alle relevanten Daten und Prozesse, integriert bestehende Systeme und übernimmt gleichzeitig die Datenhoheit im Unternehmen. Darüber hinaus ermöglicht ein modernes ERP-System eine reibungslose Einbindung weiterer Services, z.B. aus der Cloud.“
Bei der Integration ist auf technischer Seite darauf zu achten, dass die Schnittstellen über die Jahre reibungslos funktionieren und keine Dauerbaustelle werden. Laut Proalpha-Chef Verniaut sollten deshalb alle ERP-Module möglichst als Service realisiert sein, denn das schaffe die Voraussetzung für eine Kombination mit speziellen Funktionen von Drittsystemen. „Unsere serviceorientierte Systemarchitektur stützt sich dabei auf drei Aspekte: Applikation, Architektur und Infrastruktur“, sagt Verniaut. Er setzt zudem auf die eigens entwickelte Integration Workbench (INWB), die die notwendige Kommunikation der vertikal vernetzten Systeme gewährleistet. Erklärtes Ziel ist es, einen Technologiehub aufzubauen, der auf REST-APIs setzt und so Anpassungsfähigkeit, einfache Architektur und den geringen Verbrauch an Ressourcen und Bandbreite verspricht.

Schnittstellen sind auch kein Fremdwort bei den Software-Entwicklern von ams.Solution, denn an deren ERP-System können außer Partnerprodukten wie Diamant oder Procad alle denkbaren Fremd- und Drittsysteme andocken. „Dazu nutzen wir eine REST-konforme Programmierschnittstelle nach Open-API-Spezifikation, die Daten und Funktionen für beliebige Clients zur Verfügung stellt und die Integration aller denkbaren Software-Produkte unterstützt“, erklärt Martin Hinrichs. Darüber können auch die Kunden selbst eigene Applikationen mit Anbindung an das ERP-System erstellen. Außerdem gibt es bei ams für den überbetrieblichen Nachrichtenaustausch eine Schnittstelle zur EDI-Plattform my-Open Factory, die alle gängigen Dateiformate wie Edifact, Opentrans, Idoc oder CSV verarbeiten kann. Das Spektrum der austauschbaren Informationen reicht von Angeboten, Bestellungen und Lieferanzeigen über Statusabfragen und Änderungsaufträge bis hin zu Reklamationen, Rechnungen und Gutschriften.

Die Cloud als Integrationsfaktor

Bleibt die Frage: Welche Rolle kann die Cloud spielen, wenn es darum geht, alle Anwendungen zu integrieren und alle Daten gemeinsam zu nutzen, um neue Prozesse zu schaffen? Für Proalpha-CEO Verniaut hat eine Hybridstrategie hier die größte Existenzberechtigung. „Die Ansprüche an die Applikationen spiegeln die Ansprüche an die Prozesse wider. Das heißt: Jeder Kunde hat sehr individuelle Erwartungshaltungen an die Cloud – technisch wie wirtschaftlich. Je näher etwa eine Applikation an den Kernprozessen eines Unternehmens liegt, desto sensibler ist es, sie in der Cloud zu betreiben. Umgekehrt bedeutet das: Je weiter entfernt eine Anwendung von den Kernprozessen ist, desto einfacher lässt sich diese als Multi-Tenancy-Architektur umsetzen.“ Deshalb sind Lösungen im Bereich E-Procurement fast ausschließlich in der Cloud abgebildet, während Applikationen aus dem Logistikumfeld eher als on premise implementiert sind. Eine „sinnvolle Kombination beider Welten schafft daher Stand heute den größten Mehrwert“, so Verniaut.

Guido Günster dagegen sieht in hybriden Modellen zwar nur eine Übergangslösung, allerdings keine Baustelle. „Übergangslösung deshalb, weil wir der Meinung sind, dass eine native SaaS-Lösung zukünftig immer eine bessere Integrationsoption für den Kunden ist“, sagt Günster. Und das vor allem deshalb, weil sie zuverlässiger, einfacher und schneller untereinander kommunizieren als verschiedene On-premises-Lösungen mit verschiedenen SaaS-Lösungen.

Für Günster sind Schnittstellen keine Baustellen, „denn neben zuverlässigen Testmethoden und -prozessen stellen standardisierte Integrationswerkzeuge wie z.B. die Microsoft Azure Integration Services die Integration von kritischen Prozessen sicher“. Die Cloud spielt hier seiner Meinung nach die wichtigste Rolle, denn „ohne die Kapazitäten, Ressourcen, Integrations- und Entwicklungswerkzeuge sowie die Vielzahl an Lösungen im App-Store innerhalb einer Cloud-Umgebung wären wir nicht in der Lage, neue Potenziale kurzfristig für unsere Kunden verfügbar zu machen. Dabei geht es nicht nur darum, neue Funktionen oder sogar ganze Applikationen aus der Cloud in Betrieb zu nehmen, sondern auch um die Möglichkeit, große Datenmengen aus verschiedenen Applikationen analytisch und gewinnbringend zu nutzen. Big Data ist nicht mehr nur Großunternehmen vorbehalten, die sich große IT-Infrastrukturen leisten können. Das wäre vor Jahren noch undenkbar für Mittelstandskunden gewesen.“

Schnittstellen müssen keine Baustellen sein

Auch für Daniel Schmid von Cosmo Consult trägt die Cloud dazu bei, Integrationsszenarien zu harmonisieren, denn standardisierte Kommunikationswerkzeuge wie Microsofts Data Verse helfen, die Vielfalt an Schnittstellen zu reduzieren. „Zudem schafft die Cloud eine gute Ausgangslage, um auf Basis der auszutauschenden Daten neue Auswertungen und Analysen zu erstellen“, weist Schmid auf einen schönen Zusatznutzen hin. Der helfe insbesondere, Prozesse zu verbessern oder gar neu zu etablieren. Einen weiteren Vorteil der Cloud sieht Schmid darin, dass sich in dieser Umgebung Arbeitsabläufe deutlich einfacher automatisieren lassen –
Stichwort: Workflows: „Die Hersteller reagieren auf die verbesserten Integrationsoptionen ihrer Anwendungen, indem sie verstärkt Workflow-Tools einbinden, um integrierte Prozesse weitergehend zu automatisieren und zu beschleunigen."

Martin Hinrichs sieht im ERP-System auch in solchen Cloud-Szenarien weiterhin den zentralen Informations-Hub. In hybriden Cloud- und On-premises-Architekturen will er künftig die Voraussetzungen für eine Verlagerung geeigneter ERP-Prozesse und -Daten in die Private Cloud schaffen – und gleichzeitig unternehmenskritische und/oder datenintensive Anwendungsbereiche am Standort belassen. Zu den unternehmenskritischen Bereichen zählt er u.a. die interne Produktionsabwicklung, zu den datenintensiven Bereichen, die aufgrund mangelnder Bandbreite nicht über die Cloud abgewickelt werden können, z.B. die Aktualisierung von ERP-Stücklisten nach Änderungen auf PDM-Seite

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 09/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

In einer Schlüsselrolle sieht Hinrichs die Cloud bei der Verarbeitung von Maschinen-massendaten. Dafür biete man ein Software-Modul an, das bereits heute „die Etablierung zukunftsorientierter Industrie-4.0-Szenarien ermöglicht. Es versetzt Unternehmen in die Lage, Maschinendaten zu sammeln, diese Daten zu analysieren und auf Ereignisse aus Maschinendaten zu reagieren, um automatisiert und in Echtzeit vordefinierte Prozesse und Workflows auszulösen, z.B. Instandhaltungs- und Instandsetzungsmitteilungen.“

Daher denkt Eric Verniaut perspektivisch darüber nach, wie seine Anwendungsprogramme in Richtung einer Microservices-Architektur weiterentwickelt werden können, in der Daten leicht integriert werden können – einerseits zwischen den eigenen Anwendungen und andererseits auch zwischen Anwendungen von Drittanbietern in der Kundenlandschaft, wie etwa Field-Service oder Enterprise-Asset-Management. Verniauts Vision ist es, „dass wir dies mit REST-APIs – einem erstklassigen technologischen Ansatz – und einem Nachrichtenprotokoll wie OAGi und B2MML tun, sodass wir einen weitverbreiteten Standard auf dem Markt einbeziehen, um die Integrationsbarriere für unsere Kunden so niedrig wie möglich zu halten.“

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